P r e d i g t
im Entsendungsgottesdienst von Felix Otto
in der Emmausgemeinde Jügesheim
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Heiland Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
ich begrüße Sie sehr herzlich zu diesem besonderen Gottesdienst, in dem wir Felix Otto aus Ihrer Gemeinde für ein Ökumenisches Freiwilliges Jahr nach Palästina entsenden. Ich heiße A.N. und bin Pfarrerin und Nahostreferentin im Berliner Missionswerk, der Entsendungsorganisation von Felix Otto. <<<<Hinweis auf JV
Der Ort, an dem Felix ein Jahr tätig sein wird, stellt eine unmittelbare Verbindung zu dem Predigttext her, den wir soeben gehört haben. Es geht um das, was Talitha Kumi bedeutet: „Mädchen, ich sage dir, stehe auf!“
Da ist ein besorgter Vater. Seine Tochter schwebt in Lebensgefahr. Kein Arzt, keine Therapie, kein Gebet, keine noch so medizinisch fortgeschrittene Heilkunde kann sie noch retten. Fassungslos stehen die Eltern vor dem Bett ihrer Tochter. Sie, die der einzige Stolz der Familie war – freundlich, ausgestattet mit vielen Gaben, hilfsbereit, voller Lebensfreude und Unternehmensgeist – stirbt vor ihren Augen. Niemand kennt den Grund oder Auslöser ihrer rätselhaften Krankheit. Sie gleitet unter den Händen der sie liebevoll berührenden Eltern förmlich weg. In der Geschichte heißt es, dass sie in einen todesähnlichen Schlaf versank – dem Tode näher als dem Leben.
Wir alle kennen solche Situation, wo Eltern fassungslos und verzweifelt an den Kranken- oder Sterbebetten ihrer Kinder sitzen und erkennen müssen, dass sie dieser Krankheit, den Folgen eines Unfalls oder gar dem Sterben des eigenen Kindes hilflos gegenüberstehen. Liegt es da nicht nahe, dass man sich an jeden Strohhalm klammert, der Hilfe, Heilung, Hoffnung verspricht? Für den Vater Jairus ist dies Jesus, der Wanderprediger und Lehrer. Zwar ist von ihm nicht bekannt, dass er über medizinisches Wissen verfügt, aber man hört, er könne Wunder bewirken. Normalerweise würde sich Jairus, der Synagogenvorsteher, nicht auf die Hilfe eines Wanderpredigers verlassen. Aber er ist der letzte Strohhalm, an den er sich klammert, Hatte er nicht vor kurzem eine blutflüssige Frau von ihrem dreißigjährigen Leiden erlöst?
Jesus hört die flehendliche Bitte des Vaters. Aber er scheint es nicht eilig zu haben. Er betritt das Haus, als es anscheinend schon zu spät ist. Was für ein Schock für die Eltern, die einzige Hilfe, auf die sie ihre letzte Hoffnung setzen, kam zu spät.
Ich denke hier an die Geschichte des Vaters im Gazasteifen, dessen Sohn während des Gazakrieges von israelischen Heckenschützen angeschossen wurde. Eine ganze Nacht hielt der Vater seinen verblutenden Sohn im Arm und hoffte auf ärztliche Hilfe. Während dieser Stunden hatte er telefonisch Kontakt zu seinem Bruder und einem israelischen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. Beide versprachen Hilfe. Als der Ambulanzwagen am nächsten Morgen kam, war der Sohn tot. Ich stelle mir vor, dass die Verzweiflung, die diesen Vater erfasste, der ähnlich ist, die Jairus beim Anblick seiner toten Tochter erlebt. Das Ausmaß der Verzweiflung ist grenzenlos. Alles ist aus – die Hilfe kam zu spät.
Doch in der Geschichte im Neuen Testament geschieht etwas Unerwartetes: Jesus scheint den Tatbestand, dass er eigentlich zu spät kommt, zu ignorieren. Er tritt an das Bett des Mädchens heran, ergreift ihre Hand und spricht sie an: „Mädchen, ich sage dir, stehe auf!“ Und dann geschieht etwas Unglaubliches. Es ist, als sei durch die Berührung und die liebevolle Ansprache wieder das Leben in das Mädchen zurückgekehrt. Sie, die an der Schwelle zwischen dem Kindsein und dem Erwachsenwerden steht, was sie als todesähnliche Bedrohung erlebt, wird wieder lebendig. Dieser Vorgang entzieht sich jeder medizinischen oder psychologischen Deutung. Obwohl das Alter und der Zustand des Mädchens dies nahelegen würde. Die Gegenwart Jesu und seine unmittelbare Zuwendung bewirken, dass sich Menschen gegen den Tod für das Leben entscheiden, neuen Lebensmut und neuen Lebenswillen in sich entdecken. So war es jedenfalls mit der Tochter des Jairus, deren Namen wir nicht kennen. Sie folgt dem Aufruf Jesu und erhebt sich aus ihrem Bett. Die Reaktion der Eltern und Zeugen dieser Geschichte macht uns stutzig. Statt sich zu freuen und Jesus zu danken, ergreift die Anwesenden Entsetzen. Hier hat jemand den Tod bezwungen. Das grenzt an Häresie. Nur Gott kann Tote auferwecken. Ja, wer etwas wagt, was gegen jede Konvention und Tradition verstößt, was dem Menschenverstand und allen Sachzwängen entgegensteht, der begibt sich in Gefahr, gesellschaftlich isoliert zu werden, sich angreifbar zu machen. Darum können sie ihn auch nicht verstehen. Für ein solches Handeln erfordert es viel Mut und Zivilcourage.
Mut und Zivilcourage - das hatten die vier Diakonissen in reichlichem Maße, als sie sich 1851 zusammen mit Theodor Fliedner, dem Gründer der Kaiserswerther Diakonie, auf dem Schiffsweg in das Heilige Land begaben. Im Gepäck hatten sie eine Krankenhaus-Apotheke, ihre Bibeln und ihre feste Überzeugung, dass Gott ihnen eine Aufgabe – im Unterrichten oder in der Krankenpflege – zuweisen würde. Die Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus war ihnen wohl vertraut. Denn viele von ihnen hatten sie am eigenen Leibe erfahren. In einer Zeit, wo Frauen in Deutschland kaum Berufe oder ein eigenverantwortliches Leben außerhalb der Familie möglich waren, hatten sie eine Schwestern- und Erzieherinnenausbildung absolviert und damit mancher bedrückenden Situation im Elternhaus entkommen können. Jetzt wollten sie das Gute, das sie erfahren hatten, an andere Frauen und Mädchen weitergeben.
Dass Mädchen auch in der arabischen Welt aus bedrückenden Lebensumständen, Ausbeutung und Entrechtung befreit werden können, dafür wollten sie sich einsetzen. In Jerusalem angekommen, gründeten zwei von ihnen ein Krankenhaus, das spätere Marienhospital. Die beiden anderen Diakonissen begaben sich in die Gassen der Altstadt von Jerusalem. Ihnen war aufgefallen, dass es dort vor allem viele arabische Mädchen gab, die bettelnd und äußerlich vernachlässigt durch den Suk, den arabischen Markt, zogen und den Blicken der Fremden und scheu auswichen. Die beiden Diakonissen gingen auf diese Mädchen zu. Sie wandten sich den ärmsten der Gesellschaft zu, den Mädchen, die nicht nur der äußerlichen Armut, sondern auch dem strengen Verhaltenskodex innerhalb ihrer Familie unterworfen waren, und boten ihnen kostenlose Bildung an. Damals gab es in dieser Region der Welt kein öffentliches Bildungssystem – nur einzelne Religionsschulen, die zudem nur Jungen offenstanden. Mädchen waren alle Bildungsmöglichkeiten verschlossen. Von klein auf mussten sie schon im Haushalt, auf dem Feld oder im Handel der Mutter zu Hand gehen, die schweren Wasserkrüge schleppen oder auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Bildung war ihnen versagt. Mit 12/13 Jahren wurden sie wie zu Jesu Zeiten durch ihre Eltern an ihren zukünftigen Ehemann versprochen. Nicht wenige von ihnen heirateten wenig später und starben nach der Geburt des dritten oder vierten Kindes im Kindbett. Ein hohes Alter war ihnen in den meisten Fällen nicht beschieden.
Dies ist genau die Situation, von der die neutestamentliche Überlieferung spricht. Von den Zeiten Jesu bis ins 19. Jahrhundert hatte sich im Heiligen Land im Orient nur wenig am Schicksal der Mädchen und Frauen geändert. Die Diakonissen eröffneten mit der Gründung ihrer Schule, die sie „Talitha Kumi“ nannten, den arabischen Mädchen einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Unwissen, Abhängigkeit und Bevormundung, die für sie oft genug mit dem seelischen oder tatsächlichen Tod verbunden war. Wie dieses Schicksal aussah, hat das in der Zeitschrift Geo 2008 als das Bild des Jahres veröffentlichte Schicksal eines 13jährigen afghanischen Mädchens, das neben ihrem ca. 50jährigen Ehemann sitzt, zum Ausdruck gebracht. (Bild mitbringen) Das war wohl auch die Situation der Tochter des Jairus, die – an der Schwelle von Kindheit zum Heiratsalter – eine Art Scheintod erlebte. Dies war die Situation vieler Mädchen in Palästina im 19. Jahrhundert und ist sie noch heute in der islamischen Welt und in Afrika.
Die Diakonissen brachten in ihrer Schule den Mädchen und jungen Frauen alles bei, was sie zum selbständigen Leben brauchen konnten - sei es als Familienmutter oder berufstätige Frau: die Fremdsprachen, Mathematik, Geografie und Geschichte, aber auch Hauswirtschaftslehre, Krankenpflege und Handarbeiten. Sie halfen den jungen Frauen, auf eigenen Füßen zu stehen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, berufliche Selbstverwirklichung zu wagen. Sie lehrten die jungen Frauen aufzustehen – im wahrsten Sinne des Wortes – und sich aus patriarchalen Familienverhältnissen und der traditionellen Beschränkung ihrer Lebensmöglichkeiten zu befreien. „Talitha Kumi“ ist nicht nur der Name, sondern auch das Programm der Schule bis zum heutigen Tag. Und Tausende von Absolventinnen und ab den 80er Jahren auch Absolventen dieser Schule haben in den 157 Jahren ihres Bestehens den aufrechten Gang und das Einstehen für die Rechte von Frauen und Mädchen in der arabischen Welt gelernt.
Sumaya Farhat-Naser, die auch in Deutschland bekannte Biologin, Schriftstellerin und Friedensfrau, schreibt in ihren Erinnerungen an die Schulzeit in Talitha Kumi: „Die Diakonissen haben mir den Weg ins Leben gewiesen. Sie haben mich stark und selbstbewusst gemacht und mich gelehrt, meinen eigenen Weg zu gehen. So konnte ich mich auch meinem Vater widersetzen, der mich vorzeitig von der Schule nehmen und an einen viel älteren Mann verheiraten wollte. Dank der Vermittlung der Schwestern war es mir möglich, nach dem Abitur nach Deutschland zu gehen und in Hamburg Biologie zu studieren.“
Heute ermutigt Sumaya Farhat-Naser andere junge Frauen in ihren Seminaren an Universitäten und Schulen dazu, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Talitha Kumi“ lebt fort in Palästina. Und überall, wo sich Menschen von der lebendigen Kraft, die vom Wort Gottes kommt, packen lassen, diesen Glauben als Wahrheit ihres eigenen Lebens begreifen, wird das wahr, was Jesus zu den Mädchen sagte: „Talitha Kumi ich sage dir, Mädchen stehe auf!“ Das betrifft nicht nur Frauen (obwohl sie in den meisten arabischen Ländern immer noch den größten Teil der Analphabeten ausmachen), sondern auch die Männer.
Wie schwer es ist, sich aus der Apathie, der Tatenlosigkeit, dem sich Abfinden mit den Gegebenheiten, einem passiven Lebensstil zu lösen, macht die weitere Geschichte von Talitha Kumi deutlich.
Zwischen 1918 – 1948 nahm die Schule in ihrem prächtigen Schulgebäude in der Jerusalemer Neustadt fast über 1.000 Schülerinnen aus der gesamten arabischen Welt auf. Mit dem Ende des Krieges von 1948 und der Gründung des Staates Israel schien das Ende von Talitha Kumi besiegelt zu sein. Der Westteil der Stadt Jerusalem und damit auch die Schule gehörte zum israelischen Teil Jerusalems. Unter unsäglichen und beengten Bedingungen führten die Schwestern die Internatsschule in der Westbank in Beit Jala weiter und nahmen besonders viele Flüchtlingskinder auf. Es gab kaum Wasser, wenig Nahrung und vor allem keinen Platz für Unterrichtsräume und zum Spielen. Also machten die Schwestern mit den Mädchen regelmäßig Spaziergänge und vermittelten ihnen die Schönheit und die Achtung vor der Flora und Fauna ihrer eigenen Heimat. Als dann endlich Anfang der 60er Jahre auf dem großen Hügel außerhalb des Ortes Beit Jala sich das neue Talitha Kumi wie ein Phönix aus der Asche erhob, pflanzten die Diakonissen mit den Schülerinnen eigenhändig Tausende von Pinien, die das Schulgelände heute zum einzigen grünen Hügel neben den inzwischen durch israelische Siedlungen bebauten anderen Hügeln erkennen lassen. So ist die Schule heute eine Oase der Hoffnung, wo 850 Jungen und Mädchen alles das lernen, was sie für ihr zukünftiges Leben brauchen: fachliches Wissen, Selbstbewusstsein und Verantwortung für die Gesellschaft.
Wenn wir heute einen jungen Mann aus ihrer Gemeinde für ein Jahr nach Talitha Kumi entsenden, dann bitten wir um Gottes Segen und Geleit für die Arbeit, die Felix Otto dort mit anderen Freiwilligen tut. Und wir nehmen durch unsere Fürbitte, durch die Kollekte und auch durch die Berichte, die Felix uns im Laufe der nächsten Monate schicken wird, Anteil an dem, was in Talitha Kumi geschieht. Durch unsere Unterstützung tragen wir dazu bei, dass junge Menschen in Palästina eine Perspektive jenseits von Gewalt, Hass und Verzweiflung erhalten und friedensfähig werden.
Jesus braucht uns, unser Können und Wissen, unser Herz und unseren Verstand, um Menschen, die am Rande des Lebens stehen, ins Leben zurückzuholen. Dies ist keine Frage besonderer therapeutischer Fähigkeiten oder medizinischer Kenntnisse, sondern eine Frage unseres Glaubens. Weil Gott in der Taufe und in dem Menschen Jesus Ja zu uns gesagt hat, können wir auch anderen Menschen zum Leben in seiner Gegenwart verhelfen. Darum ist die Geschichte von der Tochter des Jairus kein Märchen aus längst vergangenen Zeiten, sondern täglich erfahrbar – heute, hier und an jedem Ort dieser Welt, wo Christen auf das Wort Gottes vertrauen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.
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