Menschsein – in Gesundheit und Krankheit
(Predigt zum Gottesdienst „behindert – aber fit“, 21.09.03)
Menschsein in Gesundheit und Krankheit, nicht behindert und behindert – Menschsein: wie bin ich – Mensch? Und was heißt überhaupt: gesund sein?
In Kürze das Wesentliche für unseren Zusammenhang. Einleitend drei Punkte:
1. Der christliche Glaube versteht den Menschen als Gottes Geschöpf. Menschliches Leben ist ein Geschenk Gottes, Sie und ich, jede und jeder von uns ist nicht zufällig da, sondern als von Gott bejahtes, gewolltes Wesen und soll darum auch vom anderen Menschen selbst bejaht und angenommen werden. Die Welt, so ist meine Überzeugung als Christ, ist nicht von Gott verlassen, sondern seine geliebte Schöpfung. Von daher darf und kann nicht gewertet werden, deshalb kann und darf nicht eingeteilt werden in lebenswert oder unwert. Kein Mensch darf über andere verfügen, weil Leben eine Gabe Gottes ist.
2. Der Mensch ist nach christlichem Verständnis auf Gemeinschaft angelegt und zur Gemeinschaft bestimmt. Er existiert von Haus aus in Beziehungen: zu Gott, zu seinen Mitgeschöpfen (insbesondere zu den Mitmenschen) und zu sich selbst. Weil wir Menschen auf Beziehungen angelegt sind, trägt jede und jeder von uns zugleich Verantwortung dafür, dass die Würde jedes Menschen unangetastet geachtet und respektiert wird.
3. Als Menschen sind wir eben Menschen und nicht Gott. Wir sind als Geschöpfe Gottes endliche Wesen. Das heißt nicht nur, dass wir zeitlich begrenzte Geschöpfe sind, wir sind es auch in Bezug auf unsere Fähigkeiten und unser Wissen. Das Besondere beim Menschen besteht nur darin, dass er von dieser Begrenztheit und Endlichkeit weiß oder jedenfalls wissen könnte. Diese Klugheit ist für mich als Christ nicht Ausdruck von Resignation oder Ängsten, sondern getragen von Hoffnung, die über den Tod hinaus reicht. Die Gegebenheiten und Möglichkeiten dieser Welt sind erkennbar nur etwas Vorletztes. Ob Gesundheit, körperliche Unversehrtheit, Fitness, wirtschaftlicher Erfolg: Sie verlieren dadurch nicht ihren Wert und ihre Bedeutung, aber sie werden erkannt als das, woran wir nicht unser Herz hängen können, weil sie ebenso vergänglich sind wie wir selbst. Gesundheit ist eben kein absolutes, oberstes Prinzip – genauso wenig wie Krankheit das letzte Wort über einen Menschen sein kann.
So ist es nötig zu sagen, was ich unter „gesund sein“ und „krank sein“ verstehe:
Es ist dabei die Frage, wie ich mich selbst empfinde, und es ist schwierig, eindeutig zu bestimmen, ob ein Mensch gesund ist oder krank. Ich spüre selbst in mir beide Pole: gesund sein und krank sein. Ich denke sogar, dass das der Normalfall ist, dass ich mich in bestimmter Hinsicht als gesund, in anderer hingegen gleichzeitig als krank erlebe. Deswegen bilden Gesundheit und Krankheit für mich keine absoluten, sich ausschließenden Gegensätze, sondern gehen häufig ineinander über. Gesundheit und Krankheit sind Grenzwerte, zwischen denen sich mein Befinden bewegt.
Gesundheit ist für mich also nichts Statisches. „Gesund sein“ meint auch nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen, nicht einfach die Abwesenheit von Störungen, sondern die Kraft, mit ihnen zu leben.
Vor Jahren lernte ich einen jungen Mann kennen, der eine extrem starke Krampflähmung hatte: Hände, Arme, Füße, Beine, Gesicht, Mund und damit Sprache – außer den Augen schien an ihm nichts „normal“ zu sein. Er lag im Bett und schien zu lesen. Natürlich konnte er das Buch nicht halten, er las es mit einer Lesehilfe, eine Art Notenständer mit Glasplatte, auf der das aufgeschlagene Buch lag. Ich habe selten einen Menschen wegen seiner Leistung so bewundert wie diesen Mann: Welche Energie und welcher Lebenswille gehört dazu, 150mal zu warten, dass jemand zum Umblättern kommt, sich nicht kleinkriegen zu lassen, den Faden nicht zu verlieren, wenn man zwei Seiten gelesen hat, die Seite mitten im Wort zu Ende ist und drei Stunden kommt niemand, der umblättern könnte… . Er hatte die Kraft, mit seinen Gebrechen zu leben, strahlte Zuversicht aus.
Ich behaupte: wir brauchen eine echte Neuorientierung in unserem Selbstverständnis von Gesundheit und Krankheit und damit von dem, wer ein Mensch ist, was menschlich ist. Wir sollten überall ins Gespräch bringen: Die Vision von einer Welt ohne Leid, Krankheit und Altem ist gefährlich. Die Begehrlichkeit nach einem scheinbar perfekten Menschen ist selbst menschenverachtend. Eine Studie in den USA zeigt, wohin das führen kann: danach sind bereits 11% der Eltern zur Abtreibung bereit, wenn ein Gentest Neigung zum Übergewicht nachweisen sollte.
Unsere Lebenseinstellung und damit unsere Lebensweise ist gefragt. Es geht um die Weise, wie wir mit unseren Grenzen und Defiziten gemeinsam umgehen. Wenn ein Mensch hilfsbedürftig ist, signalisiert mir das erst ´mal: auch ich war monatelang, zu Beginn meines Lebens, ständig auf Hilfe angewiesen. Am Ende meines Lebens werde ich es wieder sein; zudem kann der Übergang zu meiner Hilfsbedürftigkeit jeden Tag gegen meinen Willen stattfinden.
Grenzen und Defizite sind normale Gegebenheiten in unserer Welt: Dass ich morgen erkranken oder verunglücken kann, dass ich irgendwann sterben muss, dass muss nicht mehr tabuisiert werden, das kann bewusst angenommen werden. Entsprechend wird dann nicht mehr überlegt, ob und wie Behinderte in die Gesellschaft eingegliedert werden können – sie sind Glieder der Gesellschaft. Es fragt sich nur, ob und wie sie einen Arbeitsplatz bekommen, wie sie am kulturellen Leben der Gesellschaft teilnehmen können usw..
Gernot war 20 Jahre alt, als er durch einen schweren Autounfall eine Hirnquetschung erlitt und seither mit einer geistigen Behinderung leben muss. Heute, nach vielen Rehabilitationsmaßnahmen ist Gernot in der Lage, als zweiter Hausmeister an einer Schule zu arbeiten. Er definiert sich nicht als Behinderten, sondern zuallererst als Mensch, der mit einer Behinderung leben muss – so wie alle anderen in unterschiedlichem Maße auch.
Welch nachdenkenswerter Unterschied! Sind wir nicht alle behindert auf die eine oder andere Art? Wir können dies oder jenes nicht, nur sieht oder merkt man es uns vielleicht nicht so an. Es gibt Schädigungen, Defizite in unserer Gesellschaft, mit denen man sich nur schwer sehen lassen kann. Der Herzinfarkt oder das Magengeschwür scheinen dem arbeitssüchtigen Manager nicht zu schaden im Ansehen nach außen. Aber Schädigungen, die unter den Begriff „behindert“ fallen, stehen heute noch unter besonderen Zwängen, verborgen zu bleiben. Sie sollen uns in einer Welt, in der wir meinen, fast alles machen und kontrollieren zu können, nicht daran erinnern, dass es Hilflosigkeit, Hilfsbedürftigkeit und Nicht-Machbares gibt. Darum sollen Behinderungen, vor allem geistiger Art, aus dem Tageslicht, aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Aber gerade der Mensch, der mit einer Behinderung leben lernen muss, braucht womöglich mehr als andere das Sich-Zeigen, das Licht des Gesehenwerdens. Wer man ist, weiß man nicht in und durch sich selbst, man muss sich zeigen dürfen, auch und vor allem als Geschädigter. Wer sich nicht zeigen darf, dem verbietet man zu sein.
Ein Haus, in dem Menschen mit Behinderungen leben, gehört nicht ins Industriegebiet außerhalb von Jügesheim, sondern in den Ort. Es war viel Anstrengung und Überzeugungsarbeit nötig, um dies zu erreichen. Und nun kann das Haus „Emmanuel“ an der St.Nikolauskirche bald eingeweiht werden! Ein echter Beitrag, Barrieren abzubauen und eben miteinander in der Gesellschaft zu leben. Ich hoffe auch ein Beitrag zur Ent-krampfung des Verhältnisses von Behinderten und Nichtbehinderten.
Vielleicht kann uns dabei auch eine Haltung helfen, die ich die „Na-und“ – Haltung nennen möchte. Da haben wir einen im Betrieb, der geht so komisch auf zwei Stöcken, und verstehen kann man den auch kaum. Na und? Sei froh, dass du ohne Stützen auskommst.
Neulich saß ich in einem Restaurant und sah ein Kind ohne Arme; die Mutter hat ihm immer die Tasse zum Mund geschoben. Na und? Der Bengel trinkt genauso gern seinen Kakao wie Sie ihren Kaffee. Und wenn er nicht alleine klar kommt, dann hilft ihm eben jemand; das ist doch das einfachste.
Unser Krampf heißt: „Wir müssen alle gleich sein“. Was wir lernen müssen: es gibt Menschen, die sich anders bewegen, anders benehmen, anders denken als andere. Und das dürfen sie auch. Wer nicht mit Messer und Gabel essen kann, der darf anders essen. Na und?
Und wer nur undeutlich reden kann, den bitten wir eben, seinen Satz noch einmal zu sagen. Na und?
Vor einiger Zeit war ich in Frankfurt in der Stadt, da hat doch tatsächlich so ein Knirps mit dem Finger auf einen Rollstuhlfahrer gezeigt und seine Mutter gefragt. „Du, was hat denn der Mann da?“ Die Mutter wollte schon weiter: „Da guckt man nicht hin“. Da kam der Rolli-Fahrer auf den Jungen zu und fragte: „Soll ich dir mal erklären, wie der Rollstuhl fährt?“ Einem gesund entwickelten Fünfjährigen muss doch ein Rollstuhl auffallen; und wenn er dann seine Mutter fragt, so ist das doch etwas völlig Normales.
Ich sitze im Rollstuhl: ja, und? Es gibt Olympiakämpfer, die mehr Muskeln haben als nötig: ja, und?
Wenn wir dauernd unter dem Zwang stehen, fit zu sein, es gut zu machen, dauernd zu lächeln oder, wenn es einmal nicht geht, wenigstens die Zähne zusammenzubeißen, dann sind wir einfach gezwungen, die Schwachen und unsere Schwächen beiseite zu lassen. Stehen wir tatsächlich „unter der Folter eines fortwährenden Müssens“ (H.-E. Richter)? Muss ich wirklich dauernd stark sein? Nur zu einem fehlt mir die Kraft: einzugestehen, dass ich schwache Stellen habe. Muss ich mir wirklich alles leisten können? Nur eines kann ich mir nicht leisten: hin und wieder zu sagen: „Das kann ich nicht“.
Ist das nicht ein unheimlicher, krankmachender Krampf zu meinen, ich müsse immer stark sein? Keiner kann alles. Es wimmelt in unserem Leben von Nicht-Können. Na und? Das Nicht-Können ist eine ganz normale Seite unseres Lebens und nimmt darin einen wesentlich höheren Raum ein als das Können. Darum ist, wenn jemand nicht laufen, nicht arbeiten, nicht ohne Hilfe essen, nicht bis 10 zählen kann – auch dieses Nicht-Können zunächst etwas völlig Menschliches, ich möchte fast sagen: etwas völlig Normales. Wir alle waren die ersten 10-12 Monate unseres Lebens so dran, dass wir das alles nicht konnten. Dass dieses Nicht-Können im Erwachsenenalter schmerzt, kann niemand bezweifeln.
Aber die Frage: „Ist das eigentlich noch ein Mensch?“ kann nur der stellen, der sich selbst und seinem eigenen Nicht-Können gegenüber unehrlich ist. Wir sollten nicht nur entdecken, dass wir im Nicht-Können ganz groß sind, sondern auch, dass wir uns dieses Nicht-Können auch erlauben können. Menschen, die ihre eigenen Schwächen nicht ehrlich anzunehmen wagen, werden auch die Schwachen in ihrer Mitte höchstens notgedrungen hinnehmen können. Menschen aber, die begriffen haben, dass wir alle schwache Stellen haben, können in den Schwächeren selbstverständlich und nüchtern ihre Mitmenschen erkennen.
Behinderte und Nichtbehinderte leben miteinander – das heißt auch: so unterschiedlich die Lebensformen sind, wir trainieren die gleiche Lebenshaltung: wir üben miteinander annehmen als das Gegenteil von verkrampfen. Als Christ frage ich: Könnten wir es uns nicht von der Barmherzigkeit Gottes her leisten, dies miteinander zu wagen? Ich meine den Gott, der uns in Jesus Christus seine Liebe zuspricht, sich jedem Menschen zuwendet und „Ja“ zu uns sagt. In diesem Vertrauen kann sich die Verkrampfung lösen, so angenommen, finden wir Heimat.
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