„Wenn ich nicht mehr weiter weiß …“ (Römerbrief 8, 26-30)
Predigt zum Sonntag „Exaudi“ (lat.: „Erhöre uns!“) 4. Mai 2008
Exaudi – erhöre uns! So beten Menschen, die keinen Ausweg mehr wissen. Alle kennen Zeiten von Ratlosigkeit, Zeiten voller Verzweiflung. Ach, wenn wir doch nur darauf vertrauen könnten, dass, wie es Paulus im Römerbrief sagt – denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienten.
Vor einiger Zeit erzählte mir eine junge Mutter bei einem Taufgespräch, sie könne keine Fernsehnachrichten mehr schauen oder Tageszeitung lesen, ohne Albträume zu bekommen. „Überall auf der Welt dieses Leid“, sagte sie, „und was wird auf unsere Kinder zukommen bei all den Veränderungen und Naturkatastrophen?“ Solche Ängste treiben viele Menschen um bis in den Schlaf. Und ich glaube, Ängste dieser Art sind so alt wie die Menschheit.
Mir kommen die Worte des Paulus in den Sinn: „Gottes Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern Gottes Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“
Mich berühren diese Worte des Paulus immer wieder sehr. Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Kann man das so gelten lassen? Können wir Paulus da zustimmen? Einige denken jetzt vielleicht: „Wenigstens Sie sollten das aber wissen, Herr Pastor!“
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen.“ Es gibt Situationen in meinem Leben, wo das so ist. Und es tröstet mich, dass ich da in guter Gesellschaft bin. Paulus, einer der führenden Christen der ersten Generation, einer, der den christlichen Glauben um die halbe damals bekannte Welt getragen hat, der schreibt das: „Wir wissen nicht, wie wir beten sollen.“
Und er schreibt das nicht, um uns klein zu machen, um uns zu zeigen, dass wir eigentlich gar nicht würdig sind, uns Christen zu nennen. Er stellt einfach fest: So sind wir Menschen. Auch wir Christinnen und Christen. Oft voller Zweifel und ratlos, manchmal schwach und hilflos. Das weiß Gott. Darum brauchen wir ihn, brauchen seinen Heiligen Geist, der immer bei uns ist. Der uns, so sagt es Paulus, mit unhörbarem Seufzen vertritt.
Ich lese Römer 8, 26-30.
Ich glaube, dass der Grund der Welt nicht eisige Stummheit ist. Der Kern allen Lebens ist Wort, ist Anrede, Zuspruch, Trost. Gott spricht, und er ist ansprechbar. Er ist kein stummer Gigant; kein leidenschaftsloser Verfüger, der bloß in sich selber ruht. Der Grund der Welt ist eine Mitteilung und ein Gespräch. „Im Anfang war das Wort“ beginnt das Johannesevangelium. Nicht eisiges Schweigen also war im Anfang, sondern dieses unruhige Wort, das sich selber nicht genug war, sondern suchte, dass es einer hört; dass einer ins Gespräch mit ihm eintritt. Dieser Gott wollte von Anfang an getröstet werden, indem ihn einer erhört. „Erhören“ ist ein Wort aus der Gebetssprache: Die Bitten des Beters werden erfüllt, er wird erhört. „Erhören“ ist auch ein Wort aus der Sprache der Liebe: Die Geliebte erhört den Liebenden, der um sie wirbt. Gott ist der erste Beter. Er ist Wort von An fang an, und er bettelt darum, nicht allein gelassen zu werden. Er bettelt um Zuneigung und Trost. Wer betet, weiß dies vielleicht nicht in einem ausdrücklichen Wissen. Aber indem er betet, inszeniert er die Wahrheit, dass das Geheim nis der Welt Sprache und Gehör ist. Wer betet, interpretiert die Welt in ihrem Grunde als gut, selbst wenn er Gott das ganze Unglück, das ihn trifft und das er um sich sieht, ins Gesicht schleudert.
Der Mensch kann beten - dies ist vielleicht die höchste Aus sage über ihn. Der Mensch ist vom Wort angesprochen und damit befähigt, selber zu reden vor dem Grund seines Lebens. Er ist kein stummer Diener. Er kann mit seinem Ur grund verhandeln; er kann mit ihm reden, „wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (2. Mose 33,11); er kann ihn preisen und er kann auf ihn fluchen. Nirgends gibt es so wenig Sprachverbot wie im Gebet. Die Freiheit, die uns als Angeredete gegeben ist, erlaubt uns jede Sprache, auch die des Zweifels.
Beten ist damit mehr als eine Technik, mittels derer ich Gott dazu bringe, mir einen Wunsch zu erfüllen. Und dennoch denken viele: Wer ein guter Christ sein will, der muss natürlich beten können, der muss am besten ein Gebet für jede Lebenslage kennen. Es gibt ja auch Religionen, wo das auch so ist. Da gibt es Sprüchlein für jede Lebenslage und gegen jedes Übel. Bei Regen, bei Dürre und bei Zahnschmerzen. Auch im Christentum gibt es diese Vorstellung, es gäbe besonders gute und kräftige Gebete, und wenn man die aufsage und fest daran glaube, komme alles so, wie man es sich wünscht.
Aber dann wäre das Beten ein Aberglaube, so eine Art Zauberei, mit der man seine Wünsche erfüllt und Gott dazu bringt, alles so zu machen, wie man es will. Lieber Gott, mach dies, gib mir das, wende diese Gefahr ab, hilf mir hier und da. Ein Beten, das immer etwas von Gott will. So, als würde man tatsächlich bei Gott seine Bestellungen abgeben in der Erwartung, dass ein himmlischer Dienstleister die Lieferung schnellstmöglich zustellen würde. Mit Umtauschgarantie und Rückporto natürlich. Die Frage ist nur: Wer zahlt dann die Rechnung?
Ich möchte als Christ nicht so beten. Denn ich habe von Jesus ein anderes Bild von Gott vermittelt bekommen. Ich habe gelernt, zu Gott „Vater“ zu sagen und ihm wie einer fürsorgenden Mutter zu vertrauen. Und darauf zu vertrauen, dass Gott weiß, was ich brauche. Und ich glaube, Gott weiß sogar besser, was ich brauche. Wer weiß, ob es mir überhaupt gut täte, wenn ich von Gott immer bekäme, was ich haben möchte.
Es gibt Situationen im Leben, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Da fällt mir nichts ein, es scheint alles leer. Da sitzt einer am Krankenbett eines lieben Menschen, und es steht schlecht und er will beten – aber es fällt ihm nichts ein. Keine Worte. Kein altes Gebet. Nichts, was auf diese Situation passt. Ist er deswegen ein schlechter Christ? Nein, er ist in guter Gesellschaft. Wir wissen nicht, was wir beten sollen, schreibt Paulus. Es ist gut zu wissen: Du musst auch nichts sagen. Du musst jetzt kein Gebet wissen. Gott weiß, wie es mit dir steht. Gott hilft nicht nur, wenn du die richtigen Sprüche weißt. Gott selbst, sagt Paulus, sein Geist vertritt uns. Er steht auch da für uns ein, wo uns die Worte fehlen.
In diesem Sinn ist Beten die Selbstauslieferung des Menschen an den geheimnisvollen Gott der Gnade. Das Wort „Auslieferung“ drückt Abhängigkeit aus. Es drückt aus, dass man sich selber nicht genug ist. Kann man sich eine Abhängigkeit vorstellen, die nicht Unterlegenheit unter Herrschaft bedeutet? Wenn ich einen Menschen liebe, erfahre ich einmal in seiner Liebe, dass ich wichtig und dass ich schön bin. Dass ich schön bin, kann ich mir nicht selbst sagen. Ich lese mich in den Augen des anderen als schön und begehrenswert. Aber ich spüre in der Liebe auch etwas anderes, fast das Gegenteil von dieser Schönheitserfahrung. Ich erfahre, wie ungenügend ich in mir selber bin. Alles „Ich-mach’s-allein“ und jede Selbstgenügsamkeit schwindet in der Liebe. Ich fange an, so zu sprechen: „Ich brauche dich, ich kann ohne dich nicht leben, ohne dich ist meine Zeit verloren.“ Dies ist eine Abhängigkeit, die nicht von herrschaftlicher Überlegenheit her gedacht ist. Sie erhöht meine Freiheit und beschneidet sie nicht. Sich im Gebet ausliefern an die Gnade Gottes, ist also kein Akt schmachvoller Unterwürfigkeit, sondern ein Akt der Liebe, die weiß, dass sie nicht in sich selber geborgen ist. Die weiß, dass keiner sich in der eigenen Hand wärmen und dass keiner sein eigener Lebensmeister sein muss.
Warum beten wir dann überhaupt? Wir beten nicht, weil Gott es braucht, sondern weil wir es brauchen. Damit wir das, was uns bewegt und bedrückt, nicht in uns hineinfressen müssen, sondern es aussprechen können auch da, wo kein Mensch uns hört. Wir beten, damit wir unsere Gedanken und Gefühle klären, damit wir im Licht Gottes sehen, wie es um uns steht. Damit wir im Licht Gottes unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig. Gott weiß besser als wir, was wir brauchen.
Aber wenn wir beten, wissen wir vielleicht auch mehr. Dann klärt sich, was der richtige Weg ist. Das ist ein ganz anderes Beten. Wir sagen keine magischen Sprüche auf, um die Ereignisse zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Sondern wir reden mit Gott wie mit einer uns vertrauten Person. Wir reden mit ihm, vielleicht streiten wir uns auch mit ihm und fragen ihn: Warum ist das alles so gekommen? Wir klagen und hadern mit Gott. Ja, man muss Gott auch bedrängen, endlich Gott zu sein, wie es Meister Eckart sagt.
Von Klage bis zum Lob – Gott anrufen! Exaudi, erhöre, Gott! Dazu braucht es auch keine auswendig gelernten Sprüche. Da können wir reden, wie uns zu Mute ist. Und manchmal, wenn wir gar keine Worte wissen, können wir uns welche leihen. Vielleicht im Psalm 23 oder bei Jesus selbst, im Vaterunser. Auch da heißt es zunächst: „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe.“ Das rückt alles wieder in die richtige Reihenfolge.
Es ist Arbeit an der eigenen Lebenshaltung. Ja, Beten ist e in Stück Arbeit. Meistens ist das Beten wie das Arbeiten langweilig, und man ist froh, wenn es vorbei ist. Dagegen ist nichts zu sagen. Und doch entflammt das Gebet langsam das Herz. Der Beter lernt das Wünschen, er wächst in die Gabe des Zorns gegen das Unrecht, er verliert seine Gleichgültigkeit. Er lernt den Willen Gottes. In diesem Sinne bildet beten. Bildung aber ist ein langfristiger und eher trockener Vorgang.
Fulbert Steffensky erzählt Folgendes: „Ich erinnere mich gerne an eine Geste meiner Mutter aus un serer Kindheit. Wenn wir in die Schule gingen, hat sie uns jedes Mal ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht. Sie tat das ohne jede Ergriffenheit. Es gehörte zum Morgen wie das Butterbrot, das man bekam. Wenn aber eins von uns Kindern krank war oder wenn eins für länger Abschied nahm, dann war meine Mutter eine wirkliche Künstlerin. Sie war ganz in ihrer Geste, mit ihrer Sorge, mit ihrer Liebe, mit ihrer Trauer. Die kleine Gebetsgeste war wie eine Wüsten pflanze, die tot schien und nun aufgewacht war, nachdem sie das Wasser der Trauer und der Sorge bekommen hatte. Dies aber war nur möglich, weil meine Mutter es lange geübt hatte; weil sie die Uneigentlichkeit und die Formelhaftigkeit des Gebets lange ausgehalten hatte. Weil sie es lange mit hal bem Herzen getan hatte, konnte sie es in der Stunde des Abschieds mit ganzem Herzen tun. In der langen, trockenen und graubrothaften Gebetsübung ist oft ein Moment der Uneigentlichkeit, der Formelhaftigkeit, das die Wahrheit des Gebets nicht zerstört und das die Situation des Ernstes vor bereitet und erst möglich macht.“ Man kann sich nicht erst im Ernstfall erfinden; man kann das notwendige Gebet nicht erst dann erfinden, wenn man es braucht, wie der Moment des Ertrinkens ungeeignet dazu ist, schwimmen zu lernen. Es ist ein falscher Begriff von Redlichkeit, für alle Worte und Gesten sich immer das ganze Herz abverlangen zu wollen und diese zu unterlassen, wenn die Ganzheit nicht möglich ist und wenn man nichts von ihr spürt. In keiner Anleitung zu spiritueller Lebenspraxis war es erlaubt, das Gebet und die Übung zu unterlassen, nur weil man fühllos war und weil das Herz der Sprache nicht nachkam. Das halbe Gebet von heute sorgt für das ganze von morgen“.
Es gibt daher einen mystischen Trost bei allen Schwierigkeiten mit dem Beten, den ich im 8. Kapitel des Römerbriefes finde. Es heißt dort: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt. Aber der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern“. Das heißt: Unsere Sprache ist auch da schon geborgen, wo sie nicht mehr als ein Gestammel ist.
Wir müssen nicht für alles stehen, nicht einmal für die Sprache unserer Hoffnung.
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