Kennzeichen lebendiger Gemeinde
Predigt zu 1. Korintherbrief, Kap. 12
Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde in Christus
Sie wissen sicher, was der Unterschied zwischen Himmel und Hölle ist. Oder? Eine alte jüdische Geschichte beschreibt diesen Unterschied mit einem ganz besonderen Bild. Erst einmal sehen Himmel und Hölle sich zum Verwechseln ähnlich. Im Himmel wie in der Hölle sieht man die Menschen um einen Suppentopf herum sitzen, und jeder hat einen Löffel. Doch diese Löffel sind zu lang, viel zu lang geraten, und man kann sie nur ganz hinten greifen. Niemand kann mit diesen langen Löffeln die Suppe zum eigenen Mund führen. In der Hölle verhungern die Menschen deshalb, den Suppentopf vor Augen, hektisch versuchend, den Löffel doch zum eigenen Mund zu zwingen. Im Himmel aber beginnen die Menschen, sich gegenseitig zu füttern, und alle werden satt.
Liebe Gemeinde, das ist die Hölle, wenn man nur den Suppentopf sieht und den anderen nicht. Das ist die Hölle, wenn man auf sich gestellt ist, und der neben mir auch, und die neben mir auch. Und es fällt keinem mehr ein, dass man sich gegenseitig helfen kann.
Da mag man denken, so weit in die Hölle hinunter schauen muss man doch gar nicht, wenn man diese Menschen mit den langen Löffeln in der Hand sehen will, die sich selbst versorgen wollen. Die gibt's doch allenthalben. Es sieht doch ganz so aus, als wolle es in unserer Welt bald noch viel mehr von denen geben. Deute ich die Zeichen der Zeit richtig? Abbau des Sozialstaates, um Versorgung muss man sich fürchten oder selbst kümmern. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Doch das Feuer des Schmiedeofens will bei den meisten nicht recht brennen.
Doch lassen Sie uns erst einmal einen Blick auf das schöne Bild werfen, welches Paulus hier skizziert. Die Gemeinde, die Jesus in diese Welt gestellt hat, in diese Welt, die der Hölle der langen Löffel so gleicht, diese Gemeinde ist ein Leib.
Wir hören aus 1. Kor. 12: „Wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind; so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“
Die Gemeinde ist ein Leib. Die Gemeinde ist kein Club, liebe Gemeinde, in dem sich Club-Mitglieder nach bestandener Gesichtskontrolle zusammenfinden und sich gegenseitig bestaunen. Kein Club, wo es auf Prestige und Portemonnaie ankommt.
Die Gemeinde, so sagt Paulus, ist ein Leib. Und dieser Leib besteht aus Menschen, aus Individuen - oder sagen wir besser, aus Originalen. Jeder und jede persönlich gemeint und geliebt. Das ist wichtig. Wir müssen fragen: Wie gehört man zu diesem Leib dazu?
Paulus nennt die Taufe. Getauft wird ein Mensch persönlich, nicht in Massen. Da wird sein Name genannt, da ist sein Glaube gefragt, nicht abgefragt. Da sind wir, jede und jeder Einzelne, persönlich gemeint.
Doch in der Taufe ist sofort deutlich: Dieser Mensch gehört jetzt zu anderen, ist allein nicht mehr zu denken. Ein Christ in der Isolation ist unvorstellbar. Die Gemeinschaft ist die Form, in der Christen leben können und müssen.
Wir haben uns in Westeuropa so daran gewöhnt, Glauben und Religion als Privatsache zu verstehen. Wir haben uns an ein Denken gewöhnt, dass jeder nur für sich allein alles verantworten muss, auch eben seinen Glauben. „Ich bin ich. Is’ doch logo, oder was brauche ich andere.“ Das findet sich vielfach in der Art, wie wir miteinander umgehen. Es findet sich wieder in der Einstellung vieler Menschen, die sagen: „Ich finde meinen Gott allein – oder im Wald oder sonst wo. Doch wenn wir uns die Briefe des Apostels Paulus ansehen wie den hier an die Korinther, dann möchte ich gerade da nachhaken und Ihnen sagen, was in der Bibel steht: „Man kann nicht glauben, ohne regelmäßig Kontakt zu anderen Christen in der Kirche zu haben.“
Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie oft ich den Satz höre, „Nicht wahr, Herr Pastor, man kann doch auch ohne Kirche Christ sein, so tief drin im Herzen.“ Und meine Antwort ist jedes Mal die gleiche, auch wenn ich meist betroffene Gesichter sehe: „Nein, es geht nicht. Sie können ohne die Kirche und ohne die Gemeinschaft mit anderen Christen nicht Christ sein.“ Sie können ganz für sich ein anständiger Mensch sein. Sie können ein guter Bürger sein. Sie können angesehen, ehrlich und sehr spendefreudig sein. Aber Christ können Sie nicht alleine sein. Glauben entfaltet sich nur in der Gemeinschaft mit anderen Christen. Das hat Gott so eingerichtet.
Denken Sie an die Geschichte vom ungläubigen Thomas. Als die Jünger nach der Auferstehung zusammen sind und Jesus in ihre Mitte kommt, da ist das für alle ein einzigartiges Erlebnis: „Er ist wahrhaft auferstanden.“ Nur einer ist nicht da: Thomas. Er hat keine Lust auf Kirche. Am Sonntagmorgen will er lieber ausschlafen. Vielleicht hat er auch resigniert. Egal, Gründe gibt es viele!
Ich stelle mir vor, dass Petrus Thomas am Montag auf der Straße trifft. Er geht auf ihn zu und ruft: „Thomas, wir haben den Herrn gesehen, er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!“ Thomas entgegnet: „Komm, Petrus, du warst schon immer ein bisschen übergeschnappt. Von wegen Halleluja: Was tot ist, ist tot. Ich habe doch mit eigenen Augen gesehen, wie er gestorben ist, aus, basta.“
Petrus schwärmt aber einfach weiter: „Du, wir haben ihn angefasst, er hat mit uns geredet!“ „Quatsch“, sagt Thomas, „alles Einbildung. Massenpsychose, hoher Alkoholpegel oder möglicherweise sogar Rauschgift. Klar, ihr wart ja auch ziemlich frustriert.“
Da hat Petrus eine gute Idee und sagt: „Pass auf, am nächsten Sonntag kommst du einfach wieder mit in unseren Kreis.“ Auf jeden Fall steht in der Bibel: „Als am nächsten Sonntag die Jünger wieder versammelt waren und Thomas auch dabei war, erschien der Herr noch einmal. Er ging auf Thomas zu und sagte: ,Komm, fass mich an!’ “
Darf ich das für Sie übersetzen? Wenn Sie am Glauben zweifeln und nicht in die Kirche gehen, dann kriegen Sie in Ihrem Haus nicht einfach eine private Offenbarung von Gott. Er offenbart sich in seiner Gemeinde, dort, „wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind“. Wenn Sie wissen wollen, ob es ihn gibt und ob er lebt, dann müssen Sie sich an die Gemeinde halten. Und wenn Sie denken: „Was, ich? In die Kirche? Ich bin doch nicht doof! Wenn es Gott gibt, dann soll er mal zu mir kommen!“, dann muss ich Sie leider enttäuschen: So redet man nicht mit Gott. Er wird Sie nicht besuchen, nur weil Sie das zur Voraussetzung für einen Kontakt machen. Er lässt sich in seiner Gemeinde finden. Und wenn Sie sagen: „Aber ich habe doch Zweifel, was soll ich denn da in der Gemeinde?“, dann sollten Sie gerade deshalb dorthin gehen. Die Gemeinde besteht nämlich nicht nur aus Menschen, die kräftig glauben.
Sie kommen also nicht in einen Kreis von lauter Heiligen. Wir werden offen und ehrlich über unseren Unglauben reden. Und dann werden wir gemeinsam lernen. Denn Glaube wächst in der Gemeinde und nirgendwo sonst! Ganz viele Unsicherheiten und Zweifel beginnen dort, wo jemand sagt: „Ich trenne mich von der Gemeinde.“ Ich sage jedem, der sich von seiner Gemeinde verabschiedet: „Du trennst dich nicht von irgendeiner Organisation. Du trennst dich vom Leib Christi!“
Für den Apostel Paulus und für die Christen von Anfang ist ganz klar: Gelebtes Christentum gibt es nur in einer Gemeinde. Der Einzelne braucht den Halt der Gruppe, um im Glauben wachsen zu können. Darum spricht Paulus so viel über das Miteinander der Christen, darüber, dass die Gemeinde ein Leib ist, in dem es eben ganz unterschiedliche Begabungen und Erfahrungen gibt und der doch auf keinen seiner Teile verzichten kann, und darüber, dass die Liebe über allem stehen soll.
Lesen Sie die Briefe des Paulus im Neuen Testament einmal aus dieser Perspektive und lassen Sie sich inspirieren und ermutigen, in unserer Gemeinde für ein solches Klima der Liebe zu sorgen. Wenn es uns nicht gelingt, miteinander ehrlich, authentisch und zugleich kritisch umzugehen, dann wird weder die Theologie noch die Lebensqualität unserer Gemeinden wachsen. Überträgt man diese Einstellung auf das geistliche Miteinander, dann wird es noch konkreter. Dann fordern uns die Briefe nämlich auf, die Gemeinschaft aktiv zu fördern.
Und das bedeutet im Sinne des Paulus: Beten Sie für andere Gemeindeglieder, segnen Sie die Menschen, sprechen Sie die „Schwestern und Brüder“ an, interessieren Sie sich für sie und leben Sie wirklich den biblischen Grundgedanken, dass der Leib Christi als Gemeinschaft das beste Lebensfundament ist, das einem Menschen passieren kann. Vielleicht bekommen Sie dabei ja Lust, selbst einmal einen Brief an die Gemeindeleitung zu schreiben und die in Ihnen aufgestauten Gefühle und Anfragen herauszulassen!
Die Briefe im Neuen Testament sind eine deutliche Bitte, sich für den anderen verantwortlich zu fühlen. Immer in Liebe, aber auch in geschwisterlicher Klarheit.
Ich lebe nicht nur aus mir, und ich bin nicht nur ich. Es gibt den „Glauben“ der Kirche, ihren Schatz, der uns allen und der jeder konkreten Gestalt der Kirche vorliegt. Es gibt bei aller Selbstschändung, die die Kirche betreibt, ihr unschändbares Antlitz. Kirche ist immer etwas über sich selbst hinaus. Die Alten haben das in vielen Bildern ausgedrückt: Sie ist „Leib Christi“, sie ist „Braut Christi“, sie ist Mutter. Ich verstehe diese Bilder so: Der Gedanke kann uns trösten und uns sagen, dass wir nicht alles Brot selber backen müssen, von dem wir leben.
Ich kritisiere hier eine an vielen Stellen zu beobachtende Tendenz, sich selber und sich allein zur Norm und zum Horizont dessen zu machen, was man sagen, was man denken und was man glauben kann. Ich kritisiere den Isolationismus und eine Einstellung, die nichts zulässt – außer das, was man selbst gedacht und erfühlt hat. Denn mit dieser Einstelklung bleibt man letztlich an sich selbst haften, das macht einen zum Gefangenen seines eigenen Herzens! Das da kein Missverständnis aufkommt: Nicht, dass wir gelernt haben, Ich zu sagen, kritisiere ich, sondern dass wir nur noch Ich sagen und nichts anderes mehr verlangen als uns selber.
Dann geht es uns so wie dem Thomas: Ohne die Gemeinde und die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder hätte er nie zum Glauben gefunden; dann wären seine Zweifel übermächtig geworden und er hätte sich irgendwann selbstberuhigend gesagt: „Na, ja, was soll’s, ich komm allein auch ganz gut klar.“
Ja, das ist eine Wahrheit des christlichen Glaubens, die wir gerne verdrängen: Auf Dauer gibt es Glauben ohne Kirche nicht. Glaube und Hoffnung sind zu schwer für den Einzelnen. Ich muss mich mit anderen verbinden, ich darf mich von anderen mittragen lassen, um zu leben (das habe ich erst in der vergangenen Woche selbst tröstlich erleben dürfen).
Man muss die Bilder, die Geschichten und die Lieder der Hoffnung miteinander teilen, um sie hören und singen zu können. Die Kirche als der Ort des geteilten Mutes und des geteilten Zweifels. Viele von uns, die sich als Christen bekennen, die Kirche, den Gottesdienst und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde aber nicht mehr wollen, leben noch davon, dass es diese Kirche einmal gegeben hat für sie. Dort haben sie die Psalmverse gelernt, die ihnen etwas bedeuten; dort haben sie die Bilder gelernt, von denen sie leben und ihr Leben gestalten.
Was aber wird aus unseren Kindern, wenn sie solche Stellen der Prägung gar nicht mehr kennen? Welche Lieder werden sie singen und welche Geschichten werden ihnen einfallen in den Zeiten der Kargheit? Ich habe den Eindruck, wir tun alles, um unseren Kindern das äußere Leben zu ermöglichen, fast nichts aber, um sie innerlich und spirituell zu ernähren.
Damit unsere Träume, unsere innere Sehnsucht nach Heil und Leben nicht verloren gehen, brauchen wir die gemeinsam gefeierte, erlebte Überlieferung der Geschichten und der Bilder von der Würde des Menschen. Dass das Leben kostbar ist, dass Gott es liebt, dass niemandem die Zukunft versperrt sein soll, dass wir zur Freiheit berufen sind, dass die Armen die ersten Adressaten des Evangeliums sind - das sagt, singt und spielt uns die christlich-jüdische Tradition in vielen Geschichten und Bildern vor. Das Evangelium bildet uns, es baut an unseren inneren Bildern, an unseren Visionen vom Leben. Wer einmal mit Jesaja 35 gelernt hat, dass ein Land versprochen ist, in dem auch der Lahme springt, in dem die Blinden sehen, in dem auch die Stummen sprechen, der wird nicht völlig zu Hause sein in einer Gegenwart, in der die Sprachlosigkeit so vieler als gegeben hingenommen wird und die für die meisten Menschen nicht mehr als eine Wüste ist. Das Evangelium baut unsere Träume von der Gerechtigkeit, es baut unser Gewissen, hält unsere Sehnsucht wach nach einem erfüllten Leben – und lässt uns achtsam werden für die Nöte und Sorgen um uns herum.
Kneifen Sie sich doch einmal in Ihr rechtes Bein. Nein bitte, nicht in das ihres Nachbarn. In Ihres. Sie werden merken, was Sie sich auch schon so gedacht haben. Es tut weh. Doch wenn ein Organ des Körpers krank ist, dann ist es für den ganzen Körper gefährlich. Wenn ein Glied krankt, dann ist das Ganze in Gefahr. Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit. Empfinden wir so? Spüren wir bei diesem Satz nicht, dass wir vom Individualismus, vom Denken: „Was geht's mich an?“ geprägt, getränkt sind.
Wenn ein Glied leidet, so leiden die anderen mit. Das ist nicht Mitleid, sondern Mitleiden. Mitgehen, mitkümmern, fragen, beten, hoffen. Dadurch wächst das Bewusstsein: ich bin nicht alleine. Paulus sagt den Gedanken ja zweifach: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Nur wer mitleiden kann, kann sich auch mitfreuen. Und das ist doch eine wirklich schöne Perspektive. Das Eingebundensein in den Leib der Gemeinde verschafft mir eine nachhaltige Freude.
Wo Menschen durch die Gnade und Liebe Gottes gerufen werden, da werden sie hineingerufen in die Communio sanctorum, in die Gemeinschaft der Heiligen, sind sie Glied am Leib Christi. So ein Körperteil - wir haben es im Anspiel wahrgenommen - ist allein nicht lebensfähig. Glaube wird brüchig ohne diese Gemeinschaft.
So lasst uns an der Vision einer lebendigen Gemeinde als „Leib Christi“ festhalten. Vielleicht spüren Sie heute ganz neu, dass es sich lohnt, dass wir uns miteinander auf den Weg machen und die Gemeindevision unserer Emmausgemeinde mit Leben füllen: „Gemeinde lebt als Weggemeinschaft, die einladend und gastfreundlich ist. Sie ist ein Ort der Begegnung miteinander zu leben, miteinander zu wachsen im Glauben und für andere da zu sein.“ Jede und jeder ist wichtig und Teil des Ganzen, jede und jeder wird gebraucht. Amen.
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