„Teuflisch gut ist ein einfach himmlisch“
„teuflische Predigt“ bei Kirche ´mal anders, 16.01.05
(Nachdem das Lied verklungen ist, erscheint der „Teufel“ in seinem Gewand mit Dreizack…)
Solche Glauben stärkenden Lieder sind mir ein Greul, also wirklich, musste das sein? – ausgerechnet heute, wo ich da bin? Ganz schön pietätlos, was ihr da so macht. Aber so leicht lasse ich mich nicht abschrecken, da bin ich ganz anderes gewöhnt. Ach, so, darf ich mich vorstellen: ich bin der, den keiner ernst nimmt und der deshalb umso besser ernst machen kann! Man nennt mich Teufel, Luzifer oder den Diabolos, den Durcheinanderbringer, wie ihr mich auch immer nennt, ich spiele wie immer an der vordersten Front. Da fühle ich mich wohl und bin heute extra zu euch gekommen, um euch zunächst meinen Dank auszusprechen, dass ihr meine Ideen so vortrefflich in die Tat umsetzt. Also: „Vielen Dank!“
Nachweisbar bin ich ja schon seit drei Jahrtausenden in den Köpfen der Menschheit. Und noch immer fasziniere ich alter Kerl wie ein junger Gott. Als Schreckfigur diene ich religiösen Fundamentalisten, um ängstliche Gläubige zu ködern und Feinde anzuklagen. Unzufriedene Jugendliche leben in satanischen Kulten ihre Rebellion aus. Manchmal bin ich leider nur zu einer Dreschfigur im Kasperltheater verkommen, als das freundliche Monster von nebenan – sozusagen als ein erzieherisches Drohmoment. Aber allgemein lassen sich die Menschen durch mich richtig inspirieren. Da redet der amerikanische Präsident Bush von der „Achse des Bösen“ und macht einen tollen Krieg. Ist doch irre, dass der gar nicht merkt, dass er selbst der „Wagen des Bösen“ ist! Natürlich freue ich mich, wenn Hollywood mich als smarten Kerl in feinem Tuch darstellt, gespielt von Gentlemen wie Robert De Niro („Angel Heart“) oder Al Pacino („The Devil´s Advocate“). Zuletzt sogar bin ich zum Hauptdarsteller in einem Jesusfilm geworden, das war ja wirklich genial! Dank an Mel Gibson!
Ja, die Menschen glauben zwar nicht mehr richtig an Gott, aber sie glauben noch immer fest an den Teufel. Ist doch cool: vom Feind haben sie genauere Vorstellungen als von ihrem Schöpfer. Ihr seid so fasziniert von der dunklen Seite der Wirklichkeit, da scheinen euch häufig spannendere Bilder und Erklärungsmöglichkeiten. Die Fantasie lebt sich viel besser im Schatten aus. Der Himmel ist manchmal so langweilig.
Es gibt ja viele, die sich so lange den Teufel vorstellen, bis sie wirklich daran glauben. Ich mache es ihnen auch einfach. Der Glaube an mich entlastet euch von der Konfrontation mit dem Bösen in euch. Wer will schon gerne hören, dass er selbst ein Arschloch ist. Da helfe ich gerne aus. Und du kannst weiterleben wie du willst - koste es, was es wolle! Eben so richtig die Sau rauslassen, deine Triebe ausleben. Ich bin da die ideale Projektionsfigur für euch Menschen, die ihr die Schattenseiten nicht aushaltet.
Besonders wollt ihr kein Leid sehen, mehr fühlen und auch nicht mehr mitfühlen, weil ihr euch selbst Leid tut. So glaubt ihr, dass es kein Leid gibt, das sich nicht wegtrainieren lässt mit wellness-Kuren und Schönheits-operationen. Leid ist Schicksal der Verlierer, der Versager, der Hinterherhinkenden auf der Tour des Fortschritts. Oh, ja, ihr habt mich super gut verstanden, diese teuflische Ethik muss ich euch gar nicht mehr einpflanzen, ihr habt sie euch längst selbst einverleibt. Daher kommen auch eure Endzeitstimmung und die Angst, das Böse nicht mehr loszuwerden.
Dabei liegt der Ursprung des Bösen in der Selbstüberhebung des Menschen, in eurem Hochmut und der Sehnsucht, unverwundbar zu sein. So entwickelt ihr Gewaltpotentiale, die selbst die Hölle erschrecken. Ihr ahnt kaum, dass die Anhäufung der gewaltigsten Vernichtungsmittel nur Ausdruck eurer Verzweiflung ist. Die verkannte Ohnmacht gegenüber eurer Verletzbarkeit ist meine schärfste Waffe – dass ich euch eingeredet habe, ihr wäret allmächtig und habt alles im Griff. Ja, wer mit aller Macht Kontrolle über andere ausüben will, der malt seit ewig den Teufel an die Wand. Mit finsteren Mächten ist gut drohen – das hat man auch in der Kirche schnell gelernt. Da werde ich immerhin regelmäßig ganz offiziell aufs Neue bezeugt, manchmal mehr als der Alte. Ich freue mich riesig, dass erst vor kurzem Papst Johannes Paul II höchstselbst meine Aufenthaltgenehmigung auf Erden verlängert hat.
Gott sei Dank – oh, was für ein unverzeihlicher Versprecher, den Alten lassen wir flugs aus dem Spiel – ihr seid schnell vergesslich, sonst müsste ich mir noch Sorgen machen wie jetzt nach der Flutwelle in Südostasien. Mir ist das ja ganz unheimlich: Plötzlich sind wieder so viele Leute in Gottesdiensten und tun so furchtbar mich schädigende Dinge wie singen und beten. Aber insgesamt ist es mir in den letzten beiden Jahrhunderten glänzend gelungen, so ´was wie Engel und dann auch Gott aus euren Vorstellungen zu vertreiben. Ihr sagt ganz in meinem Sinne: „Der aufgeklärte Mensch braucht Gott nicht mehr, um sich die Welt mit Natur und Geschichte zu erklären“. Gut gesprochen! Weiter so! Bleibt ruhig unter eurer Käseglocke. Denn, ehrlich gesagt – wenn ich das überhaupt kann – also, wenn ich etwas fürchte, dann ist es die Erinnerung an diesen Gott, der die Menschen liebt. Wissen Sie, gegen den Alten, also gegen den, den ihr Gott nennt, habe ich eigentlich keine Chance. Wenn er zu den Menschen kommen will, um ihnen zu helfen, könnte ich es nicht verhindern. Deshalb musste ich mir gut überlegen, was ich tun muss, um erfolgreich zu sein. Kann ich auch gegen den Alten nichts ausrichten – gegen euch Menschen habe ich eine Chance. Ihr seid ja wirklich gute, gelehrige Schüler, das muss ich schon sagen, Hut ab! Ich hätte nicht gedacht, dass ich euch so einfach verwirren könnte. Was habe ich mir alles einfallen lassen – und ihr glaubt ´s! Einfach cool.
Ich habe euch glauben gemacht, dass die Kirche eine Organisation sei, um die Leute zu unterdrücken. Und ich habe euch eingeredet, dass ihr Gott überall findet: in eurem Innern, in der Ekstase, in der Natur – und, wenn es sein muss, im Orgasmus. Jedenfalls habt ihr akzeptiert, Kirche sei antiquiert, überholt.
Ich habe euch die Bibel madig gemacht, dass die Bibel das beste Buch im Bücherschrank ist, um darin Geld zu verstecken – da wird es keiner finden, da eh keiner drin liest. Nennt es unwissenschaftlich oder ein Märchenbuch – super! So ist mir gelungen, dass Gott nicht mehr zu euch Menschen reden kann, weil ihr´s nicht hören wollt.
Ich habe euch beigebracht, dass Beten so eine Art hilfloses Selbstgespräch ist – eine ohnmächtige Gebärde derer, die im prallen, vollen Leben zu kurz gekommen sind. Stolz bin ich darauf, dass Eltern nicht mehr mit ihren Kindern beten. Wer nicht mehr betet, kann nicht mehr um Hilfe rufen. Die Verbindung zum Alten ist abgeschnitten. Wenn eben noch einige fernöstliche Meditationstechniken üben wie Yoga oder ein paar fernöstliche Kräuter als Rauschgift verbrennen, um ihr Bewusstsein zu erweitern, stört mich das nicht weiter. Sie bleiben ja so jedenfalls nur ganz bei sich selbst.
Weil das alles noch nicht so richtig funktioniert hat, habe ich den Hebel noch weiter vorn angesetzt: bei den Boten Gottes. Ich habe euch eingehämmert, dass auch Priester und Pastoren gar nichts Besonderes sind – oder alles andere als Boten des Alten: Volksverdummer, Fortschrittsbremsen, Fossile aus dem Mittelalter. Und weil manche von denen es mit der Angst zu tun gekriegt haben, bedeutungslos zu werden, haben sie aufgehört, Theologen zu sein und machen auf Sozialarbeiter – und sind so erst recht ohne Bedeutung. Sie haben gelernt, sich dafür zu schämen, das Wort „Gott“ auch nur in den Mund zu nehmen oder fromm zu erscheinen.
Bei den Christen aber, die noch zum Gottesdienst gehen, da muss ich mir noch viel mehr Mühe geben, da muss ich den Hebel noch an einer ganz anderen Stelle ansetzen. Ich arbeite dran, sie zu überzeugen, dass sie nicht mehr die Lieder singen und auch, dass das Heilige Abendmahl eigentlich überflüssig ist, weil man in der Kirche doch nicht fröhlich feiert und von dem Alten sowieso nichts zu erwarten ist. Und die häufige Feier des Abendmahls ist ja sowieso ´was Katholisches. Und ein richtiger Protestant kommt ja lieber in die Hölle, als dass er über etwas Katholisches nachdenkt.
Daher halte ich auch alle Bibelgesprächskreise über Gott sehr klein: denn je weniger ihr euch darum kümmert, über euren Glauben ´was zu wissen und euch auszutauschen, desto besser für mich. Ohne Bibel, Gebet, Gesang, Gottesdienst und Abendmahl – so habe ich ihrem Glauben das Herz rausgeschnitten. Habe ich ihnen erst ´mal Gott ausgespannt, dann ist es vorbei mit ihrer Ruhe. Ja, der Teufel hat die Eile erfunden – und den Terminkalender dazu! Beschleunigung ist geil, wenn man nicht mehr an ein ewiges Leben glaubt, sondern meint, so viel wie möglich noch vor seinem Tod erledigen zu müssen. Das macht richtig süchtig, ihr lebt wie im Rausch. Hier kommt alles zusammen, was mich am Leben hält: Gier, Habsucht, eine nahe Verwandte des Geizes, der Neid und die Angst, zu kurz zu kommen und ´was zu verpassen. Ihr kommt überhaupt nicht mehr zur Besinnung.
So ergibt sich alles andere von selbst. Ich dachte mir: wissen die Leute erst einmal nichts mehr vom Alten, dass er als der Herr wahrhaftig im Gottesdienst auch in der Gestalt von Brot und Wein leibhaftig anwesend ist, wissen sie auch bald nicht mehr, wozu sie in die Kirche gehen sollen. Dann werden die Pastoren unsicher und treiben als Ersatz allerlei Mätzchen. Gebet und Bibel fallen herunter – und dann ist es soweit:
Ich habe die Menschen in der Falle. Keine Tür geht mehr auf, kein Hilferuf geht mehr nach draußen, keine Hilfe kommt mehr herein. Sie sitzen gefangen wie in einer Käseglocke. Dann sind sie ein Spielball der Mächte, die sich ausbreiten, wo der Alte nicht mehr ist. Wo Gott nicht mehr ist, da nimmt die Hölle ihren Anfang. Merken Sie was? In allem steckt System, der Teufel steckt im Detail!
Dann ist ja alles klar – wenn da nicht der Alte wär´. Unberechenbar ist der, weil er das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht; der entgegen jeder geordneten Haushaltsführung 99 gesunde, starke und fette Lämmer sich selbst überlässt und dem einen verlorenen Schaf nachgeht; der eine perverse Vorliebe hat für das Verletzliche, das Kranke, Schwache, Verlorene.
Ich will nicht respektlos sein. Aber ich glaube, der Alte hat keine Moral. Sollte er es wirklich wagen, die Käseglocke anzuheben? Sollte er wirklich diese Menschen, die so verletzbar, ängstlich und schwach sind, lieben? Dann wäre ich verloren. Denn die Liebe ist mein Ende. Aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die Menschen das nicht gleich wieder vergessen würden. - Man sieht sich!
gez.: Teufel, der Hüter und Wahrer der welt lichen Ordnung |