Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Im Angesicht des Todes vom Leben reden
(Predigt vom Kirche ´mal anders im Nov. 2004)


Im Angesicht des Todes vom Leben reden – eine gewagte Aufgabe. Und doch ist es die tiefe Wahrheit über unser Leben: Wir sind immer Grenzgänger. Doch darüber ins Gespräch zu kommen, dazu legen die wenigsten eine Pause ein. Wir leben in einer Zeit, die den Tod als Störfall betrachtet, der öffentliche Tod und seine Rituale werden zunehmend an den Rand gedrängt. Zur Geschichte des Todes gehört die Verweigerung und die Abschaffung der Trauer.

 

Die Lust als höchstes Lebensgut, des Ideal des jugendlichen, unbeschwerten und erfolgreichen Lebens, der Kult der Schönheit und Jugendlichkeit, von Karriere und Konsum beherrscht das Bewusstsein und bestimmt das Bild vom – wie es heißt – „unsterblichen“ Leben.

 

Die Anerkennung, dass ich endlich bin, begrenzt, solches Denken ist eine totale Infragestellung der Autonomie des neuzeitlichen Menschen – für das Bewusstsein der meisten Zeitgenossen eine tiefe Kränkung.

 

Ich habe meine Erinnerung lange durchforscht, aber mir sind nur wenige Gespräche eingefallen, in denen ich wirklich intensiv und ehrlich über den Tod gesprochen hätte. Dabei kann man sich vor der Sache an sich gar nicht drücken: Immer, wenn jemand im Bekanntenkreis stirbt, springt einen der Tod frech an – aber das macht nicht gesprächsbereiter.

 

Ist das nicht absurd: Kein Thema verbindet alle Menschen über jegliche Grenze, Hautfarbe oder Gesinnung hinweg so sehr, und trotzdem können sie nicht richtig offen darüber reden: denn sterben müssen alle, ganz gleich, wie sie gelebt haben. Aber sie fressen lieber alles in sich hinein. Ich möchte übrigens an dieser Stelle kurz differenzieren: Ich spreche heute über den Tod, nicht über das Sterben, obwohl die beiden in der Regel etwas miteinander zu tun haben. Warum können wir über alles reden, nur nicht über den Tod! Das ist unser Thema.

 

Sie kennen sicher diesen Satz: Genieße dein Leben beständig, du bist länger tot als lebendig. Da ist was dran! Viele Philosophen haben das Leben als ein nettes Vorspiel zum Tod bezeichnet. Haben Sie sich schon einmal Gedanken über den Tod gemacht? Mit allen Konsequenzen? Praktisch gesehen, ist es allerdings gleichgültig, was dabei herausgekommen ist, denn sterben werden Sie trotzdem. Und trotzdem ist da ein Unterschied: Kennen Sie diese Menschen, denen aus Versehen eine Vase herunterfällt, und die dann überhaupt nicht mehr aufhören können, darüber zu jammern. Eine Welle der Selbstzerfleischung und des triefäugigen Bedauerns schwappt über einen. Irgendwann wird das selbstmitleidige Geheule so nervtötend, dass es schädigender ist als der Verlust der Vase. Um himmelswillen: Das Ding ist hin: Kein Gejeimere kann daran mehr etwas ändern. Nichts ist sinnloser, als Unveränderbares zum Anlass für Dauerklagen zu nehmen. So ist es auch mit dem Sterben: Du kannst davor Angst haben oder dich fragen, was es mit deinem Leben zu tun hat. Am Sterben ändert das nichts, aber sehr wohl am Leben! Denn wer über das Sterben nachdenkt, der fragt auch nach dem Tod an sich. Und ich würde sogar sagen: Der Tod ist der Schlüssel zum Leben.

 

Also: warum reden wir so ungern über den Tod?

 

  • Der Tod fragt nach dem Fundament unseres Lebens.

 

Die Auseinandersetzung mit dem Tod zwingt uns, uns bewusster mit dem Leben auseinanderzusetzen. Aber das tut weh. Dabei es ist vielleicht eine der größten Herausforderungen des Daseins: aus dem Bewusstsein der Begrenztheit heraus intensiv zu leben. Plötzlich werde ich gezwungen, Bilanz zu ziehen. Gegebenes nicht einfach hinzunehmen. Verlorene Träume wieder auszugraben. Wenn wir das öfter täten, dann käme es seltener zu einer Midlife-Crisis, festgefahrene Entwicklungen könnten aufgehalten werden.

 

Und das Bewusstsein für den Tod lässt manche Dinge spielerischer erscheinen. Oder wie es bei den Bremer Stadtmusikanten heißt: Was Bessres als den Tod findest du überall. Letztlich hängen alle Ängste, die wir haben, ursächlich mit der Angst vor dem Tod zusammen. Darum muss man, wenn man über den Tod redet, sich nicht nur seinen Ängsten stellen, man muss auch damit umgehen lernen. Aber keine Sorge: So manche Alltagsangst wirkt plötzlich ganz klein und unbedeutend. Sagen Sie sich ab und zu laut: Hey, ich lebe. Ich bin nicht tot.

 

Wer den Tod vor Augen hat, der lernt, sich über das Leben zu freuen. Und er fragt ehrlich nach der Wahrheit in seinem Leben. Ehrlich, was hat Bestand in meinem Leben? Auf wen oder auf was ist Verlass? Was gibt mir im Tiefsten Sinn und Halt? Im Angesicht des Todes vom Leben reden, das heißt: Gott vertrauen.

 

  • Der Tod fordert von uns Verantwortung für das Leben.

 

Aus Trauergesprächen kenne ich: Manche Tochter und mancher Sohn erkennt zu spät, dass es vielleicht nur einiger kleiner Schritte bedurft hätte, vielleicht nur eines mutigen Wortes, um zehn Jahre Leiden zu verhindern. Um sich mit dem Opa auszusprechen oder sich mit den Eltern zu versöhnen.

 

Ich habe nur ein Leben. Die Auseinandersetzung mit dem Tod zwingt uns, zu unserem Leben Stellung zu nehmen. Und zum Leben der anderen: Der Kollege zum Beispiel erkennt traurig, dass er in Wirklichkeit von seinem Freund überhaupt nichts wusste und nun ist er tot. Das Nachdenken über Tod und Leben gefällt uns nicht, weil es so anstrengend ist. Dabei geht es um unsere Existenz. Wo könnten Sie schon lange Dinge bereinigt haben? Jemand, der den Tod als produktive Herausforderung ansieht, sagt folgende Sätze jedenfalls nicht:

 

  • Ich muss jetzt zwei Jahre fürs Examen lernen, die hake ich für mein Leben ab.

 

  • Ich studiere BWL, das kostet mich zwar zehn Jahre meines Lebens, aber wenn ich reich bin, kann ich ja dann wieder anfangen zu leben.

 

  • Erst bauen wir unser Haus fertig, dann fängt unser Leben an.

 

  • Ich stelle meine Lebensträume solange zurück, bis die Kinder fünfundvierzig sind.

 

Wer den Tod vor Augen hat, der wird mutiger, weil er sich selbst ernst nimmt: Und er beginnt den kleinen Dingen des Alltags eine größere Bedeutung beizumessen. Und weil ich nicht nur vor dem Tod stehe, sondern vor Gott, dem Herrn über Leben und Tod, kann ich loslassen, losgeben. Ich möchte mich nicht krampfhaft an das klammern, was ich habe und was mir irgendwann genommen wird. Ich denke: wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist: nämlich befristet.

 

  • Der Tod fragt nach dem, was danach kommt.

 

Natürlich wollen wir alle wissen, was danach kommt. Die Literatur über Stimmen aus dem Jenseits, Berichte nach dem klinischen Tod, Wiedergeburt und die Frage, ob man auch in kompostierter Form auferstehen kann, boomt ja überall. Wie ist das, wenn man einfach nicht mehr da ist? Ich weiß es nicht. Und das ist gut so. Wenn die Schönheit des Lebens nach dem Tod bekannt wäre, wäre die Welt wahrscheinlich blitzschnell durch Selbstmord entvölkert. Und genau das ist die Kraft einer gesunden Auseinandersetzung mit dem Tod: Wir werden zum Leben angespornt. Darum dürfen Sie nicht zwischen Vorher und Nachher trennen. Das Leben nach dem Tod ist eine Frage des Glaubens, des Vertrauens. Gott-sei-Dank. Und es öffnet uns den Horizont: Gottes Reich beginnt mit der Verwundbarkeit der Liebe, die stirbt, damit Leben blühen kann.

 

Denn in einem ist die Bibel ganz eindeutig: Der Tod hat nicht das letzte Wort: Gott hat die Macht, den Tod zu überwinden. Er verspricht uns, dass wir keine Angst vor dem Tod haben müssen. Das ist Auferstehung. Und es wäre auf jeden Fall absurd, diese Zusage Gottes erst nach dem Sterben wirksam werden zu lassen. Denn sie verändert das Leben. So, wie es viele gibt, die schon im Leben tot sind / gibt es viele, die schon im Leben / das Leben nach dem Tod beginnen. Ich habe dafür allerdings nur einen Beweis: all die Menschen, die plötzlich anfangen, neu, bewusst und intensiv zu leben, weil die Angst vor dem Tod nicht mehr da ist. Die den Tod im Leben überwinden: Paulus schreibt im Epheserbrief einen tollen Satz: „Wach auf, du Schlafmütze (der du schläfst), und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Und das sagt er zu Lebenden!

 

Wir reden nicht gerne über den Tod, weil uns solche Gespräche zwingen, unser Leben jetzt zu befragen, weil wir uns der Verantwortung für das Leben stellen müssen und weil wir Angst vor dem haben, was danach kommt. Jesus sagt kurz: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Doch wer in der Welt Auferstehung erlebt, der hat keine Angst mehr, dass er nach dem Sterben nicht bei Gott behütet wäre.

 

Amen.

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