Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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„Ja, sind wir noch zu retten?“ – mit dem Ende rechnen, ohne es zu berechnen

Predigtauszug zu Mk. 13, 1-37 vom 25. Mai 2006/ Christi Himmelfahrt

 

Vor der Passionsgeschichte, vor dem Weg Jesu ans Kreuz, vor allem, was Schreckliches in Jerusalem geschehen wird, lässt Markus Jesus die längste Rede halten, die im ganzen Evangelium zu finden ist. Mit dieser Rede stoppt Markus den Handlungsablauf, um das, was nun in der Passion mit Jesus geschehen wird, für die Zeit der Leser – also auch für uns – zu deuten.

 

Jesus hält seine Rede auf dem Ölberg. Der Ölberg ist nach den alttestamentlichen Propheten der Ort „an den die Herrlichkeit Gottes sich zurückzieht, nachdem sie das verdorbene Jerusalem verlassen hat“ (so Hesekiel 11,23). Der Messias werde am Ölberg erscheinen, war gängige Überzeugung, um von dort aus Jerusalem aus der Hand der Römer zu befreien (so Josephus Flavius). Gottes Herrlichkeit ist aus dem Tempel entwichen, davon ist Jesus überzeugt. In seiner Passion/ in seinem Leiden zieht sie jedoch wieder in die heilige Stadt ein. In seinem Tod am Kreuz wird diese Welt gerichtet, und die neue Welt Gottes bricht an für Jerusalem und für die ganze Welt.

 

Jesus hält seine Rede vor vier Jüngern: es sind die gleichen, die er als Erste in seine Nachfolge berufen hat. Sie sollen verstehen – und damit auch wir als Leser.

 

Das Lebensgefühl der Apokalypse ist uralt. Auch zur Zeit des Markus herrschte „Weltuntergangsstimmung“, insbesondere für die junge christliche Gemeinde:

  1. Die jüdische Welt schloss sie aus der Synagoge aus: so waren die Christen nicht mehr als „jüdische Sekte“ zu verstehen und gehörten nicht mehr zu den im römischen Reich anerkannten und damit zu schützenden Gruppen.
  2. Die hellenistisch-römische Welt bekämpfte den neuen Glauben. „Kyrios“ = „Herr“ war allein der Kaiser, gottgleich. Aber die Christen rufen: „Kyrie eleison“ = „Herr, erbarme dich“ und meinen allein Jesus als Herrn allein.
  3. Der Jüdische Aufstand gegen die Römer tobte heftig ab dem Jahr 66 n. Chr, führte zu Tod und Hungersnot. Zudem stand Jerusalem kurz vor der Zerstörung oder war gerade zerstört worden (je nachdem, ob Markus sein Evangelium vor oder nach 70 n. Chr. Geschrieben hat: zumindest war die „Endzeitstimmung“ spürbar: der römische Kaiser Titus ließ den Ölberg abholzen und steckte mit dem gewonnenen Material Jerusalem in Brand)

 

So fühlt sich die junge Gemeinde von allen Seiten bedrängt, verfolgt, bedroht. Und: wollte Jesus nicht gleich wiederkommen? Wieso bleibt er aus? So deuten die Christen die Ereignisse der Geschichte – das Ende ist bestimmt nahe: „Selig, wer bis zum Ende ausharrt“ (V.13). In dieser Situation schreibt Markus sein Evangelium und spricht seine Leser direkt an (V.14: „merkt auf!“; V.37: „seid wachsam!“).

 

Das Besondere bei Jesu Rede liegt nicht in der Ansage der Katastrophe, sondern in ihrer Bewertung, in ihrer Deutung. An drei Punkten möchte ich das beispielhaft zeigen:

 

1. Habt acht vor den falschen Propheten: Lasst euch nicht irre machen! (V.5, 21-23) : es werden viele falsche Messiasse und Propheten auftreten und die Menschen verwirren. Jesus erzählt von diesen falschen Propheten gerade vor (!) seiner Passion: Sein Weg ans Kreuz ist ein wichtiges Kriterium, an dem wir erkennen können, ob eine/r im Namen Gottes auftritt oder nicht. Wenn ein Mensch die Lösung aller Probleme verspricht, wenn eine/r einen Weg aufzeigt, wie alles gelingen kann, dann entspricht das nicht dem wahren Messias: Wenn das Kreuz ausgeklammert wird, tritt ein falscher Messias auf.

 

2. Die Weltgeschichte ist nicht das Weltgericht, sondern nur das Vorletzte (V.7-19) : Diese Unterscheidung zwischen dem Gang der Welt (also der Weltgeschichte) und dem Gericht der Welt und dem Reich Gottes ist für christliche Hoffnung grundlegend. Der Verlauf der Weltgeschichte ist nicht das Weltgericht. Hitler und Stalin haben nicht das letzte Wort. Es gibt noch etwas Anderes, weil es den Anderen gibt – Gott. Christen glauben: Das Weltgericht rückt zurecht, was die Weltgeschichte rücksichtslos in Unordnung gebracht hat. Gottes Endspiel gibt den alltäglichen Tragödien und Komödien eine neue Fassung und einen letzten, endgültigen Sinn.

 

Christliche Endzeitrede zielt darum auf den Mut zum Bestehen und Aushalten der Gegenwart und auf den Mut zum Widerstehen gegen alle gottvergessenen Lebenshaltungen in der Welt.

 

Die Geschichte läuft nicht nach einem vorprogrammierten Räderwerk. Es ist nicht alles nach einem festen Plan vorherbestimmt. Jesus weist alle falsche Spekulation zurück: man erhebe nicht zufällige Geschichtsereignisse in den Rang heilsgeschichtlicher Notwendigkeit und schwängere sie nicht mit Bedeutung. Alles, was in der Welt passiert, ist ein Vorletztes (D. Bonhoeffer). Das Letzte, besser: der Letzte – der, der das letzte Wort hat, kommt noch (V.26): er ist A und O, Anfang und Ende“.

 

Gott spricht im Namen Jesu Christi das Gerichtswort, d.h. auch – befreiend für uns Menschen: kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen endgültig zu verurteilen. Wir sind nicht die Richter übereinander und sollten uns als solche auch nicht aufspielen (hier hat das christliche „Nein“ für die Todesstrafe seinen tiefen Grund)

 

Kriege und Katastrophen kommen, solche Phänomene gibt es zu jeder Zeit. „Aber das Ende ist noch nicht da“ (V.7). Nicht einmal der Sohn Gottes weiß den Endtermin (V.32): damit ist allen Endzeitberechnungen ein für alle mal ein Riegel vorgeschoben. Wie sollen wir mehr wissen als Jesus, der Sohn Gottes?!

 

Hier wird noch einmal deutlich, warum Markus diese Endzeit-Rede Jesu bewusst vor die Passion gesetzt hat: Am Kreuz wird eine Finsternis die Sonne verdunkeln (Mk. 15,33). Und gerade in dieser Dunkelheit leuchtet Jesus am Kreuz schon auf als die wahre Ostersonne, die alle Dunkelheit erhellt. Es gibt keine Katastrophe, kein Scheitern, kein Zusammenbrechen, keine Verfinsterung der Seele, die nicht durch das Kommen des Menschensohnes, des Gekreuzigten und Auferstandenen, erlöst werden könnte.

 

3. „Seid wachsam, haltet die Augen offen!“ (V.33-37) : Markus bringt hier zwei Worte für „wachen“:

a. „agrypneite“ = „Schlaflosigkeit“: Oft genug schlafen wir auch wenn wir meinen, bewusst zu leben. Wir haben uns aber eingelullt in Illusionen, die wir uns über unser Leben machen. Jesus warnt davor, nicht in den Schlaf zu verfallen, sondern wach den Tag zu erleben.

b. „gregoreite“ = „haltet die Augen offen“: Wir wollen nicht hinsehen, was ist, verschließen die Augen vor der Wirklichkeit, vor der Nähe Jesu, der jeden Augenblick an die Tür klopfen könnte. Wir meinen, es würde genügen, anständig zu leben, die Gebote zu erfüllen, nichts Böses zu tun. Doch Christsein heißt: wachsam sein, die Augen aufmachen, um der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Und die Wirklichkeit ist geprägt vom Kommen des Menschensohnes. Das Wachsein ist Zeichen der Erwartung: Wir sind Menschen, die auf das Kommen des Herrn warten (so ist jeder Tag für uns im Tiefsten Advent = Ankunft: „Adventlich leben“ = „in Erwartung leben“ ist Kennzeichen christlicher Existenz).

 

 

Alle Aussagen über den Himmel sind keine Zwangsjacken, sondern Türen, die ins Weite führen. Sie weisen auf das, was auch alle Aussagen über Gott meinen: dass die Widerfahrnisse von Krankheit, Leiden, Schuld und Tod, aber auch von Sinn, Gesundheit und Glück in der Welt niemals das Ganze sind, sondern dass wir uns noch wundern werden.

 

Auf mittelalterlichen Bildern sind die Seligen in Abrahams Schoß lachend dargestellt. Lachen ist eine Reaktion der Erleichterung, der Überraschung und der Befreiung. All dies wird das Reich Gottes sein – und noch viel mehr. Einen Plan braucht es für die Endzeit nicht. Ihr Plan ist das Ende aller Pläne, weil in ihr eine Person in der Mitte steht: Jesus Christus. Auf ihn sollen wir uns konzentrieren, auf ihn unser Vertrauen setzen.

 

Im vorherigen Jahrhundert tagte im Mittleren Westen der USA ein Parlament. Da trat eine Sonnenfinsternis ein, die Erde bebte leicht und eine Panik drohte auszubrechen, weil man den Weltuntergang befürchtete. Daraufhin sagte ein Abgeordneter in der Gelassenheit eines Christenmenschen: „Meine Herren, es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Herr kommt – dann soll er uns bei der Arbeit finden. Oder er kommt nicht – dann besteht kein Grund, unsere Arbeit zu unterbrechen.

Andreas Goetze/ Mai 2006

 

 

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