Ohne Sonntag gibt´ s nur Werktage – warum es lohnt, sich für den Sonntagsschutz einzusetzen
Unser Leben braucht einen festen Rhythmus, um sich nicht zu verlieren. Wir brauchen Haltepunkte, Atempausen. Der Sonntag lädt dazu ein. Doch immer mehr wird auch er von wirtschaftlichen Gesichtspunkten und durch Freizeitstress bestimmt. Wie komme ich zu mehr Gelassenheit? Wie kann ich einen Rhythmus für meinen Alltag finden?
1. Rhythmus des Lebens (von Johanna Haberer)
2. 10 Argumente fü den freien Sonntag
3. 7 Argumente gegen die Ladenöffnung am Sonntag
4. Der Sonntagsschutz ist eine Zukunftsfrage
(von Wolfgang Huber, EKD - Ratsvorsitzender, Evang. Bischof von Berlin und Brandenburg)
5. Rettet den Sonntag, um der Freiheit willen
(Bischof Wolfgang Huber im Interview mit Jörg Lau in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 15.November 2007
6. Sonntagsheilung - Zeichen christlicher Freiheit. Zu Luthers Erklärung des dritten Gebots im Großen Katechismus
(von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich, Leitender Bischof der VELKD, Vereinigte Evangelisch - Lutherische Kirche Deutschlands)
Rhythmus des Lebens
von Johanna Haberer
Der Sonntag zählt zum natürlichen Rhythmus unseres Lebens. Von diesem uralten Wissen der Menschen berichten auch die ersten Zeilen der Bibel. Johanna Haberer macht sich Gedanken über den Sonntag, einen Vorgeschmack auf den Himmel (Red.).
Unsere Zeit ist von der Uhr bestimmt. Sie teilt die Zeit, begrenzt die Zeit, ordnet die Zeit.
Zeit ohne Grenzen, das ist Tod oder Ewigkeit. Auch die Natur ordnet unsere Zeit: der Lauf der Sonne, die Morgenröte des erwachenden Tages, die Dämmerung, die Nacht, der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter. Der zunehmende und der abnehmende Mond orientiert uns in der Zeit: vom Neumond zum Vollmond und wieder von vorn.
Aus dem Kreislauf der Natur entsteht die Woche: ein Mondviertel. Sieben Tage. Das ist die Spanne, nach der der Körper nach der Anspannung der Arbeit Entspannung braucht. Uraltes Wissen ist das Weltwissen, verdichtet in den ersten Zeilen der Bibel. Nach der Schöpfung sah Gott, dass es gut war, sehr gut sogar. Und er ruhte.
Das Geschenk des Sonntags
Der Sonntag ist das Ausatmen im natürlichen Kreislauf unserer Lebenstage. Eine göttliche Ordnung ist das, die Ruhe nach der Arbeit, so sagen es die alten heiligen Schriften. Das Judentum hat aus diesem Weltkulturerbe des siebten Ruhetages den Sabbat gemacht, den Tag, an dem kein Licht angeknipst, kein Hühnchen gebraten und keine Tasche getragen werden darf.
Das Christentum feiert den Ruhetag als den ersten Tag der Woche, die Auferstehung und Neuschöpfung der Welt. Die christliche, jüdische und islamische Welt atmet im Rhythmus von sieben Tagen.
Sechs Tage gehören wir Menschen der Welt, am siebten gehören wir Gott. Der Sonntag ist ein Symbol für den Eigentumsvorbehalt Gottes am Menschen. Jeden siebten Tag sollen wir uns daran erinnern, dass unser Leben Geschenk ist. Jeden siebten Tag sollen wir spüren, dass wir mehr sind als eine Funktion unserer Pflichten, dass wir im Letzten nicht Dienstleister oder Konsumenten sind, dass wir für Gott auch keinen „Nutzwert“ haben. Wir sind nicht nützlich, wir sind geliebt. Jeder einzelne Mensch ist wertvoll und sinnvoll. Einfach, weil er existiert und da ist. Wir gehören nicht denen, die unsere Arbeit bestimmen, auch nicht dem Auf und Ab der Börsen. Einmal in der Woche haben wir keinen Marktwert und liegen in keinem Kurs.
Eine Insel in der Zeit, ein Vorgeschmack auf den Himmel, das ist der Sonntag. Deshalb ist der Sonntag ein Tag, an dem man nicht allein bleiben sollte. Der Sonntag gehört der Gemeinschaft. Er ist nicht einfach ein freier Tag, sondern ein besonderer Tag. Ein Tag, an dem die Geräusche nicht alltäglich sind: man hört nicht die Eile vorbeifahrender Autos, sondern das Zwitschern der Vögel und samtweich in der Luft die Kirchenglocken. Ein Tag zum Ausatmen, zum einander Zuwenden, zum Zuhören und Zuschauen, zum Spielen und Lieben, zum Essen und Trinken.
Wenn es den Sonntag nicht gäbe, mein Gott, man müsste ihn erfinden.
10 Argumente für den freien Sonntag
von Eberhard Kühn, Dekan des Evang. Dekanats Kronberg
1. Der freie Sonntag
ist ein Symbol der Freiheit von alltäglichen Zwängen. Nach sechs Arbeitstagen ruhte Gott und daran können wir uns orientieren. Auch wir Menschen brauchen eine Zeit der Ruhe und Besinnung für uns selbst und für die Geschöpfe, die uns anvertraut sind.
2. Frei von der Arbeit
Nach biblischer Verheißung lernen Menschen, am Sonntag von der Arbeit frei zu sein, aufzuatmen. Der Sonntag eröffnet die Möglichkeit, diesen Tag ohne Zwänge und Bevormundung zu gestalten.
3. Zeitrhythmus der Freiheit
Der Sonntag schafft einen Zeitrhythmus, der in einem immer hektischer werdenden Umfeld dringend benötigte Ruhe ermöglicht.
4. Freiheit von Arbeitszwängen
Kennzeichen des Sonntags ist die Arbeitsruhe. Ohne sie gibt es keinen Zeitrhythmus, der die Arbeits- von der Ruhezeit unterscheidet. Ohne Sonntag werden alle Tage zu Werktagen.
5. Sonntagsruhe dient
Natürlich brauchen wir sonntags eine Grundversorgung an Energie, an Verkehrstechnik, Kommunikation, Gastronomie, in Heil- und Pflege- oder Notfall-einrichtungen. Der Sonntag sollte immer und für alle Heil bewirken können.
6. Feiertag auf der ganzen Erde
Weltweit wird dem Sonntag eine besondere Stellung in der Woche zuerkannt. Erdenweit können Menschen kommunizieren, weil sie Zeit füreinander haben.
7. Eine Errungenschaft,
die es verdient, erhalten zu bleiben. In der Entwicklungsgeschichte des christlichen Abendlandes gab es immer wieder Versuche, den Sonntag zum Werktag zu machen. Es gab immer wieder gute Gründe, davon abzusehen.
8. Der Mensch steht im Mittelpunkt
Der verkaufsoffene Sonntag bringt in der Regel keine finanziellen Vorteile für den Einzelhandel. Für viele Menschen signalisiert er: Das Konsumieren ist wichtiger als das Recht auf Ruhe und Erholung. Für ein blühendes menschliches Gemeinwesen sollte die Sonntagsruhe nicht beschnitten werden.
9. Arbeitgeber und Arbeitnehmer
wissen, dass man nicht ununterbrochen arbeiten kann. Wer am Sonntag arbeiten muss, bekommt in der Woche einen freien Tag dafür. Andere Familienmitglieder müssen dann arbeiten oder zur Schule gehen. Mit einem arbeitsfreien Sonntag haben Familien eine Chance etwas gemeinsam zu unternehmen.
10. Zeit zum Feiern
Er ist das größte Geschenk der jüdisch-christlichen Überlieferung an die Menschheit. An ihm sind wir auf-gefordert, das Fest zu feiern, Kultur zu leben und uns nicht von Arbeit und Geschäftigkeit in Besitz nehmen zu lassen.
7 Argumente gegen die Ladenöffnung am Sonntag
1. Die Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag liegt nicht im langfristigen Interesse der Verbraucher
Öffnungszeiten am Sonntag sind nur für große Einkaufszentren personell durchführbar und rentabel. Kleinere Handelsunternehmen können dem Konkurrenzdruck nicht standhalten. Der Konzentrationsprozess im Handelsbereich des Rhein-Main Gebietes verschärft sich.
Für den Verbraucher geht die Vielfalt an Einkaufsmöglichkeiten verloren. Immer mehr Menschen in umliegenden Orten verlieren ihre letzte Einkaufsmöglichkeit. Die Gewinner sind nicht die Verbraucher, sondern einzelne große Handelsketten in der Frankfurter City und am Stadtrand auf der grünen Wiese.
2. Die Verlagerung der Entscheidungskompetenz für den Sonn- und Feiertagsverkauf setzt Kommunen unter gegenseitigen Wettbewerbsdruck
Die Tatsache, dass die Entscheidung für den Sonn- und Feiertagsverkauf in den Händen der Kommunen liegt, führt dazu, dass Kommunen gegeneinander um die „liberalste“ Form der Ladenöffnungszeiten kämpfen, um die Kaufkraft in die eigene Gemeinde zu lenken. Wo immer eine Gemeinde sonntags öffnet, entsteht ein Wettbewerbsdruck bei den umliegenden Gemeinden. Die Folge ist schon jetzt: Zentrale Einkaufsorte ziehen kleineren Kommunen die Kaufkraft ab. Regionsspezifische Einkaufsmöglichkeiten fallen damit weg. Übrig bleiben wiederum große Einkaufszentren, in denen das Angebot zum globalen „Einheitsbrei“ wird.
3. Die Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag führt nicht zu mehr Beschäftigung, sondern zu einem weiteren Abbau von Arbeitsplätzen
Seit der Verlängerung der Ladenöffnungszeiten vor fast 10 Jahren sind in den Verkaufsstellen des Einzelhandels ca. 6% der Arbeitsplätze verloren gegangen. Reduziert wurden vor allem Vollarbeitsplätze, aber auch sozialversicherungspflichtige Teilzeitarbeitsplätze. Demgegenüber wurde die Zahl der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse erhöht. Durch eine Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Viele klein- und mittelständische Einzelhandelsbetriebe werden in ihrer Existenz bedroht. Viele Arbeitsplätze, auch von Selbständigen, fallen weg, die in großen Einkaufszentren nicht neu geschaffen werden.
4. Die Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag verschlechtert die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel
Vor allem Frauen, die ca. 2/3 der Beschäftigten im Einzelhandel ausmachen und nach wie vor Erwerbsarbeit und Familienarbeit in Einklang bringen müssen, würden durch eine Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag in überproportional hohem Maße betroffen. Die Sonntagsöffnung wird auf dem Rücken der Frauen und Mütter ausgetragen. Es ist unverantwortlich, mit dem Hinweis auf die Anforderungen einer Dienstleistungsgesellschaft sog. Kundenwünsche gegen Interessen der Beschäftigten auszuspielen.
5. Mit der Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag entfällt eine entscheidende Rahmenbedingung für soziale Kontakte und ehrenamtliches Engagement
Für jede Gesellschaft sind gemeinsame Zeiten der Ruhe und Arbeit lebensnotwendig.
Wenn alle Familienmitglieder aneinander vorbeiarbeiten und vorbeikonsumieren, wird das Familienleben noch viel schwieriger zu organisieren sein. Das gleiche gilt für alle gemeinschaftlichen Aktivitäten, vom geselligen Verein bis hin zum sozialen, politischen, kulturellen und religiösen Engagement.
Auf das, was dabei entsteht, nämlich gemeinsame Rituale, gelebte Tugenden und Werte sowie Verantwortungsübernahme für andere, darf keine Gesellschaft verzichten.
Wer daher von Bürgergesellschaft und Wertevermittlung in einer demokratischen Gesellschaft spricht, muss auch entsprechende Rahmenbedingungen und Zeiten gesetzlich festlegen, in denen dies gemeinsam gelebt und erfahren werden kann.
6. Die Freigabe der Ladenöffnung am Sonntag führt zur Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Im Bereich von Handel und Dienstleistungen ist die Sonntagsarbeit innerhalb von nur sieben Jahren um die Hälfte gestiegen.
Wir sind auf dem Weg in eine „totale Dienstleistungsgesellschaft“, in der zu jeder Zeit jedem alles zur Verfügung stehen muss. Wo Konsum und Umsatz die zentralen Werte sind, die auch den Sonn- und Feiertag bestimmen, verkommt unsere Kultur zu einem „Tanz um das goldene Kalb“.
7. Nicht nur Sonntagsschutz politisch einfordern, sondern Sonntagskultur pflegen
Wenn wir Christen dem Sonntag eine hohe Bedeutung für die Gesellschaft zusprechen, ist es wichtig, dass wir auch selbst diesen Tag auf neue Weise heiligen. Die gemeinsame Gestaltung des Sonntags in den Gemeinden, in der Familie oder im Freundeskreis muss mit neuem Leben erfüllt werden. Kirchen und Christen können sich nicht damit begnügen, den Schutz des Sonntags politisch zu fordern; entscheidend ist, wie sie selbst mit ihm umgehen.
Der Sonntagsschutz ist eine Zukunftsfrage
von Wolfgang Huber, EKD – Ratsvorsitzender, Evang. Bischof von Berlin und Brandenburg)
Manche sagen, es sei doch egal, an welchem Tag der Woche man frei hat. Hauptsache freie Zeit. Andere nehmen gern die Sonntagszuschläge mit; man kann das Geld brauchen. Aber wie sieht es in Familien aus, in denen der Vater am Dienstag, die Mutter am Donnerstag und das Kind am Wochenende frei hat? Wann finden Familien Zeit, miteinander zu reden? Wann sollen Freunde etwas zusammen unternehmen? Was wird aus dem gemeinsamen Gottesdienst? „Du sollst den Feiertag heiligen!" So heißt das dritte Gebot. Jesus hat es sehr eindeutig ausgelegt: "Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen." Er hat freilich nicht gesagt: „Der Sonntag ist um der Wirtschaft willen da."
In Berlin kann man seit einem Jahr diesen Eindruck haben. Nur um wirtschaftlicher Interessen willen wurde die Sonntagsöffnung der Geschäfte erweitert. Weit mehr als in jedem anderen Bundesland. Zehn Sonn- und Feiertage werden dafür zur Verfügung gestellt. Darunter sind alle Adventssonntage. Für den, der noch schnell Weihnachtsgeschenke kaufen will, mag das eine Erleichterung sein. Für diejenigen, die am Sonntag arbeiten müssen, ist es eine zusätzliche Last.
So weit wie irgend möglich muss der Sonntag ein freier Tag bleiben. An ihm zeigt sich, wie wir mit unserem Leben umgehen. Zeit und Aufmerksamkeit füreinander zu haben, ist ein hohes Gut. Kaufen kann man es nicht. Aber man kann es bewahren: „Du sollst den Feiertag heiligen."
In unserem Land stehen die Sonn- und Feiertage ausdrücklich unter dem Schutz der Verfassung. Der Staat achtet sie als Tage der Arbeitsruhe und der „seelischen Erhebung". So heißt es etwas altmodisch, aber durchaus treffend im Grundgesetz.
Damit passt es nicht zusammen, wenn in Berlin jeder fünfte Sonntag verkaufsoffen ist. Im Dezember ist der Sonntag sogar nur noch ausnahmsweise geschützt. Das ist in Deutschland einmalig. Die Kirchen haben jetzt dagegen beim Bundesverfassungsgericht Verfassungsbeschwerde eingelegt. Leichten Herzens tun sie das nicht. Aber die Berliner Maßlosigkeit verstößt gegen die Religionsfreiheit. Natürlich gibt es Arbeit, die für den Sonntag wichtig ist: Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen, Gaststätten und Verkehrsbetriebe sind Beispiele dafür. Natürlich muss die Krankenversorgung gewährleistet sein; und manche Betriebe arbeiten sowieso rund um die Uhr. Aber so weit es irgend geht, sollen die Menschen sagen können: „Gott sei Dank, es ist Sonntag!"
Rettet den Sonntag, um der Freiheit willen
Bischof Wolfgang Huber im Interview mit Jörg Lau in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 15. November 2007
Die Zeit: Herr Bischof, immer mehr Menschen arbeiten am Sonntag. Das ist eine Gefahr für das Kerngeschäft der Kirchen, das am Sonntag stattfindet. Klagt die Kirche darum jetzt in Karlsruhe gegen die verkaufsoffenen Sonntage?
Bischof Wolfgang Huber: Natürlich ist mir der Gottesdienst am Sonntag sehr wichtig. Als Kirche halten wir uns an das Gebot, "Du sollst den Feiertag heiligen". Aber in der Verfassungsbeschwerde geht es uns nicht um die Sicherung kirchlicher Interessen, sondern um die Gewährleistung der Religionsfreiheit und damit verbunden um den Schutz der Sonn- und Feiertage insgesamt. Denn dagegen verstößt es, wenn in Berlin die Geschäfte an zehn Sonn- und Feiertagen geöffnet sein können, darunter an allen Adventssonntagen. Man muss dennoch hinzufügen: In Berlin werden die Läden teilweise schon nicht mehr so lange geöffnet, wie es möglich wäre, weil sich das gar nicht rechnet. Und nicht einmal die Befürworter einer völligen Freigabe des Sonntags streben an, dass alle am Sonntag arbeiten sollen. Der Sonntag muss im Grundsatz ein allgemeiner freier Tag bleiben. Wo liegt eine vernünftige Grenze, die noch damit vereinbar ist, dass der Sonntag der »seelischen Erhebung« dient, wie die Verfassung so schön sagt? Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei der Sonntagsarbeit immer noch im unteren Bereich. Und ich möchte, dass das so bleibt.
Zeit: Welche Sonntagsarbeit ist zu rechtfertigen?
Bischof Huber: Ich habe selbst in meiner Jugend als Schichtarbeiter gearbeitet. Bestimmte Bereiche industrieller Produktion können am Sonntag nicht pausieren. Alles, was mit Gesundheit, Sicherheit, Gastronomie und Verkehr zu tun hat, ist unstrittig. Was zur sinnvollen Gestaltung des Sonntags und zur Fürsorge für den Nächsten nötig ist, will niemand antasten.
Zeit: Es geht aber vor allem um ganz normalen Konsum und um Freizeiterlebnisse. Es gilt als lust- und freiheitsfeindlich, den Leuten vorzuschreiben, wann sie was konsumieren dürfen.
Bischof Huber: So kann man nur argumentieren, wenn man ausschließlich von der Konsumentenseite darauf schaut. Was ist mit denjenigen, die die Ladenöffnung durch ihre Arbeit ermöglichen? Schaut man auf beide Seiten, dann stellt sich die Frage, wie wir erreichen können, dass es weiterhin gemeinsame freie Zeiten für die Menschen gibt. Wir können nicht über die Auflösung der Familie klagen, wenn wir zugleich befördern, dass die Mutter ihren freien Tag am Montag, der Vater am Donnerstag und die Kinder ihre freien Tage am Samstag und Sonntag haben. Die Rundum - Ökonomisierung der Woche schadet den Familien.
Zeit: Der Sonntag hat ursprünglich eine religiöse Begründung. Kann sie gegen den Druck der Ökonomie bestehen?
Bischof Huber: Umgekehrt: Die bloße Gewinnperspektive kann nicht rechtfertigen, eine große kulturelle Institution zu schleifen. Der gemeinsame freie Tag ist eine große kulturelle Errungenschaft. Das alte Israel hat diese Institution geschaffen und mit einem göttlichen Gebot begründet. Dann wurde der Tag der kollektiven Arbeitsruhe mit dem christlichen Gedenken an die Auferstehung Jesu Christi verbunden. Das Gebot: »Du sollst den Feiertag heiligen« meint in der christlichen wie in der jüdischen Tradition deshalb beides: die Feier des Gottesdienstes und das Ruhen von der Arbeit. Das hat in unserem Kulturkreis nun schon eine 1700-jährige Geschichte. Das Gewicht der Argumente, mit denen man dieser Errungenschaft heute zuleibe rückt, steht in keinem Verhältnis dazu. Wollen wir zuschauen, wie in wenigen Jahren eine solche Institution aufgelöst wird, ohne dass irgendjemand eine Idee hätte, was an deren Stelle treten sollte? Was soll unserem Leben Rhythmus geben, wenn man den Unterschied von Sonntag und Werktag nivelliert hat?
Zeit: Viele Menschen nehmen den Sonntag aber nicht mehr so wahr. Sie möchten gerne an jedem Tag alle Optionen haben. Die meisten wollen allerdings nicht selber an diesem Tag arbeiten. Das ist der Widerspruch.
Bischof Huber: Deshalb müssen wir den Menschen ein klares Orientierungsangebot machen. Die Kirchen kämpfen nicht nur politisch und rechtlich für den Sonntag. Wir wollen auch zeigen, wie man sinnvoll mit diesem Tag umgeht. Wir wollen deutlich machen, warum es gut tut, den Unterschied von Werktag und Sonntag nicht zu nivellieren. Die Sonntagsgestaltung ist keine rückwärtsgewandte, nostalgische Sache, sondern eine Zukunftsfrage. Wie wollen wir leben? Wie wollen wir Pflicht und Freiheit balancieren, Gemeinschaft und individuelles Fortkommen? Wir müssen gegen den Trend den Sonntag bewahren, sonst ist er weg und die Menschen werden das eines Tages bereuen. Ich sehe mit Freude, dass junge Familien versuchen, eine neue Sonntagskultur zu begründen, die nicht einfach die der Großeltern ist. Da wird dann nicht immer der klassische Sonntagsgottesdienst am Morgen dazugehören. Gottesdienste zu anderen Tageszeiten bekommen eine wachsende Bedeutung. Man möchte flexibel sein, lange zusammen frühstücken, etwas unternehmen. Wir müssen den Menschen Angebote machen, die ihren Wünschen nach individueller Gestaltung nachkommen.
Zeit: Der Sonntag galt als Tag zwanghafter, leerer Rituale. Gottesdienst, Familien-Mittagessen, Spaziergang, Kaffeebesuch bei Tante Frida - das Ganze hatte etwas Muffiges und Oppressives, gegen das man rebellierte.
Bischof Huber: Die familiäre Sonntagsgestaltung wurde für viele zu einem Sinnbild der Unfreiheit. Darum haben wir den Traditionsabbruch der letzten Jahrzehnte zunächst als Freiheitsgewinn verstanden. Aber jetzt sind wir in einer Situation, in der die eingespielten Verabredungen, wie Familien funktionieren sollen, nicht mehr tragen, und die Leute fangen an, sich wieder nach einem gemeinsamen Rhythmus zu sehnen. Eltern in meinem Alter verabreden sich mit ihren erwachsenen Kindern zum Sonntagsdinner - das klingt dann schon nicht so abgeschmackt. So entstehen neue Institutionen. Es geht um eine zwanglose neue Rhythmisierung des Lebens. Darin sehe ich für die Kirche Anknüpfungspunkte. Wir müssen die Chancen zu neuen Traditionsbildungen anbieten, statt nur über Traditionsabbrüche zu klagen.
Zeit: Was bietet ein guter Sonntagsgottesdienst?
Bischof Huber: Drei Dinge: Lebendige Begegnung mit Gott, Orientierung für mein eigenes Leben, die Erfahrung von Gemeinschaft.
Zeit: Menschen, die sich von der Kirche abgewendet haben und sich gerne wieder annähern wollen, haben konservative Bedürfnisse: Die wollen am Sonntag dann auch einen richtigen Gottesdienst mit Paul Gerhardt-Liedern statt 70er-Jahre-Songs, und auch eine richtige Predigt statt allgemeiner Lebensweisheiten.
Bischof Huber: Ich verstehe das Bedürfnis nach klaren Formen. Gerade wer selten in den Gottesdienst geht, sucht Wiedererkennbarkeit. Es gibt aber eine Tendenz, die sich ganz an die Form hält. In der katholischen Kirche wird die tridentinische Messe auf Latein wiedereingeführt. Da geht es für manche offenbar gar nicht darum, dass mir der Inhalt nahe kommt, sondern um die Form als solche. Darin steckt eine Tendenz zur Ästhetisierung des Gottesdienstes. Man will ein Gefühl der Erhabenheit, aber es soll einem nicht zu nahe kommen. In Deutschland glauben heute mehr Menschen an Engel als an Gott. Sie wollen ein Gefühl des Behütetseins haben, aber nicht dabei gefordert sein. Sie wollen bewahrt sein, aber nicht zur Rechenschaft verpflichtet. Der Glaube soll mir etwas geben, aber möglichst nichts fordern. Das Evangelium ist jedem eine Wahrheit, die einem immer wieder fremd, befreiend und fordernd entgegentritt. Dieses Evangelium ist der Kern des Gottesdienstes.
Zeit: Kann man in einer säkularen Gesellschaft wie der unseren überhaupt noch mit Gottes Ruhetag argumentieren, wenn man den Sonntag retten will?
Huber: Die biblische Schöpfungsgeschichte hat eine große kritische Kraft. Mit der Aussage, dass der Ruhetag die Krone der Schöpfung sei, ist diese biblische Geschichte von unglaublich starker Aussagekraft. Jahrzehntelang haben wir behauptet, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Mit dem Menschen aber, lehrt die Bibel, hört die Schöpfung nicht auf. Danach kommt der Ruhetag, der auch eine Begrenzung für den Menschen darstellt. Insofern geht es bei der Debatte um den Sonntag auch um die Frage, ob Menschen eigentlich Grenzen ihrer eigenen Bemächtigung anerkennen. Ich kenne keine dichtere Darstellung dieses Problems als die Schöpfungsgeschichte. Sie zeigt, dass Gott sich selbst begrenzt, dass er von seiner Schöpfung ausruht und etwas anderes gegenüber seinem eigenen Schöpferseins anerkennt. Gott erwartet also auch vom Menschen, den er nach seinem Bild schafft, dass dieser etwas
anerkennt, dass jenseits seiner Schöpferkraft liegt. Die Schöpfungsgeschichte wird weit unter Wert verhandelt, wenn sie als pseudowissenschaftliche Weltanschauung betrachtet wird, wie es die Kreationisten tun.
Zeit: Brauchen wir einen anderen Freiheitsbegriff? Nicht nur Freiheit zu individuellen Lebensentscheidungen, sondern auch Freiheit vom Produktionszwang und Freiheit zur Besinnung und Muße?
Huber: Wir versuchen als EKD gerade die Kirche als Kirche der Freiheit neu zu bestimmen. Freiheit heißt nicht einfach, machen zu können, was ich will. Freiheit ist nicht etwas, was ich selber herstelle, sondern sie ist mir geschenkt und anvertraut. Freiheit verwirklicht sich in der Gemeinschaft mit anderen, das müssen wir Evangelischen in die gesellschaftliche Debatte einbringen. Der Sonntag ist die herausgehobene Zeit, in der ich die Freiheit habe, mir über mein Leben Rechenschaft zu geben, und meine Freiheit zu erfahren und zu verstehen.
Zeit: Wenn aber der Sonntag für immer mehr Menschen ein Tag wie jeder andere wird, was ist er dann für die Kirche?
Huber: Der Sonntag bleibt der Gottesdiensttag. Wer schon einmal Gottesdienste besucht hat in Ländern, die da keinen arbeitsfreien Tag kennen, der wird die Kraft der Kirche nicht unterschätzen, den Sonntag für sich zu setzen. Ich habe das eindrucksvoll in China erlebt, wo wir mitten im tosenden Beijing sehr vitale Sonntagsgottesdienste gefeiert haben.
Die Fragen stellte Jörg Lau.
Online-Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.zeit.de vom 15.11.2007
Sonntagsheiligung - Zeichen christlicher Freiheit
Zu Luthers Erklärung des dritten Gebots im Großen Katechismus. Von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich, Leitender Bischof der VELKD (Vereinigte Evangelisch - Lutherische Kirche Deutschlands)
Natürlich treten Martin Luther und mit ihm die lutherische Kirche für die Sonntagsheiligung ein. Aber die Art und Weise, wie er dies im Großen Katechismus begründet, ist doch überraschend. In Luthers Argumentation treten folgende Gesichtspunkte hervor:
1. Die durchaus nahe liegende Begründung aus dem alttestamentlichen Sabbatgebot lehnt Luther ausdrücklich ab. Das Sabbatgebot gelte nur bei Juden, es habe keine Geltung für Christen. Es wird als an seinen Kontext gebunden verstanden. Dabei sieht Luther den allgemein zustimmungsfähigen Kern des Sabbatgebots darin, dass Mensch und Tier Erholung brauchen. Zugleich aber ist das Sabbatgebot, wie es im Alten Testament in Erscheinung tritt, für ihn so sehr eine äußerliche, übertrieben rigoristische Ordnung, dass er demgegenüber die christliche Freiheit betont.
2. Wenn Luther sich aber - trotz der Ablehnung der Begründung im Sabbatgebot -der dem Phänomen der Feiertagsheiligung nähert, sieht er zwei Gründe: Zuerst verweist er darauf, dass die körperlich hart arbeitende Bevölkerung Erholung braucht, es gibt also Gründe, die schlicht in der leiblichen Verfasstheit des Menschen liegen und in der Angestrengtheit menschlichen Lebens, wie sie seit der Vertreibung aus dem Paradies unser Schicksal ist. Der zweite Grund - und den führt Luther mit "vor allem" ein, er ist also der gewichtigere - der Feiertag ermöglicht die Teilnahme am Gottesdienst. Luther führt also eine gestaffelte Begründung an, die einen "natürlichen" und einen geistlichen Schwerpunkt hat.
3. Luther argumentiert in seinem Kontext, gegenüber den Fehlformen der Sonntagsheiligung seiner Zeit. Die Feiertage waren von heiligen "Gegenständen" bestimmt, man denke an Reliquien oder ähnliches. Demgegenüber betont Luther das Wort der Verkündigung, das Wort, das Wahrheit aufscheinen lässt und Lebensgewissheit auszulösen vermag.
4. Luther geht es nicht darum zu feiern, sondern darum zu heiligen, so ist im Katechismus zu lesen. Das ist nicht unmittelbar verständlich. Vielleicht ist es so gemeint: es geht nicht um den feierlichen Gottesdienst, um die verschiedenen Festbräuche als solche; sie sind nur Medium des Wortes und müssen als Medien ernst genommen, dürfen aber nicht überbewertet werden.
5. Gottes Wort ist ernst zu nehmen. An die Feiertagsgebräuche ist die kritische Frage zu stellen: wie hast du darin Gottes Wort gehört, gelernt und geübt? Das ist das Kriterium, das an Feiertagsbräuche anzulegen ist.
6. Der Zeitpunkt, zu dem Gottes Wort gehört wird, ist nicht entscheidend. Das muss nicht der Sonntag sein. Entscheidend ist es, Gottes Wort im Herzen zu behalten.
7. Gegenüber einer überstarken Feiertagsgestaltung zu seiner Zeit drängte Luther aufs Wort. Gegenüber einer zerbröselnden Feiertagssitte, legen wir den Akzent auf Pflege der Gebräuche und eine Pflege der Gestaltung. Angesichts starker Formen wird von Luther die Relativität der Formen betont. Wenn die Formen eher schwach geworden sind, sind sie eher festzuhalten und zu pflegen. Es sei nicht entscheidend , an welchem Tag Gottes Wort gehört wird, sagt Luther. Dabei ist eine stabile Sonntagsheiligung vorausgesetzt. Wir übersetzen in unserer Situation Luthers Anliegen so: Wir brauchen die gemeinsamen, geschützten Zeiten, damit Erholung, menschliche Gemeinschaft und die Verkündigung des Wortes Gottes eine Chance haben.
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