| Vom Umgang mit dem Fremden
Ein Beitrag zum Selbstverständnis in einer multikulturellen Gesellschaft
Von Andreas Goetze
Pisa II, Leitkultur II – die Debatten kehren wieder wie erfolgreiche Kinofilme, auch wenn aus ihnen oft wenig bis nichts folgt. Doch wer „Leitkultur“ als christliches Projekt zum Heimatschutz versteht, hat ein Problem mit der Realität: Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Tatsache. Wir sprechen über Menschen aus verschiedenen Kulturen, die aufgrund großer Völkerwanderungen weltweit zusammenleben – mit all ihren konkreten Problemen. Wie kann da Verständigung gelingen?
Identität hat man nicht, sie gewinnt man im Angesicht des anderen mit dem Ziel, den anderen und so auch sich selbst (besser) zu verstehen. Dazu gehört neben dem Dialog auch die Abgrenzung nach außen, markiert sie doch die Unterschiede und Differenzen. In der Begegnung mit dem anderen geht es daher nicht an, die eigene Identität zu verleugnen oder zu minimalisieren (z.B. das Kreuz abhängen beim Gespräch mit Andersgläubigen). Das zeigt nur die eigene Unsicherheit. Wir müssen lernen, uns selbst einzubringen, denn die anderen sehen ja genau die Differenz. Und wir müssen dem anderen die Möglichkeit eröffnen, seine Identität ebenso darzustellen (d.h. durch den Bau von Moscheen, Synagogen). Wir müssen uns bewußt sein, dass alle (religiösen) Symbole eine doppelte Bedeutung haben: Sie laden den anderen ein und zeigen auch sofort das Trennende auf.
1. Modelle, den Fremden wahrzunehmen
Im Laufe der Geschichte lassen sich drei Modelle im Umgang mit dem Fremden aufzeigen:
(1) Das Animositätsmodell: Der Fremde ist der Feind. Der eigene Wohnort ist das Sicherheitsgebiet. Im eigenen Haus hat der Fremde das Gastrecht, aber er gehört nicht dazu. Mit diesem Selbstverständnis hat man nach dem zweiten Weltkrieg die Flüchtlinge betrachtet: so wie die Bayern über die Sudetendeutschen und die Evangelischen in kernprotestantischen Gebieten über die schlesischen Katholiken sprachen, so spricht man heute über die (türkischen) Muslime. Zu diesem Modell gehört auch die Anwerbung von „Gastarbeitern“ in den 60er Jahren nach Deutschland. Dazu gehört auch die Weigerung in rechts-konservativen Kreisen, Deutschland als Einwanderungsland zu sehen: Erkennbar wird dies durch periodisch immer wiederkehrende obskure Ideen wie den Umsiedlungsplänen von Ausländern, der sogenannten „Rückkehrprämie“ (für Ausländer, die wieder in ihr Heimatland zurückkehren) oder neuerdings durch Vorschläge wie: „Der Imam soll auf deutsch predigen“ oder: „Jeder Ausländer soll aufs Grundgesetz schwören“.
Damit verbunden ist das zweite Modell:
(2) Das Händlermodell: Man braucht den Händler als Ressource, er wird nur partiell integriert (z.B. darf er keine einheimischen Frauen heiraten). Mit diesem Selbstverständnis lieben Deutsche wohl Döner und türkische Pizza, aber nicht den Türken als Nachbarn, der Deutscher ist und eben kein „Gastarbeiter“ mehr. Er wäre auch nicht mehr nur Händler.
(3) Das Gleichheitsmodell: alle Menschen sind gleich, das Fremde gibt es nicht, so dass Differenzen eingeebnet werden und es zu einem Toleranzbegriff kommt, bei dem alles gleich gültig ist und damit gleichgültig wird. Fremdenhass ist nur verdrängter Selbsthass. Mit diesem Selbstverständnis hat die deutsche Linke auf sich aufmerksam gemacht, wenn sie für „Multikulti“ die Parole ausgab: „Liebe Ausländer, bitte lasst uns mit den Deutschen nicht allein“. Allerdings hat das Bewußtsein für das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland innerhalb der deutschen Linken und vieler kirchlicher Kreise einen entscheidenden Vorteil: es brachte Ideen für das soziale, kulturelle und religiöse Zusammenleben der Deutschen mit den ausländischen Mitbürgern bis hin zum „Zuwanderungsgesetz“ auf den Weg, mit dem sie die Probleme der Einwanderung angehen – im Gegensatz zu rechts-konservativen Kreisen, die sich aus ideologischen Gründen geweigert haben, Deutschland als Einwanderungsland anzusehen.
Werden nach Modell (1) und (2) besondern die Abgrenzungen betont unter dem Verzicht, ein wirkliches Zusammenleben mit politischem Willen zu gestalten , stellt Modell (3) die Gleichheit aller in den Mittelpunkt und steht dabei in der Gefahr, das Konfliktpotential zu verkennen, dass sich aus den Differenzierungen ergibt. Was wir brauchen ist nach dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Theo Sundermeier von der Universität Heidelberg ein neues, viertes Modell:
(4): Das Konvivenzmodell: „Konvivenz“ vom lateinischen „convivere“ = zusammenleben im Sinne gegenseitiger Hilfe und gemeinsamen Lernens. Es beinhaltet, auf die Differenzen zu achten und sie zu respektieren und auf der Bereitschaft zum Verstehen des anderen und zum Zusammenleben. Dabei geht es nicht primär darum , sich vom anderen, Fremden abzugrenzen, sondern vielmehr um eine gelebte „Toleranz als Ertragen-Können… in drei Dimensionen“ (nach Joachim von Soosten): „dem Ertragen des Anspruchs, den der Fremde an mich stellt, der Achtung der Bindungen und Loyalitäten des anderen, die verschieden sind von meinen, und dem Respekt der Grenze, die mich vom anderen trennt“. Verstehen heißt: erst den anderen in seiner Andersartigkeit begreifen lernen und erst dann urteilen.
2. Der Mythos von der deutschen Nation
Von solch dialogischer Kompetenz sind wir in Deutschland weit entfernt. Das hängt u.a. auch mit dem durch die konservative Geschichtsschreibung genährten Mythos einer „einheitlich deutschen Nation“ zusammen, der seinsmässig eher auf „Blut, Boden und Rasse“ setzte als auf Ideale und Prinzipien der französischen (und amerikanischen) Revolution. Doch schon die deutsche Wirklichkeit des frühen Mittelalters war ein buntes Völkergemisch mit einer Vielzahl von Völkern und Sprachen. Ein „Germanien“ im Sinne einer Vorform dessen, was man heute „Deutschland“ nennt, gab es nicht. „Germania“ war von der römischen Antike an ein geographischer Begriff, mit „deutsch“ wurde keineswegs eine einheitliche deutsche Sprache bezeichnet, sondern alle nichtromanischen Volkssprachen (so auch z.B. die Sachsen in England sowie die Goten und Lombarden in Italien). Die „einheitliche Nation“ ist eine Fiktion und die Rede von einer „deutschen Leitkultur“ nährt höchstens ein national übersteigertes Gefühl und entsprechende Ressentiments aus Ratlosigkeit.
Deutschland als Nationalstaat besteht nicht als Nation im Sinne einer seinsmäßigen Einheit, sondern schon immer aus zahlreichen „Parallelgesellschaften“. War es früher eine äußerst heterogene Mischung von Bayern, Masuren, Hansestädtern und Rheinländern, von deutschen Schutzjuden, von angesiedelten Ausländern, Hugenotten, so sind heute Türken, Russlanddeutsche oder Italiener dazugekommen. Das neue „Zuwanderungsgesetz“ hat daher auch das tief im Staatsbürgerrecht verankerte „ius sanguinis“, das Recht des Blutes, das alle Deutschen nach „Blut und Rasse“ verbindet, zugunsten eines offeneren Bürgerbegriffs der in Deutschland lebenden Menschen aufgehoben. Damit hat zum ersten Mal eine deutsche Regierung anerkannt, dass Deutschland durch die Geschichte hindurch immer schon multikulturell gewesen ist und jede irgendwie geartete „Blut und Rasse“-Ideologie verworfen.
Nicht eine einheitliche „deutsche Leitkultur“ kann damit im Interesse einer multikulturellen Gesellschaft wie der Deutschen sein, sondern das respektvolle gegenseitige Wahrnehmen von Gemeinsamem und Unterschiedlichem. Dazu müssen aber auch die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterstützend beitragen – und genau hier liegen gegenwärtig die größten Probleme.
3. Sozialer Wandel verschärft Ab- und Ausgrenzungstendenzen
Was in den aktuellen Debatten viel zu wenig berücksichtigt wird, sind die Folgen des aktuellen Umbaus des Sozialstaates. Immer mehr Menschen sehen sich mit einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation sowie der Angst vor Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die Angst vor dem sozialen Abstieg reicht bis in die Mittelschichten hinein. So entwickeln sich verstärkt Abgrenzungstendenzen gegen (vermeintlich) noch schwächer empfundene gesellschaftliche Gruppen mit meist verdeckten Aggressionen, weil das eigene Selbstverständnis erschüttert ist. In solch einer eher angstbesetzten Situation gewinnt ein Selbstverständnis an Raum, dass sich wieder mehr an den Modellen (1) und (2) orientiert und besonders die Differenzen betont.
Dass bei uns immer mehr Menschen an den Rand gedrängt werden, wird zunehmend regsistriert. Nach Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer vom „Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ der Universität Bielefeld sind drei gesellschaftliche Spaltungslinien zu beobachten: die soziale Kluft zwischen reich und arm, die politisch-geographische Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschen und die mittlerweile unübersehbare ethnisch-kulturelle Spannung zwischen Mehrheit und muslimischer Minderheit. Solche sozialen Desintegrationsprozesse haben erhebliche Folgen für eine Gesellschaft: es wachsen besonders Feindseligkeiten gegenüber schwachen Gruppen, die ihrerseits mit Abwehr, Distanz und Rückzug reagieren. Haben die immer schon vorhandenen „Parallelgesellschaften“ aber keine Begegnungs- und damit Kommunikationsorte (kultureller, sozialer, arbeitsmarkt-politischer Art), verfestigen sich Vorurteile und Ausgrenzungstendenzen, die heutzutage besonders Muslime zu spüren bekommen, wenn „ der Islam“ für die lokalen und globalen Krisen verantwortlich gemacht wird.
Soziale Brenpunkte entstehen nicht automatisch da, wo Einwanderer zusammenkommen, sondern wo Einwanderungsprobleme oder ethnische Probleme mit sozialen Problemen zusammentreffen. Wenig hören wir in der Integrationsdebatte über die Ghettoisierung vieler Einwanderer durch Rassismus und Arbeitslosigkeit oder über die aktive Verhinderung von Integration. In Zeiten einer schlechteren wirtschaftlichen Lage sind besonders die Migranten als Schwächste in der Gesellschaft besonders hart betroffen. 25% der Türken sind arbeitslos, viele haben weder Schulabschluss noch eine Berufsausbildung. Von Chancengleichheit kann keine Rede sein: Das deutsche Bildungssystem erbringt bereits zu geringe allgemeine Sozialisationsleistungen für Zuwanderer, was sich an einer erheblichen Unterrepräsentation ausländischer Schüler an weiterführenden Schulen zeigt. Erniedrigungen auf den Ämtern und andere Erfahrungen kommen hinzu – und man sollte sich anhören, was Immobilienmakler zu sagen haben, wenn Türken und andere Muslime zu ihnen kommen, um Häuser oder Wohnungen zu kaufen oder zu mieten. Und Integration kann nicht gelingen, wenn durch hohe Arbeitslosigkeit die Arbeitswelt als stärkstes Moment gesellschaftlicher Kommunikation fast ganz ausfällt.
Die Frage ist nur, was zuerst da war: der angeblich mangelnde Integrationswille der Einwanderer oder eine mangelhafte Integrationspolitik? Denn am Ende greifen Ursachen und Wirkungen teufelskreisartig ineinander: vor allem sprachbedingte Bildungsdefizite sorgen dafür, dass gesellschaftlicher Erfolg überdurchschnittlich vielen Einwanderern unerreichbar bleibt, was wiederum bei vielen auf Dauer dazu führt, dass sie sich der Perspektivlosigkeit fügen und sich nur noch in ihren eigenen Kreisen bewegen, um dort ihre Selbstbestätigung zu erlangen. Die von der Politik beschlossenen Kürzungen in der Jugend-Sozialarbeit, bei den Lehrerstellen, bei der Familienhilfe und den Kursen für Sprachförderung verstärken diese Tendenz weiter. Es ist offensichtlich, dass unter diesen Gegebenheiten der integrative Effekt der Schulbildung für ausländische Kinder bisher weitgehend wirkungslos bleibt. Wir reden zwar von Integration, betreiben aber faktisch die Ausgrenzung.
Leider haben sich Teile der Gesellschaft gegen ihre eigenen Vorurteile selbst immunisiert. „Schuldumkehr“ nennt man dieses Prinzip, bei dem zur Zeit fast 50% sagen: „Die Ausländer sind selbst Schuld, wenn man was gegen sie hat“. Oder: „Der Islam ist nicht integrationsfähig“. Was wir brauchen, um Ausgrenzungen ein Ende zu setzen, ist vor allem bessere Erziehung und Bildung. Die Vielfalt als Normalität zu akzeptieren heißt zu lernen, mit Unklarheit, Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit umzugehen und nicht seine Identität allein durch Abgrenzung zu sichern suchen. Denn Integration heißt nicht: „wir gegen die anderen“, sondern: „wir mit den anderen“ wie es das Konvivenzmodell (4) verdeutlicht. Dann könnte Deutschland in einigen Jahren nicht nur eine gute Verfassung haben, sondern auch in deutlich besserer Verfassung sein.
Andreas Goetze/ Dez. 2004
Literatur:
- „Bilden statt verbieten“. Ein Beitrag des Islam-Arbeitskreises im Zentrum Ökumene der EKHN zum Kopftuchstreit in Hessen, Frankfurt a. M. 2004 (zu beziehen über das Zentrum Ökumene: susanna.faust@zoe-ekhn.de)
- Wilhelm Heitmeyer: Deutsche Zustände, Frankfurt a.M. 2002
- Jürgen Micksch: Kulturelle Vielfalt statt nationale Einfalt. Eine Strategie gegen Nationalismus und Rassismus, Frankfurt a.M. 1989
- Joachim von Soosten: Fremdsprachen. Das Problem der Toleranz, in: Magazin für Theologie und Ästhetik 14/2001
- Theo Sundermeier: Was ist Religion?, Gütersloh 1999
- VELKD (Hrsg.): Religionen, Religiosität und christlicher Glaube. Eine Studie. Gütersloh 1991
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