Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Erwählt? Bevorzugt geliebt – oder was?
 

 

Erwählt? Bevorzugt geliebt – oder was?
20 Jahre Grundartikelerweiterung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
von Andreas Goetze

„Wenn ich erwählt bin, bin ich dann ´was Besseres?“ – „Warum soll ich mich überhaupt mit dem Alten Testament befassen?“ – „Die Juden glauben doch sowieso nicht an Jesus“. Worte, die verraten: das Verhältnis zwischen Christen und Juden ist nicht einfach, besonders für Christen. Wie lässt sich heute von Gott reden und an Jesus Christus glauben in der Gegenwart eines lebendigen Judentums?

Grundartikel wie die Grundgesetz-Präambel

Am 3. Dezember 1991, also vor gut 20 Jahren, hat die Kirchensynode nach jahrelangen Beratungen den Grundartikel der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) um zwei Sätze erweitert. Der Grundartikel führt die Grundlagen auf, die sich unsere Kirche als Orientierungsmarken für ihr Reden und Handeln gegeben hat: die altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisschriften, das „vierfache Allein“ Luthers (allein Christus, allein aus Gnade, allein der Glaube, allein die Heilige Schrift). Der Grundartikel ist für unsere Kirchenordnung das, was die Präambel für unser Grundgesetz ist. So werden z. B. alle Pfarrerinnen und Pfarrer bei ihrer Ordination, alle Kirchenvorstände bei ihrer Amtseinführung auf diesen Grundartikel verpflichtet.

Die nachfolgenden zwei Sätze sind die erste Erweiterung seit Gründung der EKHN 1948: „Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt sie (die EKHN, Red.) die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein“.

Warum diese Erweiterung? Was soll sie bringen? Zunächst: Das Verhältnis von Christen und Juden ist nach wie vor belastet. Es hat lange gedauert und ist bis heute keine Selbstverständlichkeit, über die Verbrechen zu sprechen, die durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden sind. Der Antisemitismus ist nicht zuletzt durch eine Theologie gefördert worden, mit der sich die christliche Kirche als „neues Israel“, als Nachfolgerin des Volkes Israel ausgegeben hat: Das Volk Israel sei von Gott verworfen, als diejenigen, die Christus gekreuzigt hätten (obwohl dafür die römische Besatzungsmacht verantwortlich war).

Gottes Treue zu Israel ist das Fundament für Gottes Treue zu uns

Vor allem gegen diese „Enterbungstheorie“ möchte die Erweiterung des Grundartikels die gemeinsamen Wurzeln in dem einen Gott bekennen. Der Bund Gottes mit seinem Volk Israel ist durch das Neue Testament nicht abgelöst worden, sondern besteht weiter. Gott hat seinen Bund nicht gekündigt. Dieser bleibende Bund hat auch für Christen eine wesentliche Bedeutung: Am Volk Israel können wir entdecken, wie treu Gott in seiner Liebe ist. Gottes Treue zu Israel ist das Fundament für Gottes Treue zu uns Christen. Ohne die hebräische Bibel, unser Altes Testament, können wir Gottes Heilshandeln nicht wirklich verstehen. Ohne die Erfahrung, dass Gott treu zu seinem Volk Israel steht, hätten wir keine Gewissheit unseres Glaubens. Wenn sich die Christen von der Geschichte Israels und vom Gott Abrahams, Issaks und Jakobs, vom Gott Sarahs, Rebeccas, Leas und Rahels abschneiden, schneiden sie sich ab von ihrer eigenen Heilsgewissheit.

Die Verheißung Gottes gegenüber Israel ist fest, weil – wie Luther zu sagen pflegte – Gott nicht lügen kann. Gott bleibt sich treu – er steht zu seinem Wort, auch wenn es mit der Bundestreue seiner Menschen nicht so weit her ist. Gott steht bleibend zu seiner Erwählung, gerade auch im Wissen um die Untreue und den Ungehorsam seines Volkes. „Erwählung“ ist ein Gottesprädikat. Er erwählt, er richtet den Bund aus: Gott sei Dank! Denn ´mal ehrlich und Hand auf´s Herz: Wenn wir vor Gott bestehen müssten mit dem, was wir an Treue und Glauben vorzuweisen hätten – wer von uns könnte bestehen?

Erwählung ist kein Privileg
Ebenso ist mit einem weiteren Missverständnis aufzuräumen: Die „bleibende Erwählung“ bedeutet keine Bevorzugung. Sie ist schon für das Volk Israel kein Privileg, sondern ein Auftrag. Und das gilt auch für die Christen. Wenn sie davon sprechen, durch Jesus Christus berufen und erwählt zu sein zur Gemeinschaft mit Gott, dann sicher nicht, um sich über andere zu stellen, sondern um – mit Jesu Worten – „ein Diener aller zu sein“. „Erwählt sein“ heißt: einen Auftrag in der Welt und für die Welt zu haben, Gottes Treue, Liebe und Barmherzigkeit zu bezeugen. So sind die Christen berufen, dem jüdischen Volk Gottes bleibende Treue zu bezeugen und damit sich selbst in Erinnerung zu rufen: ohne die jüdischen Wurzeln ist Jesus nicht zu verstehen. Er war es, der den Heiden, also den Nichtjuden, den Weg zum erwählenden, treuen und liebenden Gott eröffnete, „auf dass er Frieden stiftete zwischen denen, die Gott ferne waren, und denen, die Gott nahe waren“ (Epheserbrief 2, 17).

Eigentlich schade, dass die EKHN so lange gebraucht hat, solche Grundsätze in ihren Grundartikel aufzunehmen. Aber mehr noch sind die Christen aufgefordert, achtsam allen Tendenzen des latenten Antisemitismus in unserer Gesellschaft ebenso zu wehren wie der theologischen Enterbung des Volkes Israel (und der damit einhergehender Abwertungen: „Pharisäer“ sind nicht einfach als „Heuchler“ und das Alte Testament ist nicht bloß als „gesetzlich“ zu definieren, von dem sich das Evangelium umso strahlender abhebt. Die gemeinsamen jüdisch-christlichen Wurzeln (die Paulus im Römerbrief, Kap. 9-11 anspricht) bieten den Christen ein gutes Fundament: Die Würde des Menschen ist eine Gabe Gottes. Indem wir diese Würde achten, achten wir Gott. Und wir können staunen über das Wunder der Liebe Gottes, die sich in seiner unverbrüchlichen Treue zu seiner ganzen Schöpfung und den Menschen erweist.

 

 

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