Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Predigt 18.03.2007

Warum hast du mich verlassen?

Psalm 22

 

An Stelle der Schriftlesung kommt heute schon der Predigttext, Psalm 22.

Heute ist ja schon der vierte Sonntag in der Predigtreihe über die Psalmen. An den vergangenen Sonntagen haben wir schon einiges davon gehört, wie uns die Psalmen helfen können, uns unserer Gefühle bewusst zu werden und sie im Gespräch mit Gott auszudrücken.

Das soll heute noch ein bisschen konkreter werden. Der Psalm 22 ist einer der extremsten Psalmen, was das Wechselbad der Gefühle angeht. Damit wir hier nicht nur davon reden, möchte ich Sie und euch bitten, den Psalm jetzt einmal bewusst auf sich wirken zu lassen. Wer möchte, kann ihn mitlesen, wer möchte, kann aber auch die Augen schließen und dem nachspüren, was der Psalm im Innersten auslöst.

Dabei können die Fragen helfen:

Welche Gefühle drückt der Psalmbeter aus?

Wie wirkt das auf mich? Ist das alles weit weg? Kommt mir etwas bekannt vor? Stört mich etwas? Oder bleibe ich im positiven Sinne an etwas hängen?

 

Nach der Lesung kommt noch ein kurzes Musikstück, um den Psalm nachwirken zu lassen.

 

 

Psalm 22

 

Für den Chormeister. Nach der Weise “Hindin der Morgenröte”. Ein Psalm Davids.

 

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,

Bist ferne meinem Schreien, den Worten meines Flehens?

Ich rufe bei Tag, und du antwortest nicht,

Bei Nacht, und finde keine Ruhe.

 

Und doch thronst du, der Heilige,

über den Lobgesängen Israels!

Dir vertrauten unsere Väter,

Sie vertrauten, und du hast sie gerettet.

Zu dir schrien sie und wurden befreit,

Auf dich vertrauten sie und wurden nicht zuschanden!

 

Aber ich bin ein Wurm und kein Mensch mehr,

Ein Spott den Leuten, vom Volke verachtet.

Alle, die mich sehen, verhöhnen mich,

Verziehen den Mund, schütteln den Kopf:

“Wälze er es auf den Herrn! Der helfe ihm nun,

Der rette ihn, denn er ist ihm ja wohlgesonnen!”

 

Ja, du bist es,

Der mich aus dem Mutterschoß kommen ließ,

Der mir Geborgenheit gab an der Brust meiner Mutter.

Auf dich, Herr, bin ich angewiesen,

Seit ich aus ihrem Schoße kam;

Vom Mutterleib an bist du mein Gott.

 

Sei mir nicht ferne,

Denn nah ist die Not,

Und keiner ist da, der mir hilft!

 

Mich umringen viele Stiere,

Basan-Büffel umzingeln mich,

Sie sperren ihren Rachen gegen mich auf,

Reißende, brüllende Löwen.

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,

Meine Knochen scheinen sich auflösen zu wollen.

Weich wie Wachs ist mein Herz geworden,

Zerschmolzen ist es in meiner Brust,

Trocken wie eine Scherbe ist meine Kehle,

Meine Zunge klebt fest an meinem Gaumen.

DU legst mich in den Staub des Todes.

Wie Hunde haben sie mich umstellt,

Eine Horde von Bösen umkreist mich.

Sie fesseln mir Hände und Füße.

Man kann alle meine Knochen zählen;

Sie gaffen und weiden sich an mir.

Sie teilen meine Kleider unter sich,

Werfen das Los um mein Gewand.

 

Du aber, Herr, halte dich nicht fern von mir!

Du, meine Stärke, beeile dich, mir zu helfen!

Errette mein Leben vor dem Schwert,

meine Seele vor den Hunden!

Befreie mich aus dem Rachen des Löwen,

Vor den Hörnern der Büffel! -

- Du erhörst mich! -

 

Nun will ich meinen Brüdern von deinem Namen erzählen,

Dich preisen inmitten der Gemeinde:

“Die ihr den Herrn fürchtet, preiset ihn,

Alle ihr Nahkommen Jakobs, ehret ihn,

Erschauert alle vor ihm, ihr Kinder Israels!

Denn er hat nicht verachtet

und nicht verabscheut das Elend des Armen,

Hat sein Gesicht nicht vor ihm verborgen,

Hat auf ihn gehört, als er schrie.”

Dir verdanke ich es, dass ich loben kann in der Gemeinde. -

Ich erfülle meine Gelübde

In Gegenwart derer, die dich fürchten.

Die Armen sollen essen und satt werden.

Den Herrn sollen preisen, die nach ihm fragen.

Aufleben soll euer Herz für immer!

Daran sollen denken und umkehren alle Enden der Erde,

Vor ihm niederfallen alle Stämme der Völker!

Denn das Königtum ist des Herrn,

Er ist der Herrscher über alle Völker.

Vor ihm allein sollen sich niederwerfen alle,

Die in der Erde schlafen,

Vor ihm sich beugen alle,

Die in den Staub gesunken sind

Und deren Seele nicht am Leben blieb.

Meine Nachkommen sollen ihm dienen

Sollen dem kommenden Geschlecht erzählen von dem Herrn,

Sollen dem nachgeborenen Volk erzählen von seiner Heilstat

Und sagen: Er hat das Werk getan!

 

 

Die Gnade und der Friede Gottes, unseres Vaters, und unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Wie ist es Ihnen und euch mit dem Psalm gegangen?

Es würde mich nicht wundern, wenn der eine oder andere sagen würde: Was für ein Chaos! Da komme ich nicht ganz mit.

Zuerst die Einsamkeit und Verzweiflung, dann plötzlich redet der Psalm vom Vertrauen, bricht dann aber ein in einem Gefühl totaler Demütigung, dann Hilflosigkeit und Abhängigkeit, als nächstes nackte Todesangst, verzweifelte Hilfeschreie, und dann ganz abrupt, die überschwängliche Begeisterung, mit dem der Psalmbeter alle überschüttet, die ihm in den Sinn kommen!

 

Aber es gibt sicher auch einige, die diesen Satz: Warum hast du mich verlassen, Gott? auch schon oft hätten sagen können. Gott ist einfach nicht zu spüren. Alles, was mir im Alltag so passiert, wirkt so viel realer als Gott. Wo ist er denn, wenn ich in der Schule den Stoff einfach nicht kapiere? Wo ist er, wenn die Person, die mir so wichtig ist, mir immer wieder weh tut? Wo ist er, wenn die Ärzte nichts tun können, damit meine Schmerzen besser werden? Wo ist er, wenn auf der Welt Menschen unterdrückt und sinnlos getötet werden? Warum lässt er solche Dinge zu?

 

Wenn jemand schon öfter nachts wach gelegen hat und keinen Schlaf gefunden hat, kennt er das: Ich rufe bei Nacht, wälze mich von einer Seite auf die andere und finde doch keine Ruhe.

 

Vielleicht habt ihr, haben Sie auch das schon einmal erlebt: Wenn es mir schlecht geht, dann bin ich plötzlich nicht mehr so angesagt bei den Leuten, es ist nicht mehr lustig mit mir, man kann nicht mehr von mir profitieren. Ich stehe plötzlich alleine da, und alles, was mir andere sagen, kommt mir eher vor wie Spott und Hohn. Wenn jemand eine schlimme Krankheit oder eine Krise durchmacht, leiden ganz oft auch die engsten Partnerbeziehungen und Familien darunter, und es entsteht eine große Einsamkeit.

 

Ich weiß nicht, ob jemandem auch die Passage mit den Stieren und Büffeln aus dem eigenen Erleben bekannt vorkam. Hier sind neben den Bildern, die nach einem furchtbaren Albtraum klingen, auch einige der körperlichen Erscheinungen beschrieben, die bei länger anhaltender extremer Angst bis hin zur Todesangst auftreten.

 

Wenn sich jemand tatsächlich an einer der Stellen im Psalm wieder gefunden hat, wäre das kein Wunder, denn in diesem Lied zeichnet sich im Grunde alles ab, was in der Welt weh tun kann und Angst machen kann. Es ist den Wissenschaftlern nicht gelungen, herauszufinden, in welcher Situation der Psalmbeter wirklich steckte, als er den Psalm betete. Ob es z.B. eine tödliche Krankheit war oder die tödliche Bedrohung in einer Kriegssituation. Manche Ausleger sagen deshalb: Es ist nicht so wichtig, die Situation genau zu kennen, denn hier wird nicht nur das Leiden und der Schmerz eines einzigen Menschen ausgedrückt, sondern das aller Menschen.

 

Dazu würde passen, dass Jahrhunderte später Jesus am Kreuz diesen Psalm gebetet hat. Vor drei Jahren kam im Kino der Film “Die Passion Christi” von Mel Gibson. Ich habe den Film nie gesehen, habe aber die kontroversen Reaktionen darauf etwas mitverfolgt. Immer wieder habe ich gehört: Der Film ist eine Zumutung, wer tut sich solche Grausamkeiten freiwillig an? Es gab aber auch Stimmen, die gesagt haben: Nun habe ich eine Ahnung davon, was Jesus aus Liebe zu uns Menschen ausgehalten hat. - Sicher war das Leiden Jesu in vielen Punkten anders, als es im Film inszeniert wurde. Aber das ganze Neue Testament ist sich einig, dass Jesus durch alle denkbaren menschlichen Tiefen gegangen ist. Dass er sich bereit erklärt hat, da mit uns zu leiden, wo wir leiden.

 

Wenn aber das den Charakter Gottes ausdrückt, heißt das, dass er sich nicht von uns zurückzieht, wenn wir nur noch ein Bündel Elend sind. Dann heißt das, dass er mitten hinein kommt mit uns in unsere Situation und genauso Schmerz empfindet wie wir.

 

Das beantwortet nicht die Frage, warum es den Schmerz überhaupt gibt. Ganz offensichtlich gehört der Schmerz zum Leben dazu wie auch die Freude. Schmerzen allgemein haben sogar eine ganz wichtige Funktion für unsere Gesundheit. Das wird deutlich bei Leprakranken, bei denen das größte Problem ist, dass sie an vielen Körperteilen keinen Schmerz mehr empfinden können. Wenn sie z.B. einen heißen Kochtopf anfassen, merken sie gar nicht, wie sie sich verbrennen. Sie hätten auch zuerst einmal kein Problem damit, den Finger in ein Schlüsselloch zu stecken, bis er blutig ist. Die ganzen Verstümmelungen, die für die Krankheit so typisch sind, sind im Grunde die Folge davon, dass die Kranken nicht spüren, wie sie sich verletzen.

Ähnlich ist es mit der Angst: Ohne Angst würde wohl keiner von uns noch leben, denn wir wären schon lange vor ein Auto gelaufen oder schon viel früher als Kind über ein Geländer im dritten Stock geklettert.

Ohne Schmerz und ohne Angst scheint es also in diesem Leben nicht zu gehen. Aus irgendeinem Grund mutet Gott uns das zu, aber er schaut nicht aus der Distanz unbeeindruckt zu, sondern mutet es sich selbst genau so zu - sogar den Schmerz, hinter dem wir beim besten Willen keinen Sinn erkennen können.

Gott ist uns also so nahe, wie wir es uns nur vorstellen können. Und doch fragt der Psalmbeter und später auch Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Das zeigt, dass es nicht nur mir mit meinem oft sehr kleinen Glauben so geht, dass ich manchmal von Gott nichts spüre. Es ist einfach so, dass die Realität oft anders aussieht, dass die Nähe Gottes manchmal nicht greifbar ist. Wie an einem dunklen Regentag, an dem man zu zweifeln beginnt, ob es die Sonne und den blauen Himmel wirklich gibt. Nur viel schlimmer.

 

Ich habe mich beim Vorbereiten gefragt: War Gott wirklich weg, als Jesus am Kreuz hing, oder war er da, und Jesus konnte ihn nicht mehr erkennen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wie sehr einem schon allein die alltäglichen Sorgen den Blick auf Gott verstellen und vernebeln können. Deshalb finde ich den Teil aus dem aaronitischen Segen so schön, wo es heißt: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch. Vielleicht kann ich sein Gesicht ja etwas besser erkennen, wenn es hell leuchtet!

 

Nur - was tun, wenn die Wolken sich nicht verziehen?

Manche Menschen sehen es als eine Lösung, irgendwann einen Schluss-Strich zu ziehen unter die Suche nach Gott oder die Vorstellung, dass das Leben eigentlich besser sein müsste. Wenn ich nichts mehr erwarte, kann ich auch nicht mehr enttäuscht werden. Und mit Galgenhumor und flapsigen Sprüchen muss man sich dabei gar nicht so schlecht fühlen. Wenn man einigen Psychotherapiestudien glaubt, spricht sogar einiges für eine solche Lösung, denn diese Studien haben das Ergebnis, dass Zyniker oft besser mit Schicksalsschlägen fertig werden als Menschen, die nicht aufhören dagegen zu rebellieren. Und ich muss selbst zugeben, dass so ein bisschen schwarzer Humor für den Moment manchmal etwas sehr Befreiendes hat.

 

Ganz anders macht es aber der Psalmbeter: Er zieht alles andere als einen Schluss-Strich. Das zeigt sich schon am Anfang: “Mein Gott, mein Gott” ist nicht die Anrede für jemand, von dem man sich für immer verabschiedet. Im Gegenteil. Die Beziehung zu Gott ist das, worum es in dem Psalm geht. Das Wichtigste im Leben überhaupt. Ohne Gott ist das Leben gar nicht denkbar, und schon immer war sich der Beter der Abhängigkeit von Gott bewusst. Umso schlimmer, dass von dieser Beziehung jetzt scheinbar gar nichts übrig bleibt! Damit findet er sich aber nicht ab. Dagegen rebelliert er mit aller Macht. Immer wieder schreit er seine Gefühle und seinen Schmerz ins Leere zu dem Gott, der doch da sein muss, von dem er aber nichts spürt. Er geht das Risiko voll ein, alles genau zu spüren und nicht zu wissen: Wann kommt eine Antwort?

Aber er tut gleichzeitig auch etwas anderes. Er versucht, seine Wahrnehmungsorgane auf den versteckten Gott auszurichten, indem er sich vor Augen malt, wie er und andere in früheren Zeiten Gottes Nähe und Fürsorge erlebt haben. Dadurch entsteht ein kaum ertragbarer Widerspruch zu dem, wie es ihm im Moment geht. Und diesen Widerspruch löst er nicht auf, sondern lässt ihn stehen und hält ihn Gott vor. - Und das ist jetzt wieder einmal etwas, was uns logisch denkenden Mitteleuropäern sehr schwer fällt, einen Widerspruch auszuhalten. Wir sagen doch in so einer Situation eher: Hier haben wir den Gegenbeweis. Es stimmt also doch nicht mit der Liebe Gottes.

Dadurch dass der Psalmbeter den Widerspruch stehen lässt, gibt er aber der anderen Realität, Gottes Realität, die Chance, sich gegenüber seinem Erleben durchzusetzen.

 

Wir wissen nicht, was in dem Psalm die große Wende ausgelöst hat. Sowenig wir wissen, was das konkrete Problem war. Vielleicht hat Gott die Krankheit geheilt, vielleicht hat Gott durch ein Wunder die Vernichtung durch die Feinde abgewehrt. Das werden wir wohl nicht erfahren. Was wir aber wissen, ist, dass die dicke schwere Wolke, die dem Beter die Sicht auf Gott versperrt hat, weg gezogen ist. Gott ist für den Psalmbeter deutlich spürbar wieder in Erscheinung getreten. Als der, der im Elend und im Schmerz nahe ist. Und genau genommen ist es diese Erfahrung, die den Beter wieder zum Loben und in einen Zustand heller Begeisterung bringt. Dass Gott immer nahe war und dass die Beziehung zu ihm jetzt von beiden Seiten her wieder intakt ist.

 

Dazu hat von der Seite des Beters aus sicher auch beigetragen, dass er alles, was an Gefühlen da war, vor Gott ausgesprochen hat. Er hat genau an der Stelle, wo es weh tut, Gott gegenüber laut geschrien. Diese Art zu klagen, ist etwas, was uns manchmal unglaublich schwer fällt. Viel leichter ist es für uns, einfach loszujammern über alles mögliche, nur um dem wirklichen Schmerz aus dem Weg zu gehen. Und ein Grund zu jammern findet sich immer. Nur dass das Jammern zu einer Endlosschleife werden kann. Bestimmt jeder von uns hat schon einmal Menschen erlebt, bei denen man den Eindruck hat, es ändert sich nie was, denn das Jammern ist zur Gewohnheit geworden. Es verhindert die wirkliche, lebensspendende Begegnung.

Ich wünsche uns, dass wir es wieder lernen, so zu klagen wie der Psalmbeter und dass wir so auch etwas von dem Glück erleben, das er am Ende des Psalms in der Begegnung mit Gott erfährt. Dabei kann es uns helfen, den Psalm als Anregung mitzunehmen und für sich selbst nachzusprechen. Ich wünsche uns aber auch Menschen, die es mit uns aushalten, wenn wir das aussprechen, was uns im Innersten zu schaffen macht.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

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