Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Glauben ist nicht gleich Glauben

von Andreas Goetze

 

Christsein im Sinne der Bibel hat etwas mit „Glauben“ zu tun. Diesen Satz wird wohl keiner ernsthaft bestreiten. Aber dann hört die Klarheit schon bald wieder auf. Es ist nicht leicht, sich über die Bedeutung des Wortes „Glauben“ zu verständigen. Ich mache jedenfalls die Erfahrung, dass sich sehr verschiedene Vorstellungen hinter diesem Begriff verbergen.

 

Wir haben einen Anspruch auf eine ehrliche Antwort auf unsere Fragen nach dem Wozu und Wohin, nach den Fragen nach Sinn, Schuld, Leid und Tod. Auf wen oder was setze ich mein Vertrauen? Auf wen ist Verlass - im Leben und im Sterben und über den Tod hinaus?

 

Einige Missverständnisse des Glaubens

1. Glaube ist nicht identisch mit Kirchenzugehörigkeit. Viele Leute sind der Ansicht, sie hätten einen „Glauben“, weil sie Mitglied einer Kirche sind. Das ist, mit Verlaub gesagt, ein ziemlicher Unsinn. Denn Kirchenmitgliedschaft ist bei uns konventionell verfügt: man tauft seine Kinder, man lässt sich konfirmieren. Das ist bzw. war für die wenigsten eine echte Entscheidung.

 

Natürlich wird sich eine oder einer, der an Christus glaubt, an die anderen halten, die das mit ihm tun. Der Glaube braucht, um zu überleben und vor allem um zu wachsen, die Gemeinschaft. Aber die bloße Kirchenzugehörigkeit macht noch keinen Glauben. Ein amerikanischer Prediger hat einmal dazu gesagt: „Wer in einer Garage geboren ist, ist noch lange kein Auto“.

 

2. An Gott glauben kann man so - völlig ohne innere Beteiligung und ohne Konsequenzen - so wie man an kleine grüne Marsmännchen „glauben“ kann oder auch nicht - und es macht für die Gestaltung meines Alltags keinen Unterschied. Gott glauben kann man nur, wenn sich das auf die Gestaltung des Lebens auswirkt. Andernfalls handelt es sich nicht um Glauben im Sinne von Vertrauen. „Jesus, ich vertraue dir“, das heißt immer auch: „Ich vertraue dir mein Leben an“. Glaube in diesem Sinn ist immer radikal, er rührt an die Wurzel meiner Existenz.

 

3. Glaube ist nicht gleichzusetzen mit dem Erreichen einer bestimmten Norm oder irgendeiner Moralvorstellung. Schon die Bibel erinnert daran, dass das Einhalten von Regeln uns nicht zu guten Menschen macht. Wohl hält sich die Liebe an bestimmte Spielregeln, aber das Einhalten dieser Spielregeln ist noch keine Liebe. So wenig mich das Einhalten von Fußballregeln zu einem guten Fußballer macht, so wenig macht mich das Einhalten der Zehn Gebote zu einem Christen.

 

Glauben meint Wissen und Vertrauen

Das hat etwas mit meinem Verständnis von Glauben zu tun. Es gibt zwei verschiedene Grundverständnisse des Wortes „Glauben“. Wenn jemand sagt, er glaube auch an Gott, dann meint er in der Regel: „Ich halte es für wahr, dass es einen Gott gibt“. Nach dem Motto: die eine „glaubt“, dass es Leben auf fernen Planeten gibt, der andere „glaubt“ es eben nicht. Solcher Glaube im Sinne von „Fürwahrhalten“ irgendwelcher Aussagen ist ein Glaube ohne Konsequenzen für das eigene Leben. Letztlich ist es egal, ob es Gott gibt oder nicht, die Gestaltung und Zielsetzung meines Lebens wird dadurch nicht beeinflusst.

 

Anders, wenn wir „Glauben“ mit der Bibel als „Vertrauen“ übersetzen. Glauben ist nach biblischem Verständnis ein Vertrauen im Sinne von: „sich auf etwas verlassen“, „sich an etwas binden“. Es ist der Ausdruck für eine lebendige Beziehung. Ein solcher Glaube beeinflusst und verändert mein Leben sehr wohl. Martin Luther hat das sinngemäß so ausgedrückt: „Woran du glaubst, woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Glauben im Sinne von „Fürwahrhalten“ ist eine billige Angelegenheit. Beim „Glauben“ als Vertrauen geht es dagegen um eine gelebte Beziehung - geht es darum, wer oder was wirklich mein Leben bestimmt.

 

Ein wichtiges Kriterium für die Tragfähigkeit eines solchen Lebenssinns ist z.B. dies: Was uns im Leben tragen soll, muss uns auch in den Schattenseiten des Lebens tragen, denn diese gehören zum Leben dazu. Was uns im Leben tragen soll, muss uns auch im Angesicht unserer Schuld tragen können, denn Schuld und Versagen gehören zum Leben dazu. Und wie häufig hören wir die Anklagen und Schuldzuweisungen: zwischen Mann und Frau, zwischen Arbeitskollegen, zwischen Eltern und Kindern: „Das hast du getan, du bist schuld!“ Weil in unserem Leben nicht geklärt ist, wer uns auch mit unserer Schuld und unserem Versagen trägt und annimmt, sind wir so oft damit beschäftigt, uns auf Kosten anderer zu rechtfertigen.

 

Was uns im Leben tragen soll, muss uns auch im Sterben tragen können, denn das Sterben gehört zum Leben dazu. Ein Lebenssinn, den man auf dem Sterbebett bereut, ist kein Lebenssinn. Was im Sterben nicht tragfähig ist, taugt auch nicht fürs Leben.

 

Glaube im eigentlichen Sinn fragt danach, was den Menschen im Leben, durch Schuld und Leid und auch im Sterben zu tragen vermag. Hier gilt es genau wie beim Arzt: Nicht: Hauptsache, man hat irgendeinen Glauben, sondern: dieser Glaube muss gut sein, für ihn müssen gute Gründe sprechen, er muss tragen können.

 

Jesus Christus bietet solch einen Lebenssinn an. Darüber kann ich vieles Wissen (auch durch außerbiblische Quellen: dass und wie er gelebt hat, dass er gekreuzigt wurde, dass es das Zeugnis seiner Auferweckung gibt). Noch mehr aber bin ich eingeladen, Jesus zu vertrauen, der in die Zerrissenheit und Bruchstückhaftigkeit meines Lebens kommen will, um mich zu verwandeln, zu heilen. Die Passions- und Osterzeit lädt uns ein, diesem Geheimnis geteilten Lebens, Leidens und Hoffens auf die Spur zu kommen.

 

 

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