| Kirche - wo bist du? -
Eugen Drewermanns unerledigte Fragen / Zur Diskussion
Von Gotthard Fuchs
Um mit der Tür gleich ins Haus zu fallen: Sein Kirchenaustritt ist ein Ärgernis und ein Skandal, der keinen Christen gleichgültig lassen kann, jedenfalls keinen katholischen. Selbstverständlich ist die Intimität einer persönlichen Entscheidung zu achten und zu würdigen. Aber Leben und Werk von Eugen Drewermann, dieses genialen Autodidakten, hängen zu eng mit „seiner" Kirche zusammen, als daß sich Amtsträger, Theologen und überhaupt Mitchristen bloß durch Verstummen oder Verschweigen davonstehlen könnten - sei es in ohnmächtiger Resignation oder in rechthaberischer Selbst-Immunisierung. Daß es kaum öffentliche Reaktionen auf Drewermanns Entschluß in kirchlichen Kreisen gab, gibt zu denken und macht (mir) zu schaffen.
Schon lange zuvor hatte man sich bloß in sträfliches Schweigen gehüllt: Wie viele wechselseitig versäumte und ungenutzte Gelegenheiten in diesen fünfzehn Jahren und schon zuvor! Bischofskonferenz und Glaubenskommission reagierten nur apologetisch und doktrinal. Die theologischen Fakultäten banden den originellen Grenzgänger nicht ein in kontinuierliche Forschungsgespräche und vor allem in verbindliche Lehrtätigkeit. Runde Tische kamen nicht zustande. Die Kluft wuchs in wechselseitiger Schuldzuweisung und in kränkender, ja krankmachender Gegen-Abhängigkeit. Es ist ein Armutszeugnis, daß in „meiner" Kirche nicht genügend Lebens- und Gestaltungsraum sein soll für solch eine prophetische, also gewiß auch unbequeme Persönlichkeit, die zudem spürbar ums eigene Überleben schreibt und gerade deshalb - wie einseitig und bestreitbar auch immer - Wesentliches für viele andere zu sagen hat. Warum denn sonst ist neben Kierkegaard gerade Dostojewski die bevorzugte Bezugsgestalt von Drewermanns Bibelauslegung und Daseinsdeutung? Kurzum: einfach zur Tagesordnung überzugehen, als wäre nichts Besonderes geschehen, verbietet sich - aus Respekt vor der (bisherigen) Lebensleistung des tragischen Denkers und hilfreichen Seelsorgers, aus Solidarität mit der Gemeinschaft aller Christen, und darin vor allem um der Sache willen: der Sache der Menschwerdung, der Sache des Glaubens, der Sache der Kirche(n).
Mit Kierkegaard und Dostojewski
Es ist eine Schande, daß für solch einen kreativen und leidenschaftlichen Geist wie Eugen Drewermann kein Raum mehr in der Kirche sein soll. Es ist eine Tragödie, daß jemand wie er sich ausgeschlossen fühlen muß und selbst ausschließt. Denn Eugen Drewermann hat sich um die Kirche verdient gemacht. Unzählig vielen hat er neu Zugang zum christlichen Glauben, zur Jesus-Leidenschaft und auch zur Realität der Kirchen vermittelt. Umgekehrt verdankt er seine Wirkung in Zustimmung und (wachsendem) Widerspruch wesentlich der Kirche. Ohne das ständige „Widerlager" der Kirche wäre er nie derart ins Zentrum auch des allgemeinen öffentlichen Interesses gerückt. Zudem: Wir hätten gerade die Bibel nicht ohne die Kirche. Und Drewermanns religiöse Leidenschaft lebt mit Kierkegaard vor allem aus der Bibel - freilich, auch dies programmatisch, im Gespräch mit dem Buddha, mit den nichtchristlichen Religionen überhaupt. Die „Kirche von Abel an", wie die Kirchenväter sagten, ist es, die Drewermanns wortwörtlich kat-holische, weltumfassende Leidenschaft prägt: zum Katholisch-Werden in der Tat.
Von Drewermanns unerledigten Fragen nenne ich nur einige wichtige - stets des Leitspruchs von Ignatius von Loyola eingedenk, „daß jeder gute Christ mehr dazu bereit sein muß, die Aussage des Nächsten für glaubwürdig zu halten, als sie zu verurteilen".
Mit der Hellsicht des Betroffenen setzte sich Drewermann von früh an mit moralistischen und legalistischen Engführungen des Christlichen auseinander. Wie viele haben die Frohe Botschaft des Evangeliums doch eher als Drohbotschaft gelernt und erlebt: nicht wohltuend, erlösend und ermutigend, sondern fordernd, bedrückend und einengend; zudem eng verknüpft mit nicht nur autoritativen, sondern autoritären Verhaltensweisen und Strukturen, von außen auferlegt und mit Sanktionen für Diesseits und Jenseits belegt, ohne wirkliche Auseinandersetzung und Abklärung mit der eigenen Erfahrung und lebensgeschichtlichen Hoffnungsdynamik.
Was ich einmal „den kategorischen Indikativ" des Glaubens nannte, die schlechthinnige Zuvorkommenheit Gottes und seiner Güte, steht im Mittelpunkt von Drewermanns Denken. Deshalb auch sein Pathos der Innerlichkeit und sein Beharren auf einer erfahrungssatten Theologie, einer theologia experimentalis im eigenen Leben. Gewiß: Drewermann ist ein Meister auch ironischer Rede und scharfer Schnitte. Er kann über das Ziel hinausschießen und auch verletzen. Wer ihm - im Sinn des Ignatius - nicht wohl will, findet auf Schritt und Tritt schnelle und auch falsche Alternativen, etwa zwischen Erfahrung und Dogma, zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit, zwischen Gnade und Gebot, zwischen Glaube und Kirche. Indem er aber auf der schlechterdings zuvorkommenden Wirklichkeit des Erbarmens Gottes beharrt, richtet er eine ständige Anfrage an christliches Verhalten - und an kirchliche Strukturen: stets neu ist die Kirche zu reformieren. Auch „die Gebote Gottes haben die Gestalt von Bitten", wie Simone Weil sagt. Sie dürfen nicht äußerlich auferlegt oder gar mit Gewalt durchgesetzt werden. Wie oft wird das Hauptgebot von Juden und Christen, die Gottes- und Nächstenliebe, imperativisch, bloß fordernd, mißverstanden, obwohl es doch mit dem gebieterischen Indikativ beginnt: „Höre Israel", laß es dir gesagt sein!
Solche geistliche Leidenschaft wünschte man sich auch vom Lehramt
Leidenschaftlich besteht Drewermann auf der poetischen Dimension biblischer Glaubenssprache, auf der symbolischen - wir könnten auch sagen: sakramentalen - Dimension der Glaubenswirklichkeit. Seine Übersetzungen und Auslegungen biblischer Texte zielen mit Nachdruck auf die Wiedergewinnung dieser einladenden, dieser im besten Sinne mystagogischen, werbenden Poesie des Gottesglaubens. Das Erbe des bloß Moralischen und Lehrhaften, des Moralistischen und Doktrinalen lastet freilich noch schwer auf den Sprach- und Denkformen des Christlichen in kirchlicher Überlieferung und gegenwärtiger Gemeindepraxis.
Beispielhaft zeigt Eugen Drewermann, welche Dolmetscher-Kompetenz es braucht, welchen Sinn für Mehrsprachigkeit, um das Zwiegespräch zwischen heutigen Erfahrungen und biblischen Texten zu ermöglichen. Daß die kirchliche Überlieferung dabei primär negativ vorkommt, ist sehr zu bedauern. Aber vergessen wir nicht: Traditio(n) heißt vom Lateinischen her beides - Überlieferung und Verrat.
Es gehört zur Tragödie, daß Drewermann leider erst recht spät und dann höchst selektiv die Traditionen christlicher Mystik für sich entdeckt hat! Die dort praktizierte Kunst des vielfachen Schriftsinnes und einer erfahrungsgesättigten Auslegung gäbe seinem predigend-erzählenden Lebensprogramm klärende Resonanz. Drewermann ist ein erbaulicher Schriftsteller von Format, ganz im Sinne Kierkegaards. Manch anderem im Dienst der Verkündigung und des Lehramtes wünschte man wenigstens etwas von dieser geistlichen Leidenschaft und mystagogischen Kraft! Wenn doch jede Sonntagspredigt und jedes bischöfliche und päpstliche Lehrschreiben so auf die Goldwaage der Orthodoxie gelegt würde wie Eugen Drewermanns Glaubenspredigt!
„Strukturen des Bösen"
Unerledigt ist auch, was Drewermann mit seinem gewaltigen Jugendwerk „Strukturen des Bösen" angeregt hat - in Zeiten einer nachkonziliaren Aufbruchs-Euphorie übrigens, in der dieses Thema ganz unzeitgemäß schien. Es geht darin um die Achtsamkeit für die Angstdynamik im menschlichen Leben jenseits von Eden, um deren Bedeutung für das Verständnis der Mysterien des biblischen Glaubens. Seitdem mit René Girard deutlicher wird, wie sehr die Gewaltthematik ins Zentrum des Christlichen gehört und in einer befreienden Sünden- und Kreuzestheologie gipfelt, die ein für allemal den Kreislauf von Angst und Gewalt durchbricht und ins österliche Licht der Auferstehung stellt, ist neu nach den Abgründen der menschlichen Seele und der faktischen Geschichte im Spannungsfeld von Angst, Gewalt und Sünde zu fragen. Drewermann war es, der von einem ganz anderen Ansatz her als etwa Hans Urs von Balthasar - und doch in sachlicher Nähe zu ihm, wie einzig Eugen Biser erkannte, - die Dramatik des Gottesglaubens ausgearbeitet hat, die Tragik auch der menschlichen Existenz unter dem Gesetz unerlöster Angst und entsprechender Sünde. Wo diese „theodramatische", heilsgeschichtliche Dimension christlicher Gottesrede nicht wiedergewonnen wird - und in vielen kirchlichen Verlautbarungen und theologischen Texten ist das leider so -, da wird der vom faktischen Leben gebeutelte Mitmensch die „Dynamis der Auferstehung" (Phil 3,10), also die lebensbefreiende Bewegkraft des Glaubens, nicht entdecken und sich enttäuscht vom kirchlichen Christentum abwenden (müssen). Drewermanns Kraft, Märchen und Mythen, Dramen und Romane auszulegen, lebt ebenfalls aus dieser Leidenschaft, der ganzen, der abgründigen Dramatik des endlichen Lebens jenseits von Eden religiös und theologisch gerecht zu werden - Maßstäbe setzend für Theologenzunft und Kirche insgesamt.
Nicht vergessen sei Eugen Drewermanns vorbildliche Anstrengung, biblischen Schöpfungsglauben mit moderner Naturwissenschaft ins Gespräch zu bringen. Die letzten drei Bände seiner „Dogmatik" derart zu würdigen und durchaus auch kritisch zu diskutieren, ist hier nicht möglich. Das Opus theologisch einfach totzuschweigen, ist kein Zeichen christlicher Dialogfähigkeit. Allein schon Kraft und Wille zu solch einer Dolmetscher-Leistung sind beispielhaft. Dazu kommt die Lebenspraxis: Drewermann fragt mit Recht, warum Tiere und Pflanzen, Natur und Kosmos christlich so wenig gewürdigt werden.
„Kleriker"
Spätestens seit seinem Kleriker-Buch, in dem er mit der Hellsicht des Verletzten auf die Pathologien, auf das Krankhafte und Krankmachende des Kirchlichen aufmerksam macht, steht in Drewermanns Werk die alte Frage neu im Raum, welche Kirchengestalt dem Evangelium angemessen sei und wie man mitten im falschen das wahre Glaubensleben finde und gestalte. Die Kirche ist immer zu reformieren! Keine Frage: Eugen Drewermann gehört in den Chor jener geistlich Ergriffenen und Gezeichneten, die von der - kirchlich vermittelten - Gottunmittelbarkeit derart hingerissen sind, daß sie die Spannung zwischen Idealität und Realität der Kirche bis zum Zerreißen spannend und gespannt erleben. Der dunkle Zusammenhang zwischen Mystik und Häresie, zwischen Gottunmittelbarkeit und Kirchenbindung ist für christliche Existenz entscheidend und kann wie bei Simone Weil so weit gespannt sein, daß sich jemand durch Christus höchstpersönlich verpflichtet sieht, der faktischen Kirche nicht beizutreten, weil er damit die Solidarität mit den Armen und anderen verriete.
Und die Fragen an ihn selbst
Der dreibändige Durchblick „Die Kirchenkritik der Mystiker. Prophetie aus Gotteserfahrung", den Mariano Delgado und ich gerade herausgegeben haben (bei Academic Press, Fribourg und Kohlhammer, Stuttgart), läßt die Kirchenerfahrung Eugen Drewermanns in einem größeren Zusammenhang erscheinen. Ein Pierre Teilhard de Chardin jedenfalls hat auf die freundschaftliche Empfehlung, angesichts seiner Konflikte doch aus der Kirche auszutreten, geantwortet: „Wäre es für mich logisch, wenn ich, durch einen Bruch mit meiner Kirche, ungeduldig das Wachsen des christlichen Triebes forcierte, von dem ich überzeugt bin, daß sich in ihm der Saft der Religion von morgen vorbereitet? Ich bin Gefangener in der Kirche aufgrund eben der Anschauungen, die mir ihre Unzulänglichkeit aufdecken..." Teilhard war überzeugt, „daß meine besten Anstrengungen nutzlos wären, wenn ich mit dem religiösen Strom bräche, bei dem das Problem nicht darin besteht, ihn zu bekämpfen, sondern ihn umzuwandeln. Auf einem solchen Schlachtfeld kann ich nicht aus politischen Überlegungen, sondern aus reiner Überzeugung nur von innen her wirken."
Keinen Augenblick geht es um Heldenverehrung oder Glorifizierung. Zu den unerledigten Fragen Eugen Drewermanns gehören auch die an ihn selbst: Warum immer noch diese aggressive Gegen-Abhängigkeit zu „Mutter" Kirche - bis hin zum Austritt jetzt? Warum diese obsessive Pauschalkritik am kirchlichen, am geistlichen Amt ohne argumentative Entfaltung seines tiefen Sinnes? Warum diese mangelnde Bereitschaft, sich wirklich ernsthaft auf theologische Diskurse einzulassen und den Reichtum an Glaubensweisheit in Theologie und Mystik, auch in Dogma und Dogmengeschichte ernsthafter zu würdigen? Warum diese autodidaktisch verkapselte „Wut des Verstehens", diese schier egomane Zitiersucht? Vor allem aber: Warum diese Flucht aus der konkreten Auseinandersetzung mit der konkreten kirchlichen Realität - ja, warum die Ausgrenzung der Kollegen in Priesteramt und Theologie, die ihm verbunden sind und bleiben? Bei der britischen Sozialanthropologin und Ritualforscherin Mary Douglas zum Beispiel kann man lesen und lernen: „Jede neue Religion, die Bestand haben will - und sei es auch nur ein Jahrzehnt über ihr erstes revolutionäres Aufflammen hinaus -, muß den Schritt von der inneren zur äußeren Religiosität tun." Das war und ist eine Stärke der katholischen Kirche, die Drewermann wie selbstverständlich voraussetzt und nutzt, zugleich aber verachtet und denunziert.
Fragen über Fragen, die der ehrlichen Gesprächsarbeit bedürften! Voraussetzung dafür aber ist und bleibt es, Leben und Werk Eugen Drewermanns als Anfrage an Kirche und Theologie überhaupt ernstzunehmen und durchzuarbeiten. In der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über „die Kirche in der Welt von heute" heißt es doch klar: „Ja, selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben" („Gaudium et spes" 44). Um wieviel mehr gilt dies für einen begnadeten Gottsucher und verletzten Christenmenschen! Die Wunde am Leib der Kirche(n) schmerzt mehr denn je! Zur „Kirche von Abel an" gehört Eugen Drewermann jedenfalls weiterhin, Gott sei Dank.
Gotthard Fuchs, Dr. phil., geboren 1938; Referat Kultur-Kirche-Wissenschaft im Bistum Limburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Theologie, Spiritualität und Religionspädagogik.
aus: Christ in der Gegenwart58. Jahrgang - 12. Februar 2006 - Freiburg
|