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Die Kirchenverwaltung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) verweigert seit einem Jahr die genehmigte dritte Kirchenmusikstelle für das Dekanat Rodgau. Landesmusikdirektor Graf Münster ist seit über einem Jahr der Aufforderung nicht nachgekommen, eine inhaltliche Begründung für die vorgenommene Aussetzung der Stelle zu geben. Dieses Hin-und Her und vor allem die Weigerung, sich inhaltlichen Diskussionen zu stellen, enttäuscht zutiefst.
Der Kirchenvorstand der Emmausgemeinde hat daher beschlossen, selbständig für eine Finanzierung bei der Kirchenmusik mit dem Schwerpunkt Popularmusik zu sorgen. Hier dokumentieren wir die Thesen von Pastor Andreas Goetze für die Besetztung der bereits genehmigten und dann ausgesetzten Stelle für Popularmusik:
Aspekte kirchenmusikalischer Arbeit mit dem Schwerpunkt Popularmusik
für die Gemeindearbeit im Dekanat Rodgau
I. Zur Situation:
Das Dekanat Rodgau ist mit das größte Dekanat in der EKHN. Es ist das letzte große Zuzugsgebiet in der Rhein-Main-Region. Das Dekanat Rodgau hat die höchste Expansionsdichte in Hessen (statistisches Landesamt). Aufffallend hoch ist der Anteil junger Familien mit Kindern sowie beruftätigen jüngeren Ehepaaren (eine Beispielzahl aus der Emmausgemeinde Jügesheim: der Anteil der Menschen bis 40 Jahre beträgt bei 2574 Gemeindegliedern 59,52%, der Anteil der Menschen zwischen 25-40 Jahren 28,9%.
II. Musik als Schlüssel für Gemeindeentwicklung
1. Klassische Musik, gut und niveauvoll gespielt, präsentiert und eingeübt, hat nach wie vor ihren Stellenwert und es gibt Gemeinden, die mit klassischer Musik einen großen Erfolg haben. Gemeinden, die sich auf den Weg gemacht haben, gerade auch im Bereich der Musik Tradition und Innovation zu verbinden, verzeichnen eine positive Gemeindeentwicklung.
2. Nimmt man den Hauptanteil der „Mittleren Generation“ (25-45 Jahre), die traditionell in unseren Gemeinden unterrepärsentiert sind, dann sucht diese Generation authentische Gemeinschaft in pluraler Vielfalt, ist geprägt von dem Wunsch nach Ehrlichkeit, Realismus, Authensität, sie wollen als „ganzer Mensch“ angesprochen sein. Gottesdienst wollen sie erleben, sie verstehen sich mehrheitlich alle auf dem Weg, d.h. als Sucher (im Gegensatz z. B. zu der sog. „Aufbaugeneration“, geboren vor 1940, die mehrheitlich unsere Gottesdienste prägt, die Stabilität, liturgische Ordnung, „Heilige Welt“ - Orgel, Paramente, Talar- , Uniformität im Glaubensbekenntnis und in der Tradition sucht).
3. Die Distanz zur (verfassten) Religion wächst, aber auch das Bedürfnis nach Halt, Sinn und Orientierung. Menschen haben sich verstärkt nicht für „evangelisch sein“ entschieden. Überzeugend ist für sie ein Glaube, bei dem ihre Lebenswelt mit aufgenommen wird. Popularmusik im Rahmen der Kirche nimmt dabei als spirituelles Potential eine echte Brückenfunktion ein, weil sie das Hörgefühl der jüngeren und mittleren Generation aufnimmt und geistliche Texte weitergibt.
4. Christliche Popularmusik (neues geistliches Lied, Gospelchorarbeit, Musical, Bandbegleitung inklusive „zweiten Programmen“ in der Gemeinde wie Kirche ´mal anders oder Oasengottesdienste) hat die Kraft, den Sinngehalt der Botschaft Jesu Christi. neu zu vermitteln. Sie eröffnet darüber hinaus die Möglichkeit zur Aktivierung von Menschen, die sich aufgrund der klassischen Ausrichtung unserer Gottesdienst- und Gemeindekultur an der sog. „Aufbaugeneration“ bisher wenig bis gar nicht für die herkömmliche Gemeindearbeit gewinnen lassen konnten.
5. Christliche Popularmusik bietet als niederschwelliges Angebot der offenen Arbeit eine voraussetzungsfreie Beteiligungsmöglichkeit auf Zeit (vgl. das Modell „belong – believe – behave“ der anglikanischen Kirche: zunächst darf man zwanglos mitmachen, kann so in die Gemeinde hineinwachsen, bevor man die Tradition für sich übernimmt – entgegen dem herkömlichen kirchliche Modell „behave – believe – belong“, nach dem man erst dazugehört, wenn man bestimmte Dinge glaubt oder bestimmte Dinge tut). Es gilt, den „Mitnahme-Effekt“ zu nutzen (OKR Bertram, Konsultation zum Gemeindeaufbau in der EKHN, Mai 1995).
6. Im Hinblick auf die notwendigen Veränderungen der Gemeinde- und Gottesdienstkultur bei den neu zu gewinnenden Generationen nimmt die Musik eine wesentliche Rolle ein.
7. Die Grundentscheidung in der kirchenmusikalischen Gestaltung unserer Gottesdienste wird die sein, ob wir die Menschen dort abholen, wo sie wirklich stehen. Noch nie wurde eine Generation so stark von einem Musikstil geprägt wie die Generation der Menschen unter 45 von der Rock- und Popmusik.
8. Gerade diese Generation (der Menschen zwischen 25-45) ist in den Gemeinden im Dekanat Rodgau überproportional vertreten und steigt in den nächsten Jahren aufgrund der angenommenen Bevölkerungsentwicklung noch weiter an. Es ist also entscheidend, sich an dieser grundsätzlichen Befindlichkeit der Menschen zwischen 25-45 zu orientieren – was nicht heißt, ihnen nach dem Mund zu reden. Aber wenn es sie nicht anspricht, was wir ihnen sagen, dann haben wir ihnen nichts zu sagen.
9. Musik im Gottesdienst und in der Gemeindearbeit sollte gemeinschaftsbildend sein, hat verkündigende Funktion, will motivieren und motivierend sein: „Gebt mir die Musik eines Volkes, und ich werde den Sinn dieses Volkes ändern“ (Plato) Umkehrschluss: wenn es uns nicht gelingt, die Musik des Volkes zu spielen, werden wir die Menschen nicht erreichen und deswegen nicht prägen können. Kreativität und die Erweiterung unseres Blickwinkels in bezug auf die Kirchenmusik ist dringend erforderlich.
10. (ergänzt am 3. Juni 2004) Dabei ist es mitnichten so, dass der Bereich der Popularmusik in der Kirche „auch gut neben- und ehrenamtlich geschehen kann, weil er nicht so große Qualifikationen braucht, weil er nicht so anspruchsvoll ist wie die klassische Kirchenmusik mit ihren vierstimmigen Chorälen“ (so Oberkirchenrat Bertram in einem Gespräch mit Vertretern des Dekanats Rodgau am 3. Juni 2004 in Darmstadt). Dass es vielfach klassischen Kirchenchören nicht gelingt, den groove und den Rhythmus, die Ausdruckskraft vierstimmiger Gospels, Spirituals, Lobpreisliedern, neuen geistlichen Liedern zu vermitteln, widerspricht dem ebenso wie die Tatsache, dass sich kaum wirkliche Fachkräfte auf diesem Gebiet finden lassen, um diesen Arbeitsschwerpunkt wirklich ausfüllen zu können.
11. Gerade also die Mehrzahl der Menschen sind damit mit der Stärkung der Popularmusik angesprochen. Insofern ist die Errichtung der Kirchenmusikstelle mit dem Schwerpunkt Popularmusik -wie im Dekanat Rodgau geschehen – ein wesentlicher Beitrag zur Gemeindeentwicklung und für die Entwicklung von Kirche überhaupt.
Andreas Goetze/ Mai 2004

Neuer Popular-Kirchenmusiker
in der Emmausgemeinde Jügesheim
Die Evangelische Emmausgemeinde in Rodgau-Jügesheim geht weiter ungewöhnliche Wege in der Gemeindearbeit. Dank des hohen Engagements vieler Gemeindeglieder finanziert die Gemeinde aus Eigenmitteln bereits 50% der Stelle des Jugendleiters. Nun wagt sie einen weiteren Schritt: Zum 1. Januar hat der Kirchenvorstand René Frank als nebenamtlichen Kirchenmusiker mit dem Schwerpunkt Popularmusik eingestellt.
Der 1974 in Marktheidenfeld geborene Frank studierte nach der Banklehre für das Lehramt Musik und Erdkunde und war 2002-2004 Referendar an der Georg-Büchner-Schule in Rodgau-Jügesheim, bei der er wieder ab Februar 2005 als Musik- und Erdkundelehrer tätig werden wird. Der Wahl-Heusenstammer René Frank hat eine klassische Ausbildung als Chorleiter und Organist am Institut für Kirchenmusik in Mainz erfolgreich mit dem „C-Examen“ abgeschlossen. Vielfältig sind seine musikalischen Erfahrungen: so leitete er verschiedene Kinder- und Jugendchöre in der Region, war Chorleiter des Mittel-und Oberstufenchores am Adolf-Reichwein-Gymnasium in Heusenstamm (2001-2004) sowie des Popchores an der Georg-Büchner-Schule während seiner Referendariatszeit. René Frank spielte in verschiedenen Bands, war Gründer und Frontman der Sacro-Pop-Gruppe INSIGNA in Heusenstamm, die es in den Jahren 1993-2004 auf über 100 Auftritte brachte. Vier Musik-CD´s sind inzwischen mit eigenen Kompositionen veröffentlicht: 1993 das Sacro-Pop-Album „Licht in dunkler Nacht“ mit INSIGNA, 1999 das Solo-Popmuisk-Album „Falling angel“, 2002 erschien „Treasure Island“ mit Sängerin Jamila unter dem Künstlernamen „Rene Finn“. Brandaktuell ist die eben erschienene CD „Wheel of Time“.
Als Autor verschiedener Bücher, u.a. des Standardwerkes „Das Neue Geistliche Lied – Neue Impulse für die Kirchenmusik“, gilt René Frank als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet neuerer Popular-Musik in der Kirche. Seine Erfahrungen will er nun mit viel Freude und Engagement in den Dienst der Gemeindeentwicklung der Emmausgemeinde stellen. Neben der musikalischen Gestaltung von Gottesdienstes steht als Erstes die Gründung und den Aufbau eines gemischten Chores an, der Gospels und Spirituals, Taizé-Lieder, Neues Geistliches Lied und nach Wunsch auch etwas Klassik in sein Programm aufnehmen wird. Ebenso wird sich René Frank dem Aufbau einer neuen Jugendband widmen mit dem Ziel, bei den zahlreichen Jugendgottesdiensten der Gemeinde aufzutreten.
Vielseitig und kreativ stellt sich René Frank vor, er liebt den Sport ebenso wie die Musik, spielt gerne Theater, reist mit Freude in ferne Länder, ist am Tanzen sowie an Homepagegestaltung interessiert (mit eigener Homepage: www.rene-frank.com). Nun freut er sich auf seine neue Tätigkeiten in der Emmausgemeinde, deren breite musiklaische Arbeit von Klassik bis Modern ihn begeisterte. Hier will er anknüpfen und neue Impulse einbringen. Man darf gespannt sein!
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