Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Fundamente

 

Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück
(Predigt beim Kirche ´mal anders-Gottesdienst
am 20.11.2011
von Gerhard Wittich, Theologe, Logotherapeut und Existenzanalytiker)

Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück: Diesen Spruch haben Sie sicher irgendwo schon mal gehört oder gelesen. Vielleicht Sie sich dabei gefragt, ob das wirklich stimmt? Stimmt das wirklich, dass es in unser aller Leben evtl. Tendenzen gibt, am liebsten alles so zu belassen, selbst dann, wenn wir unter einer Situation leiden und unzufrieden sind?

Es gibt eine Geschichte in der Bibel von Lot und seiner Familie, die Gründe aufzeigt, warum das wirklich so sein kann. In Kurzfassung hören wir uns die `mal an. 1.Mose 19,12-17,23-27.

Mitten im Alltag der Familie Lot tauchen Männer auf, die im Auftrag Gottes Lot und seine Familie vor dem kurz bevorstehenden Untergang der Stadt, vermutlich einem Vulkanausbruch, retten sollen. Aber statt dem Ernst der Lage zu folgen, widersetzt sich die ganze Familie. Diese schnelle Evakuierung passte weder der Familie noch der ganzen Verwandtschaft ins Konzept. Wie in solchen Fällen üblich wird dann viel diskutiert, geredet und geredet, aber nichts getan. Den Boten Gottes wurde das dann langsam zu gefährlich. Sie griffen Lot und seiner Frau dann einfach unter die Arme und schleppten sie aus der Stadt.

Diese Geschichte lässt ein paar Symptome erkennen, die Hinweise geben, warum wir im Leben oft meinen, nichts ändern zu müssen oder zu können, trotz drohender Katastrophe. Vor einiger Zeit habe ich in der Zeitung gelesen, dass jeder fünfte Deutsche sich vom Pech verfolgt sieht und unheilvolle Zustände oft magisch anzieht und als Schicksal hinnimmt. Was passiert aber, wenn wir negative Erlebnisse und Zustände einfach hinnehmen und unverändert bestehen lassen? Auf jeden Fall verleihen wir dann der Gewohnheit die Macht über unsere Situation. „Das ist schon solange so, und außerdem kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, daran etwas grundsätzlich ändern zu können.“ „Was reg ich mich eigentlich so auf? Das hab ich doch schon bei meinen Eltern gesehen, dass man da im Grunde nichts machen kann“. So reden wir Menschen.

Warum ist das so?
Und so komisch das vielleicht klingen mag, oft haben wir auch von unglücklichen Lebenssituationen noch einen geheimen, manchmal unbewussten Vorteil. –Mir hat vor Jahren ein Patient aus der Kur einen Brief geschrieben und seine Situation geschildert. Zum Schluss schrieb er: „Zur Wiederherstellung meiner Krankheit muss ich, wenn ich nach Hause komme, noch einmal ins Krankenhaus.“ Die Lebensumstände dieses Menschen waren so schlimm, dass er die Krankheit als Zwischenlösung regelrecht brauchte. Sein Unbewusstes diktierte es ihm sogar.

Das trifft für ganz ganz viele Umstände im Leben zu. In den unglücklichen Verhältnissen liegen meist verborgene Vorteile, die wir mit Bewusstsein nicht so einfach wahrnehmen und schon gar nicht zugeben können. Hier liegen die Gründe, warum wir so oft in unglücklichen und unzufriedenen Verhältnissen hocken bleiben und einfach nichts tun.

Nicht ohne tieferen Sinn stellt der Erzähler dieser biblischen Urgeschichte Lot und seine Familie so dar, dass sie am liebsten in den alten Verhältnissen geblieben wären und sogar wider alle Vernunft ihr Leben riskiert hätten. –Hier sehen wir, wie das aussieht, wenn man der Gewohnheit die Macht im Leben verleiht.

Das zeigt uns, dass wir als Menschen alle, in großen und ganz kleinen Dingen, in unglücklichen Verhältnissen im Zusammenleben mit anderen so hineinverwoben und verwickelt sind, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, daran irgendetwas ändern zu wollen. Am augenfälligsten wird dies am Problem der Sucht, wo die Macht der Gewohnheit ganze Familien und Freundeskreise mit Blindheit schlägt und regelrecht in eine Schockstarre versetzt, die jedes aktive Handeln blockiert. In der Fachsprache nennt man das „Co-Abhängigkeit“.

Nun könnte jemand sagen: Da hatte es in der biblischen Erzählung Lot und seine Familie noch gut, denn er wurde ja in letzter Minute noch gerettet, sozusagen aus dem Unglück herausgezogen. – Aber wo sind die Boten Gottes heute?

Die gute Nachricht: Boten Gottes sind auch heute da! Wo und wie? Am allerdeutlichsten sind sie als innere Stimme wahrzunehmen, als inneres Wissen, das im Gefühl, manchmal auch im Gewissen, aufsteigt; oder auch als ein Gedanke, der in uns redet und einfach nicht abzuschütteln ist; oder auch als eine Botschaft im Traum, die sich über einen Zeitraum wiederholen kann; in Gestalt eines Menschen, mit dem wir über unsere Probleme sprechen und der Zugang zu unserem Inneren hat; und auch durch ein Bibelwort, das uns in einer bestimmten Situation die Richtung weist.

Konkret kann das dann so aussehen:

  • Problem „Trauer“: Jemand, der den schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten hat und nach zwei oder mehr Jahren immer noch mit Gefühlen zu tun hat, als wäre der oder die geliebte Angehörige gestern gestorben, vernimmt in seinem Innern schon lange eine Stimme, die ihm sagt, dass er dringend Hilfe, seelsorgerlicher, therapeutischer oder anderer Art, braucht.
  • Ein Paar, das schon länger in einer Krise steckt und mit der Situation einfach nicht klar kommt, hört in sich auch die innere Stimme, die sagt, sich dringend Hilfe zu suchen.
  • Und ein anderer, der sich von seinen Mitmenschen oft schlecht behandelt, übersehen, abgelehnt, nicht akzeptiert fühlt, dem sagt seine innere Stimme auch, dass vielleicht mit seiner Wahrnehmung etwas nicht stimmen kann und dass er dafür selbst verantwortlich ist, dh.,dass er nicht die anderen verändern kann, sonder nur sich selbst.
  • Die Schwierigkeit für uns ist nicht so sehr, die innere Stimme wahrzunehmen, sondern vielmehr auf sie zu hören, und sich wie Lot in die richtige Richtung bewegen zu lassen. Natürlich geht das auch bei uns nicht ohne Hin- und Hergezerre und ohne Kampf ab.

    Die inneren Boten Gottes lassen sich aber immer daran erkennen, dass sie unseren inneren Frieden, die Versöhnung, die Zufriedenheit, unser Glück, auf jeden Fall eine Lösung auf den Weg bringen wollen. Das war die gute Nachricht!

    Die weniger gute Nachricht: Man spürt erst, wie sehr man in unglücklicherweise in die Verhältnisse hineinverwickelt ist, wenn daran etwas ändern will. Erst, wenn ich an einer Gewohnheit, an meinem bisherigen Schlendrian, an meinem Versunksein in der Trauer etwas ändern will, spüre ich wie tief die Wurzeln reichen. Lot hat auch erst gemerkt, wie tief er in die Verhältnisse von Sodom und Gomorra verstrickt war, als er weg wollte.

    Man muss sozusagen den „Hintern schon hoch kriegen“, Schritte gehen, Altes und Gewohntes loslassen, für den eigenen Zustand Verantwortung übernehmen. Das ist in der Tat schwer, auch wenn es längst überfällig ist.

    Es geht ja um nichts Geringeres als um das „unbekannte Glück“. Damit ist alles umschrieben, was wir im Kleinen wie im Großen zum Besseren verändern wollen. Hier geht es nicht um Glück, das unberechenbar und unverdient wie ein Sterntaler vom Himmel direkt in den Schoß eines Glückskindes fällt. Nein, ich entscheide mich ganz bewusst für eine Kursänderung in einem Bereich, wo mich das Unglücklichsein schon lange im Würgegriff hat.

    Menschen, die ihr Leben aus dem Glauben heraus gestalten, fällt das vielleicht leichter, weil ihnen immer neu die Augen aufgehen, angesichts der immer neuen Möglichkeiten, die ihnen das Leben bietet. Gott offenbar sich im Leben ja immer als Feind aller Zerrformen des Daseins, das zeigen uns die biblischen Erzählungen. Er rebelliert in uns, er ruft uns, aufzustehen, die Dinge in die Hand zu nehmen und damit führt er uns in die Freiheit. – So gibt der Glaube Rückendeckung!

    Wer dagegen nur an den Zufall glaubt, hat es da sehr viel schwerer, die geschenkten Möglichkeiten dankbar zu entdecken, die in jeder Lebenssituation verborgen da sind.

    Ich fasse kurz zusammen:
    Wie wir in unserer biblischen Geschichte sehen, lassen sich zwei Dinge nicht miteinander vereinbaren: einerseits aus den unguten Verhältnissen heraus wollen und andererseits gleichzeitig an den bisherigen Gewohnheiten festhalten. Dieser Spagat führt in die Erstarrung, wie wir an Lots Frau sehen, die zwar gerettet werden wollte aber gleichzeitig am alten Leben festhielt. Das ist symbolisch der rückwärtsgerichtete Blick!

    Das heutige Thema in Verbindung mit der biblischen Geschichte fordert uns heraus, unsere Lebensmaxime zu überprüfen: bewege ich mich stärker im Licht und gewinne so immer mehr Klarheit in meinem Leben – oder bewege ich mich mehr im Schattenbereich, bejammere meine Situation und verändere nichts.

    Glücklichsein und Zufriedenheit kommen nicht von außen, sie entwickeln sich vielmehr von innen. Dabei verdränge ich die dunklen Seiten keineswegs, ich entscheide mich aber, die hellen Seiten mit all ihren Möglichkeiten wichtiger zu nehmen. Und was ich wichtig nehme, das gewinnt Gewicht! Das wirkt sich aus, in meinem Denken und Fühlen und in meiner Lebensgestaltung.

     

     

     

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