Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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trauern braucht zeit
 


Trauern braucht zeit

Teil 1: In Ruhe Abschied nehmen
Teil 2: Die eigene Endlichkeit verstehen
Teil 3: Die Bestattung planen
Teil 4: Zeiträume
Teil 5: Andere trauern anders
Teil 6: Hilfen für die Zeit danach
Teil 7: Die ersten Wochen
Teil 8: Mit dem Verstorbenen leben
Teil 9: Selig sind die Trauernden –Zur Bedeutung der Trauerarbeit
Teil 10: Selig sind die Trauernden – Folgen nicht verarbeiteter Trauer
Teil 11: „Mama, darf ich mit auf den Friedhof?“
Teil 12: Sterbehilfe oder Sterbebegleitung?
Teil 13: Martin Luther zum Krankenbesuch
Teil 14: Kann man die Frage nach dem Sinn immer beantworten?
Teil 15: Auch LEID hat seine Zeit
Teil 16: Gott gibt mir die Kraft!
Teil 17: Nur eine Lache
Teil 18: Die letzte Heimkehr - was wirklich tröstet und Halt gibt
Teil 19: Bitte um Hoffnung
Teil 20: Sich zu beten trauen in Zeiten des Leides
Teil 21: Tod, wo ist dein Stachel?
Teil 22: "Auch das noch: „Der verdorbene Bruder“
Teil 23: "Stunde verschenken“
Teil 24: "Das Brot ist längst nicht aufgezehrt“
Teil 25: "Selig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden“
Teil 26: "Lass Trauer zu“
Teil 27: "Vor den Kindern den Tod nicht tabuisieren“
Teil 28: "Ich denke zurück
Teil 29: Spuren des Lebens
Teil 30: Erd- oder Feuerbestattung
Teil 31: Manchmal ist alles zu schwerTeil 33: Warum? Wozu? Was diese Fragen uns bedeuten
Teil 34: Die Alten ehren
Teil 35: Zwei Texte, die trösten können und Hoffnung schenken
Teil 36: Glaubensinfo Totengedenken
Teil 37: Ein Abschied, der zum Leben gehört
Teil 38: Hier ein Abschied - dort ein Wiedersehen
Teil 39: Patientenverfügung
Teil 40: Christliche Überlegungen zur Patientenverfügung
Teil 42: Im Trauercafé neue Hoffnung schöpfen
Teil 43: Das Leben geht weiter
Teil 44: Kinder fragen nach Gott

 

 

Trauern braucht Zeit -
Neue Reihe zu den Grenzen des Lebens

Teil 1: In Ruhe Abschied nehmen:

In Ruhe Abschied nehmen - das ist ein mehr als verständlicher Wunsch, wenn ein naher Angehöriger gestorben ist. Denn Trauern braucht Zeit, nur so kann man langsam lernen, mit dem Tod zu leben.

Aufbahrung zu Hause

Der/ die Verstorbene kann bis zu 36 Stunden zu Hause bleiben, mit Ausnahmegenehmigung sogar 96 Stunden. Sie können die/ den Tote(n) durchaus anfassen. Sie können bei der Einsargung anwesend sein und mithelfen.

Auf Wunsch kann ein Toter auch zu Hause noch einmal aufgebahrt werden, selbst wenn Ihr Angehöriger in einem Krankenhaus gestorben sein sollte.

Für eine Aussegnung können Sie mich gerne als Pastor dazubitten. Ich spreche dann ein Gebet und ein Segenswort vor der Einsargung.

Zeit allein heilt keine Wunden

Nehmen Sie baldmöglichst mit mir oder dem Pfarrer Ihrer Kirchengemeinde Kontakt auf. Seelsorgerliche Begelitung tut gut, Zeit zum Gespräch hilft, den Verlust zu tragen. So wird Raum gegeben, um sein Leid auszudrücken. Sie brauchen nicht stark zu sein und so zu tun, als sei alles in Ordnung. Denn Trauer ist keine Krankheit, aber ungeweinte Tränen machen krank.

Teil 2: Die eigene Eindlichkeit verstehen

Sterben ist oft mit Krankheit und Leid verbunden, aber selbst wenn es das nicht ist, bleibt Sterben ein Zerbrechen. Selbst wenn Sterben subjektiv als Erlösung von schwerem Leid erfahren wird, oder wenn Menschen „lebenssatt" im Alter sterben, ist der Tod der Abbruch allen irdischen Lebens.

Begründete Hoffnung...

Das menschliche Leben wäre dieser Erkenntnis haltlos ausgeliefert, gäbe es nicht die Hoffnung, die uns mit der Botschaft von der Auferstehung der Toten erreicht. In der Auferweckung des Gekreuzigten nämlich wird offenbar: Gott, der ein Gott des Lebens ist, ist größer als der Tod, größer auch als der Tod jedes einzelnen Menschen. Wir wären die elendesten unter allen Menschen, sagt der Apostel Paulus, wenn wir diese in der Auferstehung Jesu Christi begründete Hoffnung nicht hätten (1 Kor. 15).

... als Geschenk Gottes

Kein Mensch freilich kann sich diese Hoffnung zurechtlegen und keiner kann anderen Hoffnung „machen". Das wäre keine Hoffnung. Hoffnung ist ein Geschenk.

Aber die Menschen bezeugen einander dieses Geschenk der Hoffnung, und dieses Zeugnis ist wichtig: Wie viele sind sich dieser Hoffnung nicht sicher und brauchen umso nötiger Menschen, die ihnen diese Hoffnung bezeugen! In dieser Hoffnung aber erfüllt sich das Menschsein. Jede Form der Hilfe und Zuwendung zu einem sterbenden Menschen teilt etwas von dieser Hoffnung mit. Ohne diese Hoffnung bliebe nur die Perspektive, aus diesem Leben möglichst viel an Erlebnis herauszuholen, bevor es der Tod schließlich doch zunichte macht.

Sich auf das Sterben vorbereiten

In der Zuversicht begründeter Hoffnung kann vieles getan werden, um das Sterben gut vorzubereiten. Doch niemand kann und muss sich vornehmen, das Sterben souverän zu bewältigen. In christlicher Hoffnung müssen Menschen darüber nicht verzweifeln, sondern können selbst das Sterben zulassen, weil ihnen zugesagt ist, dass sie auch im Tod nicht alleine, nicht gottverlassen sind. So ist das Leben des Menschen dem Tod nicht endgültig ausgeliefert. Diese Hoffnung zeichnet die Menschen aus, dieser Hoffnung sind sie würdig im Angesicht Gottes. Letztlich ist diese Hoffnung unverzichtbar, um die eigene Endlichkeit zu verstehen.

Die Einsicht und Erkenntnis, die mit der christlichen Hoffnung verbunden ist, gilt es auch in die öffentliche Diskussion einzubringen, denn sie verändert das Denken und Argumentieren. Es ist wichtig, Rechenschaft von der Hoffnung zu geben, die uns Menschen geschenkt ist (1 Petr. 3,15), weil sonst außer einem verzweifelten Kampf um die physische Lebensverlängerung nichts bleibt. Das Versprechen hoher Lebenserwartung aber kann die Hoffnung nicht ersetzen, dass Menschen dem Tod nicht endgültig ausgeliefert sind. Es gehört zur Sterbebegleitung, Menschen in dieser Hoffnung zu stärken. Wir blieben ihnen sonst das Entscheidende schuldig.

Text aus dem gleichnamigen Programmheft der Kirchen zur "Woche für das Leben 2004"

Andreas Goetze


Teil 3: Die Bestattung planen

Die Trauerfeier wird von Ihrer Kirchengemeinde verantwortet. Gemeinsam mit ihrem Pfarrer/ ihrer Pfarrerin überlegen Sie den Ablauf. Für eine gute Planung ist es wichtig, zu spielende Lieder oder Liedbeiträge von Chören sowie Nachrufe von Vereinen bereits vorher mit dem Pfarrer/ der Pfarrerin abzusprechen.

Schauen Sie nicht danach, was „man" macht. Sie müssen nicht den teuersten Sarg und den aufwendigsten Kranz auswählen, um Ihre Verbundenheit zu zeigen. Überlegen Sie, über was der/die Verstorbene sich gefreut hat und was Ihnen finanziell möglich ist.

Oft liegt in der Einfachheit eine pietätvolle Schönheit.

Statt Kränze Geldspende

Statt großer Kränze ist es gut möglich, für eine wohltätige oder caritative Einrichtung bzw. Organisation um eine Geldspende zu bitten: so kann etwas, was dem/ der Verstorbenen wichtig war, noch weiterwirken.

Abschied am Grab

Als letzte Liebestat begräbt die Trauergemeinde gemeinsam den/ die Verstorbene(n) zeichenhaft durch den Erdwurf. Ergänzend können als Zeichen der Liebe und der aufblühenden Hoffnung auch Blumen ins Grab oder an den Sarg gegeben werden. Kinder können ein selbstgemaltes Bild oder ein Andenken ins Grab geben.

Andreas Goetze

 

Teil 4: Zeiträume


Da ist das Problem mit der Zeit:
-> „Ich trauere nun schon ein Jahr um meine Mutter. Ist das noch normal?“
-> „Ich denke immer, die Trauer hat jetzt aufgehört, und dann scheint es wieder von vorne anzufangen.“

All diese Zeitempfindungen haben ihre Richtigkeit. Sie können sich selbst helfen, indem Sie sich Zeit lassen.
Wichtig ist, dass Sie sich in all Ihren Gefühlen annehmen und sich den Weg nicht durch Ihre eigene Ablehnung noch schwerer machen. Alle Empfindungen dürfen sein.
Da, wo Sie sich gestatten, Zeit zu haben, können Sie fast immer erleben, dass sich die Dinge langsam wandeln.
Oft tut es gut, darüber mit einem Menschen Ihres Vertrauens zu sprechen, mit einem Menschen, der Ihre besondere Zeit beim Trauern wahr- und ernstnimmt, der zuhören kann und verschwiegen ist.
Wichtig: Vermeiden Sie das Grübeln über Schuldgefühle, achten Sie auf einen geregelten Tagesablauf, sorgen Sie sich um Ihren Körper durch richtige Ernährung, Bewegung - auch wenn Ihnen das zunächst unwichtig erscheint.
Es kann auch helfen, wenn Sie Ihre Gefühle und Gedanken in ein Tagebuch schreiben oder wenn Sie nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen, z.B. Musik, Malen... .
Andreas Goetze


Teil 5: Andere trauern anders


Obgleich Trauer von vielen Menschen ähnlich erlebt wird, gibt es auch wieder Unterschiede, die uns oft irritieren, besonders bei Familienangehörigen oder engen Freunden. „Ich verstehe gar nicht, mein Mann scheint um unser verstorbenes Kind gar nicht richtig zu trauern“.
Solche und ähnliche Erfahrungen verstärken das Gefühl des Alleinseins, und dabei würden wir gerade jetzt so nötig Nähe und Verbundenheit brauchen.
Wir erleben: andere trauern anders! Anders in Bezug auf:
- die Gefühle zulassen und zeigen
- Über den Verstorbenen sprechen wollen
- Nähe brauchen und zulassen
- in Bezug auf die Zeit, die Dauer und auch die Tiefe der Gefühle.
Unterschiedlichkeit muss keine Distanz bedeuten
Wenn es möglich wird zu verstehen, dass die Andersartigkeit von Trauer kein Mangel an Liebe oder Tiefe bedeutet, dass sich in ihr nicht Härte, Desinteresse oder Kälte ausdrückt, so schafft die Unterschiedlichkeit weniger trennende Distanz.
Je mehr wir lernen, das anzunehmen, wird es uns möglich, dem anderen trotz der Unterschiedlichkeit nahe zu sein.
Auch wenn Menschen nach außen hin gar keine Trauer zeigen, heißt das nicht, dass sie nicht auf ihre Art trauern.
Andreas Goetze



Teil 6: Hilfen für die Zeit danach


Wenn alle Behördengänge erledigt sind, wenn die erste Zeit der Trauer vorüber ist und die Freunde und Bekannten sich weniger melden: was hilft dann, wenn es so still ist im eigenen Haus?
* Versuchen Sie auf einen geregelten Tagesrythmus zu achten.
* Vermeiden Sie das Grübeln über Schuldgefühle.
* Sorgen Sie für Ihren Körper: zum einen durch gesunde Ernährung - auch wenn Sie jetzt keinen Hunger haben und es Ihnen unwichtig erscheint. Zum anderen durch Bewegung, z.B. einen Spaziergang, ein Bad, Entspannung.
* Führen Sie ein Tagebuch
*Suchen Sie nach Ausdrucksmöglichkeiten, die vielleicht neu für Sie sind: Musik, Malen...
* Belassen Sie Ihre Wohnung zunächst so. Irgendwann kommt der Impuls - vielleicht nach einem halben Jahr, nach einem oder zwei Jahren.
* Stellen Sie Fotos auf.
* Gehen Sie in die Natur.
* Suchen Sie Gespräche mit anderen, die Ähnliches erlebt haben.
* Seien Sie mit Menschen zusammen, die Sie verstehen und annehmen.
* Machen Sie manches vielleicht genauso wie der verstorbene Mensch.
* Rufen Sie an, wenn Sie verzweifelt sind, Freunde, die Telefonseelsorge, Ihren Ortspfarrer.
* Scheuen Sie sich nicht, andere um konkrete Hilfe zu bitten.
Andreas Goetze



Teil 7: Die ersten Wochen

In der Zeit nach einem Tod sind besonders ganz praktische Handlungen hilfreich. Der Betroffene hat häufig wenig Kraft, er ist mit sich, mit der Beerdigung, den Papieren, die erledigt werden müssen, und seinen Gefühlen beschäftigt. Ein Suppentopf oder ein Salat vor die Tür gestellt, das Putzen der Treppe oder der Wohnung, das Zusammensein mit den Kindern, Einkaufen, einen Blumenstrauß vorbeibringen oder ein kleines schriftliches Zeichen - dies sind Gesten, die den Trauenden in der ersten Zeit besonders erreichen.
Briefe, in denen steht, was der Verstorbene einem bedeutet hat, welche Spuren er hinterlassen hat, sind kostbar. Sie vermitteln Wärme und Teilnahme.
Auch Briefe, die auszudrücken versuchen, wie sich der Trauernde fühlen mag, sind „Lichtzeichen in der Dunkelheit“: da ist jemand, der versucht, mich zu verstehen, der keine Angst vor meinem Leid und meinen Schmerzen hat.
Viele Trauernde können in der ersten Zeit nicht lange alleine sein, der Schmerz überrollt sie, und sie haben Angst, dass er sie ganz überwältigt. Es ist gut, sich immer mal wieder kurz bei dem anderen zu melden, sei es durch einen Telefonanruf oder einen gemeinsamen Spaziergang, der gar nicht lang sein muss.
Andreas Goetze

 



Teil 8: Mit dem Verstorbenen leben

Das Bedürfnis, mit dem Verstorbenen innerlich verbunden weiterzuleben, ist groß. Viele suchen Orte auf, wo sie mit dem anderen gemeinsame Erlebnisse hatten, stellen sich vor, was er oder sie jetzt fühlen, denken oder sagen würde. Oder sie erzählen dem anderen in dieser engen Verbundenheit von gegenwärtig erlebten Ereignissen oder Gefühlen.

Dieses Miteinander-Verbunden-Weiterleben ist in Ordnung und hilft uns, weiterzuleben und mit unserer Trauer umzugehen.

Einige Anregungen, was uns in dieser Sehnsucht nach Verbundenheit helfen kann:
mit dem Verstorbene(n) innerlich zu sprechen, ihm um Verzeihung zu bitten oder ihm zu danken, seine Hinterlassenschaften liebevoll zu sichten und zu ordnen, Fotos anzuschauen, Fotos oder Blumen für sie/ ihn aufzustellen, Kerzen anzuzünden, alte Wege abzulaufen, Freunde des/der Verstorbenen zu besuchen und sich von ihm erzählen zu lassen, vielleicht manches genauso wie der/die Verstorbene zu machen und vieles mehr, das aus Ihrer persönlichen Verbundenheit zu dem/ der Verstorbenen ensteht,
All dieses bringt manchmal auch schmerzhafte Gefühle mit sich. Deshalb ist es wichtig, in sich hineinzuhorchen und zu spüren, wann etwas gut ist und wann ich etwas lieber ruhen lassen möchte.

Andreas Goetze

 


Teil 9:

Selig sind die Trauernden – Zur Bedeutung der Trauerarbeit

 

  1. Verlusterfahrung – ein tiefer Einschnitt

 

Die Fähigkeit, trauern zu können, ist Ausdruck seelischer Gesundheit. Wer angesichts der Erfahrung von Verlust mit seinem Schmerz, den er darüber empfindet, in Berührung ist und diesen Schmerz auch in einer angemessenen Weise durch Worte, Weinen, Schluchzen, Gesten und Handlungen in eine nonverbale und verbale Sprache umsetzen kann, der kann fürwahr, wie es in den Seligpreisungen heißt, seliggepriesen werden. Trauer ist eine normale und gesunde Reaktion auf einen Verlust. Je tiefer dieser Verlust geht, je mehr die Sache oder der Mensch, den ich verliere, für mich wichtig sind, auch im Sinne von wesentlich, desto stärker und wesentlicher wird im normalen Fall meine Trauer sein.

Der Verlust des eigenen Kindes ist, so Jorgos Canacakes (1987), der schwerwiegendste Verlust, der einen Menschen treffen kann. Fehlgeburt, Todgeburt oder ein Schwangerschaftsabbruch können einen sehr tiefen Einschnitt bedeuten. Das gilt auch für Trennungen und Scheidungen. Doch auch der Verlust an Arbeit, der Verlust von Anerkennung, große persönliche Niederlagen oder der Verlust von Einstellungen, Überzeugungen und Bindungen, die meinem Leben einen Sinn und Halt vermittelten, können mich in eine tiefe Krise stürzen, mich innerlich und äußerlich erschüttern.

Die Erfahrung von großen Verlusten ist einem tiefen Einschnitt vergleichbar. Ein Schnitt bringt uns in Kontakt mit Seiten und Gefühlen von uns, die bisher unter einer dicken Schicht verborgen gehalten wurde. Er führt uns somit wieder näher an uns heran, wie wir wirklich sind, indem er uns mit Teilen von uns konfrontiert, die wir gerne übergehen wollen.

Der Schnitt trennt mich von etwas, von jemanden, der mir lieb ist, auf den so Vieles, Wesentliches und Intimes von mir ausgerichtet ist, sich dort festgemacht hat. Die Gefühle sind noch da, doch sie können dort nicht mehr landen. Sie sind nach wie vor auf das geliebte Objekt, den geliebten Menschen ausgerichtet, ohne ihn zu erreichen. Auch bleibt die erwartete Reaktion, die erhoffte Antwort aus. Das tut weh. Je mehr uns der andere bedeutete, desto schmerzvoller ist die Trennung für uns. Desto tiefer geht der Schnitt. Und je tiefer der Schnitt geht, desto stärker trifft er uns in unserer Mitte.

Trauernde fühlen sich, wie wenn sie eine große Wunde wären. In ihrem Elend, in ihrem Weinen und in ihrem Schmerz erleben sie sich wie eine klaffende Wunde. Sie fühlen sich ungeschützt, besonders verletzbar, krank, angeschlagen und schwach. Ihnen ist etwas angetan worden,. Sie sind verletzt worden.

Eine Wunde ist ein unübersehbares Zeichen, aber auch ein Signal dafür, dass der normale Rhythmus unterbrochen worden ist, dass irgendetwas einer besonderen Aufmerksamkeit und Berücksichtigung bedarf. Ich kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Genau das trifft auch auf die Trauer zu. Sie kann nicht einfach übergangen, links liegengelassen, gar unterdrückt oder verharmlost werden. Geschieht das, dann kann, ja wird es mit der Trauer so sein wie mit einer Wunde, die nicht heilt oder nicht schön heilt, die immer wieder aufbricht, eitert oder gar anhaltend schlimmer wird.

 

 

Teil 10:

Trauern braucht Zeit (10)

Selig sind die Trauernden - Zur Bedeutung der Trauerarbeit (2. Teil)

Wunibald Müller, Abtei Münsterschwarzach

Folgen nicht verarbeiteter Trauer (Fortsetzung aus dem letzten Gemeindejournal)

Wie notwendig eine angemessene Verarbeitung der Trauer ist, zeigen Untersuchungen über die Folgen nicht verarbeiteter Trauer. Von einer abnormen oder krankhaften Trauerreaktion spricht man in der Psychiatrie, wenn der normale Trauerablauf gestört ist, z.B. dass er abgekürzt wird, z.B. durch aufgezwungene gesellschaftliche Verhaltensregeln, durch unerträgliche Einsamkeit nach dem Verlust eines Menschen, durch Versagen in neuer Situation, durch Selbstvorwürfe wegen eines wirklichen oder vermeintlichen Versäumnisses bei der Betreuung des Verlorenen, durch eine ambivalente Einstellung und verdrängte Aggressionen gegen ihn.

Krank vor Trauer

An die Stelle der normalen Trauer können körperliche Krankheiten treten. So konnte der Psychiater Erich Lindemann (1985) nachweisen, dass aus einer Untersuchungsgruppe von 41 Patienten mit Colitis Ulcerosa, einer Darmerkrankung, 33 Patienten kurz nach dem Verlust einer emotional wichtigen Person diese Krankheit entwickelten.

Erich Lindemann schriebt dazu: "Das psychische Zustandsbild in akuten Phasen dieser Erkrankung ist oft das einer pathologischen Trauerreaktion, bei der die angemessene Trauer durch eine psychische und organische Stšrung ersetzt wird."

In einer anderen Studie konnte nachgewiesen werden, dass der Prozentteil der verwitweten Ehepartner, die innerhalb von sechs Monaten nach dem Tod des Partners starben, um 40 Prozent höher lag als bei den verheirateten Männern der gleichen Altersgruppe.

Sucht und Depressionen

Zurückgehaltene Trauer, wie zum Beispiel Trauer über nicht erfüllte Erwartungen und Enttäuschungen in Ehe und intimer Freundschaft, kann sich, so Jorgos Canacakes (1987) in Alkoholismus und anderen Suchttendenzen äußern.
Weiter meint er: "Wir kennen eine Fülle von Konsequenzen, die beobachtet werden können, wenn eine Trauerreaktion nicht natürlich abläuft. Bei Männern und Frauen zeigen sich dann körperliche Reaktionen wie Schmerzen im ganzen Körper, Atembeschwerden, Herzbeschwerden, Verdauungs- und Appetitbeschwerden, Muskelschwäche, Einschlafschwierigkeiten und nächtliches Erwachen, Gewichtsschwankungen, häufige Infektionskrankheiten, Leberzirrhose."

Trauer zulassen

Anstelle normaler Trauer können Versteinerung, Abkapselung, eventuell Verbitterung und Ressentiments auftreten sowie Aggressionshaltungen der Umwelt gegenüber. Nicht zugelassene Trauer kann auch später zu starken Depressionen führen.

Ein Junge beispielsweise, der beim Tod seiner Mutter glaubt, tapfer sein zu müssen und seine Traurigkeit un seinen Schmerz nicht in einer angemessenen Weise zulŠsst, mag später Depressionen entwickeln, ohne dass er zunächst die Ursachen dieser Depression erkennen kann.

Volkskrankheit Depression

Es ist kein Wunder, meint Jorgos Canacakis, dass Depression heute die am häufigsten vorkommende seelische Krankheit ist.

Wenn man das Heer von trauernden Menschen sieht und die organisierte Verhinderung von Trauer wahrnimmt, so Jorgos Canacakis, sollte man nicht allzu erstaunt darüber sein, dass die meisten von uns Gefahr laufen, depressiv zu werden.

Psalmen als Begleiter

Nicht verarbeiteter Trauer, die sich in meiner Seele eingenistet und breit gemacht hat, dort Nischen gefunden hat, sich dort eingerichtet hat, muss der Weg nach außen gewiesen werden, behutsam und bestimmt zugleich. Beim gekreuzigten Christus stimmten seine Mutter Maria, Martha und andere Frauen den Klagegesang an. Nach dem Alten Testament waren es wehklagende Frauen, welche die Trauerrituale bereicherten.

Der Seele Stimme geben

Die Psalmen bieten sich im therapeutischen und spirituellen Kontext als eine ausgezeichnete Möglichkeit an, den Trauerprozess zuzulassen und zu fördern. Sie können, herzhaft gesprochen und gebetet, zunehmend das Gespör entwickeln, auch in dem verstanden zu werden, was wir ganz tief verborgen und für uns selbst noch nicht ganz verständlich, empfinden.

Sie können der Seele, dem was sie empfindet, eine Stimme geben. Sie sind dann wie ein einfühlsamer Begleiter, der mit dem Menschen klagt, flucht, fleht, schreit, der beschwerten und erstarrten Seele zum Weinen und Schluchzen verhilft, damit sie sich schüttelt und dabei auch ihren Schmerz und ihre Verzweiflung ausschüttet. Sie sich wieder spürt und durch die heftigen Bewegungen wieder mit dem Leben in Berührung kommt, es wieder spürt und zulässt.

"Vorschläge für Psalmen aus dem Alten Testament, die Trauer und den Willen zu (über-) LEBEN aufzeigen: Psalm 63, 69, 73, 88,142. Ich lade Sie ein zur persönlichen Lektüre. Wenn Sie kein Psalmbuch haben, kšnnen Sie sich gerne an mich wenden."

Andreas Goetze

 

Teil 11:

Trauern braucht Zeit (11)

„Mama, darf ich mit auf den Friedhof?“

Sollen Eltern ihren Kindern die Begegnung mit Sterbenden
und dem Tod ersparen oder ermöglichen?

von Pfarrer Dietmar Burkhardt, Öffentlichkeitsarbeit der EKHN


Gestern noch hatte Opa vor dem Haus gesessen und einen Apfel geschält. Heute Morgen lag er ohne Puls und Herzschlag in seinem
Bett. Über Nacht war er gestorben. Die kleine Luise, fünf Jahre alt, versteht nicht, was jetzt im Haus geschieht. Alle und auch sie selbst sind sprachlos und traurig. Die Mutter sagt:
„Opa wird nicht wieder kommen, er ist jetzt im Himmel“
Luise geht noch einmal an sein Totenbett. Opa ist in seinem besten Anzug im Bett aufgebahrt. Ganz weiß ist seine Haut und fremd sieht er aus. Luise war mit ihrer Kindergartengruppe schon
einmal auf dem Friedhof gewesen. Sie hatten sich die Grabsteine und die Kapelle angeschaut. Aber einen echten Toten hatte sie
noch nie gesehen. Luise fragt: „Mama, darf ich mit auf den Friedhof?“ Sie darf.
Eltern sind in Trauersituationen vor die Frage gestellt, ob sie ihren kleineren oder auch größeren Kindern die Auseinandersetzung mit
Sterbenden, Toten oder auch der Beerdigung ersparen sollen. Egal, ob Kinder von einem lieben Menschen Abschied nehmen dürfen oder es ihnen verwehrt ist, Abschied, Trauer und die Auseinandersetzung mit dem Tod findet auf jeden Fall statt. Auch Eltern, die ihren Kinder Trauererfahrungen ersparen möchten,
werden nicht verhindern, dass sie sich mit der außergewöhnlichen Situation beschäftigen.
Die heutige Trauerforschung rät dazu, Kinder nicht von Kranken und Sterbenden fernzuhalten, sofern das aus medizinischen Gründen
nicht notwendig ist. Kinder sollen auch zur Beerdigung mitgehen dürfen, egal in welchem Alter sie sind. Zwar werden sie nicht alles verstehen, aber sie erleben an der Atmosphäre, den Kerzen, der Musik, den Gebeten, der dunklen Kleidung und der Trauergemeinde wie wichtig es ist, einen Menschen auf seinem letzten Weg zu begleiten. Die Beerdigung ist der letzte Weg, den ein Verstorbener auf dieser Welt zurücklegt. Wer diesen nicht mitgeht, zweifelt nicht selten und fragt sich, wo der Verstorbene ist. Dies gilt auch für Kinder.
Widerstreitende Gefühle, kindliche Neugierde, Unverständnis, Wut, Trauer und Verwirrung, bringen Kinder schnell an die Grenzen ihrer
Bewältigungsmöglichkeiten. Für Gefühlausbrüche bei der Beerdigung muss man sich nicht schämen.
Zwar werden die Erlebnisse von der Beerdigung erst mit der Zeit verarbeitet. Aber wer Kindern schon früh Abschiede nicht vorenthält,
eröffnet ihnen die Möglichkeit, anders und intensiver leben können.

 

Teil 12: Sterbehilfe oder Sterbebegleitung?;

Publik-Forum sprach mit Volker Eid, Professor für Moraltheologie an der Universität Bamberg

Publik-Forum: In Hannover hat der Schweizer Sterbehilfeverein „Dignitas“ ein Büro eröffnet. Das niedersächsische Justizministerium will prüfen, ob die Arbeit solcher Organisationen
künftig strafbar gemacht werden kann. Gibt es nicht ein Menschenrecht auf den eigenen Tod?
Eid: Es ist schwierig ein Menschenrecht auf etwas zu konstruieren, das sowieso eintritt. Jedenfalls gibt es ein Recht auf einen würdigen
Tod. Damit gibt es auch das Recht auf Begleitung, also im Sterben nicht verlassen zu sein, sondern sich verlassen zu können. Es
gibt eine Solidarpflicht, Sterbende zu begleiten.

P-F: Sollen alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden?

Eid: Es gibt sicher einen Punkt, ab dem das Sterben nicht unendlich hinausgezögert werden soll, beispielsweise durch nicht mehr angemessenen Einsatz der Apparatemedizin – ohne diese allerdings in irgendeiner Weise grundsätzlich zu verdächtigen. Das Gespräch mit den Ärzten ist wichtig, auch das der Angehörigen.

P-F: Ist es die Aufgabe des Staates, das Recht auf den eigenen Tod durchzusetzen?

Eid: Es ist Aufgabe des Staates, verbindliche Grenzen aufzuzeigen. Ärzte und wir alle wollen und müssen wissen, was erlaubt und was verboten ist. Es ist aber gesellschaftspolitisch zu
fragen, ob der Staat es hinnehmen muss, dass sich ein so genannter „Sterbehilfeverein“ öffentlich anbietet und dadurch die Tendenz verstärkt, leidvolles Sterben als irgendwie unwürdig
zu kennzeichnen. Denn das Sterben ist Teil jedes menschlichen Lebens. Wenn wir unser Leben auftrennen in „wertvolle“ Leistungs- und Stärkeseiten und in weniger „würdige“ Schwächeseiten hat das sehr zweifelhafte Folgen für unser Lebensverständnis. Unser Leben
besteht aus Stärken und Schwächen. Daher ist Solidarität sehr wichtig. Wie wichtig einem Staat und einer Gesellschaft solche Solidarität ist, erkennt man daran, ob die Arbeit der Pflege-
und Sterbebegleitung ideell und finanziell ausdrücklich und hinreichend gewürdigt wird.
Sind Menschen, die diese Arbeit tun, nur zur Problembewältigung da, oder verrichten sie in unser aller Namen eine notwendige humane Arbeit?

P-F: Kann die christliche Lehre vom Leben als von Gott geschenkt noch als allgemein wirksam vorausgesetzt werden?

Eid: Vermutlich nicht, auch wenn das Erlebnis von Sterben und Tod viele Menschen dazu bringt, nach einem verlässlichen Trost zu suchen. Die Aussage, Gott gebe und nehme das Leben, halte ich jedoch in pastoraler Perspektive für prekär. Ich kann Eltern, deren 16-jähriger Sohn bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist, kaum vermitteln, dass Gott dies so bestimmt habe. Es geht darum, dass wir unser Leben verantwortungsvoll annehmen
und durchstehen – mit solidarischem Beistand und in der Gewissheit, dass Gott uns nicht fallen lässt.

P-F: Muss Freitod enttabuisiert werden?

Eid: Ich kann und will niemanden verurteilen, der den Freitod wählt. Nur: Was heißt Enttabuisierung?
Verharmlosung und Anpreisung eines möglichst belastungsfreien Sterbens? Die Eigendynamik solcher Enttabuisierung kann
bewirken, dass sich Menschen in lastvoller Sterbephase nahezu verpflichtet fühlen, die Dienste eines Sterbehilfevereins in Anspruch
zu nehmen. Die Wahl des Freitodes würde dann ein fast schon normaler Gedanke, fast eine Verpflichtung.

P-F: Aber wird das Individuum nicht entmündigt, wenn es ihm verboten wird, sich von einem Sterbehilfeverein wie „Dignitas“ beraten zu lassen?

Eid: Natürlich kann sich jeder Mensch beraten lassen. Die eigentliche Frage ist aber, in welcher Weise dieser Verein berät, welche Zeichen er setzt, ob und wie er auf Menschen in
psychisch und physisch lastvollen Situationen Einfluss ausübt. Ich meine, dass die Sterbebegleitung durch Pflegekräfte und durch Menschen, die sich in der Hospizbewegung engagieren,
dem Angebot eines Sterbevereins bei Weitem vorzuziehen ist.

P-F: Hilft der christliche Glaube, mit dem Tod anders umzugehen?

Eid: Die „christliche Pille“ gegen den schmerzlichen Tod gibt es nicht. Jedoch kann der christliche Glaube Kraft geben zum Durchstehen und Durchleiden des Sterbens.

 

Trauern braucht Zeit (13)

Martin Luther zum Krankenbesuch

 

„Das weiß ich aber wohl: Wenn Christus selbst oder seine Mutter jetzt etwa krank lägen, da wäre jeder so andächtig, dass er gerne Diener und Helfer sein wollte. Da wäre jeder kühn und keck, niemand wollte fliehen, sondern alles herzulaufen. Und sie hören doch nicht, dass er selbst sagt: ,Was ihr den Geringsten tut, das tut ihr mir selbst.’ (Matth. 25,40) Und wo er vom ersten Gebot spricht, sagt er: ,Das andere Gebot ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’ (Matth. 22.39) Da hörst du, dass das Gebot der Liebe zum Nächsten dem ersten Gebot gleich sei, die Liebe zu Gott; und was du deinem Nächsten gegenüber tust oder unterlässt, soll soviel wie Gott selbst gegenüber getan und unterlassen heißen.

Willst du nun Christus selbst dienen und ihn pflegen, wohlan, so hast du da vor dir deinen kranken Nächsten. Gehe hin zu ihm und diene ihm, so findest du gewiss Christus an ihm, nicht nach der Person, sondern in seinem Wort. Willst und magst du aber deinem Nächsten nicht dienen, so glaube fürwahr: Wenn Christus selbst da wäre, du tätest auch genauso und ließest ihn liegen. Es ist nichts bei dir als nur falsche Gedanken, die dir eine unnütze Einbildung machen, wie du Christus dienen würdest, wenn er da wäre. Es sind alles Lügen. Denn wer Christus leiblich dienen würde, der dient seinem Nächsten auch gut.“

 

„Die, welche so roh und unverbesserlich sind, dass sie Gottes Wort verachten, so lange sie leben, soll man auch wiederum in ihrer Krankheit liegen lassen, es sei denn, dass sie mit großem Ernst, mit Weinen und Klagen ihre Reue und Buße beweisen. Denn wer wie ein Heide oder Hund leben will und keine öffentliche Reue darüber hat, dem wollen wir auch das Sakrament nicht reichen oder ihn als Christen annehmen. Er mag sterben, wie er gelebt hat, und sehe für sich zu. Denn wir sollen den Säuen nicht Perlen vorwerfen noch den Hunden das Heiligtum (Matth. 7,6). Man findet leider so viel unverschämten, verstockten Pöbel, der weder im Leben noch im Sterben für seine Seele sorgt. Sie gehen hin und liegen, sterben auch dahin wie die Klötze, in denen weder Sinn noch Gedanken sind.“

(aus: Martin Luther, Ob man vor dem Sterben fliehen möge, 1527. Entnommen aus: Sterbenden Freund sein. Texte aus der VELKD, 55/1993).

 

Trauern braucht Zeit (14)

 

Kann man die Frage nach dem Sinn immer beantworten?

.von Petra Lütjen (39 Jahre, verlor ihren Mann Ralph nach einem Autounfall)

 

Macht alles Sinn? Ich finde, nein. Das mögen andere anders sehen, aber ich glaube, dass nicht alles, was auf dieser Erde passiert, einen Sinn macht. Das hätten wir zwar gerne, damit wir die Dinge immer einsortieren können. Aber das geht nicht, jedenfalls nicht in dieser Welt. Wichtiger ist, dass wir etwas durchstehen können, dass Gott unser Gegenüber ist, dass ich weiß, ich bin von Gott getragen und er ist bei mir auch in der Not.

Sicher kann ich heute sagen: „Ich bin die, die ich bin – mit all meinen Verwundungen und Stärken – auch durch diese Erfahrung geworden“. Ich denke, jeder wird in seinem Leben schwere Dinge erleben. Und dann steht man immer vor der Wahl zwischen Selbstmitleid und Eigenverantwortung: Bleibe ich der „arme gebeutelte Mensch vom Dienst“ oder kann ich auch das loslassen? Bin ich auf Dauer beleidigt Gott und dem Leben gegenüber?

Ich bin dankbar, dass die Menschen, die mich geistlich geprägt haben, mich immer dazu ermutigten, alles auszusprechen – vor Menschen und vor Gott. Es war auch eine körperlich harte Zeit für mich. Und da war ich froh, dass ich Worte wie den Psalm 23 gelernt hatte, als ich selbst keine eigenen Worte mehr fand. Ich denke, auch da, wo mir die Worte zum Beten fehlten, habe ich gespürt, dass Gott mich und auch Ralph hält. Das zu wissen zählte, sonst nichts.

 

Teil 15: Auch LEID hat seine Zeit

von Patience Strong, aus: „Quiet corner“

Wenn Leid mich berührt, fehlen mir oft die Worte. Was kann ich sagen? Oder bleibe ich stumm? Patience
Strong sucht, ringt nach Worten im Angesicht des Unaussagbaren. Als Glaubender verdränge ich nicht Leid und Tod. Gott schenkt mir die Gewissheit, dass Er auch bei mir ist, wenngleich ich nichts fühle. Ich lebe nicht nur bezogen auf das Diesseits. Ich erwarte „einen neuen Himmel und eine neue Erde“. Das ermutigt mich, das Leben immer wieder neu „anzupacken“: denn ich bin ein hoffnungsfroher Mensch, der sich in Ewigkeit getragen und geborgen
weiß. Zwei ihrer Texte stellen wir in unserer Reihe vor. (Red.)
Wenn plötzlich vor unseren Augen ein Freund, Partner weggerissen wird vom Tod – ganz ohne Warnung wir jäh erkennen müssen, wie nahe wir dem Ewigen – näher, als wir ahnen.
Wenn in des Alltags Dschungel wir unseren Weg uns bahnen, wir wissen nicht, wie oft wir so nah der Grenze sind, wie oft wir vor Gottes Schwelle stolpern – dumm und blind. Das Leben ist nur Übergang, Sterbliches. Nichts – was hält!
Aber Gott ist Liebe – Jesus und Freunde warten
Jenseits dieser Welt.
Verzweifle nicht, wenn deine Lieben für immer von dir geh´n.
Sie sind in einer schön´ren Welt, doch du musst hier besteh´n.
Du musst die Last der Jahre tragen mit den gewohnten Sorgen.
Sie erwartet ein neuer Anfang in der Welt, die dir verborgen.
Auch Leid hat seine Zeit, nichts dauert, nicht ´mal der Kummer.
Nach grauem Winter erwacht der Frühling grün aus dem Schlummer.
Eines Tages wirst auch du erwachen und seh´n:
Der Schmerz ist verschwunden.
ER – der immer wieder den Frühling schickt,
heilt auch gnädig unsere Wunden.

 

Teil 16: Gott gibt mir die Kraft

Nach dem Amoklauf eines Schülers starb seine Frau

von Detlef Baer

 

Es ist schon ein paar Jahre her, aber für mich ist es wie gestern: das Schulmassaker von Erfurt. Meine Frau Yvonne Fulsche-Baer war eines der Opfer. Sie war Französischlehrerin und wurde von dem Amokschützen Robert Steinhäuser ermordet. Ich weiss noch genau, wie ich mit sanften Worten unserer damals zweijährigen Tochter das Unfassbare zu erklären versuchte: „Mama kommt nicht mehr wieder. Mama ist jetzt im Himmel“.

 

Als aus der vagen Vermutung, meine Frau könnte zu den Opfern gehören, traurige Gewissheit geworden war, habe ich aufgeschrieen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mit der Klage begann meine Trauerzeit. Ich habe es noch nicht überwunden, aber ich habe die Gewissheit, dass Gott bei uns ist und uns Kraft gibt. Als Text für die Traueranzeige wählte ich damals ein Wort aus dem 1. Kapitel des Buches Josua: „Gott spricht: Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt“. In diesen Worten wurzelt mein Trost: Ich bin Christ und meine Frau war es auch. Ich bin mir sicher, dass ich ihr im Himmel begegnen werde.

 

Einen Sinn sehe ich im Tod meiner Frau nicht. Doch ich glaube, dass die Gesellschaft eine Lehre aus der Tragödie ziehen kann. Jeder, der nach Veränderungen ruft, sollte bei sich selbst anfangen. Wer auf die Eltern des Täters zeigt, sollte sich fragen: Weiss ich alles über die Ängste und Nöte meines Kindes? Tauschen wir uns aus oder reden wir aneinander vorbei?“

 

Teil 17: Nur eine Lache

von Helmut Thielicke (1908-1986), Theologieprofessor, Redeverbot bei den Nazis


Gorch Fock, der Seemann des Ersten Weltkrieges,
hat einmal nach Hause geschrieben: „Wenn Ihr hören solltet, ich sei gefallen, so weinet nicht. Denkt daran, dass auch der Ozean,
in dem mein Leib sterbend versinkt, nur eine Lache ist in der Hand meines Heilandes.“ Gorch Fock wusste, dass Sterben und Kummer
nicht aufhören für die, die einen Heiland haben. Der Glaube dispensiert uns keineswegs
von Schmerzen und Ängsten, die allem verordnet sind, was menschlich ist. Und wir Christen haben nicht die Verheißung, dass es uns leichter gemacht würde und dass Gott uns eine sturmfreie Etappe zur Verfügung stellte. Gorch Fock wusste, dass es schrecklich ist, mit einem torpedierten Schiff unterzugehen und von schwarzen, kalten Strudeln erwürgt
zu werden. Aber er wusste noch mehr: Er glaubte daran, dass die bedrohenden und erwürgenden Elemente nur eine Lache in der Hand seines Heilandes seien. Und darum mochte er fallen, wohin immer, und mochte
versinken wohinunter immer: Diese Hand seines Herrn war das Umfangende, war das Bergende schlechthin; und sie umschließt nicht nur den Versinkenden, sondern auch die Elemente selbst, in die er versinkt. Solange er auf diese Hand blickte, konnte es ihm in einem höheren Sinne gleichgültig sein, ob es über Wellen ging oder ob sie ihn verschlangen.
(aus: Und wenn Gott wäre… Reden über die Frage nach Gott, Stuttgart 1980)

 

Teil 18:
Die letzte Heimkehr –was wirklich tröstet und Halt gibt

von Helmut Thielicke (1908-1996), Pfarrer, Theologieprofessor, Redeverbot bei den Nazis

 

Wer in Ewigkeit geborgen ist, braucht das, was die Zeit bringt, nicht mehr zu fürchten. Wer den Frieden hat, der höher ist als alle Vernunft, braucht keine Angst mehr zu haben vor dem, was seine Vernunft als schreckliche Möglichkeiten der Zukunft zusammenspekuliert und ihm einreden will. Wer sich geliebt weiß, stirbt nicht mehr am Hass der Menschen. Wer dem Fürsten des Lebens anhängt, ist kein Knecht des Todes mehr. Wer um den Lobgesang der Engel weiß, den schreckt das Feldgeschrei der Völker nicht mehr. Wer den kennt, der die Welt überwunden hat, ist den Gespenstern entronnen, der weiß, dass auch sein armes und schuldvolles Leben durch Sterben und Tod hindurch sicher zum Jüngsten Tag und an des Vaters Thron geleitet wird. Dahin, wo die Tränen aller Augen getrocknet werden und kein Leid mehr ist und kein Geschrei und wo der Tod nicht mehr sein wird, wo aber sein wird Lobgesang.

Wenn wir im Namen dieser letzten Heimkehr leben, die uns Jesus Christus bereitet hat, dann kann es nicht anders sein, als dass uns auch der finsterste Talweg nur vor die Pforte des Vaterhauses führen kann. Das heißt dann: jeden Sturm bestehen können, einfach, weil der uns trägt, der in Ewigkeit bleibt und das A und O ist.

Er, Jesus Christus, ist der Fels, auf dem ich stehe, die Hand, die nicht lässt, die Ewigkeit, die bleibt, und der Friede, der allen Streit dieser Welt umschließt – so, wie ein Vater die Hand seines fiebernden Kindes umschlossen hält.

 

Teil 19: Bitte um Hoffnung

von Paul Roth

 

Mein Gott, ich kann nicht leben, ohne zu hoffen. Wenn ich überzeugt wäre, nichts würde sich bessern, nichts sich ändern lassen, wie sollte ich leben? Wenn ich überzeugt wäre, ich selber sei erstarrt, unveränderbar, wie sollte ich leben?

 

Wenn ich überzeugt wäre, du seist nur ein Sammelname für Unerklärliches, wie sollte ich glauben? Mein Gott, vielleicht können andere ohne Hoffnung leben. – Ich kann es nicht.

 

Darum bitte ich dich um Hoffnung, dass ich immer wieder anfange, dass ich immer noch eine Chance sehe für mich, die Gesellschaft, das Volk Gottes, die Menschheit.

 

Mein Gott, schenke mir ehrliche Hoffnung, die von Realitäten ausgeht, die Erfahrung einbezieht und trotzdem nicht aufgibt, weil sie von der Überzeugung ausgeht, dass du eine bessere Welt willst.

 

Gib mir die Redlichkeit und Möglichkeit, selber zu arbeiten für das Gewünschte und Erhoffte.

 

 

 

Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes In der Geschichte

von Dietrich Bonhoeffer, Evang. Theologe, von Hitler kurz vor Kriegsende hingerichtet

 

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

 

 

Teil 20: Sich zu beten trauen in Zeiten des Leides

von Helmut Spengler

Ich besuchte eine Aussiedlerfamilie. Sie wohnten in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Sie hießen mich trotz der Enge herzlich willkommen. Dann hörte ich einiges von der wechselhaften Geschichte der Familie: der Krieg, der Leidensweg von der Ukraine nach Kasachstan, der Verlust von Angehörigen. Schon die sparsamen Anmerkungen drängten die Frage auf: wie kann ein Mensch das alles aushalten, ohne den Verstand zu verlieren, ohne das Leben aufzugeben? „Gott hat uns bis heute die Kraft gegeben, diesen Weg zu gehen.“ Solche Sätze durchzogen die Erzählungen wie ein roter Faden. Am Ende des Besuches fragte ich, ob ich ein Gebet sprechen dürfe. „Ja - bitte!“
Als ich ausgeredet hatte, schloss sich die Familie mit ihren Gebeten an. Dankgebete für die Bewahrung im Leid, für den Weg nach Deutschland; vertrauensvolle Bitten um Gottes Hilfe bei der Suche nach einer endgültigen Heimat.
Auf der Heimfahrt dachte ich nicht nur über das schwere Schicksal der Aussiedler nach, sondern auch über ihre Gebete. Vor Gott klagen, bitten und danken - das hatte den Aussiedlern Trost gegeben; die Möglichkeit, an den Zumutungen ihres Lebens nicht zu zerbrechen.
Sie brauchten nicht „den Verstand zu verlieren“, sondern verstanden ihren Weg als gemeinsamen Kreuzweg mit Jesus Christus.
Welche Bedeutung hat das Gebet für uns? Sind nicht viele Christen deshalb so ratlos und niedergeschlagen, weil ihr Beten zu einer Minimalpraxis verkümmert ist? Nur ein Stoßgebet oder ein verlegenes Vater Unser? Das gemeinsame, frei formulierte Beten wird in unserer Kirche zunehmend als Hilfe entdeckt und nicht mehr so häufig als Frömmelei abgetan, vor der man sich schützen müsste. Ich bin den Aussiedlern dankbar, dass sie uns Wege zu einem getrösteten und zuversichtlichen Glauben zeigen.

 

Teil 21: Tod, wo ist dein Stachel?

Christliche Hoffnung ist nicht Vertröstung

von Hanna Schneider

 

Es war an einem warmen Sonntag im September. Wir hielten uns am Nachmittag viel auf der Terrasse auf und hörten immer wieder sonderbare Geräusche, die von der anderen Straßenseite herüberkamen. Dort befindet sich ein Hang, der unten in eine Wiese übergeht. Was sich an dieser Böschung abspielte, konnten wir von unserem Haus und unserer Terrasse aus nicht sehen. Wir dachten, das ist sicher ein Tier, das diese undefinierbaren Laute von sich gibt und kümmerten uns nicht weiter darum.

 

Am Abend, als es schon dunkel wurde, fuhr die Polizei durch unsere Straße. Sie suchten nach einem Mann, der im nahe gelegenen Altenheim vermisst wurde. Zum Glück entdeckten sie den hilflosen Greis an der Böschung. Er hatte sich in einem Gebüsch verfangen und kam nicht mehr selbst los. Die beiden Polizisten baten mich, ihnen die Lampe zu halten, damit sie gemeinsam den Mann befreien und hoch holen konnten.

 

Das Thema wurde bald bitterer Ernst

Am Montag erzählte ich meinem Sohn Stefan diese Geschichte und fügte dann hinzu: „Wie gut, dass der alte Mann noch rechtzeitig gefunden wurde. Es wäre doch schlimm gewesen, wenn er in dieser hilflosen Lage gestorben wäre.“ Als ich vom Tod sprach, machte Stefan ein sehr ernstes Gesicht. Hätten wir ahnen können, dass dieses Thema für uns bald bitterer Ernst würde?

 

Noch in der gleichen Woche, am Freitagabend, klingelte es bei uns. Zwei Polizisten standen vor der Haustüre. Das beunruhigte mich nicht, dachte ich doch im ersten Moment, ihr Besuch hätte etwas mit der Aktion vom vergangenen Sonntag zu tun. Sie baten mich – mein Mann war gerade nicht zu Hause – hereingelassen zu werden, das, was sie mir mitzuteilen hätten, könnten sie nicht an der Haustüre sagen.

Drinnen fragte mich einer der Beamten: „Haben Sie einen Sohn, der Stefan heißt?“ „Ja“, antwortete ich. „Und fährt er Motorrad?“ Ich überlegte mir, warum fragen die mich das bloß alles und antwortet dann: „Ja, gerade ist er unterwegs. – eigentlich sollt er schon längst wieder zurück sein, er wollte doch nur kurz wegfahren.“ „Ihr Sohn hatte einen Unfall.“

 

Nur langsam drang es zu mir durch

Erst nach und nach, sie wollten es mir wohl schonend beibringen, erzählten sie mir mehr. Sie berichteten, dass seine Verletzungen so schwer waren, dass er noch an der Unfallstelle gestorben wäre. Das, was ich da gehört hatte, war so entsetzlich, dass ich es einfach nicht fassen konnte. Mein erster Gedanke war: „Ich muss zu meinem Jungen, ich kann ihn doch nicht so alleine lassen.“ Aber die Polizisten nannten mir zu diesem Zeitpunkt nicht einmal den genauen Unfallort, es hätte keinen Sinn hinzufahren. Zunächst war ich so geschockt, dass ich nicht einmal weinen könnte. Das Schreckliche drang nur ganz langsam in mein Bewusstsein durch.

 

Der Tod ist grausam! Er rafft alte und junge Menschen dahin und das manchmal ganz plötzlich wie bei unserem Sohn. Aber er ist nicht das Letzte! Wie gut, dass wir eine Hoffnung haben, die über den Tod hinausgeht. „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und unvergängliches Leben ans Licht gebracht durch das Evangelium“ (2. Timotheus 1,10). Das Evangelium ist die frohe Botschaft der Bibel, dass Jesus durch seinen Tod uns das Leben schenkt. Er hat am Kreuz alle Schuld und Sünde auf sich genommen und gesühnt. Wenn wir das im Glauben annehmen, werden wir in Ewigkeit bei ihm leben. Dieser Bibelvers steht auch auf dem Grabstein unseres Sohnes. Er soll daran erinnern, dass mitten in tiefem Schmerz und Leid ein Licht der Hoffnung aufleuchtet.

 

Mitten im Leid sind wir getragen

In dieser schweren Zeit hat mich immer wieder ein Gedanke getröstet: Einmal werde ich ihn sehen, meinen Herrn Jesus Christus, wo es keinen Schmerz und kein Leid mehr geben wird. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, der Schmerz ist weniger geworden, aber die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat ist geblieben. In Offenbarung 21,3 und 4 wird uns eine wunderbare Zukunft in Aussicht gestellt, darauf freue ich mich: „Siehe, die Stätte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und Gott selbst wird bei ihnen sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Alte ist vergangen.“

 

Teil 22: Auch das noch: „Der verdorbene Bruder“
(aus „...und der Himmel lacht dazu“. Quell Verlag, Stuttgart, 1995)

Glaubwürdig wird folgendes überliefert: Der junge Pfarrer hatte seine erste Trauerfeier in der Kapelle am Dorfrand zu halten. War es nun
die ungewohnte Situation oder eine gewisse Unsicherheit bei der besonders großen und unruhigen Trauergemeinde? Oder war es die unbewusste Erinnerung, dass die Leidtragenden im Beerdigungsgespräch im Amtszimmer des Pfarrers wenig innere Anteilnahme am Tod des entfernten und offensichtlich nicht sehr
beliebten Angehörigen hatten spüren lassen?
Oder war es die Kälte in der großen Halle, die den jungen Pfarrer irritierte? Vielleicht kam aber auch alles zusammen und führte dann zu jenem Versprecher: Statt des vorgegebenen Satzes: „Lasst uns unseren verstorbenen Bruder zur letzen Ruhe begleiten ...“, rutschte dem jungen Pfarrer die Aufforderung an die
Trauergemeinde heraus: „Lasst uns unseren verdorbenen Bruder...“.
Der junge Pfarrer erschrak, hielt inne, schluckte und wiederholte nachdrücklich und richtig: „Lasst uns unseren verstorbenen Bruder...“. Er sah auf den Gesichtern einiger Teilnehmer ein
mühsam unterdrücktes Lächeln, was ihn noch mehr irritierte, worauf der berichtigte Satz durch einen unbeabsichtigten zweiten Versprecher so zu Ende kam: „... zu unserer letzten Ruhe begleiten.“ Ein Versprecher kommt eben selten allein! Als sich der junge Pfarrer nach der Beisetzung der Urne bei den Angehörigen
für den zweifachen Versprecher in aller Form entschuldigen wollte, kam er ins Staunen, als die Angehörigen ihn trösteten: „Lassen Sie es gut sein. Herr Pfarrer! Wenn Sie wüssten, wie sehr Sie mit beiden Versprechern der Wahrheit nahe waren!“


Teil 23: Trauern braucht Zeit

Eine Stunde zu verschenken – der Besuchsdienstkreis ist für Sie da!

von Regina Kirstein

 

Menschliche Kontakte sind für viele Menschen nicht selbstverständlich. Spürbar wird das gerade in Zeiten, wenn jemand eine lieben Menschen verloren hat und viele nicht wissen, wie Sie auf eine/n Trauernde/n zugehen sollen. Aber auch für Senioren und viele Alleinstehende sind Gespräche oft rar. Deshalb schenken die Mitglieder des Besuchsdienstes aus der Evangelischen Emmausgemeinde Jügesheim Zeit.

 

„Eine Stunde Zeit verschenken“ ist das Motto des Besuchsdienstes. Durch Fortbildungen und viel Erfahrungen sind die Mitglieder des Besuchsdienstes kompetente Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Sie stehen ebenso wie Pastor Andreas Goetze jederzeit zu Gesprächen zur Verfügung. Ein kurzer Anruf genügt. Denn besonders nach einem Trauerfall ist es gut, nicht allein zu sein und Menschen zu haben, die zuhören können, mit denen man über seinen Alltag, seine Gefühle, seine Fragen reden kann.

 

Sie können auch mitmachen

Wenn Sie selbst das Gefühl haben, gut zuhören zu können, können Sie auch selbst beim Besuchsdienstkreis vorbeischauen. Denn es gibt viele Menschen in vielen verschiedenen Lebenssituationen, die sich über einen Besuch freuen. Informationen bei der Leiterin des Besuchsdienstes Gabi Große (Tel.: 15 450) oder bei Pastor Andreas Goetze (Tel.: 36 73).

 

Teil 24:

Das Brot ist längst nicht aufgezehrt

Gebet in Zeiten der Anfechtung

von Jürgen Frank

 

Gott, gib uns Mut und Lebensfreude für die Jahre,die sich vor uns weiten wie ein neuer Raum.
Lass uns erkennen, dass unsere Zukunftnicht nur eine Zeit der Ernte ist.
Segne neben all den Früchten unserer Arbeitauch die Blüten neu entdeckter Zweigeunseres Lebensbaumes.
Wenn Enttäuschungen uns niederdrückenund wenn uns Unglück trifft,kräftige unseren Glauben an Dein Versprechen,dass Du uns treu bist,auch in den Dunkelheiten unseres Lebens.
Sei bei uns, wenn wir von Leiden heimgesucht werdenund wenn uns Krankheit schwächt.
Wir brauchen Deinen Trost,der unseren Schmerz besänftigt und an den sich unsere Hoffnung lehnt.
Rühre uns an, damit wir nicht in Einsamkeit verdämmern,sondern bei Dir Licht findenfür weitere Spannen unseres Lebens.
Und wenn wir traurig unsere Kummerwinkel suchen,dann sende Menschen, die uns den Weg verstellen.
Das Brot, das wir duch Deine Liebe füreinander sind,ist längst nicht aufgezehrt.

 

Teil 25:

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden

von Ludger Hon-Kemler

 

Freuen sollen sich, die trauern. Das Gefühl, das dunkle Erleben, das einsame Durchleiden, das Verlassensein, die Schmerzen – wer da hineingerät, wessen Herz fast zerbricht: wie kann er sich freuen, wie denn getröstet werden? Wer vermag da einen Trost zu geben?

 

Trost empfangen und Trost geben kann, wer sich ein Herz bewahrt, wer in Dunkelstunden seines Lebens es vermocht hat, zu trauern bis auf den Grund. Zu denen gehört ganz sicher Jesus selbst, der sagen konnte: „Selig die Trauernden“. Und wir? In uns wohnt ein Wissen, das, wenn du willst, bereit ist, aufzuwachen und wahrhaft zu trösten. Es ist die Stimme der Gewissheit (du kannst sie göttlich nennen), die sagt: Viel trostloser ist es für dich, nicht zu leiden am Leid, nicht zu trauern in der Traurigkeit, als dich loszulassen bis auf ihren Grund. Hier, auf dem Grund der Trauer, hört die Trostlosigkeit auf, ganz allmählich kann Heilung geschehen, „Im-Frieden-Sein“. Auf dem Grund der Dunkelheit, in der Tiefe des Schmerzes kommt dir entgegen, was verloren war: Sinn, Liebe, Freude, Geborgenheit. Und du spürst: was dich jetzt trägt, ist nicht von dieser Welt und doch dir selbst am nächsten.

 

Bist du mit diesem Überweltlichen in Berührung, dann weißt du auch, was es ist, „eines anderen Last zu tragen“, eines anderen Trauer mitzutragen und so „das Gesetz Christi zu erfüllen“ (Galater 6,2).


Teil 26: Lass Trauer zu!

von Christiane Spölker

Wenn du einen Menschen verlierst, den du geliebt hast, dann stirbt ein Stück deines Lebens mit ihm. Aber wenn du dir etwas von dem bewahrst, das sich dir durch ihn an innerem Reichtum erschlossen hat, wird er in dir gegenwärtig und durch dich hindurch auch in
Zukunft lebendig sein.

Plötzlich geht so vieles zu Ende von dem, was dich lange Zeit hin belebt und dein Leben mit Sinn erfüllt hat. Der Schmerz darüber, der noch Zeichen von Lebendigkeit war, macht einer großen inneren Leere Raum. Das Gefühl von Sinnlosigkeit macht sich breit in dir. Aber nur da, wo du Vergangenes wirklich zurücklassen kannst, kann Neues entstehen, nur da wo verbrauchtes Leben stirbt, hat befreite Zukunft eine Chance.

Hast du schon einmal erlebt, dass ein Mensch dich getröstet hat – wirklich getröstet -, dir die Tränen abgewischt und dich in die Arme
geschlossen hat, so dass du ganz tief drinnen gespürt hast: Hier bin ich zuhause, nichts in der Welt kann mir noch etwas anhaben, hier bin ich geborgen und aufgehoben. Wenn du solches – einen Augenblick lang – erfahren hasst, weißt du um die göttliche Ewigkeit.

 

Teil 27:

Vor den Kindern den Tod nicht tabuisieren

"Was macht der Opa denn im Himmel?"

von Eric Hofstiepel (Medical Tribune Bericht Ausgabe 03 / 2007 S.17)

 

Tills Opa ist gestorben. „Das verstehst du noch nicht“, sagt seine Tante. „Er ist für immer eingeschlafen“, sagt die Mama. „Er ist im Himmel“, sagt der Papa. Aber wie kann er im Himmel sein, wenn er doch auf dem Friedhof unter der Erde ist?, fragt sich der Sechsjährige. Er hofft, dass es im Sarg ein paar Luftlöcher für den Opa gibt und dass er sich warm angezogen hat.

 

 

 

Bei einem Trauerfall in der Familie stehen Eltern vor der schwierigen Frage, wie sie ihren Kindern den Tod erklären sollen. Manche versuchen aus gut gemeinter Rücksicht ihrem Kind einen größtmöglichen Abstand zum Geschehen zu geben: Sie vermeiden, vor ihrem Kind zu weinen, sie lassen es nicht mit zur Beerdigung gehen und der Tod wird ihm mit ausweichenden oder sogar verfälschenden Worten veranschaulicht. Dabei wird aber nicht berücksichtigt, dass Kinder genauso Zeit und Gelegenheit zum Trauern benötigen wie ein Erwachsener auch.

 

Trauer ist wie jedes Gefühl individuell. Auch für ein Kind hängt die Art seiner Gefühle davon ab, wer gestorben ist und unter welchen Umständen er gestorben ist. Und natürlich spielt auch das Alter des Kindes eine Rolle: Kinder bis sechs Jahre beispielsweise sind gar nicht in der Lage, den Tod als etwas Endgültiges zu begreifen, so die Erfahrung der Experten der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland Pfalz.

 

Nennen Sie die Dinge beim Namen!

Das Begreifen des Todes entwickelt sich erst in den darauffolgenden Jahren: Allmählich entsteht ein Bewusstsein dafür, dass alles Lebendige einmal sterben muss – einschließlich man selbst. Diplompsychologin Ines Schäferjohann vom Bremer Zentrum für trauernde Kinder empfiehlt, mit Kindern altersgerecht, aber mit klarer und ehrlicher Sprache zu reden: Eltern sollten Begriffe wie Tod, Sterben, Selbsttötung und auch das Wort „endgültig“ nicht scheuen. Eine sprachliche Abmilderung kann unter Umständen Ängste auslösen, die Erwachsene gar nicht überblicken können. Die Umschreibung des „friedlichen Einschlafens“ kann bei Kleinkindern beispielsweise Angst vorm Einschlafen auslösen.

 

Ines Schäferjohann hat in ihrem täglichen Umgang mit betroffenen Kindern festgestellt, dass es für diese wesentlich ist, den Prozess des Sterbens als Schnittstelle zwischen Leben und Tod zu begreifen. Dass der tote Opa nichts mehr sehen und hören kann, dass er keine Schmerzen mehr hat und nicht friert, sind für Kinder wichtige Informationen, die sie in ihrer Trauerarbeit einordnen können. So ist der Satz „Gott hat den Opa zu sich geholt“ für Kinder im Prinzip zu abstrakt. Andererseits können religiöse Überzeugungen aber Hilfe und Trost spenden, wenn sie sich auf die Frage beziehen, was nach dem Tod passiert.

Wichtig für die Kinder ist oft auch die Teilnahme an der Beerdigung: Denn dieses Abschiedsritual ist eine der wenigen Situationen, in denen das Thema Tod nicht tabuisiert wird und die seine „Normalität“ im Leben bezeugen. Das heißt natürlich nicht, dass man Kinder zwingt mitzukommen. Wenn man erklärt, wie eine Beerdigung vonstatten geht, sind sie meist selbst in der Lage zu entscheiden, ob sie mitkommen möchten. Dabei sollten sich die Eltern auch auf kurzfristige Umentscheidungen einstellen. Auf der Beerdigung kümmert sich dann im Idealfall ein vertrauter Erwachsener um das Kind. Möchte es dann doch lieber wieder gehen, sollte dieser bereit sein, mit dem Kind die Beerdigung wieder zu verlassen.

 

Für die Zeit nach der Beerdigung gilt: So wie sich das Verhalten von Kindern im Alltag von dem Erwachsener unterscheidet, so unterscheidet sich auch das Trauerverhalten. Nicht vergessen darf man dabei, dass das Verhalten – und weniger das Sprechen – für Kinder das wichtigste Kommunikations- und Ausdrucksmittel ist. Ines Schäferjohann hat bei trauernden Kindern die unterschiedlichsten Umgangsmuster nach dem Verlust eines geliebten Menschen erlebt.

 

Jedes Kind reagiert anders auf Trauer

Auch ein völliger Rückzug oder Wut und Aggression sind möglich. Manche Kinder fangen wieder an, ins Bett zu nässen oder Daumen zu lutschen. Andere wiederum zeigen keinerlei äußere Zeichen für Trauer. Sie lachen und spielen und wollen sofort wieder in die Schule gehen. Die Trauer kann dann ganz überraschend zu einem späteren Zeitpunkt zum Ausdruck kommen. All das sind aber normale Verhaltensweisen. Bedenklich wird dies, wenn das veränderte Verhalten über Monate anhält oder sich in dieser Zeit verstärkt. Dann rät die Expertin, professionelle Hilfe zu holen.

 

Und wie sollen Eltern mit ihrer eigenen Trauer vor ihrem Kind umgehen? Manche Kinder sehen ihre Eltern in solchen Situationen zum ersten Mal weinen. Natürlich kann das Verunsicherungen auslösen und dazu führen, dass Kinder sich verantwortlich fühlen, ihre Eltern zu trösten. Trotzdem ist es wichtig, die Kinder nicht auszuschließen. Denn das gemeinsame Trauern und Weinen und das Miteinanderreden schaffen Vertrauen und sind eine Lebenserfahrung, die grundlegend ist für das Kind – weil eben auch der Tod zum Leben gehört.

 

Wie können Sie Ihrem Kind helfen?

  • Reden Sie mit ihrem Kind über das Sterben, wenn es danach fragt, etwa wenn Sie gemeinsam ein totes Tier entdecken. 
  • Reden Sie in einer klaren Sprache. Es geht nicht darum, grausige Details zu erzählen, aber versuchen Sie auch nicht, das Sterben zu beschönigen. 
  • Manchmal ist ein vertrauter Erwachsener, der von der Trauer nicht betroffen ist, ein wichtiger Ansprechpartner für das Kind. 
  • Unterdrücken Sie ihre eigene Trauer nicht vor dem Kind. Aber erklären Sie ihm, warum Sie traurig sind. 
  • Schließen Sie ihr Kind nicht aus der Trauergemeinschaft aus. Geben Sie ihm das Gefühl, selbst entscheiden zu können, ob es mit zur Beerdigung geht. 
  • Versuchen Sie eine Alltagsroutine aufrecht zu erhalten. Wenn Ihr Kind schnell wieder zur Schule will, lassen Sie es gehen.

 

 

Teil 28: „Ich denke zurück"

 

Herr, ich denke zurück.

Ich gehe noch einmal den Weg durch alle meine Jahre.

Nicht an meine Leistung denke ich.

Sie ist gering.

Nicht an das Gute, das ich getan haben.

Es wiegt leicht gegen die Last des Versäumten.

 

An das Gute, das du mir getan hast,

denke ich und danke dir.

An die Menschen, mit denen ich gelebt habe,

an alle Freundlichkeit und Liebe, von der ich mehr empfangen habe, als ich wissen kann.

An jeden glücklichen Tag und jede erquickende Nacht.

 

An die Güte, die mich bewahrt hat in den Stunden der Angst und der Schuld und der Verlassenheit.

An das Schwere, das ich getragen habe, denke ich, an Jammer und Mühsal,

deren Sinn ich nicht sehe.

Dir lege ich es in die Hand und bitte dich:

Wenn ich dir begegne, zeige mir den Sinn.

 

Ich denke zurück, Herr, an alle die vielen Jahre.

Mein Werk ist vergangen, meine Träume sind verflogen, aber du bleibst.

Lass mich nun im Frieden aufstehen und heimkehren zu dir,

Denn ich habe deine Güte gesehen..

 

Jörg Zink

 

Teil 29: Spuren eines Lebens

Die Kanadierin Margaret Fischback Powers beschreibt in dem Buch „Spuren im Sand" einen Traum, in dem sie nachts mit Gott am Strand entlanggeht. Dabei wird sie an Erlebnisse aus ihrem Leben erinnert, die wie Bilder an ihrem inneren Auge vorüberziehen. Zu jedem Bild entdeckt sie eine Fußspur im Sand. Auffällig ist, dass es einmal die Abdrücke von zwei Fußpaaren sind und dann wieder nur von einem Paar. Irgendwann stellt sie verunsichert fest, dass immer dann, wenn sie unter Angst, Sorge oder dem Gefühl des Versagens litt, nur die Abdrücke von einem Fußpaar zu sehen sind. Und so wendet sie sich mit einer Frage an Gott: „Herr, du hast mir versprochen, du würdest immer mit mir gehen, wenn ich dir nur vertrauen würde. Ich habe aber festgestellt, dass gerade in den Zeiten meiner schwierigsten Lebenslagen nur eine Fußspur im Sand zu sehen ist. Wenn ich dich nun am dringendsten brauchte, warum warst du dann nicht bei mir?" Da antwortet ihr Gott, der Herr: „Immer dann, wenn du nur ein Fußpaar im Sand gesehen hast, mein Kind, habe ich dich getragen."

 

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Die Bibel: Psalm 139,5

 

 

Teil 30: Erd- oder Feuerbestattung?

von Hans-Dieter Koschei

 

Eine Frau aus unserer Gemeinde ist verstorben. Mit den Angehörigen sitze ich am Wohnzimmertisch. Wir bereiten miteinander die Bestattung vor. Ein Predigttext für den Trauergottesdienst ist schnell gefunden, ebenso die Lieder. Das hatte sich die Verstorbene selbst gewünscht. Und dann stellen die Angehörigen die Frage: Beerdigung oder Krematorium? Und in dieser Frage schwingen ganz praktische Gesichtspunke mit, aber auch Gefühle. Kann man zu einer Feuerbestattung aus christlicher Sicht „Ja“ sagen? Darf sich ein Christ verbrennen lassen? Wie passt das eigentlich zusammen: Feuerbestattung und der Glaube an die leibliche Auferstehung?

 

In vielen alten Kulturen war die Verbrennung der Leichen üblich. Selbst im vorchristlichen Rom war sie gebräuchlich. Mit der Ausbreitung des Christentums verschwindet auch die Leichenverbrennung. Da man auch Jesus erdbestattet hatte, pflegten auch die christlichen Gemeinden die Erbestattung auszuüben. Erst im 19. Jahrhundert wurden immer häufiger hygienische und praktische Überlegungen laut, die eine Feuerbestattung zu rechtfertigen schienen. Auch mit dem unterschiedlichen Raumbedarf eines Urnengrabes gegenüber einer aufwändigen Bestattungsstelle wurde argumentiert.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Krematorien. Meist waren es Mitglieder von freireligiösen und kirchenfeindlichen Gruppen, die feuerbestattet wurden. In christlichen Kreisen wurde die Feuerbestattung abgelehnt. Man sah darin die Fortsetzung der Strafmaßnahmen, die während der Christenverfolgung und auch später praktiziert wurden, um die Auferstehungshoffnung der Christen demonstrativ zu karikieren. So wurde der Vorbehalt gegenüber einer Feuerbestattung lange Zeit aufrechterhalten. Die württembergische Kirchenleitung z.B. zeigte sich in der Anfangszeit noch sehr ablehnend, wenn sie formulierte: „Da die Leichenverbrennung, auch wenn sie keinem ausdrücklichen Gebot Gottes und keinem Artikel des christlichen Glaubens unmittelbar widerspricht, auch in den Bekenntnissen unserer Kirche nirgends verworfen wird, doch der an die Heilige Schrift sich anschließenden und wie von alters her so auch heute noch der christlichen Kirche allgemein bestehenden Sitte zuwider ist und eine amtliche Beteiligung des Geistlichen bei derselben in weiten Kreisen Anstoß erregen müsste…“.

 

Mit dieser Erklärung ist kein ausdrückliches „Nein“ artikuliert. Das war auch gut und vorausschauend gedacht, denn wenige Jahre später wurde diese Beschränkung bereits aufgehoben mit dem Hinweis, dass durch den Bau von Krematorien die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, vor der Leichenverbrennung einen Trauergottesdienst mit liturgischem Akt, Gebet und Ansprache durchzuführen. In der heutigen gültigen Bestattungsordnung lesen wir: „Der Bestattungsgottesdienst wird bei Beerdigungen und bei Feuerbestattungen gehalten.“ Ähnlich verhält es sich in der römisch-katholischen Kirche. Sie hatte sich lange Zeit ablehnend gezeigt; doch auch hier ist festzustellen, dass der Gläubige, der seinen Leichnam zur Einäscherung bestimmt hat, das Recht auf eine kirchliche Bestattung hat.

 

Von Anfang an war die Bestattung der Toten für die christlichen Gemeinden ein Akt der Barmherzigkeit. Ganz wesentlich dabei ist, was auch in der Bestattungsordnung ausgesagt ist: „Die christliche Gemeinde erweist so ihren Verstorbenen den letzten Liebesdienst und verkündigt angesichts des Todes die Herrschaft des Auferstandenen über Lebende und Tote.“ Der Gottesdienst anlässlich einer Bestattung bezeugt den Glauben, dass Gott auch mich auferwecken wird an seinem Tage – oder wie es im Katechismus lautet: „dass Gott durch seinen Geist am jüngsten Tage mich mit allen Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ewiges Leben geben wird.“

 

In dem Glaubensbekenntnis, das ich als Konfirmand gelernt habe, wurde die leibliche Auferstehung betont („Auferstehung des Fleisches“). Mit dieser Formulierung wollte man verhindern, dass der Mensch in Leib und Seele getrennt erscheint. Der Mensch erscheint vor Gott als ganzer Mensch, mit allem, was sein Menschsein ausmacht. Er ist mehr als nur Leib und Seele. Zu ihm gehören auch die Lebenszeit und das Leibesleben. Wenn wir diese Erkenntnis bejahen, so ist doch nicht daraus zu folgern, dass allein die Erdbestattung gültig und die Feuerbestattung unzulässig ist. Vielmehr ist zu betonen, dass Gott alles neu machen wird. Da bedarf es keiner materiellen Überreste, weder Knochen noch Asche. Was sich durchhält in diesem Leben und auch in dem Leben bei Gott, ist unsere Identität. Wir werden bei Gott keine anderen sein, als wir es hier im Erdendasein waren. Und diese Identität kann uns weder der Tod noch das Leben, weder das Grab noch das Feuer nehmen.

 

Oder wie ist das: Wird einem Menschen, der bei einem Brand – sei es bei einem Unglück oder in einem Brandbombenhagel – ums Leben gekommen ist, seine Identität genommen? Unser Leib vergeht, das ist wahr, in der Erde, der Luft, im Wasser oder im Feuer. Aber so wahr, wie Jesus Christus nach seiner Auferstehung von den Seinen erkannt wurde – und doch anders war -, so gewiss werden auch wir von unserem Herrn erkannt werden als die, die wir immer waren. Und so gewiss werden wir auch dann all jene erkennen, die in unserem Leben leibhaftig um uns waren, weil ihre Identität in Gottes Reich nicht verwest oder verbrennt.

 

Teil 31:

Manchmal ist alles zu schwer

von Bernhard Matzel

 

In einer kleinen Stadt sitzt auf einer großen Treppe ein kleines Mädchen und weint. Sie hat ihren Schulranzen neben sich abgestellt und wischt sich die dicken Tränen vom Gesicht. Ich setze mich neben sie und frage vorsichtig: „ Warum weinst du denn?“ Sie schluchzt: „ Es ist so schwer!“

„Ist dir dein Schulranzen mit den Büchern zu schwer?“ – „Nein, der ist doch puppig leicht!“ – „Ist die Schule zu schwer, verlangen die Lehrer zu viel, schaffst du deine Aufgaben nicht?“ – „Nein, das Lernen ist doch nicht schwer!“ – „Ja was ist denn so schwer für dich, dass du so weinst?“ Da sagt das sechsjährige Mädchen verblüffend einfach und ehrlich: „Das ganze Leben ist zu schwer, ich glaube, ich schaffe es nicht!“

Wie vielen Menschen ist das wohl aus dem Herzen gesprochen, und wie viele Lebensängste finden hier ihren einfachen Ausdruck. Die Herausforderungen des Lebens scheinen manche Menschen einfach zu erdrücken. Die Last von Schicksal und Einsamkeit, Schmerzen und Defiziten, Leid und Tod lassen viele daran zweifeln, ob Ihre Kräfte reichen und ihre Hoffnungen tragen. Viele beschleicht die Sorge, ob sie es schaffen und die Zerreißproben bestehen werden. Das ganze Leben ist wirklich zu schwer, wenn wir alles allein tragen und bewältigen, lösen und schaffen müssten. Es ist tröstend und befreiend zu wissen, dass Jesus Christus versprochen hat, uns und unser Leben zu tragen und uns mit all den Nöten fest in seiner Hand zu halten.

 

 

Teil 33:

Warum? Wozu?

von Helmut Thielicke

 

Solange ich frage: „Warum geschieht mir das?", drehen sich meine Gedanken immer nur um mich selbst. Und wer feinere, vom Evan gelium geschärfte Ohren hat, hört daraus eine Anklage: Ich habe es nicht verdient. Wir behaupten eben immer, es ganz genau zu wis sen, wie Gott verfahren will. Oft müssen wir später - vielleicht nach einigen Jahren und Jahrzehnten - beschämt bekennen, wie töricht und hochfahrend wir waren, als wir Gott diesen Vorwurf machten. Wie oft hat sich herausgestellt, dass jene dunklen Stunden, derent wegen wir die Faust gegen den Himmel ballten, nur Stationen auf den weisheitsvollen Umwegen seiner Führung waren, die wir nicht in unserem Leben missen möchten. So hilft uns Jesus, wenn er uns die Frage nach dem Warum abgewöhnt, dass wir von der ewigen Anklage gegen Gott loskommen und uns nicht mehr an ihr wund zu reiben brauchen.

Er lehrt uns nämlich eine sinnvolle Wendung unseres Fragens. Er sagt uns, dass wir nicht fragen dürfen „warum?", sondern „wozu?". Mit dieser Wendung der Frage wird Jesus selbst unser Seelsorger. Wenn wir diese Wendung verstanden haben, dann löst sich unsere im Schreck zusammengeschnürte Kehle, dann bekommen wir wieder Luft, dann können wir wieder rufen und werden nicht müde, weil wir aus dem tiefen Frieden unseres Herzens leben können.

Wieso ist das eine ungeheure Befreiung? Indem Jesus uns fragen lehrt „wozu?", lernen wir von uns selbst hinwegsehen auf Gott und seine Zukunftspläne mit unserem Leben. Wir verlernen, uns in unsere eigenen Gedanken zu verrennen, und erhalten eine ganz neue, positive und kreative Richtung unseres Denkens.

Wir können immer wieder folgendes bemerken: Alle Gemütskrankheiten und alle ausweglosen Traurigkeiten zeigen dieselben Erscheinungen, die der Arzt eine „egozentrische Struktur" nennt. Das soll heißen: Die Gedanken kreisen in den düstersten Stunden solcher Traurigkeit immer um mich selbst: Warum geschieht mir das, wie wird es mit mir weitergehen? Ich sehe keinen Ausweg mehr.

Und je mehr ich mich an mich selbst verliere, umso unglücklicher werde ich. Dieses Unglück kann sich bis zu Krankheitsformen - etwa zu Neurosen - steigern. Daher sind auch alle egoistischen Men schen im Grunde unglücklich, einfach deshalb, weil sie selbst die Regenten ihres Lebens sein wollen und weil darum mit tödlicher Sicherheit der Augenblick kommen muss, wo sie nicht mehr weiter wissen.

Und eben da kommt Jesus mit lindernder Hand, hebt unseren Kopf hoch und zeigt, welches Glück es ist, dass wir eben nicht die Regenten sind, sondern dass Gott im Regimente sitzt und alles wohl führt und dass er etwas mit uns vorhat. Dann sehen wir plötzlich von uns weg (allein das schon ist eine unendliche Wohltat, dass wir uns nicht selbst immer im Blick stehen und uns so entsetzlich wich tig nehmen); dann sehen wir plötzlich von uns weg und erkennen über uns Wolken, Luft und Winde und dürfen es wissen: Der diesen allen Wege, Lauf und Bahn gibt, der wird auch mich nicht vergessen und auch für mich ein Ziel meines Laufens und Wanderns im Auge haben. Das ist das Produktive dieser neuen Art zu fragen. Wir lernen von uns selber wegsehen und auf die Ziele blicken, die Gott für unser Leben bereitet hat.

 

(aus: Helmut Thielike, Wie die Träumenden, Hamburg 2005, S. 94f.)

 

 

Teil 34:

Die Alten ehren

 

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die
Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem
Gott; ich bin der Herr (3. Mose 19, 32)

 

Die Alten ehren! Diese Anweisung der Bibel für den Umgang mit alten Menschen wird mit der Forderung der Gottesfurcht auf eine Stufe gestellt. So wert sind Gott die Alten, so sehr steht er auf ihrer Seite, dass ihre Missachtung Gott selber trifft und ihm die Ehre nimmt. Die Alten ehren! Damit ist ein Programm angesprochen, das ein starkes Stück Arbeit an uns selbst bedeutet. Wie leicht wird ein alter Mensch als schwierig abgestempelt, ohne dass wir fragen: Wie ist er so geworden?

Gott will, dass wir immer neu etwas voneinander erwarten und damit rechnen, dass er Menschen und Verhältnisse und vor allem uns selbst ändern kann. Er hat uns die alten Menschen gegeben, damit wir von den Erfahrungen ihres langen Lebens lernen können, auch von den Erfahrungen ihres Glaubens.

Wer alte Menschen ehren will, nimmt sich Zeit für sie und lässt sie an den Freuden und Problemen des eigenen Lebens teilnehmen. So wahr Gott der Herr ist, so wahr ruht sein Segen auf dem verständnisvollen Miteinander von Jungen und Alten.

Oder wie es ein unbekannter Verfasser aus Afrika geschrieben hat: „Selig, die Verständnis zeigen für meinen stolpernden Fuß und meine lahmende Hand. Selig, die mit freundlichem Lächeln verweilen, um ein wenig mit mir zu plaudern. Selig, die niemals sagen: Diese Geschichte haben Sie mir heute schon zweimal erzählt. Selig, die mich erfahren lassen, dass ich geliebt, geachtet und nicht allein gelassen bin. Selig, die mir gütig die Tage, die mir noch bleiben auf dem Weg in die ewige Heimat, erleichtern."

 

 

Teil 35:

Zwei Texte, die trösten können und Hoffnung schenken

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last.

O Herr, gib unsren aufgescheuchten Seelen

das Heil, für das Du uns bereitet hast.

 

(Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer, hingerichtet auf ausdrücklichen Befehl Hitlers am 9. April 1945 in Berlin)

 

 

Der Herr ist mein Hirte

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führt mich zu frischem Wasser.

Er erquickt meine Seele.

Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,

fürchte ich kein Unglück,

denn Du bist bei mir.

Dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang

und ich werde bleiben im Hause des Herrn

immerdar.

 

(Ps. 23)

 

 

Teil 36:

Glaubensinfo: Totengedenken

„Wo sollen wir unsere Toten suchen?“, fragen viele Angehörige ratlos. Zwar fühlen sie, dass die verstorbenen immer noch einen Platz in ihrem Herzen und in ihrer Erinnerung haben. Auch besitzen die meisten auf dem Friedhof ein Grab, einen Stein mit Namen und Lebensdaten. Einen Ort der Trauer, den die Katholiken zu Allerseelen (2. November), die Protestanten zum Ewigkeitssonntag (letzter Sonntag im Kirchenjahr vor dem 1. Advent, dieses Jahr am 21. November) mit besonderer Liebe schmücken und pflegen. Aber ist das alles? Oder gibt es auch nach dem Tod ein Leben?

Die Autoren der Bibel sind vorsichtig, sie spekulieren nicht über die Details dieser Zukunft. Wichtiger ist ihnen, das wir unsere Gegenwart bewusst leben und christlich gestalten. Doch sie schreiben auch, dass Christus nicht im Tod geblieben ist. Sie glauben ihn in Gottes Ewigkeit. Darum bezeugt der Apostel Paulus, dass auch uns „weder Tod noch Leben (…), weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges (…)scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ (Römerbrief 8, 38-39).

Wo also sind unsere Toten? Und wie wird das mal nach unserem Sterben sein? Christen wissen nicht, was kommt, sie wissen aber, wer kommt: Jesus Christus, dem sie schon hier im Leben vertrauten. Der Theologe Helmut Thielicke schrieb in seiner Autobiographie: „Als Christen sind wir gewiss, dass die uns zugemessene Lebensspanne nur die Adventszeit einer noch größeren Erfüllung ist“.

 

 

Teil 37:

Ein Abschied, der zum Leben gehört

von Andreas Goetze

Der Tod ist ein Tabuthema. Kommt das Gespräch darauf, wechselt mancher Gesprächspartner den Platz. Davon will man nichts hören. Dabei kommt es im Leben darauf an, sich mit der Frage nach dem Tod auseinanderzusetzen. Wenn der geliebte Angehörige stirbt oder gestorben ist, kann man kaum einen klaren Gedanken fassen. Dann läuft alles ab wie in einem Film. Im Schockzustand lassen sich keine vernünftigen Entscheidungen treffen. Dazu sind Informationen eine wichtige Grundlage: Wie lange darf ich meinen Angehörigen in der Wohnung aufbahren? Wie kann ein Abschiednehmen zu Hause gestaltet werden? Wann kann ich eine Pfarrerin/einen Pfarrer hinzuziehen? Als Seelsorgerin und Seelsorger zu jeder Zeit! Ich kann mich bei den Pietäten nach Preis und Leistung erkundigen. Ich kann mit meinem Partner/ meiner Partnerin über die Art und Weise der Beerdigung sprechen. Ich kann den Pfarrer/die Pfarrerin meiner Gemeinde um Beratung bitten. In aller Ruhe, mit der nötigen Zeit und dem Respekt vor der Endlichkeit des Lebens und dem Vertrauen in die diese Begrenztheit übersteigende Wirklichkeit Gottes.

Die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden in Jügesheim und Dudenhofen haben in einer ökumenisch getragenen Initiative ein Faltblatt vorgelegt, das wichtige Informationen und Verhaltensmöglichkeiten für einen Abschied in Würde enthält. Er ist diesem „Gemeindejournal“ beigelegt. Sollten Sie noch weitere Flyer benötigen, rufen Sie einfach im Gemeindebüro (Tel. 3673) an.

 

 

Teil 38:

Hier ein Abschied – dort ein Wiedersehen

von Andreas Goetze

In der Zeit des Abschiednehmens und der Trauer spüre ich, wie wichtig mir Gebete und Gedanken von Freunden sind. Ich empfinde dann eine stille Verbindung, ein Mittragen und Mitfühlen. Es wird mir deutlich, dass ich in allem Schmerz nicht allein bin. Solche Gebete und Gedanken, ein In-den-Arm-Nehmen – all das sind für mich Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt. Ich kann annehmen, dass Gott in die Nacht meines Lebens kommt. Dort, wo es dunkel ist, will er sein Licht bringen. Ich komme von Advent und Weihnachten her, von der Erinnerung, dass Gott in Jesus Christus ein menschlicher, ein mittragender, ein barmherziger Gott ist. Das Titelbild dieses „Gemeindejournals“ zeigt das Kreuz, in dem eine Rose blüht. In allem Leid und Schmerz lässt mich Gottes Liebe nicht los. Ich erfahre es nicht immer, aber ich vertraue darauf, dass ich letztlich und im Tiefsten von Gott gehalten, getragen bin. Ich brauche mich nicht zu fürchten, dass mir Heimat fehlt. Fühle ich mich auch ferne, so stürzt Gottes Haus, seine Ewigkeit, nicht ein. Er bringt mich nach Hause. Im Vertrauen darauf, dass Gott mächtiger ist als der Tod und Leben mehr ist als unsere sichtbare Wirklichkeit.

 

 

Teil 39:

Patientenverfügung - Erstinformation

von Andreas Goetze

Die Patientenverfügung ist eine schriftliche Erklärung, in der eine Person bestimmt, dass sie im Falle einer schweren, unheilbaren Erkrankung oder bei irreversiblen Schäden - etwa nach einem Unfall - mit sicherer Todesprognose nicht mit künstlichen Mitteln (Geräten, Organspenden) am Leben erhalten werden möchte. Damit hilft sie sich selbst, da eventuell unnötig langes Leiden verhindert wird. Darüber hinaus hilft die Verfügung aber auch den ärzten, die ansonsten ihren mutmaßlichen Willen herausfinden müssten, wenn die Person nicht mehr ansprechbar ist, zum Beispiel im Koma. Allerdings besitzt die Verfügung nach geltendem Recht keine unmittelbar bindende Wirkung für den Arzt. Sinnvoll ist es, die Patientenverfügung um zwei Dinge zu ergänzen:

  • Einem Blatt bzw. einer Seite, auf dem Sie Ihre Wertvorstellungen festhalten ("Wertanamnese")
  • Einer Vorsorgevollmacht, die eine Person Ihres Vertrauens benennt, die Sie im Krankheitsfall dann vertreten kann.
  • Immer wieder werden wir in der Kirche gefragt, was denn die Bibel zu dieser Thematik sagt und wie die Position der Kirche hinsichtlich der Patientenverfügung ist. Dazu gibt es Informationen unter
    www.trauernetz.de
    ein Angebot der Evangelischen Kirche. Hier findet sich neben anregenden überlegungen zur christlichen Sicht der Patientenverfügung auch eine Checkliste, um das Wichtigste bei Formularen zu bedenken.

     

     

    Teil 40:

    Christliche Überlegungen zur Patientenverfügung

    von Andreas Goetze

    Christinnen und Christen wissen sich im Tod von der Liebe Gottes umfangen. Der Tod ist nicht das letzte Wort. Gottes Zusage gilt: Wir werden mit Christus auferweckt. Aus dieser überzeugung heraus kann jede Christin und jeder Christ sein Leben und Sterben in Gottes Hände legen. Wann oder wie Christinnen und Christen sterben, überlassen sie Gott, der Herr über Leben und Tod ist. Andererseits sind wir aber auch dazu bereit, unser Sterben nicht unnötig zu verlängern. Wir dürfen darauf verzichten, alle vorhandenen medizinischen Mittel zu verwenden, um so lange wie möglich zu leben. Mit der Patientenverfügung drücken Christinnen und Christen aus, dass wir für unser Leiden und Sterben Mitverantwortung übernehmen. Wer eine Patientenverfügung verfasst oder eine vorgefertigte Patientenverfügung unterschreibt, erfüllt damit einen Dienst an sich selbst, aber auch an seinen Mitmenschen.
    Mit der Patientenverfügung können wir ausdrücken, ob wir im Sterbeprozess oder beim Ausfall zentraler Gehirnfunktionen lebensverlängernde Maßnahmen in Anspruch nehmen oder ob wir auf diese Maßnahmen verzichten wollen. Wir können damit sagen, ob wir eine Schmerzbehandlung selbst dann wünschen, wenn sie eventuell eine Lebensverkürzung zur Folge haben kann. Wir haben die Möglichkeit zu entscheiden, ob wir im Krankenhaus oder daheim sterben möchten. Wir können unserem Wunsch nach seelsorgerlichem Beistand Ausdruck verleihen. Damit greifen wir auf unser Sterben vor und stellen uns dem Tod. Wir weichen nicht ängstlich vor dem Gedanken zurück, dass auch wir einmal unser Leben auf dieser Erde werden beenden müssen.
    Durch das Abfassen einer Patientenverfügung entlasten wir unsere Mitmenschen, gerade diejenigen, die sich besonders um uns sorgen; denn nicht sie müssen in einer oftmals sehr schwierigen Situation herausfinden, was unser Wille gewesen sein könnte und über unser Leben oder Sterben zu entscheiden. Gerade den Menschen, die wir lieben, ersparen wir mit einer Patientenverfügung in manchen Fällen Selbstvorwürfe: "Habe ich genug gegen das Sterben des geliebten Menschen getan?" Wir entlasten damit auch die behandelnden ärzte, die ihr Berufsethos dazu verpflichtet, Leben zu retten, wann immer dies möglich ist.
    Die Patientenverfügung wird gelingen, wenn wir Martin Luthers Rat folgen: "Befrage und erforsche dein eigenes Herz genau; dann wirst du wohl finden, ob es allein an Gott (ex solo Deo) hängt oder nicht." Im Vertrauen auf Gott können wir unsere Verantwortung für das Sterben mit einer Patientenverfügung mitnehmen.

     

     

    Teil 42:


    Das Trauercafé-Team

    Im Trauercafé neue Hoffnung schöpfen Überkonfessionelle Hilfe nach einem Todesfall

    von Regina Kirstein

    Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Nicht selten wird um Trauernde sogar ein großer Bogen gemacht; „was soll man da schon sagen“, heißt es hilflos. Und erfährt der Betroffene nach einem Todesfall anfangs wirklich Tröstendes, erlischt das Mitleiden von Freunden und Verwandten bald. „Das Leben geht weiter“, hört man dann wenig einfühlsam oder, noch schlimmer: „Nun hab dich nicht so, versink‘ nicht völlig in deiner Trauer.“ Trauer jedoch ist nicht steuerbar, Trauer braucht ihre Zeit, will durchlebt, verarbeitet werden. Manche Menschen mögen lieber allein mit dem großen Verlust fertig werden. Andere stehen plötzlich kopflos da; sie wissen nicht, wohin und suchen verzweifelt nach einem Gegenüber.
    „Ich wollte schon immer eine Möglichkeit schaffen, Menschen in ihrer Trauerarbeit zu unterstützen“, erzählt Gabi Große, die als frühere Leiterin des Besuchsdienstkreises der Emmausgemeinde häufig mit den Themen Tod und Trauer in Berührung gekommen ist. „Doch in ganz Rodgau gab es nichts Entsprechendes.“ So schickte sie Hilfesuchende ins „Café Zuversicht“ nach Obertshausen und pflegte engen Kontakt zum Hospiz- und Palliativdienst der Johanniter, bis ihr Entschluss feststand: Rodgau braucht ein Trauercafé!
    Seit September nun gibt es das „Café Hoffnung“, das einmal im Monat seine Türen im Gemeindezentrum öffnet. Wenn es auch protestantische Christen sind, die der Trauer dort einen Raum geben, so sind auch Menschen anderer Konfessionen und auch Religionen stets willkommen. Und das aus ganz Rodgau.
    Gabi Große stehen inzwischen fünf Mitstreiterinnen zur Seite. Alle haben eine spezielle Trauerschulung bei Tabitha Oehler absolviert, einer Trauerseelsorge-Expertin in der EKHN (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau). Jeweils zwei Mitarbeiterinnen sind bei den Trauercafé-Treffen anwesend, um die Gäste zu unterstützen, wenn sie über ihre Trauer reden und sich austauschen wollen.
    „Das ist ein ganz vielschichtiges Thema“, sagt Gabi Große. „Die Menschen trauern nicht nur unterschiedlich, es kommt auch darauf an, wer gestorben ist – ob ein Partner, ein Elternteil oder ein Kind. Man braucht sehr viel Fingerspitzengefühl.“ Und: „Man muss immer einen gewissen Abstand wahren und darf sich als Begleiter von den Trauernden nicht runterziehen lassen“, erläutert sie. Wiltrud Janotta vom Team ergänzt: „Man darf die Menschen nicht bedauern, sondern muss sie aufbauen“.
    Wer beim Trauercafé-Team mitmachen mag, muss natürlich in erster Linie zuhören können. Darüber hinaus ist die Fähigkeit gefragt, Zwischentöne zu erfassen und zu erkennen: „Ist das noch jemand, dem wir helfen können oder braucht diese Person professionelle Hilfe?“ „Wir sind weder Seelsorger noch Therapeuten“, verdeutlicht Gabi Große. Sollte das Team mit einem Fall überfordert sein, sind selbstverständlich Emmaus-Pfarrer Andreas Goetze oder sein katholischer Kollege Pfarrer Wendelin Meissner von St. Nikolaus zur Stelle. Auch Adressen von Therapeuten sind bereit, um Notfälle aufzufangen. „
    Wir können keine Trauerbegleitung leisten, dafür sind wir nicht ausgebildet“, unterstreicht auch Wiltrud Janotta, „zu uns sollte man erst kommen, wenn nach dem Todesfall wieder etwas Alltag ins Leben eingekehrt ist.“ Bisher war das „Café Hoffnung“ eher spärlich besucht. Es braucht wohl etwas Zeit, bis sich herumgesprochen hat, dass es so eine Einrichtung gibt, aber auch, bis die Betroffenen Mut gefasst haben, auch hinzugehen, vermutet das Team. Doch schon jetzt stellt sich heraus, dass es gut tut zu hören, man ist mit seinem Kummer nicht allein. Die Geschichten anderer Trauernden können auch verdeutlichen, dass es „bei mir eigentlich gar nicht so schlimm ist“.
    Eines bedauern die „Café-Hoffnung“-Frauen sehr: Es sind bisher nur Frauen, die sich das Leid von der Seele reden, aber auch nur Frauen, die im Team sind. Das hätten sie gerne irgendwann einmal geändert.
    Das „Café Hoffnung“ empfängt stets am dritten Donnerstag im Monat ab 19 Uhr Gäste im Evangelischen Gemeindezentrum, Berliner Straße 2, Raum 2. Informationen gibt es über die Emmausgemeinde,
    Tel.: 06106 / 36 73,
    Fax: 64 40 05,
    e-mail:pfarramt@emmausjuegesheim.de (alle Kontakte werden vertraulich behandelt).

     

     

    Teil 43:

    Das Leben geht weiter
    Vertrauen und Geduld, die helfen zu leben

    Trauer ist wie ein Fluss, in dem man nicht gegen den Strom schwimmen kann. Man wird von der Strömung erfasst, muss sich mitnehmen lassen. Tief im Innern fühlt man Trauer aufsteigen wie das Wasser einer Flut. Nichts scheint mehr sinnvoll: warum essen und trinken, warum leben und reden, wo doch dieser große Verlust so schmerzt?

    Und so reißt dieser Fluss der Trauer die Trauernden mit sich. Es ist wie bei einer wirklichen Flussüberquerung – wer durch einen großen Strom schwimmen muss, kann nie einfach geradewegs zum anderen Ufer gelangen, sondern wird von der Strömung flussabwärts mitgenommen. Genau so ist es auch für einen Menschen in Trauer. Man ändert sich, sieht erst nach einer gewissen Zeit ein neues Ufer. Und kann auch beim besten Willen nicht wieder zurück.

    Kraft finden für den Neuanfang braucht Zeit. Aus diesem Grund gab und gibt es zum Teil heute noch ein Trauerjahr. Angehörige, Freunde und Nachbarn wussten von der außergewöhnlichen Situation, in der sich der oder die Trauernde befindet. Auch wenn heute Zeit und Form der Trauer verschieden empfunden und gestaltet werden, ist es doch wichtig, der Trauer Raum zu geben.

    „Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.”(Psalm 34,19)

    Gott ruft uns bei allem Schmerz zurück ins Leben. Er begleitet uns und trägt uns durch die Zeit der Trauer und den Schmerz hindurch. Gott will nicht, dass der Tod, auch nicht der Tod eines Anderen, Besitz von uns ergreift.

    Die Frage, wann die Trauer endet, kann nicht beantwortet werden. Denn sie ist eine Macht, auf die wir nur bedingt Einfluss haben können. Ein Zwiespalt zwischen Hoffnung und Schmerz kennzeichnet die Zeit der Trauer. Es gehört dazu, auch widersprüchliche Gefühle zu erleben. Inmitten des größten Schmerzes kann einen ganz unvermittelt Lebenslust packen. Umgekehrt kann nach längerem zeitlichen Abstand die Trauer wieder aufwallen. Besonders an bestimmten Jubiläen oder zu besonderen Zeiten im Jahr wie Weihnachten oder Geburtstagen wird einem der Verlust des geliebten Menschen wieder schmerzhaft bewusst. Ihre Pfarrerin oder Ihr Pfarrer steht Ihnen auch in der Zeit der Trauer zur Seite. Scheuen Sie sich nicht, sie oder ihn anzusprechen.

    Der Text stammt aus der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau herausgegebenen Broschüre >>Die Bestattung<<. Sie ist erhältlich bei der Kirchenverwaltung, Paulusplatz 1, 64285 Darmstadt, Telefon 06151/405287 oder im Internet unter www.ekhn.de/inhalt/download/publi/06_bestattung.pdf

     

     

    Teil 44:

    Kinder fragen nach Gott


    Wenn dein Opa gerade an einer Krankheit gestorben ist, dann bist du darüber sehr traurig. Das darfst du auch sein. Trauern ist wichtig und richtig, andere sind ja auch traurig darüber, dass er tot ist. Der Tod deines Opas zeigt: Menschen leben nicht ewig. Aus irgendeinem Grund werden sie krank und manchmal nicht mehr gesund. Gott nimmt sich sicher nicht vor, einen bestimmten Menschen jetzt nicht mehr gesund zu machen. Trotzdem fällt uns schwer zu verstehen warum er zulässt, dass ein Mensch krank wird und stirbt. Denn die Bibel erzählt, dass Jesus, Gottes Sohn, Menschen geheilt hat. Ob er es dann nicht auch heute tun könnte?
    Wenn wir aber weiterdenken, wissen wir: Auch die Menschen, die Jesus geheilt hat, leben heute nicht mehr. Gott hat sie schließlich doch zu sich in den Himmel aufgenommen. Die Krankheit und der Tod gehören zum Leben dazu. Wenn wir den Tod eines anderen Menschen erleben, sind wir traurig. Doch wir Christen glauben, dass der Tod nichts Böses ist. Jesus Christus ist ja selbst gestorben, aber vom Tod auferstanden in das ewige Leben. Dahin nimmt er die Menschen mit: ins ewige Leben zu Gott. Das ist ein Trost in unserer Trauer.

     

     

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