Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Gute Zeiten, schlechte Zeiten

 

Texte: 2.Samuel 4,4 und 9, 1-13

 

Von außen betrachtet sieht es so aus als verliefe das Leben der meisten Menschen in festen sicheren Bahnen und ohne große Zwischenfälle, eben das ganz normale Leben. Viele, vielleicht sogar die Mehrheit, würden sagen: „Ja, persönlich gute Zeiten“.

Und doch erlebt es fast jeder im Leben einmal oder auch mehrmals, dass das Leben durch Krisen, Umwälzungen von außen, Krankheiten und Schicksalserfahrungen durchgeschüttelt wird. Manche kritischen Lebensereignisse brechen wie eine Stresslawine über unser bisher vielleicht eher ruhig verlaufenes Leben herein: ein plötzlicher Herzinfarkt, eine Gewalttat, ein Unfall, eine heimtückische Krankheit.

Mitunter kommen schlechte Zeiten aber auch schleichend, fast unbemerkt daher als schwelende Ehekrise, als langsam sich ausbreitende Depression, in Gestalt chronisch gewordener Schmerzen oder als zunehmende Angst um die eigene Existenz, weil es der Firma nicht so gut geht.

Gleichgültig, ob es sich um eine plötzliche Katastrophe handelt oder um ein schleichendes Ereignis, die meisten Menschen trifft es dem Gefühl nach eher unvorbereitet, auch wenn man es vielleicht insgeheim schon befürchtet hat.

 

Beispiel:

Da fahren drei befreundete Ehepaare auf eine Safari-Tour durch einen Nationalpark in Afrika. In der Hälfte der Tour läuft ihnen ein großes Tier vors Auto. Es kommt zu einem folgenschweren Unfall, bei dem zwei Paare ihren Partner verlieren und die Überlebenden schwerste Verletzungen davontrugen.

Ein Urlauber, der seine Frau bei diesem Unfall verloren hatte und der selbst nach neun Operationen schwer gehbehindert und traumatisiert mit dem Leben davon kam, habe ich über längere Zeit therapeutisch begleitet. - Von einer Sekunde auf die nächste war das bisherige Leben des Mannes total auf den Kopf gestellt und verändert. Das bisherige Sicherheitsgefühl der eigenen Unverwundbarkeit, das Weltbild, die Werte, der Sinn im Leben sowie das Gottesbild, waren in sich zusammengebrochen.

Ein Mensch in einer solchen Situation kann sich lange Zeit gar nicht mehr vorstellen, dass sich dieses totale Chaos jemals wieder ordnen kann.

 

Sie haben als Gemeinde im Verlauf der Abendveranstaltungen von ganz unterschiedlichen schweren Lebenskrisen und Schicksalserfahrungen von Menschen erfahren. Sie haben durch die Berichte gehört, wie Kränkungen und Verletzungen auf seelischer Ebene Menschen ebenso aus der Bahn werfen können wie Leid, Schmerzen, Krankheiten oder schicksalhafte Erfahrungen.

In solchen Ausnahmezuständen fallen die Alltagsmasken von uns ab und wir fühlen uns nackt und verwundbar.

Es zeigt sich in solchen Situationen auch, wie unterschiedlich Menschen mit solchen Erfahrungen umgehen und das Menschen selbst in aussichtslosesten Lagen ihres Lebens nicht passive Opfer sein müssen.

Schwere Zeiten verändern unser Leben auf jeden Fall nachhaltig. Die entscheidende Frage dabei ist die Richtung, in die sich etwas verändert, ob zum Besseren oder zum Schlechteren.

 

Wie erleben wir Menschen schlechte Zeiten eigentlich?

Was geht in uns vor, wenn wir durch Krisen erschüttert werden?

 

Es gibt eine biblische Geschichte aus dem AT, an der sich dies gut veranschaulichen lässt.

2. Samuel 4,4 und 9, 1-13

 

Text: Auch hatte Jonathan, der Sohn des Königs Saul, eine Sohn, der war lahm an beiden Füßen; er war nämlich fünf Jahre alt, als die Kunde vom Tode Sauls und Jonathans aus der Ebene Jesreel kam, und seine Amme hatte Jonathans Sohn Mefiboschet auf den Arm genommen und war geflohen, und während sie eilends floh, fiel er ihr vom Arm und war von da an an beiden Füßen gelähmt.

Nach Sauls Tod wurde David König über Israel. David erkundigte sich, ob vom Hause Sauls noch jemand am Leben sei um Barmherzigkeit zu üben wegen seines Freundes Jonathan.

Ein Knecht vom Hause Sauls berichtete David, dass ein Sohn Jonathans noch am Leben sei, aber an beiden Füßen gelähmt und sich im Versteck befinde aus Angst vor Davids Rache am Hause Sauls. David ließ nach ihm suchen und ihn an den Königshof bringen. Als nun Mefiboschet vor David gebracht wurde, fiel er vor ihm nieder und huldigte ihm. David sprach: Ich will Barmherzigkeit an dir tun um deines Vaters Jonathans willen. In Zukunft sollst du täglich an meinem Tisch essen.

Mefiboschet fiel erneut vor David nieder und sprach: Wer bin ich, dein Knecht, dass du dich wendest zu einem toten Hunde, wie ich es bin.

Und David übergab Mefiboschet alles, was früher Saul gehörte.

 

In der biblischen Geschichte wird vom Sohn Jonathans berichtet, dem Jugendfreund des späteren Königs David, wie dieser in den damaligen Kriegswirren von seiner Erzieherin auf der Flucht fallen gelassen wurde und dadurch an beiden Füßen gelähmt war.

Bis zum fünften Lebensjahr hatte Mefiboschet gute Zeiten am Königshof seines Großvaters erlebt. Von da an lebte er zurückgezogen, immer auf fremde Hilfe angewiesen und vor allem in ständiger Angst vor der Rache Davids am Hause Sauls.

 

„Von seiner Erzieherin fallen gelassen worden“; dieser Satz hat es im übertragenen Sinne in sich. Dieser Satz steht über so manchem Leben, das haben wir an den Abenden gesehen.

 

-Fallen gelassen, weil Mütter und Väter zu sehr mit eigenen Dingen und Problemen beschäftigt waren; fallen gelassen, weil der ältere Bruder in der Familie alles galt, und die jüngere Tochter sich die ganze Kindheit hindurch vergeblich bemühte, wenigstens über die Krankheitschine Zuwendung zu ergattern; fallen gelassen, weil manche junge Eltern heute bei dem Wort „Erziehung“ zusammenzucken und ihren Kindern lieber eine Freundin, ein Kumpel, ein Freund sein möchten und gar nicht merken, dass sie ihre Kinder so erheblich in der Entwicklung behindern; fallen gelassen, weil andere Eltern durch eine übertriebene Leistungsideologie Ihre Kinder emotional vernachlässigen und so inmitten perfekte ausgerüsteter Kinderzimmer und Wochenpläne seelisch verwahrlosen lassen;

fallen gelassen, weil manch einer in seiner Kindheit erfahren hat, dass er eigentlich gar nicht gewollt war; fallen gelassen, weil Menschen die einen schweren Schicksalsschlag oder das eigene Scheitern erlebt haben, die Erfahrung machen, dass sich manche Freunde und Bekannte von ihnen abwenden als hätten sie die Pest.

„Vom Leben, von Gott, vom Schicksal, von Menschen –fallen gelassen, so fühlen sich Menschen auch, wenn sie langsam oder plötzlich in schlechte und schwere Zeiten geraten.

 

Und wie ein Mensch sich fühlen kann, der schon länger in schlechten Zeiten lebt, zeigt die Szene, in der Mefiboschet vor David niederfällt mit den Worten: „Wer bin ich, dein Knecht, dass du dich wendest zu einem toten Hunde, wie ich es bin“.

Dieser Satz drückt die Gefühlslage aus, die Menschen mit schwerem Schicksal oft haben. Wenn solch schlechte Zeiten über unser Leben hereinbrechen, fühlen wir uns zunächst hilflos, handlungsunfähig, entwickeln Versagensgefühle, weil wir glauben die Kontrolle über unser Leben verloren zu haben und uns beschleicht zunehmende Angst vor der Zukunft. Der Mythos der „Unverwundbarkeit“ (mir passiert schon nichts), der in vielen Menschen lebendig ist, ist durch die veränderte Situation geplatzt und im Gefühlsleben haben sich Ängste und Unsicherheit breit gemacht.

 

Es heißt, dass Mefiboschet viele Jahre aus Angst, entdeckt zu werden, im Versteck lebte. Im übertragenen Sinne trifft dies auch auf uns zu, wenn wir schwere Krisen erleben. Man fühlt sich abgeschnitten vom bisherigen Leben, seinen Werten, von den Mitmenschen und meist auch von Gott. Das ist oft der Grund, warum Menschen sich in schweren Schicksalserfahrungen, beim Verlust eines geliebten Menschen, bei plötzlichem Verlust des Arbeitsplatzes, in Trennungssituationen oder bei schweren Fehlern die einem unterlaufen sind, zurückziehen.

Dieses innere Gefühl des Isoliertseins kommt zustande, weil plötzlich alles ganz anders ist als es bisher war und man keine Sicherheit mehr fühlt. Nicht selten sind damit auch tiefe Minderwertigkeitsgefühle in der Selbsteinschätzung verbunden. Da tauchen bohrende Fragen auf: Warum gerade ich; was bin ich jetzt noch wert, nach diesem Debakel; was hat mein Leben jetzt noch für einen Sinn? Kann ich mich überhaupt noch sehen lassen?

 

Wer bin ich, dein Knecht, dass du dich wendest zu einem toten Hunde, wie ich es bin?“ Oft ist es so, dass Menschen durch ihr erfahrenes Schicksal glauben, nichts mehr wert zu sein und deshalb auch keine Zuwendung mehr verdient hätten.

B. Da begeht ein Ehepartner einen schweren Fehler in der Beziehung und glaubt von da an keine Zuwendung mehr verdient zu haben, zieht sich in sich immer mehr zurück, kommt aus seiner Isolation einfach nicht mehr heraus und gefährdet sogar sein eigenes Leben samt der Beziehung.

Gefühle wie ein toter Hund.

 

Das zeigt, dass wir uns in Krisenzeiten nicht wie gewohnt verhalten. In solchen Zeiten nehmen wir oft die Wirklichkeit verzerrt wahr, reagieren häufig völlig unangemessen und für Außenstehende schwer verständlich. Da wirken scheinbare Kleinigkeiten, etwa ein geplatzter Termin, mit ungeheurer Wucht auf die Lebensfreude und die momentane Stimmung ein, was eine depressive Versstimmung auslösen kann. Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Was kann ich in so schweren Krisenzeiten des Lebens tun, damit die Krise bewältigt wird, und welche Hilfe bietet dabei der Glaube?

 

Von Mefiboschet haben wir gehört, dass er viele Jahre in völliger Zurückgezogenheit lebte aus Angst vor der Zukunft. Das passiert nicht wenigen Menschen, die unverschuldet oder auch mitverschuldet ein schweres Schicksal zu tragen haben, dass sie im Nichtstun verharren. Sie gehen sozusagen „vomAcker des Lebens“. Vorübergehend kann Nichtstun Ruhe in eine schwierige Phase des Lebens bringen. Eine Lösung ist diese Haltung aber nicht, denn sie bedeutet Verdrängen oder Flucht in Arbeit oder Süchte. Diese Haltung fördert neurotische Ängste und hat immer eine Schwächung der Lebenskraft zur Folge.

Schwere Zeiten im Leben, ob durch schicksalhafte Erlebnisse, traumatische Erfahrungen, Krankheiten oder andere Ereignisse ausgelöst, müssen angemessen und zur rechten Zeit verarbeitet werden, sonst unterminieren sie das weitere Leben. –Das kann das Gefühl fördern, von Menschen und von Gott verlassen zu sein und sich über viele Jahre hinweg wie ein „reutiger Hund“ zu fühlen, wie dies bei Mefiboschet der Fall war.

 

Welche Hilfe kann man im Glauben beim Verarbeiten schwerer Ereignisse im Leben finden?

Soviel ist sicher klar, dass eine lebendige Beziehung zu Gott mich nicht davor bewahrt, schwere Zeiten zu erleben, und in schweren Lebenslagen auch keine Patenlösung bietet. Glaube bietet aber ein Fundament, von dem aus ich mein Schicksal verarbeiten und zu Antworten kommen kann, die meinem weiteren Leben eine ganz neue Perspektive geben können. Glaube will verhindern, dass ich im Elend meine Zelte aufschlage.

Denn nicht mein schweres Schicksal entscheidet über den Verlauf meines weiteren Lebens, sondern die Antworten, zu denen ich auf mein Schicksal komme!

 

Mit Hilfe des Glaubens werden mir die Augen dafür geöffnet, dass ich verantwortlich bin, wie ich mit meinem Schicksal umgehe. Glaube heißt also nicht, die Verantwortung an Gott abzugeben und zu hoffen, dass Gott meine Probleme schon lösen wird. Umgekehrt: Gott steht hinter mir, wenn ich mein Verantwortlichsein erkenne und wahrnehme.

Das beginnt z.B. im Umgang mit den eigenen Gefühlen mitten im leidvollen Erleben. Gott hat uns mit Gefühlen ausgestattet, die wahrgenommen, zum Ausdruck gebracht und verarbeitet werden wollen. Um diese Auseinandersetzung mit unseren Gefühlen kommen wir nicht herum und auch nicht weiter. Jedenfalls lerne ich so die göttliche Weisheit meiner Gefühle kennen und davon zu profitieren.

Wer zum Beispiel in seinem Leben „emotional fallen gelassen“ worden ist und gefühlsmäßig Lähmungen davongetragen hat, kann im Glauben den Mut entwickeln, seine verschütteten Gefühle zuzulassen, sie zu verstehen, sie auszuhalten und zu integrieren. So kann eine Mensch ganz neu die Erfahrung machen, dass er sich, so wie er ist, vor Gott akzeptiert, gewollt und angenommen fühlen kann - und das hat heilende Wirkung. Die heilende Wirkung zeigt sich z.B. im Geist, ich lerne mein Leben in einem anderen Licht zu sehen; sie zeigt sich in der Seele, ich fange an die Sprache meiner Gefühle ernst zu nehmen und zu verstehen; und sie zeigt sich in einem verantwortlichen Umgang mit meinem Körper.

So wächst ein Mensch in sich hinein und in dem Maß, wie er in sich hineinwächst, wächst er über sich hinaus.

So kann ich aus dem Verantwortlichsein für meinen Umgang mit schweren Lebenserfahrungen aus Schicksalsschlägen klüger und stärker hervorgehen. Der Glaubende entdeckt so das Gute in schlechten Zeiten.

 

Glaube als Beziehung zu Gott wirkt sich auch auf mein Beziehungsverhalten anderen gegenüber aus. Mefiboschet, der viele Jahre aus Angst vor der Rache Davids im Versteck lebte, hat seine Angst schlussendlich doch durchbrochen und sich auf den Königshof Davids bringen lassen. Ohne ein Umdenken wäre das nicht gegangen.

Ähnlich bewirkt der Glaube häufig ein Umdenken. So sagen Menschen dann häufig: „Jetzt weiß ich, was wirklich zählt und wichtig ist in meinem Leben“.

 

Wie gelingt es Menschen immer wieder, selbst allerschwersten Ereignissen etwas Positives abzugewinnen?

Wenn der Glaube mir hilft mein Verantwortlichsein im Umgang mit meiner schweren Lebenssituation bewusst macht, dann wird dadurch oft ein Prozess in Gang gesetzt, der meiner Krankheit, meinem Schicksal, meinem traumatischen Erleben einen tieferen Sinn zu geben vermag. Und da, wo mitten im Leid so etwas wie „Sinn“ aufzuleuchten beginnt, lässt sich das Schwere viel leichter in die eigene Lebensgeschichte integrieren.

So kann man mitten in der Krise einen Wachstumsschub für die eigene Persönlichkeit auslösen, wenn das Wunder der Sinnfindung inmitten des Elends gelingt.

 

Das meint übrigens der Apostel Paulus, wenn er in Römer 8 schreibt, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten mitwirken.“

 

Von Eichendorff stammt der Vers:

Es schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

Genau das will der Glaube in uns Menschen wachrufen, das Zauberwort, die Liebe zum Leben, die das Lied in allen Dingen zum Klingen bringen kann.

 

Gerhard Wittich, 21.9.2008

 

 

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