Psalmen - Wege zu mir selbst, Wege zu Gott
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Zuerst einmal möchte ich Sie und euch herzlich begrüßen und euch einen guten Morgen wünschen.
Eine Freundin von mir hatte vor einigen Jahren die Angewohnheit, ihre Freunde immer mit der Frage zu begrüßen: Bist du glücklich? Mir kam die Frage immer einen Tick zu rührselig vor: Ich bin doch keine Figur in einem Groschenroman! Meine Antwort hieß dann, wenn es mir nicht gerade richtig dreckig ging, meistens so ähnlich wie: Ja, warum nicht? Schon okay.
Wenn ich mich aber mit den Psalmen beschäftige, merke ich, dass ich mich in diesem Punkt massiv von den meisten Psalmschreibern unterscheide.
Das Psalmenbuch ist voll von so überschäumenden Begriffen wie Glück, Lust, Vergnügen, Jauchzen, Loben, Preisen. Und dabei klangen diese Begriffe auf Hebräisch, in der Zeit, als die Psalmen geschrieben wurden, noch nicht einmal so fromm und kirchlich wie bei uns z.B. die Aufforderung: “Lobet den Herrn.”
In den Gottesdiensten damals scheint es etwas anders zugegangen zu sein als bei uns in den meisten Kirchen: David z.B. wurde einmal von seiner Frau heftig zurecht gewiesen, weil er vor Begeisterung über Gott so ausgelassen getanzt hat, dass es ihr peinlich wurde.
Wenn in einem Psalm die Aufforderung “Lobet Gott” kommt und dann eine lange Aufzählung von Gründen, warum man Gott loben soll, so wie wir es vorhin in Psalm 103 gehört haben, drückt das ursprünglich eher ein Gefühl aus, das bei vielen von uns wahrscheinlich öfter im Alltag als in der Kirche zu finden ist. Vielleicht vergleichbar damit, wenn bei uns jemand sagt:
Diese Torte! Ein Gedicht! Die musst du unbedingt auch mal probieren! Oder: Ist die Stimme von Marc Medlock nicht zum Dahinschmelzen? - Wer Marc Medlock nicht kennt: Er ist einer der vielleicht zwei Top-Anwärter für den Sieg bei Deutschland sucht den Superstar. - Was ich damit sagen will, ist: “Lobet Gott” ist nicht ein Aufruf, endlich mal die Pflicht zu tun und Gott zu geben, was er verlangt, sondern ein Ausdruck der Begeisterung! Und drückt den Wunsch aus, diese Begeisterung mit anderen zu teilen. Nach dem Motto: Wow! Was für ein Gott! Findest du nicht auch, dass er grandios ist? Hey, da musst du mir doch zustimmen!
Gott zu loben, war im Verständnis der Hebräer ihre Bestimmung, der Sinn des Lebens. Gott loben zu können, war für sie Glück pur. In diesem Zustand hätten sie auf die Frage: Bist du glücklich? Sicher nicht geantwortet: Schon okay. -
Dass es so ist - dass Gott zu loben als Bestimmung des Menschen angesehen wurde - merkt man auch daran, dass so gut wie jeder Psalm, egal wie furchtbar die Situation ist und wie tief der Psalmbeter in der Tinte sitzt, irgendwann darauf hinausläuft, Gott zu loben und ihn oft in den höchsten Tönen zu preisen.
Und die Klagen und Aggressionen stechen im Psalmenbuch mit ihrer Heftigkeit genau so ins Auge wie das Lob. Offenbar war es nicht so, dass die Psalmbeter durch das Lob Gottes so abgehoben sind, dass ihr Realitätssinn darunter gelitten hätte. Im Gegenteil: Der Kontrast und die Spannung zwischen dem tiefsten Leid und dem größten Glück in den Psalmen könnte kaum größer sein. Wie schaffen es die Psalmen, diesen Kontrast zu überbrücken? Wie können sie von der trostlosesten Klage zum Vertrauen und Lob Gottes finden?
Um eine erste Antwort zu finden, würde ich gerne zuerst ein kleines Experiment mit Ihnen und euch machen. Sind Sie bereit? Zuerst bitte ich Sie und euch, euch mal hier im Kirchenraum etwas umzuschauen und sich möglichst viele Dinge einzuprägen, die blau sind.
Okay. Als nächstes bitte ich euch, die Augen zu schließen. Und nun versucht euch an möglichst alle roten Dinge im Raum zu erinnern.
Gut. Und jetzt die Augen wieder auf. Schaut euch wieder um und überprüft, wie gut euer Gedächtnis für die roten Dinge funktioniert hat.
Die meisten werden wohl etwas verblüfft sein, wie viele rote Dinge hier im Raum sind.
Ähnlich funktioniert es bei uns Menschen mit den guten Dingen. Wenn ich, solange ich die Möglichkeit habe, das Gute um mich herum bewusst wahrnehme, werde ich mich, wenn es mir schlechter geht, besser daran erinnern können, als wenn ich schon vorher überall ein Haar in der Suppe gefunden habe. So wie euch euer Gedächtnis, als die Augen geschlossen waren, vor allem das geliefert hat, auf das ihr vorher geachtet habt.
Und ähnlich haben auch die Israeliten gezielt die Güte Gottes auf sich wirken lassen, wenn sie in ruhigen Zeiten Psalmen gebetet haben, in denen Gott das Vertrauen ausgesprochen wird. Psalm 23 z.B. mit dem Bild vom guten Hirten. Oder wenn sie sich bewusst daran erinnert haben, was sie mit Gott schon für gute Erfahrungen gemacht haben, wie z.B. in Psalm 103, den wir in der Schriftlesung gehört haben: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Damit hatten die Psalmbeter eine Basis, um auch unter extremen Belastungen leichter den Weg zum Vertrauen zu finden. Depressionen vorbeugen, indem man in guten Zeiten das Wahrnehmungsorgan für die Fürsorge Gottes trainiert. - so könnte man das nennen.
Aber es gibt auch genügend Psalmen, in denen es offenbar nicht funktioniert, sich an das Gute zu erinnern. So wie es auch bei uns manchmal einfach nicht ausreicht, wenn uns jemand aufmuntern will mit den Worten: Kopf hoch, wird schon wieder. Oder: Jetzt sei doch nicht so negativ! In den Psalmen sind das Situationen wie schwere Krankheiten, Schlaflosigkeit, Anfeindungen von allen Seiten oder die Erkenntnis: Ich habe einen schweren Fehler gemacht und muss diesen jetzt ausbaden. Dinge, die vielen von uns vielleicht vertraut sind.
Was uns Mitteleuropäern dagegen eher fremd ist, ist, wie die Hebräer in den Psalmen damit umgehen: Sie schreien ihre Verzweiflung heraus, völlig unangepasst und in unseren Ohren anstößig: An manchen Stellen klingt es für uns so, wie wenn sie sich so richtig in ihrem Selbstmitleid suhlen. Und an anderen Stellen steigert sich ein Psalmbeter so in seine Rachephantasien hinein, dass sich bei uns alles sträubt. Die Bitte, den Feind umzubringen, scheint in Ps. 109 z.B. noch gar nicht zu reichen. Es geht weiter damit, dass seine Kinder als Waisen hungrig herumziehen sollen und sich keiner über sie erbarmen soll. Und so geht es noch einige Verse weiter.
Ich behaupte nicht, dass in unserem Kulturkreis Rachegedanken nicht vorkommen. Im Internet findet man genügend Seiten, auf denen man sich Rat holen kann, wenn man eine möglichst fiese Racheidee sucht. Da gibt es z.B. den Tipp, seinen Ex mit Hackbällchen aus Hundefutter zu bekochen. Oder seinem bösen Nachbarn oder Lehrer bei Minusgraden Döner an seinen Autotürschlössern festfrieren zu lassen.
Zugegeben, etwas harmloser als in dem Psalm, aber die meisten von uns würden - meiner Meinung nach mit Recht - doch sicher sagen: Hallo, Rache ist doch keine Lösung. Das macht es doch nur noch schlimmer.
Also, liebe Konfis, bitte glaubt nicht, das mit den Dönern wäre ein guter Tipp!
Ich glaube nämlich nicht, dass die Psalmbeter ihre Rachegedanken auch wirklich umgesetzt haben. Im Gegenteil. Es scheint eher so, dass sie sich im Gebet so richtig abreagiert haben, um dann mit Gottes Hilfe zu einem besseren Umgang mit den Problemen zu finden.
Die Frage ist: Sollten wir uns diese Art zu beten wirklich als Vorbild nehmen?
Ich will einmal mit einem Modell aus der Psychotherapie versuchen zu erklären, was uns dabei helfen könnte. Nach diesem Modell existieren in uns zwei Stimmen, die man den Manager und das innere Kind nennen kann.
Der Manager hat das Ziel, dass wir möglichst gut im Leben funktionieren, dass wir Erfolg haben. Er gebraucht Sätze wie: Komm, reiß dich zusammen! Oder: Was denken die anderen? Oder: Das kannst du so jetzt aber nicht bringen.
Das innere Kind hat eher das Ziel, aus der Kraft der Gefühle heraus zu leben. Es ist voller Ideen, aber auch ein kleiner Egoist.
Damit es einem Menschen gut geht und er erwachsen und reif werden kann, ist es wichtig, dass er es lernt, in einer ausgeglichenen Weise auf beide Stimmen, den Manager und das innere Kind zu hören.
Probleme entstehen dann, wenn einer der beiden Teile sich durchsetzt und die Stimme des anderen zum Schweigen bringt.
Wenn sich das innere Kind durchsetzt, bekommt der Mensch früher oder später Schwierigkeiten mit seiner Umwelt, weil er weder die nötige Beziehungsfähigkeit, noch die Leistungsfähigkeit, die seiner Begabung entspricht, aufbauen kann.
Anders ist es, wenn sich der Manager durchsetzt. In diesem Fall kann der Mensch nach außen hin sehr angepasst und auch erfolgreich sein. Und trotzdem herrscht innen drin irgendwo eine Leere. Oder das Gefühl, völlig fremdgesteuert zu sein. Ich bin mir sicher, dass in unserem Kulturkreis, wo der Leistungsdruck so groß ist, fast jeder einen oder mehrere Bereiche in seinem Leben hat, wo der Manager die Oberhand hat. Und weil Gefühle nicht in den Plan passen oder in das, was andere von uns verlangen, müssen sie erst mal warten. Das innere Kind wird dann erst einmal irgendwohin verbannt, wo seine Stimme nicht mehr zu hören ist. Wenn das lange so geht, gibt es irgendwann dann auch tatsächlich keinen Ton mehr von sich. Manchmal aber hat dieses verbannte innere Kind auch die Schnauze voll und beginnt zu rebellieren. Dann ist es meistens gar nicht mehr wieder zu erkennen und kann z.B. aussehen wie eine Depression, wie unbegründete Panikanfälle oder wie körperliche Beschwerden, bei denen der Arzt keine Ursache findet.
Die Psychotherapie besteht in so einem Fall zu einem großen Teil in der langen und mühsamen Suche nach dem, was das innere Kind gesagt hätte, wenn es zu einem früheren Zeitpunkt ganz normal danach gefragt worden wäre. Wenn es nämlich die Einladung bekommt, sich zu Gehör zu bringen und seinen Beitrag zu leisten, kann es das tun und sich dann meistens wieder auffallend schnell beruhigen.
An dieser Stelle ist es, finde ich, ein großer Vorteil, dass die Psalmen in einem anderen Kulturkreis geschrieben wurden, in dem die inneren Manager nicht so tyrannisch waren. Im Gegenteil: Die Psalmen sind ein Beispiel dafür, wie Menschen beide Stimmen in sich zu Wort kommen lassen. Das Gespräch mit Gott ist der Platz, wo gerade auch die Gefühle, die wir für unakzeptabel halten, unverarbeitet und unzensiert ausgebreitet werden. Und die Erfahrung vieler heutiger Psalmbeter zeigt: Wenn wir uns in einer schwierigen Lage auf solche Psalmen ganz einlassen und versuchen, weniger mit dem Kopf als mit dem Herzen mitzuschwingen, können sie uns auch nach 3000 Jahren noch helfen, diese Gefühle bei uns selbst wieder zu finden und zuzulassen.
Und damit können sich auch die Blockaden lösen, die uns vielleicht die Sicht auf den liebenden Gott versperren.
Wie lange es bei den Psalmbetern in Echtzeit gedauert hat, bis ihre Gefühle wieder bei der Zuversicht und dem Glück, Gott loben zu können, ankommen konnten, weiß ich nicht. Aber an manchen Stellen in den Psalmen kann man schon erkennen, dass der Prozess mühsam und langwierig war, wenn der Beter hin und herspringt zwischen Klage und Vertrauen, Rachegelüsten und erneutem Vertrauen. Das zeigt, dass dieser Weg sicher nicht der einfachste ist. Aber ich finde, das gibt uns auch den Freiraum, uns die Zeit zu nehmen, die wir brauchen, um Gott gegenüber wieder - oder vielleicht sogar zum ersten Mal - positive Gefühle zu entwickeln.
Zum Schluss möchte ich zur Erinnerung drei Dinge für uns noch einmal heraus greifen:
1. Für die Hebräer war es selbstverständlich, dass Gott nahe zu sein, das wahre Leben darstellt. Vielleicht hilft es uns, die Aufforderungen in der Bibel und im Gottesdienst, Gott zu loben und zu preisen, mal aus diesem Blickwinkel zu sehen. Dann wären sie die Einladung eines begeisterten Menschen, sich von seiner Begeisterung anstecken zu lassen.
2. Um für schlechte Zeiten vorzusorgen, kann es helfen, meine Wahrnehmungsfähigkeit für die Anwesenheit und Güte Gottes schon in guten Zeiten zu trainieren. Z.B. indem ich Dankpsalmen lese.
3. Die Psalmbeter wussten vor 3000 Jahren offenbar besser als wir heute, wie man therapeutisch vorgeht, wenn es einem richtig schlecht geht. Die Worte, die sie dafür gefunden haben, können uns auch heute noch berühren und heilsam für uns wirken.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. Amen
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