Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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theologie
 

Religion als Opium – Politik als Droge?

Von Friedrich Schorlemmer 28.01.06

Das mit Juwelen besetzte »Lotharkreuz« mit dem Profilbild des römischen Kaisers Augustus entstand um 1000 in Köln. Während die frühen Christen den Kaiserkult ablehnten und dafür in den Tod gingen, wird hier Augustus’ Bild mit dem Hinrichtungstod Jesu verbunden, den er unter seinem Nachfolger erlitt. Indem Kaiser Konstantin den bisherigen Feind zum Bundesgenossen machte, schuf er die Grundlage für ein Imperium Christianum, für das dieses von Kaiser Otto III. gestiftete Kreuz gewissermaßen ein Staatssymbol wurde. – Eine von zahlreichen Abbildungen aus dem großartigen Band »Das Christentum« von Hubertus Halbfas. Auf geradezu spannende Art wird hier ein Überblick geboten über Epochen und Entwicklungen, Richtungen und Perspektiven (Patmos Verlag, 591 S., geb., 58 EUR).

Das Urbedürfnis des Menschen nach existenzieller Anbindung, nach geschichtlicher Rückbindung und transzendenter Verbindung wurde und wird immer auch für Machtzwecke gebraucht. Mächtige verstanden sich als umfassende Für-Sorger und Vollstrecker höheren Willens – in der unseligen Verquickung von priesterlichen und politischen Ansprüchen in beinahe allen Kulturen. Menschen machen sich einen Gott. Und Menschen lassen sich vergotten.

 

Die Vergötzung der Macht und der Mächtigen hat lange Tradition und legitimierte ein totalitäres Herrschaftsgebaren, was wir heute – vom Wertmaßstab universeller Menschenrechte aus – als Verbrechen qualifizieren müssen: von Marduk und Ramses über Augustus bis zu Lenin, Stalin und Mao, Hirohito und Marcos, Chomeini und Saddam, Pol Pot und Kim Il Sung. Und die jetzige amerikanische christlich-fundamentalistische Rechte versteht sich als Vollstreckerin göttlicher Mission – bis dahin, dass der fromme amerikanische Präsident G. W. Bush die Welt einteilt: in diejenigen, die »für uns« sind und diejenigen, die »für die Terroristen sind«. Tertium non datur! Das Dritte aber wäre die Differenzierung, die jeder Fundamentalist meidet wie der Teufel das Weihwasser.

Die gesamte Geschichte des Christentums ist gekennzeichnet durch eine permanente Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Sie geht zurück auf den sogenannten »Zinsgroschen« im Matthäus-Evangelium (Mt. 22, 15-22), wo Jesus auf die Frage, ob man sich der Autorität des Augustus unterwerfen solle, auf dessen Ebenbild auf der Münze verweist und antwortet: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Dem Kaiser steht die Ordnung der äußeren Dinge zu – aber in Glaubenssachen hat er qua Amt nichts zu sagen.

 

Wenn »das Wort« Mensch geworden ist – was in anrührenden Geschichten zu Weihnachten alle Jahre wieder in unserem Kulturkreis erinnert und gefeiert wird –, wenn also das Göttliche im Menschlichen erscheint, dann bezieht sich das Göttliche direkt auf die menschlichen Verhältnisse. Das Reich Gottes durchwirkt das Reich der Menschen – als Salz, das in den Wunden der Welt brennt, als Licht, das auf dem Berge Hoffnung ausstrahlt, als Wort des lehrenden Christus, das Orientierung gibt – und als Sauerteig für das »Brot des Lebens«.

Christusanhänger wurden drei Jahrhunderte lang verfolgt. Aus der verfolgten Kirche wurde eine verfolgende, als sich Kaiser Konstantin ihrer aus machtpolitischem Kalkül annahm: Das Kreuz des Leides und des Mit-Leidens wurde hinfort zum Kreuz des Sieges über andere, bis hin zum Kreuz der Kreuzfahrer, zum Eisernen Kreuz, zum Kreuz, vor dem Soldaten vor der Schlacht niederknien, um dann umso gewissenentlasteter losschlagen zu können.

Im Investiturstreit im 11. Jahrhundert war der Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Macht eskaliert. Im Fürstbischofstum blieben menschliche und geistliche Macht in einer Hand. Die Reformation lutherischer Prägung teilte in geistliches und weltliches Reich. Die Fürsten machten sich im landesherrlichen Kirchenregiment eine prinzipielle Gehorsamsforderung für ihre Untertanenideologie politisch zunutze, bis erst 1918 die Trennung von Staat und Kirche erfolgte.

 

Immer wieder taucht ein Bedürfnis nach (quasi-)religiöser Überhöhung des Politischen auf. Der deutsche Faschismus machte »den Führer« zum Vollstrecker der »Vorsehung« und die Arier zur Herrenrasse, nach Darwin'schen Gesetzen frei zu schalten und zu walten. Macht setzte Barbarei ins Recht.

Blickt man auf die Menschheitsgeschichte, so sollte man sich fernerhin hüten, das Politische zu klerikalisieren oder – umgekehrt – das Religiöse zu politisieren. Freilich: Wenn im christlichen Verständnis der einzelne Gläubige seine Verantwortung als (Mit-)Mensch in der Welt wahrzunehmen hat, dann muss Kirche als die Gemeinschaft der Gläubigen auch politisch werden: in einem orientierenden, mahnenden und Maßstäbe setzenden, Zuversicht und Vertrauen stiftenden Sinne. Dabei wird kritisches Denken, menschliches Maß, Dankbarkeit für das Leben und das Momento mori die alltäglichen konkreten Entscheidungen in einem Gelassenheit stiftenden Sinne begleiten. Die Kirche wird selber keine staatliche Macht anstreben dürfen, aber die Mächtigen an ihre Aufgabe zu erinnern haben, für Recht und Frieden zu sorgen und dabei auch nach geltenden Rechtsgrundsätzen staatliche Gewalt anzuwenden haben.

 

Hinter dem Grund-Satz von Artikel 1 des Grundgesetzes, wonach der Staat dem Menschen und nicht der Mensch dem Staat dient, sollte alles staatliche Handeln nicht wieder zurückgehen. Die Kirchen sollten aus ihrem eigenen christlichen Menschenbild (Imago Dei) heraus alles dafür tun, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt.

Christliche Kirche sollte zudem in einer Welt-Zeit, in der es vorrangig um Börsenwerte geht, den Mehrwert des Lebens hervorheben; sie wird die Anmaßung zurückdrängen, dass der Mensch die ihn umgebende Welt nur noch zum Objekt, den anderen Menschen zu einer Ware unter Waren, Kinder und Alte zu einem Kostenfaktor, menschliches genetisches Material zu einem beliebigen Manipulationsgegenstand zu machen droht. Die christlichen Kirchen haben den Menschen an seine Kreatürlichkeit zu erinnern, auch daran, dass Menschsein immer Mit-Menschsein bedeutet, dass die Freiheit des einen nicht zur Unfreiheit des anderen führen darf, dass Menschen füreinander verantwortlich bleiben, dass sie ihre Konflikte mit zivilisierten Mitteln austragen sollen und können.

 

Heute sollten Christen und Kirchen insbesondere jede Politik unterstützen, die sich in der globalisierten Welt für mehr Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich und weniger Armut einsetzt – gegen die Übermacht des bloßen Gewinnstrebens (»Götze Geld«). Sie sollten im Streit um die Ressourcen in der Welt und um die Ideen für die Welt (»Kampf der Kulturen«) all jene unterstützen, die gewaltfreie, auf internationalem Recht und auf universalen Menschenrechten beruhende Politikansätze verfolgen. Frieden ist nicht alles – aber ohne Frieden ist alles nichts! Und sie sollten aus Ehrfurcht vor dem Leben und aus Dankbarkeit für das Leben jede Politik unterstützen, die dafür sorgt, dass die Erde beim Bebauen auch bewahrt wird (»Prinzip Nachhaltigkeit«).

 

Im Konflikt zwischen verschiedenen (religiösen) Wahrheitsansprüchen ist aufgeklärtes Christentum herausgefordert, Toleranz und Dialog einzuüben – jedem Fundamentalismus wie jedem Relativismus entgegentretend. Keiner hat die Wahrheit. Jeder ist auf der Suche nach der Wahrheit zu seinen Gewissheiten gekommen, die den Gewissheiten der je anderen gegenüberstehen. Wo Kirche zusammen mit politischer Macht auf das Argument der Macht setzt, ist christliche Religion an ihren Quellen verdorben und verloren; sie steht jedenfalls nicht mehr auf der Seite des Wanderpredigers aus Nazareth, der mit einem persönlich beglaubigten Lebensweg zum Sinnbild für Urvertrauen, Gottesgewissheit und Nächstenliebe wurde.

Heute Christ zu sein heißt, Zeuge zu sein und Zeugnis zu geben – an den Brennpunkten der Zeit. All denen, die sich solidarisch mit den Leidenden zeigen, spricht Jesus in den sogenannten Seligpreisungen das Glücklichsein zu: denen, die Leid tragen, die barmherzig sind, die Frieden stiften, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Christen sollen Zeugen der Gerechtigkeit sein, wo die Arm-Reich-Schere aufklappt, Zeugen des Friedens sein, wo Interessen wieder mit Machtmitteln durchgesetzt werden.

 

Wo Christen sich in die Politik einmischen, ist ihre innere Haltung entscheidend: aus einem unbedingten Vertrauen leben, aufgerichtet sein und aufrecht gehen, Freimut zeigen, aus dem das Zeugnis der Wahrheit gegenüber den Mächtigen ohne Angst abgegeben wird.

Was Martin Luther für den Prediger sagte, gilt für jeden Christen. Es ist »nichts Schändlicheres denn hinterm Berg halten und nicht frei sagen, was er im Sinn hat und was seine Meinung ist ... Der Obrigkeit darf man keinen Widerstand leisten mit Gewalt, sondern lediglich mit der Kundgabe der Wahrheit. Dazu gehört ein großer starker Glaube, dass einer so frei in der Rede ist, dass er nicht fürchtet, der Leib und der Brotkorb könnten Schaden leiden.« Solche innere Freiheit ist die eigentliche politische Einmischung von Christen.

 

Karl Marx hatte seine Religionskritik vor 150 Jahren auf eindrückliche und zutreffende Weise zugespitzt: Religion sei »Geist geistloser Zustände, Gemüt einer herzlosen Welt, Opium des Volkes« und Repräsentantin des »Jenseits der Wahrheit«. Kirche könnte diese Kritik heute positiv wenden!

 

Es geht nicht zuerst darum, was die Institution Kirche oder ihre Oberhirten sagen, sondern was jeder einzelne Christ an seinem Ort, mit seiner Fähigkeit, mit seinem Einfluss nach seiner sachkundigen und kritischen Gewissensprüfung bezeugt.

Christen, die »in alle Welt« hinausgesandt worden sind, haben – ob sie wollen oder nicht – eine politische Mitverantwortung: wenn es um den Verschleiß der Ressourcen in der Welt, um den Verlust von Artenvielfalt, den dramatischen Klimawechsel geht, wo es um Fremdenfeindlichkeit oder Kirchenasyl geht, um eine kinder- und altenfreundliche Gesellschaft geht, wo es um gerechte Verteilung der Arbeit und der Güter, um Toleranz und Dialog zwischen Kulturen und Religionen und Weltanschauungen, um (religiöse) Rechtfertigung von Kriegen oder um Widerstand gegen weltweiten Neoliberalismus ohne soziale Verantwortung und Nachhaltigkeitskriterien geht. Was wird aus unserer Welt, wenn mehr und mehr als einziger Wert der Geldwert gilt und »alles in der Habsucht ersoffen ist wie in einer Sintflut«, so schon 1524 Martin Luther.

 

Christsein zeigt sich und bewährt sich immer im Konflikt. Die Pose des Besserwissenden oder Besserseienden ist Christen nicht angemessen, die von der Gnade Gottes leben und sich immer bewusst machen, dass Christsein kein Sein, sondern ein Werden ist.

 

Wenn gefordert wurde, dass die Berufung auf Gott in der Europäischen Verfassung verankert wird, dann meint dieses Wort GOTT auch eine Chiffre, einen lebensdienlichen Vorbehalt, dass der Mensch nicht alles machen kann, weder mit den Mitmenschen noch mit seiner Mit-Welt. Es ist der ausdrückliche Vorbehalt, dass der Mensch nicht alles darf, was er kann, z.B. bei Eingriffen in das menschliche Erbgut, Genmanipulation von Pflanzen oder bei der totalen Ökonomisierung des Lebens.

 

Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie selber nicht schaffen kann. Sie sind ihr vorgegeben: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, dass es etwas gibt, was wertvoll ist, auch wenn es nicht »nützlich« ist, was bewahrenswert ist, auch wenn es »nichts bringt«. Das Wort GOTT ist für die einen etwas sehr Bestimmtes und Lebensbestimmendes, für andere ein Sammelbegriff für das Unantastbare, das für die menschliche Tätigkeit von prinzipieller Bedeutung bleibt.

 

Oder: Im Streit um das Kopftuch ist zunächst darauf zu verweisen, dass nicht entscheidend ist, was eine(r) auf dem Kopf trägt, sondern was im Kopf ist. Andererseits haben Symbole, die die mühsam errungenen Freiheitsrechte aller in Frage stellen, im öffentlichen Raum nichts zu suchen.

Grundlegend für unser demokratisches Staatswesen bleibt: In Glaubensdingen darf es keine noch so gut gemeinte Bevormundung geben, sondern freie Entscheidung des Einzelnen und Toleranzverpflichtung aller.

Zugleich ist Wurzelpflege Bedingung für Lebendigkeit einer Kultur, und es gehört zu den Kulturverpflichtungen des Gemeinwesens, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass unsere christlich geprägte Kultur angeeignet und gepflegt, weiterüberliefert und weiterentwickelt wird.

Zu unserer europäischen Kultur gehört unabdingbar ihre Kritik- und Selbstdistanzfähigkeit, aus der heraus zivilisierter Streit und Toleranz erwächst. Toleranz ist indes nur sinnvoll, wenn man selber eine Position vertritt, die einer anderen Position gegenübertritt.

 

Postmodernistische Beliebigkeit ist ebenso bedenklich wie fundamentalistische Borniertheit. Wenn Christen sich an das Wort Jesu halten, dass sie zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit streben sollen, dann können sie erfahren, dass ihnen alles andere (was sie zum Leben brauchen) zufallen wird.

 

 

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