Mit dem Ruf "Der Messias ist gekommen!" stürmte ein Schüler ins jüdische Bethaus. Der Rabbi trat, ohne ein Wort zu sagen, ans Fenster und öffnete es. Dann schaute er lange die Straße hinauf und hinab, schloss das Fenster wieder und setzte seinen Unterricht unbewegt fort. Als aber der Schüler auf eine Antwort drängte, sagte der Rabbi: "Wenn der Messias kommt, wird sich alles verändern. Aber von Veränderung habe ich nichts bemerkt. Also ist der Gesalbte des Herrn, gepriesen sei er, nicht gekommen!"
Erst müssen die Steine weg
Wir haben in dieser Morgenstunde eine unglaubliche Nachricht verkündet, die alles verändern müsste: Christus ist von den Toten auferstanden! Verändert sie uns wirklich? Wir haben die Botschaft schon zu oft gehört, als dass sie in uns noch etwas bewirken könnte. Im Gegenteil. Die Christenheit liegt wie in einem festverschlossenen Grab, auf das immer mehr und immer größere Steine des Zweifels und des Unglaubens geworfen werden. Diese Steine haben uns blockiert. Mir ist aufgefallen, dass sich die Frauen auf dem Weg zum Grab Jesu die Frage stellen, wie sie den schweren Stein wegbewegen könnten. Sie fürchten, dass sie dazu nicht die Kraft haben. Wie auch? Sie vermuteten, einen Toten zu finden, um ihm die letzten Liebesdienste zu erweisen. Ihr Verstand sagte ihnen: Jesus ist tot. Nach Menschenart wollen die Frauen, das, was tot ist, erhalten; wenigstens noch für einige Zeit festhalten. Mumifizieren, um eine Erinnerung zu haben.
Schon einmal ist im Evangelium von einem Grabstein die Rede; er verschloss die letzte Ruhestätte des Lazarus, eines Freundes von Jesus. Alles, was tot ist, was abgestorben ist, wird von uns in ein Grab gelegt und dann verschlossen. Das Grab ist das Zeichen des Endes. Und der Stein setzt hinter diese Feststellung den letzten Punkt. Manchmal haben wir das Gefühl, wie lebendig begraben zu sein; dann lastet ein Stein auf uns und drückt uns zusammen. Jeder Zugang zum Leben ist wie durch schwere Brocken versperrt. Das war auch das Gefühl der Jünger Jesu am Ostermorgen.
Aber erinnern wir uns: Im Falle des Lazarus wälzt Jesus nicht selber den Stein weg, der das Grab verschließt. Er fordert die Menschen, die traurig und niedergedrückt sind, auf, sich an dem Wunder zu beteiligen, das neues Leben schaffen soll: Sie sollten den Stein wegwälzen; sie sollen alles zur Seite schieben, was den Glauben und das Leben blockiert. Das bedeutet: Es gibt keine Auferstehung, es gibt kein Leben ohne unsere Mithilfe. Wenn da keine Gemeinschaft von Glaubenden, also von Lebenden ist, die Steine beiseite räumt und Auswege möglich macht, gibt es keine Befreiung, bleiben Menschen niedergedrückt, unterdrückt, depressiv. Das ist die große Aufgabe der Kirche, die sie an Ostern bekommt: Steine wegzuräumen, Breschen zu sprengen, Lebensräume zu schaffen. Dann vollzieht sich das Wunder der Auferstehung mitten unter uns. Dann werden Menschen durch uns aufgerichtet.
Zum Leben befreien lassen
Jesus schenkte dem Lazarus neues Leben, nachdem Menschen die Steine weggeschafft und Fesseln gelöst hatten. Die Lebenskraft des Evangeliums zeigt sich in Beziehungen, im Miteinander, im Füreinander. Die Auferstehung, das neue Leben, wird in der Gemeinschaft erfahren. Wir feiern Gottesdienst, nicht um Gott einen Gefallen zu tun, sondern um die Steine wegzuräumen, die uns von einander trennen und die Fesseln zu lösen, die unser Ich binden. Wir feiern Gottesdienst, nicht um die Herrlichkeit Gottes zu vermehren, sondern um zum Glück aufzuerstehen. Wir feiern an jedem Sonntag ein kleines Osterfest, nicht um Gott unsere Zeit zu schenken, sondern um zum wahren Leben befreit zu werden.
Diese Einsichten werden erst langsam unter uns heranreifen. Vielleicht brauchen wir dazu, wie die Frauen am Ostermorgen, einen Engel, der den Stein wegwälzt. Zu lange wurden wir wie im Grab gehalten. Zu lange waren wir durch Gesetze gebunden und gefesselt, zu lange waren wir von versteinerten Riten und Traditionen niedergedrückt, in konfessionelle Grabkammern eingezwängt. Und mit uns war das Evangelium eingesargt. Eine Botschaft, die kein Leben wecken kann, ist selber tot. Was von der Frohen Botschaft des Jesus blieb, war oft nichts anderes als ein Museumskatalog, der uns zu den sonntäglichen Besichtigungszeiten begleitete. Dienst an Abgestorbenem, mehr nicht.
Auferstehung ist mehr als ein trockener Glaubenssatz. Im täglichen Leben muss sich beweisen, ob einer bereits auferstanden ist von den Toten. Nur wer liebt, lebt.
Was keine Liebe mehr ausstrahlt, sollten wir absterben lassen.
Wir stellen an das Leben unterschiedliche Ansprüche. Gesundheit. Geld. Glück.
Das sind Wünsche, die uns spontan einfallen, wenn es um Leben geht.
Im tiefsten Grunde aber geht es uns darum, den Tod zu überwinden.
Ein junger Mann, der sich nach 20 Jahren Christsein zum Evangelium bekehrt hatte, sagte mir im Gespräch: "Ich bedauere nur eines, dass ich so spät darauf gekommen bin, wie leicht es ist, Christ zu sein".
Es sind immer noch die Steine, wir laden sie anderen auf, wir schleppen sie mit uns herum, die uns das Leben so schwer und das Christsein so unerträglich erscheinen lassen. Ostern beweist es: Das Christentum ist nicht Kreuz und Leid, es ist zuerst Auferstehung und Befreiung, damit wir das Schwere des Lebens tragen und anderen erträglich machen können. Mit dieser Berufung im Herzen wollen wir jetzt in den Tag hinein das Fest Gottes feiern. Ich lade dazu herzlich ein: Jesus Christus lebt und wir sollen leben, mit Hoffnung leben.
Vom Licht des neuen Ostertages her ist viel möglich.
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