Reicher Mann und armer Lazarus – die Bibel und das Kapital
(Lukasevangelium 16, 19-31)
Liebe Freundinnen und Freunde in Christus!
„Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt“. Mit diesen Worten wird Oscar Wilde zitiert. V iele haben es ihm bis heute schon nachgesprochen. „Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht. Allerdings meint man damit das Geld der anderen“ , setzt das Zitat von George Bernhard Shaw noch eins drauf. Beim Elternabend zur Vorbereitung der Konfirmation entsteht immer ein Elternbrief. Die Eltern sind eingeladen, auf einem Papier aufzuschreiben, welche guten Wünsche, welchen Segen, welche Gedanken sie ihren Kindern anlässlich des Konfirmationsfestes gerne mit auf den Weg geben möchten. Fünf Mal war diesmal zu lesen: „Dass er (oder sie) viel Geld verdient“. Das war allerdings den Eltern, die den Brief aus den Vorgaben der Eltern formulierten, so peinlich, dass sie dies nicht aufgenommen haben...
Geld macht, dass sich die Welt dreht. Das dachte sicher auch der reiche Mann, dessen Schicksal im Lukas-Evangelium im 16. Kapitel beschrieben wird: Lesung des Predigttextes: Lukas 16, 19-31.
Lassen Sie es uns mal so sehen: Eigentlich lädt uns unser heutiger Sonntag zu der Antwort auf die Frage ein: Was hat hohen Stellenwert für dich in deinem Leben? Wen oder was achtest du hoch? Und auf der anderen Seite natürlich auch: Was schätzt du gering? An wem oder was gehst du achtlos vorüber, weil er oder es dir nichts bedeutet?
Da ist Lazarus. Lazarus gelangt nach seinem Tod in den Ort der Seligkeit. Der Reiche aber landet im Hades, einem Ort der Qualen, in feuriger Hitze und ohne Wasser. Beide Orte liegen so dicht beieinander, dass man von einem zum anderen hinüberschauen und sogar miteinander reden kann. Hier, im tiefsten Elend, erinnert sich der Reiche plötzlich, dass er auch zu den Kindern Abrahams gehört und fleht um Gnade. Aber er findet keine. Zwar spricht Abraham freundlich zu ihm und nennt ihn „mein Kind“, aber da er in seinem ganzen Leben nur in Saus und Braus lebte, ohne sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern, hilft nun alles nichts. Er hatte zu seinen Lebzeiten keinen Blick für den, der Unterstützung brauchte, er hat den armen Lazarus gar nicht wahrgenommen. Am Ende muss er nun einsehen, dass Geld allein nicht glücklich macht.
Lazarus ist in der Geschichte der Einzige, der einen Namen trägt. Und was für einen! Lazarus - das kommt von „El `azar“ = „Gott hilft“. Lazarus wird auch so angeredet. Das ist anders als bei uns manchmal. Wenn da jemand in den Straßen um ein bisschen Kleingeld bittet, dann ist er meistens nur „der Penner da“ oder wenn man schon etwas besser erzogen ist oder seine Erziehung nicht ganz vergessen hat – wenigstens „der da“. Aber sie bleiben ohne Namen.
Lazarus aber hat einen Namen, der Reiche im Predigttext nicht. Reich sein ist offenbar nicht wirklich der Rede wert. Aber von Gott angesehen zu werden, von ihm aufgenommen zu werden das zählt so viel, dass es sogar namentlich an Lazarus festgemacht wird. Mehr noch: Über Lazarus wird gesagt, dass er von den Engeln getragen wurde in Abrahams Schoß, auf einen Ehrenplatz sozusagen. Über den Reichen wird nur gesagt, dass er starb und begraben wurde. Sehr knapp. Das fällt auf.
Das Geld die Welt regiert, das war auch für den Reformator Martin Luther schon 1514 ein Problem. Und zwar als Prediger in der Stadtkirche zu Wittenberg. Er sorgte sich um das Seelenheil seiner Gemeinde. Viele Menschen kamen nicht mehr zur Beichte. Stattdessen erwarben sie einen so genannten „ Ablassbrief“ . Mit diesem sollte man sich sein Seelenheil erkaufen und die persönliche Beichte ersetzen können.
Dagegen protestierte Luther. Mit Geld kann man nichts Beständiges und Verlässliches kaufen, schon gar kein Glück und schon gar keine Ewigkeit. Die Macht des Geldes ist endlich. Unsere modernen Ablassbriefe sind unsere Renditen. „Viel Rendite viel Ehr, viel Gewinn viel Glück“. Es wird das Bild erzeugt, dass wir vom Wohl an den Börsen abhängen. Dabei verfügt nur der geringste Teil der Menschen über Aktien. Der Kapitalismus verführt zu einer (strukturellen) Habgier. Von struktureller Sünde „Immer-mehr Haben-wollen“ befreit werden! Um der Schöpfung und der Armen willen: Die Schöpfung erträgt die schrankenlose Bereicherung der Reichen nicht. Es ist genug für alle da, aber nicht für jedermanns Gier.
Lernen gilt ja als hohes Ziel! Aber offenbar nicht für den Umgang mit Geld. Es ist ja eine Versuchung, sich immer mehr für sich aufzuhäufen, koste es, was es wolle. Ohne Blick auf den anderen. Wie der Reiche, der den Lazarus nicht sehen will. Der sitzt ja bei ihm, vor seinem Haus und ihm wird doch keine Aufmerksamkeit zuteil.
Lukas in seinem Evangelium, wie die Bibel überhaupt, sagen nichts gegen Geldbesitz. Es gilt für Lukas aber, das Geld so richtig einzusetzen, dass es dem Leben dienlich ist. Eigentum und Geld sind sozialpflichtig. „Was nicht im Dienst steht, steht im Raub“ , formuliert Luther. Geld und Eigentum werden weder verklärt noch verdammt. Beides ist im Blick zu halten: Die verzweifelte Situation der Armen und die Logik des Marktes, zu der auch eine maßvolle Zinswirtschaft gehört. Wucherzinsen sind abzulehnen. Von Armen soll überhaupt kein Zins genommen werden.
Beispiele, wo heute nach meinem Darfürhalten handlungsbedarf besteht:
- die Entschuldung der armen Länder ist dringend geboten: die zahlen so viel Zinsen für Kredite, dass sie kein Geld haben für Bildung, Gesundheit und Soziales.
- Große Firmen beuten die natürlichen Ressourcen aus für billig Geld und verkaufen es mit Riesengewinnen
- Ich gestehe, ich bin stolz auf die Iren, die diese Art des EU-Vertrages abgelehnt haben. Einer der zentralen Inhalte des Vertrages ist der freie Markt ohne Grenzen und soziale Absicherung. So verpflichtet der Vertrag alle EU-Mitgliedsstaaten zu einer Wirtschaftspolitik der offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb - Neoliberalismus pur. Das ist g enau das Denken, was zu der Finanzkrise geführt hat, und das soll jetzt zentrales Fundament der EU-Verfassung werden: darüber sollten wir reden und dagegen protestieren wie die Iren. Politiker reden von sozialer Marktwirtschaft, dann aber tun sie nichts dagegen: dabei müssten sie aufgrund der Finanzkrise den EU-Vertrag ändern!
- die Banken machen gerade so weiter: EKHN-Finanzchef Striegler erhielt die vergangene Woche von einem namhaften deutschen. Finanzhaus ein Angebot mit möglicher Kapitalrendite von 169%! - Mit der Lernfähigkeit der Branche kann es nicht weit her sein .
- Alles zugunsten der Aktionäre: 2007 schüttete die Post AG 38% mehr an Dividende aus als sie Gewinn gemacht hat. Beispiel „Austria Telecom“:2008 hat sie 50 Millionen Verlust eingefahren und dennoch an die Aktionäre 330 Millionen an Gewinnausschüttung gezahlt.
- Auf der anderen Seite: pro Jahr gibt es ca. 500.000 Leute, die sich durch Kredithaie verführen lassen, ans „schnelle Geld“ zu kommen und dann Wucherzinsen zahlen müssen und so in die absolute Schuldenfalle kommen - geprägt von der Gier, die unsere Lebenswelt bestimmt, vom „Haben-wollen“. Das ist moderner Ablasshandel, wo die Leute denken, dass Statussymbole und Besitz Anerkennung bringen.
Marktwirtschaft ohne soziale Regelungen macht gnadenlos. Wir brauchen politische Steuerungsmechanismen - doch von einem Systemwechsel ist nichts zu spüren. Heute müssen Kapitalbesitzer vom Gesetz her keine soziale Verantwortung übernehmen, sondern können sich nur um ihre Rendite kümmern. Da setzt der katholische Frankfurter Sozialethiker Johannes Hoffman an „ Unser Wettbewerbsrecht schützt das freie Handeln von Unternehmen auch dort, wo dieses die Mitwelt und Nachwelt schädigt, indem es Kosten auf sie abwälzt.
Für Hoffmann ist klar: „Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb muss abgeändert werden“ . Und zwar wie folgt: „Unlauter handelt, wer sich durch Abwälzung von Kosten auf Umwelt und Gesellschaft Vorteile gegenüber Mitbewerbern verschafft, die diese Kosten selbst tragen, um die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen zu schützen“.
Dass sich die Finanzmärkte von der Realwirtschaft abgekoppelt haben, hält auch der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach für den Hauptgrund der Krise: „ Die zügellosen subjektiven Erwartungen einer Minderheit, die allein von ihren Vermögenswerten leben kann, steigende Vermögenspreise sowie die unbegrenzte Kreditschöpfungsmacht des Bankensystems haben eine spekulative Blase ausgelöst“ , so Hengsbach. „Aber leider seien die Rettungspakete eine Einladung an die Banken, schon bald jene Kreditschwemme zu wiederholen“. Siehe das unseriöse Finanzangebot an den EKHN-Finanzchef Striegler mit 169% Renditeaussichten.
Es geht aber noch um etwas ganz anderes in der Lukas Erzählung. Für den Reichen galt nur das etwas, was er in seinem Leben an Luxus haben, vermehren und genießen konnte. Nun merkt er, dass er im Tod nichts mehr davon hat. Das war´ s dann also. Automatisch denkt man: Geschieht ihm recht.
Aber mir fällt auf, dass der Reiche im Totenreich sogar noch freundlich von Abraham empfangen wird. Er spricht ihn liebevoll an mit „mein Kind“. Ich denke darüber nach, wie schnell man in Schubladen denkt oder in schwarz-weiß malt: Wer arm ist, ist gut. Wer reich ist, ist schlecht. Basta. Dadurch kommt es zu voreiligen Festlegungen und Verurteilungen, mit denen keinem geholfen ist und die zudem auch noch der Liebe Gottes widersprechen.
Denn was ist hier eigentlich das Bedrückende? Hier wird doch gar nicht der erhobene Zeigefinger bemüht, hier wird doch nicht gedroht, hier macht „die Kirche nicht den gehobenen Lebensstandard madig. Hier geht einem ein Licht auf - dem Reichen im Text leider zu spät, was die ganze Sache so bitter macht. Hier wird klar, wie man sein Leben mit falschen verwirken kann. Wie man dadurch, dass man sein Herz völlig an seinen Besitz hängt, zu einem schlimmen Ende kommt. Der Reiche verspielt sein Leben, weil er den Armen nicht sieht. Denken Sie noch mal an die Eingangsfrage: Wen oder was achtest du? Was hat hohen Stellenwert für dich? Und: Was schätzt du gering? An wem oder was gehst du achtlos vorüber, weil es oder er dir nichts bedeutet?
Hier wird nicht gedroht, sondern gewarnt. Hier wird nicht gerichtet, sondern eingeladen zu einem anderen Weg, zum Umdenken, solange es noch geht. Und tatsächlich: Am Ende denkt der Reiche an seine fünf Brüder und möchte, dass sie nicht den gleichen Fehler machen wie er selbst. Er fleht und bittet für einen anderen Menschen. Vielleicht das erste Mal.
Eigentlich bittet er damit auch für uns. Wir sind gut dran, denn wir haben „Mose und die Propheten“, ja, wir haben sogar Jesus Christus, der uns mit seinem Leben und Lieben ein Vorbild ist. Wir haben Gottes Wort, das wir immer wieder hören und lesen können. Und da heißt es ganz klar: Die Liebe zu Gott schließt die Liebe zum Nächsten ein. Wie könnte es anders sein, da man den Nächsten ja sogar vor Augen hat? Eigentlich ist alles da, um neu zu überlegen, wohin es mit mir gehen soll. Deutlich ist auch: Freiheit ohne Glauben, ohne Bindung macht verantwortungslos.
Christus spricht: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich“. Es geht nicht darum, dass Reichtum verboten ist, es geht um den Reichtum um jeden Preis und um den Egoismus, der sich daraus ergibt. Wir sind vor die Entscheidung zwischen „Haben oder Sein“ gestellt, wie Erich Fromm es einmal in seinem Buch beschrieben hat. Peter Plate vom „Duo Rosenstolz“ gibt in einem Interview bekannt: „Ich kann als Zwischenstand mitteilen, dass weder Geld noch Reichtum glücklich macht. Ich bin leider nicht glücklicher als vor zehn Jahren. Geld zu haben ist seltsam, weil man daraus praktisch keine Energien ziehen kann“.
Die Armut hat einen Namen. Lazarus hat einen Namen. Und er braucht uns. Amen.
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