Von Entscheidungen, die heilsam sind 1. Kön.18,21
(Fest der Silbernen Konfirmation am Erntedankfest)
Liebe Freundinnen und Freunde in Christus, liebe Gemeinde
Kanzelgruß
Plötzlich kommt ein Brief: Silberne Konfirmation. Viele von den am 24. und 31. Mai 1981 Konfirmierten waren überrascht – was, 25 Jahre ist das schon her? Wer hat sich da gemeldet? Die Kirche – wer ist denn das? Ja, viele haben den Kontakt zu Ihrer Gemeinde und zum eigenen Glauben verloren – so reagierte der eine oder andere erschreckt. Doch es gab auch andere Reaktionen: „Das ist ja schön, dass Sie an so ´was denken“. Nicht jede und jeder kann heute dabei sein, obwohl er gerne wollte: manch eine und einer hat Dienst, andere leben im Ausland in Belgien oder den USA.
Grundsätzlich scheint es mir aber so zu sein, dass gemeinschaftliche Abende im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext in unserer individualistischen Zeit weniger Bedeutung haben. So waren beim Bürgerempfang der Stadt Rodgau in dieser Woche nur 12 von 101 eingeladenen Geburtstagskindern gekommen, um miteinander zu feiern. Und Sie sind heute 4 von 32.
Ich bin gespannt, wen Sie auf den Bildern der Konfirmation von 1981, die Annegret Roth mir netterweise zugeschickt hatte, wiederentdecken. Nicht nur äußerlich haben Sie sich verändert in den 25 Jahren. Sie haben auch viel erlebt und manches auch durchmachen müssen. Ihnen geht es wie uns: Ein paar Jahre nach der Konfirmation haben die meisten von uns ihr Elternhaus verlassen und das heißt: wir haben unser Leben in die eigene Verantwortung genommen. Mit Beziehungen und Partnerschaften haben wir teils gute Erfahrungen gemacht, teils auch Enttäuschungen erlebt. Bei einer Reihe von uns haben Kinder das Leben verändert und der Alltag mit seiner Arbeit das Leben geprägt.
Dass wir Silberne Konfirmation verbunden mit dem Erntedankfest feiern, ist kein Zufall. Denn ich bin überzeugt: Die Grundübung menschlichen Lebens heißt Dankbarkeit. Und das Gegenteil davon ist Vergesslichkeit. Das könnte eine Entscheidung sein, die heilsam ist: Dankbarkeit als Grundhaltung des Lebens und des Glaubens. Ich verdanke mich Gott und so vielen anderen, ich denke an meine Eltern und Freunde, an meine Frau und unsere Kinder, weil sie für mich da sind und ich für sie da sein kann. Ich denke an unsere Gemeinde, die betend und fürbittend auch mich begleitet.
Dankbarkeit ist Ausdruck von Zuneigung und Liebe, eigentlich grundlos – und Gott gegenüber bewundernde Verehrung, dass er, der Schöpfer der Welt, dass er sich mir kleinem Geschöpf zuwenden will. Dankbarkeit, am Morgen ausgesprochen und durch den Tag hindurch in Erinnerung gehalten und geübt, nimmt auf, dass ich Gott recht bin, weil er mich als einen wunderbaren Menschen wertschätzt und liebt.
In der dankbaren Haltung wird mir bewusst, dass ich mein Leben nicht mir verdanke, sondern dass es ein Geschenk ist. Menschlich gesehen entdecken wir vieles, was uns oft wenig Grund zur Dankbarkeit gibt. Aber ich danke ja nicht, weil alles nach meinen Wünschen läuft, sondern weil Gottes Zuneigung – durch alle Wolken hindurch – gilt – unbegründbar und grundlos. So kann ich leben, diesen Tag hindurch und über den Tag hinaus.
Es ist immer wichtig, mit welchen Augen und mit welcher inneren Haltung wir auf die Menschen und die Dinge, die uns umgeben, blicken. Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung, eine Entscheidung. Wir sind herausgefordert, uns klar zu machen, wie wir unser Leben sehen wollen.
Bei vielen Menschen spüre ich den Wunsch, ja, die Sehnsucht, das eigene Leben aus einer Haltung heraus zu leben, die das eigene Ich und den Alltag übersteigt – oder um es anders herum zu sagen, dass ihr Leben in die Tiefe führt. Doch der Alltag scheint mit seinen Antreibern immer wieder dagegen zu stehen. Deshalb sind Entscheidungen nötig, die heilsam sind; die helfen, dem eigenen Leben eine gute Richtung zu geben und die in die Tiefe führen.
Wir sind eingeladen in die Sehschule Jesu – mit Jesu Augen und mit seiner Botschaft von der liebenden Gnade Gottes auf unser Leben zu blicken – auf dem Weg, eine eigene, persönliche Haltung des Glaubens zu entwickeln und sich darin einzuüben – den alltäglichen Antreibern zum Trotz.
Christlicher Glaube ist alltagstauglich oder er ist kein Glaube. So möchte ich jetzt einige dieser Antreiber in unserem Alltag nennen und schauen, wie wir diesen als Christinnen und Christen dem begegnen können.
„Sei perfekt!“
Das ist der erste Antreiber, den wir gut kennen. Vielleicht hat der Vater oder die Mutter besonders Wert auf Perfektion gelegt, vielleicht waren es die ersten Schulerfahrungen. Jedenfalls steckt das tief in uns drin, dieses Gefühl, gut, ja, perfekt sein zu müssen. In der Theorie wissen wir, dass wir viel weniger perfekt sind als wir nach außen oft zugeben. Wir wissen im Tiefsten auch: Perfektionstrieb und christlicher Glaube widersprechen sich völlig. Aber doch neigen wir dazu, uns immer wieder gegenüber anderen herauszustellen durch das, was wir tun, um großartig zu erscheinen und Anerkennung zu gewinnen.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: es geht nicht darum, etwas nicht gut machen zu wollen oder womöglich gar – anders herum - einem Qualitätsanspruch nicht mehr genügen zu wollen. Leistung gehört zum Leben, und Leistung soll auch gut sein. Aber der Antreiber „sei perfekt!“ bedroht und zwingt uns in eine Leistungshaltung, die über- und unmenschlich ist.
Übrigens auch in Sachen Religion: Besteht Religion hauptsächlich aus Angst vor sich selbst, vor der Welt oder vor Gott; ist sie in erster Linie ein Bedürfnis, religiöse Pflichten und Auflagen zu erfüllen, dann ist sie nur ein „hartes Joch“. Das Versprechen Jesu, dass seine Last leicht und sanft ist, möchte uns versichern, dass ein enger, humorloser Glaube nicht sein Weg ist.
Man kann die Härte des Lebens ertragen und durch das Versagen hindurchschauen, wenn das eigene Leben wunderbar und getröstet in Gottes Liebe ruht. Deswegen haben liebende Menschen einen Überschuss an Energie für die anderen. Wer sich von Gott geliebt weiß, entwickelt eine liebvolle Haltung zu sich selbst, zu anderen, zur ganzen Schöpfung.
„Sei stark!“
Auch diesen Antreiber kennen wir gut aus unserem Leben. Vielleicht flößten Eltern früher Generationen das insbesondere ihren Söhnen ein – frei nach der Losung: „ein Indianer weint nicht!“. Die Folge ist, dass wir Männer uns unser Leben lang schwer damit tun, Schwächen zuzugeben. Mag die biblische Botschaft noch so viel davon schreiben, dass die Kraft Gottes bei denen zum Zug kommt, die sich ihrer Schwäche nicht schämen, so sind wir doch immer wieder diesem Antreiber unterlegen. Wir wagen es nicht, Gefühle zu zeigen und spielen eine Rolle, die auf Dauer nur schwer durchzuhalten ist.
Wenn ich aber wirklich weiß, dass mein Name bei Gott auf ewig verzeichnet ist, kann sich in mir eine innere Haltung entwickeln, mich nicht zu wichtig zu nehmen. Wer in einem zentralen Punkt - in Gott – festen Halt hat, gewinnt einen unglaublich weiter Horizont, ohne sich zu verlieren. Er kann auch Schwächen zugeben, Vergebung empfangen und Vergebung gewähren.
„Beeil dich!“
Auch hier werden sich viele wieder finden. Es muss alles sehr schnell gehen. Das ist uns irgendwie eingeimpft. Die Bibel spricht viel von Geduld und Stille, aber es fällt uns schwer, gegen diesen Antreiber anzuleben. Auch hier ist nichts gegen ein gesundes Tempo gesagt. Doch die Eile hat der Teufel erfunden. Dieses „Beeil dich!“ führt zu einer ununterbrochenen „Hab acht“ – Stellung, die auf Dauer die Gesundheit an Leib und Seele ruiniert.
Gott lädt uns ein zu einer Haltung, seine Lebensgewissheit aus der Ewigkeit, aus dem weiten Lebensraum Gottes zu gewinnen. Zu glauben bedeutet, sich festzumachen an dem Gott, der mir in Zeit und Ewigkeit das Leben in Fülle gönnt. Wenn dies zu meiner Lebenshaltung wird, verliere ich mich nicht in zerbrechlichen Augenblickserlebnissen, die keinen Bestand haben und keine wahre Freude auslösen.
Schneller – höher - weiter: wir erleben heute eine gewaltige Sinnkrise und alle Arten von Sucht, mit denen Menschen versuchen, dieses schmerzliche Gefühl, etwas zu verpassen oder zu kurz zu kommen, auszugleichen. Gott sagt dir und mir zu: unser Leben hat ein Ziel, die ewige Geborgenheit in Gott. Und ein Leben, das ein Ziel hat, ist sinn- voll und macht gelassen und gelöst.
„Habe alles unter Kontrolle!“
Dieser Antreiber verdammt uns dazu, Kontrollfreaks in einer verweltlichten Gesellschaft zu sein. Denn da ist niemand, den wir gut genug kennen, mögen oder dem wir genügend vertrauen, um ihm die letzte Kontrolle anzuvertrauen. Diese Mentalität, alles im eigenen Leben zu kontrollieren, im Griff haben zu wollen, führt dazu, dass viele Menschen eine genaue Vorstellung davon haben, was ihnen alles zusteht und welche Rechte sie haben. „Hauptsache Ich“ ist dann die Losung, mit der wir verletzt werden und einander verletzen, mehr als je zuvor. Nicht nur durch Kriege und alltägliche Gewalt, sondern einfach deswegen, weil unser Leben dann nicht mehr sehr viel Freude macht.
Weiß ich mich von Gott getragen und begleitet, bin ich auf einem spirituellen Weg, entwickele ich ein Grundvertrauen ins Leben. Jedenfalls brauchen Menschen, die mit ihrer Quelle des Lebens verbunden sind, nicht ihr ganzes Leben und alle Ereignisse darin zu steuern. Sie wissen, was Gott für sie getan hat und tut – und zwar viel besser, als sie selbst es je könnten.
Die Kontrolle aufgeben, das ist eine Schule gegen Macht und Ego-Herrschaft und für Mitgefühl und Verstehen. Es ist eine Vorbereitung auf das große Loslassen, auf das Sterben. Es lohnt sich, sich schon in jungen Jahren darin zu üben, die Kontrolle aufzugeben. Es macht viel glücklicher und lässt uns viel näher der Wahrheit leben, die frei macht – näher dem Jetzt, näher bei Gott.
Was hilft?
Was sollen wir tun, wenn wir diese Antreiber wahrnehmen? Zunächst einmal: Schon das Wahrnehmen ist ein erster Schritt, um die Freude des Glaubens neu entdecken zu können. Denn wenn ich die mich unter Druck setzenden Mechanismen meines Lebens kenne, kann ich auch daran arbeiten.
Denn darum muss es gehen, dass ich in dem Heiligungs- und Heilungsprozess meines Lebens diese Antreiber vor Gott bringe und ihn bitte, sie auszutreiben, damit ich etwas mehr erfahre und leben kann von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. – und damit ich selbst für meine Mitmenschen nicht mehr so anstrengend bleibe. Wie der Prophet Elia das Volk Israel schon vor mehr als 2500 Jahren aufrief, eine heilsame Entscheidung zu treffen (1. Könige 18,21): „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der Herr Gott, so wandelt ihm nach – ist es Baal (der damalige Fruchtbarkeits- und Konsumgott), so wandelt ihm nach!“.
Es geht hier um einen langen Prozess, denn tief greifende Verhaltensmuster lassen sich nicht so schnell lösen und beseitigen. Sich einzuüben, als dankbarer Mensch zu leben und eine dankbare Lebenshaltung zu entwickeln, ist ein zutiefst christlicher, ein spiritueller Weg. Und nur gemeinsam lässt sich solch ein Weg gewinnbringend gehen: getragen und unterstützt durch andere. Denn allein auf sich gestellt ist der Druck der Antreiber zu groß. Hier spielt die Gemeinde, die Gemeinschaft eine wichtige Rolle: Geistliches Leben, eine Glaubenshaltung zu entwickeln, braucht die andere, den anderen.
Ein geistlicher Begleiter gab mir einmal eine Frage mit auf den Weg. Er bat mich, über mein Leben nachzudenken unter zwei Leitfragen: „Was will ich lassen?“ Und: „Was will ich lieben und üben?“. Da, wo ich mir Zeit genommen habe, diese Dinge aufzuschreiben und zu unterscheiden, fand ich immer wieder Kraft zu neuen, guten Entscheidungen. Denn das ist auch klar: Das „Nein!“, das wir sprechen und auch umsetzen müssen, soll nur den Weg frei machen für das große und starke „Ja!“, das wir zur Entfaltung des Lebens brauchen.
* Das Nein zu den Antreibern ermöglicht das wachsen in der Grundhaltung der Dankbarkeit.
* Das Nein zu Hass und Bitterkeit ermöglicht das Ja zu Liebe und Versöhnung.
* Das Nein zu Selbstsucht, Unehrlichkeit und Täuschung stößt das Tor weit auf für das Ja der Hinwendung zu den anderen und letztendlich zu Gott. Heilsame Entscheidungen für mich sind eben auch heilsam für die Beziehungen, in denen ich lebe.
Ich wünsche mir und uns allen, dass wir unser Christsein befreiter leben können, es wieder neu entdecken – und dass wir und andere auch etwas davon spüren. Gott hat alles Nötige dafür getan. Es geht darum, dass wir nun auch zu leben lernen, was wir glauben.
Unsere Entscheidung zählt. Unser ja zu Gott zählt. Unser Leben zählt. Das ist ungeheuerlich. Aber es stimmt.
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