Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Über Grenzen hinaus

Predigt zu Apg. 10 (Verse 11-16.25-35)

 

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Er hatte sich so sehr auf seine Reise nach China gefreut, hatte sich den neusten Reiseführer besorgt und ihn von vorne bis hinten studiert. Seine Freunde haben ihn sehr beneidet: Ins Reich der Mitte zu fliegen - faszinierend. Für Klaus ging ein Traum in Erfüllung.

 

„Wissen S´e, es wäre ja die schönste und beste Reise meines Lebens geworden, ja, wenn - wenn nicht das am ersten Abend passiert wäre. Und das, was da am ersten Abend passiert war, das war ein starkes Stück, unbegreiflich und entsetzlich, einfach ekelerregend. Ich bin ja ein Mensch von heute, weltoffen und tolerant. Alles schön und gut, kein Problem. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Und dann auch noch am ersten Abend. Wissen Sie, man kommt müde vom Flug, freut sich auf ein deftiges Abendessen - und dann das: 100 Tage alte Eier in so´nem Glas. Ich dachte: ‘Das darf doch nicht wahr sein!’. Und das ging ja so weiter: Gebratener Pudel - ich hab´s nicht ausgehalten. Da hat´s mir doch den Magen umgestülpt, wissen Sie: das hält doch kein Mensch aus. Die ganze Reise war gelaufen. Und dann, kennen Sie des? Immer, wenn ich dann ´nen Huhn oder ´nen Pudel gesehen habe - schon ging nicht´s mehr...“.

 

Da macht sich einer auf in die weite Welt - und ich kann verstehen, warum er so reagiert. Denn ich bin Europäer. Und ich empfinde das abstoßend. Die Volksweisheit: „Was der Bauer net kennt, des frißt er net“, beschreibt genau diesen Sachverhalt. Was ich nicht kenne, was mir fremd ist, kommt nicht in mich rein.

 

Da sind Dinge im Spiel, die gehören mit zu den Grundlagen unseres Lebenskontextes. Wir sind da viel befangener als wir denken.... hm, ein leckeres Schwalbennest... also, nein, nein... es geht nicht. Wir entschuldigen das dann immer rational, geben hygenische Gründe an oder so. Aber das sind alles nachträgliche Rationalisierungen. Nicht, daß diese falsch sind, aber die eigentliche Tiefe erreichen sie nicht.

 

In Frage stehen die Grundlagen unseres Lebens. Was gehört eigentlich zuunserem Leben dazu? Was macht unser Leben aus? -Und: Wo kommt das her, daß andere auf uns oft erst ´mal abstoßend wirkt; daß uns das Fremde so Angst macht? Was müssen Ausländer bei uns nicht alles tun, um als deutsche Staatsbürger anerkannt zu werden? Viele leben in der dritten oder vierten Generation bei uns - und gehören immer noch nicht zu uns. Täglich werden wir neu mit harten Grenzziehungen zwischen den Menschen und Völkern konfrontiert. Fremdenhaß und Nationalismus stören das schöne Wunschbild von der einen Menschenfamilie. Und die Religionen spielen darin oft eine unheilvolle Rolle.

 

Wer gehört dazu? Wer gehört zu uns? Von wem grenze ich mich ab? Was gehört zu meinen Grundlagen des Lebens und darf in meinem Leben vorkommen? Und was nicht?

 

Mit diesen Gedanken sind wir schon mitten drin in einer der spannensten Geschichten des Neuen Testamentes: Wir befinden uns mitten im 10. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas - dem Buch der Bibel, das von den Anfängen unserer Kirche erzählt. Es ist die Geschichte einer von Gott gewirkten Begegnung von zwei Menschengruppen, die von sich aus nicht zueinander hätten finden können. Grenzen wurden sichtbar. Und es geschieht, daß diese Grenzen aufgesprengt wurden - und zwar durch einen Gott, der sich selbst verändert hat. Und damit ist etwas Entscheidendes für uns Menschen passiert. Eine Art von Apartheid wurde überwunden. Aber zunächst...sehen wir selbst:

 

Auf der einen Seite Petrus: Er gehört dazu. Wahrscheinlich nimmt er gar nicht einmal wahr, wie es zu seinem Leben gehört, daß er die anderen ausschließt. Die anderen: das sind die Nichtjuden; das sind die Menschen, die in den Grenzen damaliger Religion gesprochen, als die Unreinen galten gegenüber den Reinen. Er darf als jüdischer Mann nicht mit Menschen verkehren, die nicht zu dem Bund gehören, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat. Petrus fühlt sich daran gebunden. Er ist kein böser Mensch, er ist anständig, rechtschaffen. Aber Grenzen sind Grenzen.

 

Auf der anderen Seite steht der römische Hauptmann Cornelius. Er ist der Fremde, auch wenn er im gleichen Land lebt und sich sogar schon weitgehend angepaßt und als Wohltäter erwiesen hat. Cornelius ist ein Mensch, der Gott ernst nimmt, der samt seinem ganzen Haus nach Gottes Weisungen zu leben sucht. Und doch gibt es da eine gegenseitige Unberührbarkeit, eine deutliche Grenze. Hier das erwählte Volk, dort die unreinen Heidenvölker.

 

Beide - Petrus und Cornelius - haben nichts miteinander zu tun, auch wenn sie neben- und miteinander leben. Die beiden Menschen haben je ihr eigenes Gesicht. Türken sind nicht Deutsche. Die Muslime sind nicht von vornherein unsere Geschwister. Und es scheint manchmal nicht weniger fraglich, ob Protestanten wirklich Geschwister von Katholiken sind und umgekehrt.

 

Und dann passiert etwas, was die ganze Weltgeschichte umkrempelt und uns Menschen in ein neues Licht rückt. Der Cornelius wird von Gott aufgefordert, den Petrus zu besuchen, weil der ihm wichtiges zu sagen habe. Und auch Petrus bekommt ein neues Gesicht: Nämlich eine Vision. Er sitzt auf dem Dach seines Hauses - ---> lesen: Apg. 10, 11-16.

 

Der Petrus wird ganz nervös: was hat diese Vision zu bedeuten? Was will Gott ihm damit sagen? Diese üblen Kriechtiere - ein Greul, und dann auch noch dreimal - es war furchtbar. Das war doch gegen alle Reinheitsgebote; gegen all das, was ihn von Kindheit an geprägt hatte und was nun abweisend schrie: „Unrein! Unrein!“. - Und dann dieses Wort Gottes, daß ihn bis ins Mark hinein erschüttert und ihn schmerzvoll auf einen neuen Weg mitnimmt: „Was Gott rein gemacht hat, das behandle du nicht als unrein!“

 

Dieses Wort Gottes fordert uns dazu heraus, daß wir das glauben, daß es uns, die wir im Namen Gottes versammelt sind, möglich ist durch Gottes Geist zu überwinden, was uns trennt. Eine wahrhaft ökumenische Perspektive!

 

Uns muten die Begriffe „rein - unrein“ fremd an, doch wenn wir ehrlich sind, merken wir, wie das auch bei uns eine Rolle spielt. Wir definieren das heute nicht mehr über den religiösen Kult wie damals. Bei uns läuft das Stichwort „rein - unrein“ mehr unter der Kategorie fremd, abstoßend, bedrohlich, eklig. Die anderen, die stinken einem, die gehören nicht zur Feier unseres Lebens hinzu. Mit dem will man in seinem Leben nichts zu tun haben. Knoblauch oder ein leckeres Schwalbennest..., nein danke.

 

Und hier nun - in der Apostelgeschichte - findet der Übergang statt. Die Umkehrung unserer althergebrachten und liebgewordenen Einstellungen. Vor Gott gilt keine Ausgrenzung. Zu Gott, zum Leben, haben alle Menschen Zugang - alle! Aber was muß eigentlich passieren, daß diese Abgrenzung - hier das erwählte Volk, dort die anderen, die Fremden - daß diese Barriere eingerissen wird?--> lesen: Apg. 10,25-35.

 

Petrus hat sich auf den Weg mitnehmen lassen. Er ließ sich von Gott ansprechen und verändern. Weil er entdeckt hat, daß und wie sich Gott sich geändert hat!

Diese zwei Eckpunkte christlichen Glaubens möchte ich nun genauer betrachten.

 

1. Überlegung:Gott muß sich ändern! Denn: Gott hat ja selbst die Reinheitsgebote gegeben. Und wenn sich das ändern soll, dann muß Gott sich ändern - und genau das passiert: Gott anulliert die Reinheitsgebote, die er selbst in 3.Mose 11-15 gegeben hat. Gott ändert sich - das ist das Dramatische!

 

Das müssen wir uns genauer ansehen: Wenn Gott sich ändert, dann wird auch Mensch - Sein neu definiert. Voher war Mensch - Sein so definiert: Die Feier des Lebens geht nur mit Volksgenossen, denn wir sind das erwählte Volk, darum kennen wir Gott, Gott ist unser Gott.

 

Nun entscheidet nicht mehr die Gruppenzugehörigkeit, sondern die Zugehörigkeit zu Gott. Zu Gott gehören nicht nur die, die eine ganz bestimmte religiöse Ausprägung haben: Keine Konfession kann sich auf Gott berufen, wenn sie sagt: so, wie wir unseren Glauben leben, das ist einzig wahr. Keine Nation kann sich auf Gott berufen, um gegen eine andere in den Krieg zu ziehen. Auf den Gott, der hier die Grenzen aufhebt zwischen rein und unrein, der hier Frieden stiftet, auf den kann sich keiner berufen, der Fremde in unserem Land ausgrenzt.. Zu meinem Gott gehören nicht nur die Menschen, die genauso bürgerlich anständig leben wie ich.

 

Sondern: Das ist der Gott aller - auch derer, die nicht so leben wie ich, die ihr leben anders gestalten als ich; auch derer, die nicht aus demselben Volk kommen, die nicht dieselbe Sprache sprechen; auch derer, die nicht dasselbe Weltbild haben: deren Gott ist das auch!

 

Mensch - Sein wird jetzt nicht mehr national oder kulturell definiert, sondern universal gleich gesehen: Alle Menschen sind vor Gott rücksichtslos gleich - obwohl alle Menschen auf der Welt verschieden sind. Mensch - Sein auf der Höhe, das ist: Gottesfurcht und das Tun des Gerechten. V.34+35: „Nun erfahre ich in Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansieht, sondern in jeglichem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist bei ihm angesehen“. Mensch - Sein wird also definiert über Gottesfurcht, nicht über Volkszugehörigkeit und Rasse oder über Bildung oder über Geschlecht.

 

Das muß nun Petrus erkennen. Er sieht die Kriechtiere. "Bloß das nicht!", sagt er, "das darf mir nicht passieren". Und Gott sagt: "Genau das wird dir passieren".

 

2. Überlegung: Wodurch hat sich Gott geändert? Dazu sagt Petrus: V.36. Gott hat sich geändert durch den Frieden in Jesus Christus. Gott hat Frieden gemacht. Gott selbst hat alles überwunden, was uns ein Greul war, was zu unserer Feier des Lebens nicht dazugehören konnte: er hat den Aussatz überwunden, er hat die Grenzen überschritten, er hat die geheilt, die vom Teufel besessen waren, er hat den Tod durchlitten. Den Tod! Also auch das, was schlechthin unrein machte, was nun wirklich nicht mehr zur Feier des Lebens dazugehören kann - das hat Gott überwunden.

 

Als Christen machen wir uns nichts vor: Auf dieser Welt wird es keinen ewigen Frieden geben. Grenzen werden spürbar bleiben. Wir wollen aber alles dafür tun, daß wir nicht zu früh und an falscher Stelle Grenzen ziehen. Denn wir haben unseren gekreuzigten und auferstandenen Herrn im Blick: Dieser Jesus ist auferstanden, der neue Mensch; der, der keine kultischen, rassischen, religiösen Grenzen mehr kennt, der Gott überall entdeckt: das ist der Mensch, mit dem Gott Frieden gemacht hat.

 

Mensch - Sein ist nur noch abhängig von der Vergebung der Sünden, von nichts mehr anderem. Ein befreiter, ein neuer Mensch ist der, der sich der Vergebung der Sünden gewiß sein kann - und dies geschieht nun nicht mehr durch den Kult, sondern durch Glauben! Ich glaube, daß sich Gott mit mir bedingungslos verbunden hat ohne Ansehen der Person - auch ohne Ansehen der Person, der ich jeden Morgen im Spiegel begegne. Wo ich mich vor mir selbst ekele und nicht leiden mag oder wo ich mich vor anderen meiner schäme. Weder: "So wie der möchte ich nie sein!" noch: "ja, so wie der wäre ich gerne". Weder Selbstüberschätzung noch Selbtminderung. Vergebung Gottes meint konkret: Ich bleibe Gott wertvoll. Welch eine Freiheit!

 

Wagen wir es, den Weg von Petrus zu gehen? Petrus steht ja für die Kirche - und die Kirche, das sind wir! Wir stehen am Anfang eines neuen Weges. Wir haben die Kirche Jesu nicht begründet und wir werden das Leben seiner Kirche nicht garantieren. Gott selbst wird sein Werk vollenden. Darum erschrecken wir nicht ob der großen Aufgaben, darum werden wir nicht hoffnungslos, und darum gehen wir getrost ins Gebet und an die Arbeit.

 

Wir dürfen und sollen unseren kurzen Augenblick, unsere Erkenntnis und unseren Glauben, unsere Liebe und unsere Hoffnung mit allen Gaben und Fehlern einbringen. Und unser Gott wird daraus seinen Segen machen. Das glaube ich und davon bin ich überzeugt. Und genau in diesem Glauben gilt es, Herausforderungen anzunehmen, Ideen zu erbitten und zu gewinnen, Konzepte zu entwerfen und Vision und Konzept in die Tat umzusetzen.

 

  • Und so träume ich von einer Gemeinde, in der niemand eine Maske zu tragen braucht, weil man nicht Angst haben muß, daß einer irgend etwas gegen den anderen ausnutzt.
  • Ich träume von einer Gemeinde, in der keiner seine Schwächen verbergen und Stärken vortäuschen muß, weil man sich angenommen fühlt, so wie man ist.
  • Ich träume von einer Gemeinde, in der niemand am Sinn seines Lebens zweifeln muß, weil er spürt, daß die anderen auch ihn brauchen.
  • Ich träume von einer Gemeinde, in der jeder sich ändern kann, weil er weiß, daß seine Äußerungen in Liebe aufgenommen werden und es nicht auf schlaue Worte und gekonnte Rede ankommt.
  • Kurz: als Pastor und Seelsorger träume ich von einer Gemeinde, in der versucht wird, einfach und schlicht das Evangelium Jesu wirklich zu leben.

 

All dies können wir nur gemeinsam tun. Brechen wir gemeinsam auf - über Grenzen hinweg - zu einer lebendigen ökumenischen Gemeinschaft. Wir sind Kirche! Gott möge uns auf unseren Wegen freundlich geleiten. Amen.

 

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