Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Jüngstes Gericht

 

Drohung: Jüngstes Gericht (2. Kor. 5,10/ Jes. 59)
Predigt von Pfr. Andreas Goetze am 14.11.2010

  1. Gottes erstes und letztes Wort an uns Menschen ist seine Liebe

 

Wenn wir über den richtenden Gott nachdenken wollen, kommt alles darauf an, von welchem Blickwinkel aus wir das tun. Und dafür ist es entscheidend, dass wir Gottes Wort, das er uns gibt, ganz ernst nehmen. Was ist nun Gottes erstes Wort an uns Menschen? Welches Wort ist der Ausgangspunkt für unser Nachdenken?

Gottes erstes Wort an uns ist seine Liebe und seine Gnade, die er uns schenkt, das gilt unverbrüchlich, dazu steht Gott fest und treu. Er schenkt sie uns – gerade denen, die meinen, dass Gott sie nicht liebt. Aber der Bundesschluss Gottes mit Israel in der hebräischen Bibel, dem AT, sowie Gottes heilsames Kommen auf unsere Erde in Jesus Christus sagen: Gnade ist das erste Wort im Verhältnis Gottes zum Menschen!

Schon die ganze Schöpfung, in der wir leben, zeigt uns Gottes Liebe, Gnade und Barmherzigkeit. Gnade ist biblisch ein anderer Ausdruck für Gottes schöpferische Liebe zu aller Kreatur. Diese Gnade Gottes ist im wahrsten Sinne des Wortes zuvorkommend. Wir Menschen, die der Gnade unwürdig sind, können sich im Licht der Liebe Gottes als angenommene und geliebte Menschen erfahren: Gott schenkt uns einen Lebensraum.

Gnade ist nicht nur das erste Wort Gottes – Gnade ist zugleich auch das letzte Wort Gottes zu uns Menschen, das über uns entscheidet, weil in Jesus Christus, der Alpha und Omega ist, Gott und Mensch bereits untrennbar miteinander verbunden sind.

Von daher wird auch ein Licht auf den Sachverhalt geworfen, den die Heilige Schrift „Sünde“ nennt. Es wird klar, was Sünde nicht ist. Sünde ist keine moralische Fehlleistung, es ist nicht das so genannte „schlechte Tun“, Sünde ist überhaupt keine Tat, sondern eine Lebenshaltung: Sünde meint biblisch: „Wir gönnen uns das Gute nicht, das Gott uns in seiner Gnade zugedacht hat.“ Wir sehen nicht, dass wir längst in Gottes Liebe geborgen sind.

  1. Gängige Gerichtsvorstellungen bei uns

 

Fast in allen Religionen und Philosophien ist die Welt nicht denkbar ohne eine alle Taten des Menschen richtende letzte Instanz. Dabei ist die anklagende Stimme mit dem erhobenen Zeigefinger unüberhörbar. Mit diesem Gericht wird gedroht. Die fromme – oder vielmehr, die unfromme Phantasie stürzt sich freilich nur zu gern auf solch eine Gerichtsvorstellung. Gottes frohe Botschaft, seinen Bund mit uns Menschen doch noch scheitern zu lassen – damit droht besonders auch die religiöse Phantasie.

Aber: Damit steht unversehens nicht mehr Gott und seine frohe Botschaft, sondern der religiöse, der sich um seine Seligkeit ängstigende Mensch im Mittelpunkt des Interesses. Und der ängstigt dann seinen Nächsten wie sich selbst.

Wo Christen andere religiös oder moralisch mit dem Gericht Gottes unter Druck setzen, da verraten sie den christlichen Glauben. Wer anderen mit dem Gericht droht, wird leicht zum Erpresser. Aber erpresste Güte ist niemals Güte. Erpresster Glaube ist niemals wirklicher Glaube. Uns ist nicht verheißen, aus Angst zu glauben! Vielmehr erfahren wir Gottes Liebe und den Glauben als ein Geschenk, eine Befreiung.

Die Frage, die sich nun stellt, ist: wie können wir das Gericht Gottes, von dem die Heilige Schrift spricht, nun wirklich fassen? Was bedeuten die Gerichtsaussagen in der Bibel?

  1. Das Gericht Gottes als letzte Chance

 

Werfen wir einen Blick auf Jes. 59 1-4, 7-9, 15-20: Da heißt es, dass Gerechtigkeit und Recht nicht mehr in den Häusern Israels wohnen, sie sind vertrieben auf die Gassen. Wie schon der Prophet Amos leidet auch Jesaja an dieser Situation. Er erkennt: ungerechtes, unsoziales Leben auf der einen Seite und die Feier des Gottesdienstes auf der anderen Seite sind Gott ein Greuel. Ungerechtigkeit und Gottesdienst feiern passt nicht zusammen.

Und Jesaja gibt wie Amos erst einmal eine Verfallsdiagnose: Die Gesellschaft ist verdorben, sie ist korrumpiert. Und auch die Mehrheit des Volkes ist unfähig, eine Wende herbeizuführen. Israel nimmt gar nicht mehr wahr, dass es längst Gottes heilenden Bund verraten hat. Die unheilvolle Situation wird klar aufgedeckt – illusionslos! : Das Volk ist so in seiner Position festgefahren, dass es den Missbrauch der Güte und Liebe Gottes nicht mehr wahrnimmt. Und Amos, wie auch später Jesaja, sehen: Da kommen die Menschen nicht mehr von sich aus heraus. Wir kennen ja alle den Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen will – und wir wissen, dass das nicht geht.

In dieser Situation, die so verfallen ist, greift Gott selbst ein. Das ist unsere Chance. Die Propheten wissen: hier kann nur noch Gott helfen. Gott allein kann diesen tödlichen Verfallsprozess unterbrechen. Hier kündigt sich Gottes Gericht an. Israel ist in den Augen der Propheten geworden wie ein Kranker, der immer kränker wird – und sich dem Leben, der Gesundheit, gerade nicht nähert. Ich sage es noch einmal: Die Propheten wissen: hier kann nur noch Gott helfen. Er allein kann die Menschen zu Umkehr und Buße bewegen.

Das Gericht Gottes ist nicht in erster Linie Schrecken. Das ist es wohl auch. Aber in erster Linie ist das Gericht Gottes die Chance, aus dem angedeuteten Verfallsprozess, aus dieser unheilvollen Situation herauszukommen. So gesehen ist das Gericht Gottes eine Verheißung von Erlösung, weil es diese unheilvolle Situation durchbricht. Erst dann kann ein neuer Anfang erwartet werden: Ein neuer Anfang, der durch Gott selbst geschenkt wird. In diesem Sinn ist das Gericht heilsam. Es deckt die ganze Verlogenheit unserer menschlichen Existenz auf. Es befreit uns von den Lügen, denen wir oft in unserem Leben dienen. Noch einmal: Gottes Gericht ist nicht in erster Linie Schrecken. Daher sollen wir als Christen damit auch nicht einfach drohen. Gottes Gericht ist unsere letzte Chance, wenn von uns aus nichts mehr geht. Und das ist für uns heilsam.

  1. Das Gericht Gottes ist richten und versöhnen

 

Es ist die Botschaft der ganzen Bibel (AT und NT), dass auf dem Stuhl des Weltenrichters kein „Beamter“ sitzt, sondern Gott selbst. Der Tag des Herrn, den wir Christen erwarten, ist der Tag Jesu Christi. Unser menschliches Richten hat für immer ein Ende, wenn Jesus Christus der Richter ist. Das Gericht Gottes ist so für uns Menschen Erlösung: wir werden erlöst, befreit von dem Richten – auch und gerade von einem Richten über uns selbst!

Wenn Jesus Christus unser Richter ist, dann entfällt auch für uns die Notwendigkeit – oder gar der Zwang?! – der Selbstrechtfertigung und der Selbstverurteilung! Gott ist es selbst, der an seinem Tag über uns urteilen wird – und zwar um der Rettung des Menschen willen und nicht um ihn zu vernichten.

Am Tag des Herrn werden die Lügen aufgedeckt werden, es wird ein Tag der Wahrheit sein. Auch das ist ein Akt der Gnade, wenn unsere Untaten ans Licht der Wahrheit gerückt werden. Das kann durchaus schmerzvoll sein, wenn offenbar wird, wie wir wirklich sind – und wir gereinigt werden von all dem, was dem Frieden, der Gerechtigkeit, dem Leben in der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen entgegensteht. Die Wunden werden aufgedeckt – und das ist gut so, denn es ist heilsam.

Denn wäre allein die Weltgeschichte schon das Weltgericht, dann würden die Unterdrücker, die Tyrannen, recht behalten. Ein Ausbleiben des göttlichen Gerichts würde eine tiefe Gleichgültigkeit Gottes gegenüber dem Menschen bedeuten.

2. Kor 5, 10: „Es wird alles offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“, sagt Paulus. Das darf für uns ein Trost sein. Denn das Richten Christi zielt auf die Aufrichtung der endgültigen Friedensordnung Gottes. Der Tag des Herrn, der Tag Christi, ist der Tag der Versöhnung. Richten und Versöhnen: das ist für die Bibel kein Widerspruch. Dabei gilt: Als von Gott geliebte und angenommene Menschen sind wir besonders verantwortlich für unser Handeln. Dieses Handeln ist nicht beliebig. Es wird geprüft. Aber diese Prüfung vor Gott am Tage des Herrn hat die Aufgabe, uns Menschen ganz und gar in das Licht von Gottes Wahrheit zu stellen. Die Werke, unser Handeln, das Gottes Reich entgegensteht, wird aufgedeckt und wir werden gereinigt von all dem, was uns von Gott trennt. Unser Wesen wird klar und rein: zur Freude und zum Lobfür Gott befreit.

Als solch befreite Menschen, die von aller Lüge und von allen Untaten befreit sind, sind wir wirklich erst zu uneingeschränkter Selbsterkenntnis fähig – und zu lebendiger Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Sich im Lichte Gottes sehen, heißt, sich als Geliebten sehen. Wer so bejaht ist, kann auch andere bejahen. So haben wir die Verheißung eines Lebens voller Freude – schon hier und heute: da wird die Liebe gefeiert, die Gott ist. Zur Liebe gehört die Freude an der Liebe. Zu Gott gehört die Freude an Gott. Ich wünsche uns, dass wir Freudenboten sind, im ganzen Ernst und mit ganzer Hingabe in der Verantwortung vor Gott in dieser welt. Darauf liegt der Segen unseres Gottes.

 

 

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