Predigt zum 27. Januar 2002:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen“
1: Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde in Christus! Die Gnade Gottes und der Friede unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Am 27. Januar 1996, im 51. Jahr nach der Befreiung des KZ Auschwitz, hat der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog diesen Gedenktag ausgerufen. Es hat lange gedauert – bis zur Ausrufung dieses Gedenktages ein halbes Jahrhundert später. Vielleicht aber waren die 51 Jahre nötig, damit sie uns ja nicht zu Nahe kommen – die Opfer von Auschwitz und die Täter.
2: Viele denken doch auch: Kann denn damit nicht endlich Schluß sein? Schluß mit dem ewigen Gerede von der Vergangenheit. Warum soll gerade diese Erinnerung so wichtig sein? Wäre es nicht besser zu vergessen, nicht am Alten und Vergangenen zu kleben und sich lieber unbelastet der Gegenwart und Zukunft zuzuwenden?
1: So unbelastet kann ich meine Gegenwart gar nicht leben. Meine – unsere – Gegenwart ist doch bis heute davon geprägt, dass Menschen andere Menschen ausgrenzen, sie herabsetzen, ihnen ihre Würde nehmen. Und es ist wieder salonfähig geworden, Parteien zu wählen, die mit Zucht- und-Ordnung-Parolen bewußt Ausländerhetze und Ausgrenzung anderer schüren wie die Schill-Partei in Hamburg oder die Republikaner.
2: Dietrich Bonhoeffer hat das als Christ schon damals gesehen: Die wahre Kirche Jesu Christi ergreift Partei für die, die keine eigene Stimme haben. Sie schweigt nicht, wo Unrecht und Ausgrenzung geschieht. Denn die christliche Gemeinde ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung verpflichtet: „Tut Gutes an jedermann!“. Das kann auch bedeuten, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.
1: Ein Gedenktag wie heute scheint mir eine empfindliche Pflanze zu sein, dass wir behutsam die Erinnerung wach halten, damit wir nicht vergessen. Denn wenn wir vergessen, dann laufen wir Gefahr, die Untaten zu wiederholen. Nur wenn wir uns erinnern, haben wir die Kraft, unsere Gegenwart und Zukunft menschlich zu gestalten.
2: Dabei ist es wichtig, sich der Kraftquelle zu vergewissern, die uns das Leben schenkt: Gott selbst. Wir sangen drei Strophen von „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Trotz all dem, was uns umgibt. Wir sind nicht weltfremd oder zynisch. Wir singen „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, weil das sonst niemand singen kann, wenn dies nicht von uns als Christinnen und Christen gesungen wird.
1: Dabei sind es gerade die Umstände, in denen das Lied entstanden ist, die uns dieses Lied singen lassen können. Dieses Lied hat Dietrich Bonhoeffer nicht in behaglicher Wohnzimmerwärme nach festlichem essen und einem Glas Wein gedichtet. Während des Jahreswechsels 1944/45 schrieb Bonhoeffer dieses Lied im Keller der Gestapozentrale in Berlin – eine Adresse, bei der man alles andere als gute Mächte vermutet.
2: Ja, Dietrich Bonhoeffer saß dort als Untersuchungsgefangener, dem man die Beteiligung am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 nachzuweisen suchte – der Theologe Bonhoeffer, den sein Glauben und seine Wachsamkeit seiner Zeit gegenüber in den einsamen Weg des Widerstandes gegen Hitler trieb.
1: Dort unten, im Kellerloch des Gestapo-Gefängnisses, schrieb er sich über Sylvester, den letzten Jahreswechsel, den er erleben sollte, seine Erfahrungen, seine Gewißheit und seine Hoffnung von der Seele. Das Licht in der Finsternis, das Heil der aufgescheuchten Seelen, der hohe Lobgesang, durch die Zeiten herüberklingend, der Dank für den Leidenskelch – all dieses „Dennoch und Ja“ mitten im „Nein“ des konkreten Lebens.
2: Vieles habe ich von Bonhoeffer gelesen. Oft sind ihm lauter irdische Dinge eingefallen, wenn er von der Güte Gottes sprach. Er war glücklich, auf dem letzten Transport so viele russische Gefangene kennenzulernen, führte endlose Gespräche, lernte russisch von einem jungen Russen und betete mit ihnen. Payne Best, ein englischer Mithäftling, schrieb später von ihm: „ .... er verbreitete um sich her stets eine Atmosphäre des Glücks, der Freude über das kleinste Ereignis im Leben und von tiefer Dankbarkeit dafür, dass er überhaupt lebte. Er war einer jener seltenen Menschen, die ich getroffen habe, denen Gott eine Wirklichkeit ist, die sie ganz nahe umgibt".
1: Ja, er glaubte Gottes Güte in all die Ereignisse hinein, bei den bösen Verhören, dem letzten Geburtstag, endgültige Trennung, Ende aller Außenkontakte, Berlin in Trümmern, Abtransport am 7. Februar, noch in Buchenwald fast zwei Monate, bei der Irrfahrt der Wachmannschaften ins Donautal, wo schon die Freiheit winkte, dann der jähe Abbruch, Standgericht, Liquidierung im Morgengrauen des 9. April 1945. Der Lagerarzt hat das Ende geschildert: nie habe er einen Menschen so sterben sehen, nie in fünfzig Jahren, so gefaßt, so getrost.
2: In seinem letzten Brief an seine Braut Maria von Wedemeyer, kurz vor dem letzten Weihnachten geschrieben, beschreibt er die „guten Mächte“. Er sagt das nicht theologisch abgehoben, nicht abstrakt. Er nennt Personen, Daten, Erinnerungen – Gott ist mitten unter uns: „Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und meine Studenten an der Front, sie alle sind für mich stets gegenwärtig. Deine Gebete, gute Gedanken, Worte aus der Bibel – das alles gewinnt Leben und Realität wie nie zuvor.... Darum sollst Du nicht denken, ich wäre unglücklich. Was ist Glück und Unglück? Es hängt so wenig von den Umständen ab. Es hängt eigentlich nur von dem ab, was im Menschen vorgeht“.
1: Der Unterschied ist wohl, ob das einer vorher sagt, im Licht des gelingenden Lebens, oder nachher, im Schatten einer Gefängniszelle. Die Verwechslung ist verbreitet. Wir nehmen unser Glück für Gott und Gott für unser Glück. Bonhoeffer hat gegen die vorschnelle und verhängnisvolle Gleichsetzung gekämpft, die dann oft zu Kurzschlüssen führt, weil wir dabei weder unser Glück noch Gott kennenlernen.
2: Was meinst Du damit?
1: Wir leben eher in den tag hinein und nennen unsere Liebe Gott und Gott lieb, solange er uns nichts vorenthält. Im Alter rücken wir Gott dann an die Grenzen, weil wir sicher gehen wollen, wohin das Ganze läuft. Und wenn es dann für uns nicht stimmt, lassen wir von Gott überhaupt ab und werden zynisch.
2: Ja, da hat es uns Bonhoeffer anders gezeigt: Je heißer die Hölle wurde, umso gewisser wurden ihm durch alle Zweifel und manche Verzweiflung hindurch die Macht der guten Mächte – und dass sie nicht draußen sind, sondern hier in der Nähe und der gleichen Namen haben wie alles, was ihn je als gute Gabe beglückte.
1: In der Bibel las und verstand er: Gottes Ziel ist es, dass uns alle Dinge zum Besten dienen. Er vermittelt es durch seinen Segen. Der Mensch – wir – können ihn in Gebrauch nehmen: „Segnen, das heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem zu Gott“.
2: Das ist es, was wir als Christinnen und Christen tun können mit der Welt: wir verlassen sie nicht, wir verwerfen, verachten sie nicht, sondern wir rufen sie zu Gott, wir geben ihr Hoffnung,,wir legen die Hand auf sie und sagen: „Gottes Segen komme über dich, er erneuere dich, sei gesegnet, du von Gott geschaffene Welt, die du deinem Schöpfer und Erlöser gehörst“.
1: In solch einer Haltung bleiben wir wach. Wach für die Sorgen und Probleme der Menschen in dieser Welt. Wir erinnern und vergessen nicht. Wir erinnern uns an Gottes Güte und seine Gaben. Bonhoeffer war ein dankbarer Mensch und darum schon reicher Mensch: „all deiner Kinder hohen Lobgesang“: Er vergaß die Fülle all seiner kurzen Jahre nicht, keine ihrer Gaben. Und das heißt doch wohl, Gott nicht zu vergessen. Die guten Mächte waren nicht Adressat seiner Stoßgebete, sondern das Licht, in dem er atmete.
2: Oder wie Bonhoeffer einmal sagte: „Wir haben Gottes Segen empfangen im Glück und im Leiden. Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders als diesen Segen weitergeben. Ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein.“
1: Deshalb erinnern wir uns. Wir erinnern uns an das Dunkle. Und wir erinnern uns an den Gott, der sich unserer erinnert und uns nicht vergißt. So wehret den Anfängen, greift dem Rad in die Speichen! Werden wir, bleiben wir sensibel für die Mechanismen der Gewalt und Ausgrenzung heute, wie sie sich in unserem Land zeigen: durch die Aushöhlung des Asylrechtes; durch die unmenschliche Situation, in der viele Flüchtlinge bei uns leben müssen; durch die versteckte und offene Ablehnung des Fremden, des anderen in unserem Alltag.
2: Als Christinnen und Christen sind wir berufen, aus dem Segen Gottes zu leben und segnend die Welt zu verändern. Darauf wartet die Welt, die Menschen um uns herum. Bonhoeffer hat dies einmal so ausgedrückt: „Jesus Christus weiß allein, wo der weg hingeht. Wir aber wissen, dass es ganz gewiß ein über allerMaßen barmherziger Weg sein wird.“
1: Darum können und dürfen wir gerade auch in unsicheren Zeiten „Von guten Mächten wundebar geborgen“ singen. Und das wollen wir nun auch tun – mit den Strophen 4-6.
Andreas Goetze/ Daisy Schütz
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