Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Wer liebt, lebt leicht

Eine Predigt über 1 Kor 13 von Martin Schultheiß

 

Viele von uns kennen diesen wunderschönen Text aus dem 1. Korintherbrief, der auch gerne zu Hochzeiten verlesen wird. Es klingt ja so schön romantisch: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie erträgt alles, sie glaubt alles, hofft alles und sie duldet alles.“ Sollte es nicht so sein in der Ehe? Ich muss Sie in zweierlei Hinsicht enttäuschen: Erstens einmal geht es in Ehen oft gar nicht so romantisch zu, da muss nämlich manchmal auch tüchtig gestritten werden, und zweitens ist der Text überhaupt nicht romantisch gemeint und keineswegs an verliebte Paare gerichtet. Wir dürfen nicht vergessen: Es ist ein Brief an die Gemeinde in Korinth. Diese Gemeinde existiert zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht lange. Korinth liegt übrigens in Griechenland an der Verbindungsstelle zwischen dem Peloponnes und dem Festland. Die Stadt war also gut über das Meer erreichbar, oder wie wir heute sagen würden: Sie hatte eine gute Verkehrsanbindung. Sie war damals schon unter römischer Herrschaft und eine multikulturelle Stadt, in der Angehörige vieler Völker und Religionen lebten.

 

Die christliche Gemeinde wurde von Paulus im Jahr 50 gegründet. Paulus blieb etwa anderthalb Jahre in Korinth, um die Gemeinschaft anzuleiten, dann reiste er weiter, um die Botschaft von Jesus weiter zu verbreiten und neue Gemeinden zu gründen. Im Rahmen dieser Reise kommt er nach Ephesos in Kleinasien (der heutigen Südwesttürkei). Dort hört er, dass in Korinth einiges schief läuft, und Paulus schreibt einen geharnischten Brief – im Jahr 55, also gerade mal 5 Jahre nach der Gemeindegründung.

 

Er hatte schon vorher einen Brief geschrieben, der leider nicht erhalten geblieben ist, und auch seinen Begleiter Timotheus nach Korinth geschickt, um für Ordnung zu sorgen. Es hat alles nichts genutzt, die korinthische Gemeinde hat Krach. Es gibt verschiedene Richtungen, einige haben einen lasterhaften Lebensstil, andere bilden sich unheimlich was auf ihre prophetischen Gaben ein, dann gibt es eine charismatische Fraktion mit Zungenreden usw. Es gibt Konflikte, weil einige Gemeindeglieder an heidnischen Gebräuchen festhalten und andere sich daran stören. Beim Abendmahl geht es alles andere als andächtig zu: Einige schlagen sich die Bäuche voll, so dass für die anderen nichts übrig bleibt, und andere betrinken sich. Ein Hauptproblem scheint die selbstgefällige Arroganz zu sein, d.h. jeder schaut nur auf sich und verachtet die anderen. Das geht sogar so weit, dass einige Gemeindeglieder gegeneinander Prozesse führen. Also richtig Stunk.

 

In diese spannungsgeladene Situation hinein schreibt Paulus und beschreibt erst einmal in deftigen Worten, was er alles so gehört hat über die Gemeinde. Und dann folgen zwei Kapitel, die für mich zu den wichtigsten Abschnittes des Neuen Testaments gehören: In Kapitel 12 entwirft er das Bild von der Gemeinde als Leib Christi, der zwar viele sehr unterschiedliche Glieder hat, die aber alle aufeinander angewiesen sind. Die Kurzformel dafür kennen Sie bestimmt: Viele Glieder – ein Leib. Und dann leitet Paulus über zum nächsten Kapitel mit einem schönen Satz, den Luther so formuliert hat: „Und ich will euch noch einen köstlicheren Weg zeigen.“ Einen köstlicheren Weg, d.h. er will ihn uns schmackhaft machen – in der revidierten Lutherbibel steht da leider das blassere Wort: besser.

 

Und dann geht es los, und Paulus schwingt sich hier zu einem grandiosen poetischen Meisterwerk auf: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ D.h.: Selbst wenn ich ein wunderbarer christlicher Festredner wäre oder wenn ich die charismatische Gabe des Zungenredens hätte und es käme nicht aus der Liebe heraus, so wäre es nichts als Wortgeklingel. Und Paulus steigert sich weiter: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.“ Starke Worte!

 

Was Paulus damit meint, ist ganz einfach: Eine Gemeinde kann nur funktionieren, wenn sie vom Geist der Liebe durchdrungen ist. Das vergessen wir manchmal. Wo Menschen zusammenkommen, geht es immer auch um Einfluss oder gar Macht, um Rechthaberei, um persönliche Anerkennung, politische Ränkespiele usw. Das ist durchaus normal. Aber wenn das alles nicht zusammengehalten wird durch die gelebte Liebe, dann fällt die Gemeinschaft wieder auseinander. Oder aber sie wird etwas anderes: ein Verein, eine Partei, eine Institution, gerne auch mit christlichem Anstrich. Aber sie ist dann keine lebendige Gemeinde, kein Leib Christi mehr. In dieser Liebe, von der Paulus hier schreibt, steckt eine ungeheure Kraft, und Jesus weist immer wieder darauf hin: „Bleibt in meiner Liebe! Daran wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Christen erkennt man eben nicht an ihrem Glaubensbekenntnis, an ihrer Zugehörigkeit zu einer Kirche, nicht an ihrem Weltbild, sondern ob sie diese Liebe untereinander kultivieren können.

 

Anders ausgedrückt: Eine Gemeinde, die nicht diese Liebe ins Zentrum all ihrer Aktivitäten stellt, verliert sich in Details und in Flügelkämpfen. Diese Liebe bedeutet nicht, dass Konflikte unter den Teppich gekehrt werden sollen oder dass man nur noch behutsam über alles spricht – im Gegenteil: Paulus haut richtig auf den Putz und redet Tacheles. Klare Worte sind ein wichtiges Instrument, damit Liebe überhaupt funktioniert. Aber diese Liebe geht auf den anderen zu und sucht die Gemeinsamkeit. Das ist der Unterschied. Hören wir noch mal auf die wunderbaren Worte dieses Textes und stellen uns diesmal nicht ein verliebtes Pärchen, sondern eine zerstrittene Gemeinde als Hörer vor, und als Autor nicht einen gut situierten Festredner, sondern einen leidenschaftlichen und kämpferischen Paulus: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.“ Und ein paar Verse weiter folgt die krönende Zusammenfassung dieses Textes: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

 

Ich weiß, dass das im Detail und in der praktischen Ausgestaltung manchmal ganz schön vertrackt sein kann. Aber wir sollten diesen Text nicht vorschnell als frommes, unerfüllbares Ideal abtun. Paulus sagt es ganz klar: Ohne diese Liebe können wir uns alles andere sparen. Liebe kann man nicht verordnen, das ist klar, aber man kann sie als Impuls in eine Gemeinschaft hineingeben und auf Resonanz hoffen. Die Liebe, die hier gemeint ist, heißt nicht aufopferungsvolle Selbstverleugnung, heißt nicht lieb und brav sein bis zur Meinungslosigkeit, sondern sie ist ein Geben und Nehmen, ein Fluss, der die Gemeinschaft durchzieht und sie lebendig hält. Wer Liebe erfährt, gibt sie auch gerne weiter. Und je mehr mitmachen, desto leichter wird es. Wer liebt, lebt leicht. Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Liebe nur dann echt ist, wenn sie mit Opfern verbunden ist. Es ist aber genau umgekehrt: Ohne Liebe sind alle Opfer nutzlos. Die Liebe gibt Energie und lässt uns über uns selbst hinauswachsen, das wissen alle Verliebten und alle die, die etwas leidenschaftlich gern tun.

 

Das Schmiermittel dieser Liebe ist die Vergebung, d.h. wenn wir sauer und enttäuscht über andere sind und diese Blockade nicht überwinden, dann stehen wir uns selbst im Weg und im Getriebe der Gemeinde beginnt es zu knirschen. Paulus hat das mit einigen Gemeinden erlebt, deswegen hat er ja auch so viele und lange Briefe geschrieben. Wichtig ist deshalb immer die Rückbesinnung: Was kann ich als Einzelner dazu beitragen? Wo bin ich mir selbst wichtiger als die Gemeinschaft? Wo hege ich vielleicht einen Groll, der allmählich auf die Deponie gehört? Wo ärgere ich mich über jemand anderen, den ich nicht verstehe, aber habe noch gar nicht das Gespräch mit ihm gesucht? Statt Fraktionen aufzubauen, wäre es vielleicht besser, zusammen mal gemütlich ein Bierchen zu trinken.

 

Zum Abschluss ein paar kurze Leitsätze, die mir im Laufe meines Lebens schon viel weiter geholfen haben, immer dann, wenn ich mich über andere Menschen geärgert habe:

  1. Jeder Mensch ist anders dumm.
  2. Es gibt viele Blumen in Gottes Garten.
  3. Der Christus im Herzen des Anderen ist möglicherweise größer als gedacht.
  4. Wer vergibt, tut nicht so sehr dem anderen, sondern vor allem sich selbst einen Gefallen.
  5. Liebe ist nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 

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