Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Gefährliches Judentum

Sefi Rachelewsky *

Viele Leute waren vor 14 Tagen vom Statement des Jerusalemer Altstadt-Rabbis Avigdor Nebenzahl geschockt; er sagte „jeder, der einen Teil des Landes Israel an Nicht-Juden vermacht, wird nach dem Din Rodef (Gesetz, das den Verfolger betrifft) bestraft“. Diese halachische Regel, die einen Präventivmord rechtfertigt, um einen gefährdeten Juden zu verteidigen, ist dieselbe Regel, auf die sich Yigal Amir stützte, um den Mord an Yitzhak Rabin zu rechtfertigen, damit der politische Prozess mit den Palästinensern aufgehalten würde.

Rabbi Nebenzahl versuchte (daraufhin), die Sache herunterzuspielen, indem er sagte, dass Din Rodef in unserer Zeit nicht mehr anwendbar sei. Doch dies Argument klingt kaum stichhaltig. In den Augen von jemandem, der glaubt, in einer Periode messianischer Erlösung zu leben, passen die Zwänge der Diaspora, die das zivile Gesetz berücksichtigen, nicht mehr. Deshalb betrachten viele Din Rodef als sehr geeignet und glauben , dass es nicht nur möglich, sondern notwendig sei, Rabbi Nebenzahls Regel aus der Theorie in die Praxis umzusetzen.

Überdies findet die Erfüllung des Din Rodef eher im Bereich des einzelnen statt als in dem der rabbinischen Regeln. Die Regeln bestimmen das Prinzip, doch der einzelne führt den Din Rodef aus, nicht das ( Rabbinische)Gericht . Din Rodef befasst sich mit einem Menschen, der hinter einem anderen her ist, um ihn zu töten. Jeder, der kann, hat die Verpflichtung, dazwischen zu treten, ohne auf eine besondere Regel zu warten, die über die Erklärung des Prinzips hinausgeht. Der Verfolger muss mit einem minimalen Maß an Leid gestoppt werden. In der Halacha heißt es: wenn der Verfolger dadurch gestoppt werden kann, dass ihm eine Hand abgetrennt wird, dann ist es gut. Aber wenn es keine andere Wahl gibt und der einzige Weg, ihn anzuhalten, ihn zu töten, ist, dann solle er getötet werden. Deshalb war es für den Mörder von Rabin so wichtig, zu erklären, dass er daran gedacht habe, ob eine reine Lähmung Rabins ausgereicht hätte, dann aber zu dem Schluss gekommen sei, dass dies für den Zweck nicht genügend gewesen sei.

Das Problem ist, dass Rabbi Nebenzahl korrekt ist, wenn er sagt, die Ansicht Din Rodef treffe auf jene zu , die Teile des Landes an Nicht-Juden weggeben oder an jemanden, der Israel schaden wolle. Das sei in der halachischen Literatur wohl begründet. Es ist unmöglich, diesen Gesichtspunkt mit dem Statement wegzuwischen, dass „ein Jude keinen anderen Juden tötet“ – wie es vor Rabins Ermordung formuliert worden war. Rabbi Nebenzahls Korrektheit ist nur die Spitze des Eisberges. Wenn also jemand versucht, ihn zu übergehen und sich nicht mit den Quellen beschäftigt, wird mit seinem Argument zusammenstoßen und zerschmettert.

Die Wurzel dieser Sache liegt in der langen Zeit des Exils und des Leidens, das die Juden unter Nicht-Juden erlitten haben. In dieser Zeit entstanden die halachischen und kabbalistischen Schriften. Zentrale Teile dieser Schriften verwandelten den Schmerz in geheime Rache, die nicht in die Tat umgesetzt werden konnte. Durch die Unfähigkeit, die praktische Rache auszuführen, machten sich die großen Rabbiner von Israel ihrem Ärger dadurch Luft, dass sie detailliert die Minderwertigkeit der Nicht-Juden und ihre verdiente Vergeltung beschrieben, die ihnen und den Juden, die mit ihnen zusammenarbeiteten, bei der Ankunft des Messias angetan würde.

Sogar die humanistischen Rabbiner unserer Zeit haben nicht die Intensität der zionistischen Revolution, der Einwanderung in das Land und den Übergang von der Zeit des Exils in die Zeit der Erlösung erkannt. In Israel wird plötzlich alles ausführbar, vor allem in den Augen derer, die unsere Zeit als den Beginn der messianischen Zeit ansehen. Plötzlich wird alles, was ein ohnmächtiges Opfer vor Schmerz weinend geschrieben hat, in Vorschriften für (konkrete) gewaltsame Aktionen umgewandelt.

 

Der springende Punkt der Sache ist, wenn man sich nicht mit den halachischen und ideologischen Wurzeln des Problems auseinandersetzt, gibt es keine Chance für die, die ein anderes Judentum wünschen . Gute Absichten genügen nicht. Intellektueller Mut ist erforderlich. Der halachisch-orthodoxe Weg ist offen und wartet. Die Gemara in Pesachim 34 ( ein Teil des Talmud ) zitiert Rabbi Yirmia mit einem Statement, das sich energisch mit weiten Teilen der Tradition befasst. Rabbiner Yirmia fordert die großen Männer von Babylon heraus: „Ihr sitzt in einem finsteren Land und sprecht Worte der Finsternis.“ Mit andern Worten : diejenigen, die daran interessiert sind, das Judentum von seiner messianisch-rassistisch-rachsüchtigen Welt zu befreien, welche fast alles von ihr aufgesogen hat , können dies nur tun, wenn sie wagen, mutig dem Kanon gegenüberzutreten und das Rassistische, Gewalttätige und Rachsüchtige darauszu entfernen – selbst dann, was tatsächlich der Fall ist, dies von den Großen wie Rambam, Ramban, Ramhal, Yehuda Halevi, Hazohar, Hakadosh und Ari geschrieben worden ist.

 

Die Diaspora schützt uns nicht mehr. In unserer Zeit ist alles praktisch ausführbar und möglich geworden. Wenn diejenigen, die aus Erkenntnis der gewaltigen Revolution, in der Juden zu Herren von militärischer Macht und Herrschaft auch über ihr Leben geworden sind, nicht wagen, eine gründliche Reform der Liturgie durchzuführen, dann werden sie nicht überleben. Bedauerlicherweise ist es unmöglich, die Verbindung zwischen Rabbi Nebenzahl und dem Pantheon der Großen des Judentums zu trennen. Also nicht allein Nebenzahl ist das Problem.

* Fachmann für die Kabbala; Artikel in Haaretz, 13.Juli 2004 (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)

 

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