Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Lieder für mein Weinen, Klagen, Loben – das Leben in den Psalmen entdecken

 

Psalm 73: alles sinnlos? – alles umsonst? Von Zweifeln und Krisen im Glauben

 

Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde in Christus!

 

Kennen Sie Lebenssituationen, in denen es um alles geht? Dem Beter des 73. Psalms geht es nicht um eine Denkfrage, sondern hier steht sein Leben, sein Glaube auf dem Spiel: Hat es Sinn, den Glauben an den gütigen Gott festzuhalten angesichts widrigster Lebensumstände?

 

1. Gott darf belästigt werden

Ungeschminkt und offen spricht der Psalmbeter über das, was ihn bewegt. Er beginnt mit einer Erkenntnis. Bei all dem, was er erlebt hat, welche Dunkelheiten und tiefen Täler er auch durchschreiten musste: er hat die Erfahrung gemacht: „Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reinen Herzens sind“ (V.1). Dass er überhaupt dahin gekommen ist, ist für ihn schon etwas sehr Besonderes. Denn „ich wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen. Mein Tritt wäre beinahe entglitten“ (V.2). Ja, um ein Haar wäre mein Schritt ins Stolpern gekommen. Ehrlich, offen benennt er, was ihn bewegt. Die Psalmbeter reden stets Klartext und laden uns ein, es ebenso vor Gott so zu tun.

 

Nicht: „Ich glaube, dann habe ich keine Schwierigkeiten mehr“. Als ob für einen, wenn er Christ ist, alles rund läuft und er oder sie keine Zweifel und Fragen mehr kennt. Es gibt so genannte freikirchliche Gruppen, die erlauben einem keine Zweifel. Da ist alles klar. Infragestellen ist vom Teufel. Wer zweifelt, glaubt nicht richtig. Doch die Bibel macht uns sehr deutlich: Unser Verhältnis zu Gott ist niemals problemlos. Ja, wir können in Situationen geraten, in denen wir verunsichert werden, kraft- und mutlos.

 

Für manche Christen sind Gottes Wege immer klar und eindeutig. Zumindest reden sie so. Der Himmel ist ständig blau und sie selbst sind immerzu glücklich. Aber solch ein Lebenskonzept kann auch erschüttert werden. „Umsonst“ – kann es sein, dass es „umsonst“ war, an Gott zu glauben, ihm zu vertrauen, vielleicht manches für ihn aufzugeben?

 

Was lässt den Psalmbeter im 73. Psalm straucheln? Was macht ihm das Leben so schwer? V3: „Mich verdross die Ruhmpredigten der Gottlosen, dass es ihnen so wohl ging“. Da redet ein Mensch, schwer leidend: V.14: „Ich blieb geplagt den ganzen Tag, jeden Morgen war meine Züchtigung da“. Er hat den Tod bereits vor Augen („mir schwinden Leib und Herz“: V.26). Er erzählt die Geschichte seiner ihn selbst gefährdenden Eifersucht auf skrupellose Wichtigtuer: Gesund und feist sind diese Kerle (V.4), voll Hoffart und Gewalttat (V.6). Wie ein fetter Wanst brüsten sie sich (V.7), sie reden höhnisch von oben herab (V.8). Ihre Großmäuler vergehen sich am Himmel, aber das Volk betören sie (V.10). Gott, so denken sie, wird´s eh nicht interessieren (V.11). Und so häufen sie Reichtum und Macht, „immer im Glück“ (V.12).

 

Der Augenschein spricht gegen den Glauben. Unsere Lebenserfahrung scheint uns klipp und klar zu beweisen, dass die Gemeinde Gott nicht zur Hilfe und also auch zum Trost hat. Und dass es stattdessen gerade denen so wohl geht. die von sich alles und von Gott nichts halten, den „Ruhmpredigern“ und Großmäulern, die für den Psalmbeter zugleich die Gottlosen sind, Sie sind in keiner Gefahr des Todes, stehen fest wie ein Palast, werden nicht wie andere Menschen geplagt.

 

Abgesehen davon, dass ja auch diese Sichtweise einseitig ist – den Gottlosen geht es ja oft auch nicht besser – kann diese zwiespältige Situation uns eine Anfechtung sein und uns auch innerlich zermürben: Ist das alles mit dem Glauben „umsonst?“ (V.13)

 

* Was hat es mir eingebracht, dass ich im Beruf so ehrlich war? Es hat meine Karriere blockiert!

* Was hat das viele Beten von uns als Familie, der Gemeinde und vieler Freunde genutzt? Die Krankheit wurde nicht geheilt.

* Wie soll ich umgehen mit den Bibelstellen über Liebe, Einheit und Versöhnung, wenn sie doch in meinen Lebensbezügen scheinbar nicht verwirklicht werden können und ich Zerbruch statt Heilung erlebe?

 

Sie passen nicht, die oberflächlichen Phrasen: „Komm zu Jesus und du wirst glücklich …“ Fragen über Fragen können sich auftun. Und was dann?

 

Der Beter erlebt diese innere Spannung und schüttet offen und ehrlich sein Herz vor Gott aus. Das ist der Weg, auf dem ihn die Wahrheit frei macht. Die Psalmen helfen mir, dass meine Worte – und da vor allem auch mein Gebet – zur Stimme meines Herzens werden. Was ich vor Gott hintrage, sind nicht nur Worte, Überlegungen, Gedanken. Ich bin es selbst. Ich bin es ungeschminkt, roh, echt. In aller Heftigkeit und Leidenschaft komme ich mit meinem Leben in Berührung, wenn ich es so vor Gott bringe. Wenn ich ausspreche, was in mir vorgeht, nehme ich das, was in mir vorgeht, noch mehr wahr. Das mag mich tiefer berühren, mich gegebenenfalls auch härter treffen. Doch ich werde dadurch näher zu mir geführt – und zu Gott.

 

Gerade auch die Worte in den Psalmen, in denen von der Vernichtung der Feinde und Gottlosen die Rede ist (V.19, 27), erlauben es mir, mit meinen wirklichen Gefühlen des Hasses, der Wut, der Entrüstung in Berührung zu kommen und diese Gefühle zuzulassen. Sie haben vor Gott Raum, müssen nicht abgebogen werden. Sie dürfen voll ausgesprochen werden. Sie dürfen herausgepresst, herausgeschrieen werden. Die auch zornige, hasserfüllte, aggressive Seite in uns darf und soll heraus dürfen und ein Gewand finden, in das sie sich kleiden kann, in das sie schlüpfen kann.

 

Psalmen wie der Psalm 73 können mir als glaubendem Menschen helfen, meinen Ärger und Zorn offen und ehrlich Gott und auch anderen gegenüber zu äußern. Denn in solcher Weise zu klagen ist der notwendige Weg zum Trost in einer völlig trostlosen Situation. Meine Klagen bewahren die Treue gegenüber den eigenen Erfahrungen sinnlosen Leidens und halten dabei einen Raum offen, den nur Gott selbst füllen kann. Selbst wenn ich gegen Gott spreche, spreche ich zu ihm! Selbst wenn ich einen Zorn auf Gott habe, versuche ich, ihm meinen Zorn zu zeigen. Aber genau darin liegt ein Bekenntnis zu Gott, nicht eine Ablehnung Gottes.

 

2. Glauben heißt, vom Ende her über den Augenschein hinaus zu denken

Nun hat der Beter des 73. Psalms zuerst versucht, seine Situation ganz rational zu erfassen. Aber er ist nicht weitergekommen. V.16: „So sann ich nach, ob ich´ s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer“. Sein Zweifel offenbart die Unfähigkeit des Menschen, letzte Rätsel des Lebens allein rational mit dem Verstand zu begreifen. Und dieser Beter ist viel zu ernsthaft, als dass er sich mit einer Lösung zufrieden gäbe, die doch keine Lösung ist.

 

Ich will nicht versuchen, Gottes Güte angesichts des Leids zu erklären. Damit erliege ich nur der Macht des Faktischen: So wie es ist, ist es eben – dann sage ich entweder: „Ich muss mich ins Leiden fügen, Gott ist schon gerecht und allmächtig“ Oder ich sage: „Angesichts des Leids gibt´ s Gott nicht“. Entweder nehme ich damit die Leidessituation nicht ernst oder ich bestreite Gott die Möglichkeit, sich doch noch anders zu erweisen, als er im Leid erfahren wird. Vor allem: Beides bleibt nur am Gegenwärtigen hängen.

 

Wenn ich dagegen meiner Klage Raum gebe, setze ich dagegen auf die Zukunft; setze darauf, dass es eben nicht so bleiben muss, wie es ist. So gesehen haben Klagen in Anfechtung und Zweifel ein revolutionäres Potential! Ich erwarte, dass die gegenwärtige Situation, die mich bedrängt und mich durcheinander bringt, nicht das letzte Wort hat, ja, mehr noch: dass sie mit dem Blick auf das Ende, mit dem Blick auf das, was mich von Gott her erwartet, überwunden wird.

 

Bis jetzt hat der Beter seine Probleme ausschließlich aus seiner Sicht her beurteilt. Bisher hat er ausschließlich alles von seinem eigenen Erkenntnisstand her gesehen. Nun beginnt er umzudenken – von Gottes Perspektive her. V.17: „Alles war mir zu schwer – bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende“.

 

Das Heiligtum Gottes ist der Ort, wo Gottes Wort gehört wird. Wäre der Beter des 73. Psalms nicht zur Gemeinde gegangen, hätte er nicht Gottes Gegenwart inmitten der Schwestern und Brüder im Glauben gesucht, wäre er nur bei sich allein geblieben, hätte er sich mit seinen Sorgen und Probleme eingeigelt - er wäre gestrauchelt! So aber ist er „nur um ein Haar ins Stolpern gekommen“ (V.2).

 

In der Gemeinde, im Gottesdienst, wo wir zusammen die Liebe Gottes feiern, genau hier ist der Ort, miteinander zu lernen, über den Augenschein hinaus auf das Ende zu sehen. Das Sprichwort lautet: „Ende gut, alles gut“. Das ist richtig, wenn wir es wirklich von Gott her verstehen, also wirklich von dem her verstehen, der das Ende setzt. Vom Ende her sehen, das heißt aber nicht auf den Augenschein, nicht auf den Erfolg oder Misserfolg in der Welt zu sehen, sondern auf Gott und auf sein Urteil im Gericht.

 

Nicht geht es in der Bibel beim Gericht Gottes um eine Drohung, sondern es geht um die Freiheit eines klaren Blickes: Vom Gericht Gottes aus betrachtet wird viel klein, was die Welt groß nennt, und viel dürftig und kümmerlich, was die Welt prächtig heißt, und viel zerplatzt da wie eine schillernde Seifenblase, was die Welt für ehern und ewig hält. Vor Gottes Angesicht wird uns der Augenschein zu einem Trugbild. Das merkt der Psalmbeter, wenn er auf das Ende blickt (V.18-20): „Ja, du stellst sie – die Gottlosen und Ruhmesprediger – auf schlüpfrigen Grund, lässt sie der Täuschung verfallen. Wie werden sie im Nu zunichte, verschwunden sein, vergangen mit Schrecken. Wie ein Traum verschmäht wird nach dem Erwachen, so verlachst du, Herr, wenn du aufstehst, ihr Schattenbild“.

 

Und auch im Blick auf das, was mich heute und morgen belastet, meine Seele bedrückt und mir die Luft zum Atmen nimmt – vom Ende her ist uns Verwandlung in der bergenden Liebe Gottes verheißen.

 

Wie gesagt: das hat der Beter nicht in der Welt gelernt, sondern im Heiligtum unter dem Wort Gottes. Aber das, was er gelernt hat, ist ihm zur Weisheit seines Lebens, zur Weisheit seines Glaubens geworden. Im Angesichts der Liebe Gottes, die wir miteinander feiern, können wir erkennen (V.21): „Als mir weh tat im Herzen und es mich stach in meinen Nieren, da merkte ich, dass ich ein Narr war, ohne Verstand und wusste nichts wie ein Tier vor dir“.

 

Solange wir auf die Gegenwart starren wie das Kaninchen auf die Schlange, bleibt unser Blick verengt, ist unser Leben eng. Und da das Wort „Enge“ mit dem Wort „Angst“ verbunden ist, heißt das: Ohne die Perspektive der Zukunft, die Gott uns eröffnet, hat die gegenwärtige Situation das letzte Wort. Dann ist da keine Hoffnung auf Verwandlung, auf Erneuerung, auf Versöhnung, auf Heilung. Die Bibel eröffnet uns eine neue Dimension: je mehr wir in uns ihrer Botschaft Raum geben, desto stärker lösen wir uns von unseren eigenen Vorstellungen und lernen neue Beurteilungsweisen.

 

„Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. (V.23, 24). Wenn ich selbst nicht mehr die Kraft habe zum Beten, wenn mir kein klarer Gedanke glückt, gerade dann ist dieses „Dennoch“ die große Befreiung. Dennoch – ist Gott größer. Dennoch – ich halte mich an ihn gegen den Augenschein. Dennoch – halte ich an Gott fest auch da, wo das Leben rätselhaft bleibt.

 

Hier redet einer, der nicht sieht und doch glaubt. Er hat die Gewissheit, von Gott gehalten zu sein. Es ist nicht die Gewissheit der Ratio oder des Verstandes, die mit Gedanken bewiesen oder erschüttert werden könnte. Es ist eine Lebensgewissheit, die ihre Wurzeln nicht aus dem Besitz materieller Güter, sondern aus der unsichtbaren Kraftquelle Gottes speist. Ich bin gewiss: das Leben geht einer verborgenen Herrlichkeit entgegen und selbst der Tod bildet keine Schranke dieser Hoffnung.

 

Der Mensch, der vom Ende her denken gelernt hat, weiß um die Führung Gottes in seinem Leben; weiß um den wundersamen Ratschluss Gottes, dass „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“; weiß um das Ziel nach aller Plage und aller Not dieser Welt. Und dieses Wissen macht frei, frei zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. In dieser fröhlichen Freiheit feiern wir zusammen Gottesdienst, sind wir befähigt zum Dienst und zur Mitarbeit in der Gemeinde und zum einladenden Lebensstil als Zeichen für Gottes Menschenfreundlichkeit.

 

Wir müssen vom Ende her sehen lernen: von Gott her, vor dem die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein können, um zu begreifen, dass es nicht darauf ankommt, wer hier der Erste und wer hier der Zweite ist, sondern darauf, worauf es am Ende ankommt: „Mag auch schwinden mein Leib und Herz, so bleibst du, Gott, für immer mein Trost und mein Teil“ (V.26).

 

Das Wort „Trost“ kommt von „Treue“, „Festigkeit“. Das Wort „Trost“ kann auch mit „Fels“ übersetzt werden. Trost stellt mich wieder auf festen Grund. Dieser Fels Gottes ist ein für allemal in unsere Geschichte hineingekommen – am Kreuz von Golgatha, aufgestellt auf einem Felsen, fest verankert in unserer Welt, auf dass wir mit Gottes Augen sehen lernen: denn auch das Kreuz ist nicht das Letzte, sondern Durchgang zum Leben – Gott hat Jesus wieder auferweckt von den Toten – gegen den Augenschein. So ist Jesus selbst Garant für das neue Leben in Gott.

 

Ja, als Christ mag ich belächelt werden, weil ich mich an Gott halte, an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus. Folge ich diesem Gott in Jesus Christus nach, bin ich nach Maßstäben der Welt der Narr, der Idiot dem Augenschein nach. Der Psalmbeter schließt: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich erzähle von all seinen Taten“ (V.28).

 

Ich fasse zusammen:

Wir sind eingeladen, die Psalmen zu beten und dabei Gott zu entdecken.

  1. Gott darf belästigt werden: Die Sprache der Psalmen ist ungeschminkt, sie verzichten auf Süße und Langatmigkeit, sind bildkräftig, kernig: sie erzählen von höchstem Glück und Todesverlassenheit: es ist zu hören ein Wimmern und ein Klagen, Zerschlagenheit, Röcheln, zartes Hoffen, grenzenloser Jubel.
  2. Glauben heißt, vom Ende her über den Augenschein hinaus zu denken: Mit unserem Schmerz und unserer Sehnsucht zu Gott kommen, dazu sind wir aufgerufen. Vom Ende her denken und glauben lernen heißt, von Gott her die Welt sehen. Von dem,. was er verheißen hat. Von dem, was uns erwartet. Gott ist nicht nur an unserer Seite, er ist uns vor allem voraus und kommt uns entgegen.

Kreuzbild:

Ich lade ein, sich nicht nur selbst im eigenen Augenschein zu sehen, nicht nur das eigene Spiegelbild anzusehen, sondern mit Gottes Augen – im Spiegel des Gekreuzigten, durch den mich Gott mit liebevollen Augen anschaut – dem ich all meinen Zerbruch, meinen Kummer, meine Klage, meine Wut hinhalten kann ebenso wie ich von ihm her meine Freude, meine Hoffnung, meine Zuversicht erfahre.

 

 

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