Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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„Gott braucht keine Opfer, der Mensch aber Versöhnung“ (2. Kor 5, 14b-21)

 

Karfreitag ist der Tag, der nicht sein sollte. Ein Untag. Ein Tag voller Schmach. Im Grunde müsste man ihn ausradieren aus den Kalendern. Ein Tag, an dem nur auf das Dunkle und das Ausweglose gestarrt wird, so ein Tag gehört nicht in die Reihe der Festlichkeiten, an denen wir uns selbst feiern können. Er gehört abgeschafft. Eigentlich.

 

Wir sind doch harmoniebedürftige Menschen mit dem rastlosen Größenwahn und der unendlichen Sehnsucht nach der eigenen Unschuld. Einblick nehmen ins eigene, abgründige ICH? Wie viel Schwarzseherei ist uns zuzumuten am Karfreitag?

 

Lasst uns rosa Brillen herauskramen, lasst uns dem Schein trauen, der immer wieder mehr Farbe auf das trübe Bild gibt. Aber rosa Brillen nehmen den Schmerz und die Trauer nicht ernst. Der Zeitgeist verordnet uns ungehemmte Fröhlichkeit und zeichnet uns das ständige „Happy-Grinsen“ aufs Gesicht. „Na, gut drauf?!“ Nein, nicht gut drauf. Willst du wirklich hören, wie es mir geht? Wie es um mich steht? Bestimmt nicht.

Solche bitteren Gedanken, wie ich sie in meinem Herzen herumtrage, solche Gedanken stören doch nur das allgemeine Wohlbefinden. Karfreitag ist der Tag, der keine Ausflüchte zulässt. Nicht – um uns herabzuziehen und schlecht zu machen, sondern um uns vielmehr Gottes liebevolles Handeln vor Augen zu führen „friedlos und unversöhnt – was nun?“ Hören wir dazu auf Worte des Apostels Paulus, die er an die Gemeinde in der antiken Hafenstadt Korinth in Griechenland schreibt. Ich lese aus 2. Kor.5 (14-21).

 

  1. Was ist Sünde

Zwei Dinge versuche ich heute ansatzweise zu klären: was Sünde ist und warum Jesus sterben musste.

Typisch für unser Verständnis von Sünde scheint mir, dass es uns schwer fällt, noch einzelne Sünden ausfindig zu machen. Und dennoch steht fest, dass wir fortgesetzt schuldig werden, etwa an den Schwachen in der Gesellschaft und an der Bevölkerung ärmerer Länder und an der Natur, und zwar durch unser bloßes Leben und Konsumieren. Sünde ist hier mehr als die Summe persönlicher Fehler. Sünde ist hier etwas, das wir auch teilweise ungewollt und dennoch kollektiv produzieren, und zwar durch unser bloßes Leben. Solche Sünde wird auch dort produziert, wo man zwischen zwei Übeln das geringere wählt.

 

Dieser übergreifende Zusammenhang scheint mir gemeint, wenn von der Sünde als Macht gesprochen wird (etwa in Römer 1,18 – 3.20). Es geht um eine verheerende seelische und moralische Gesamtsituation, inklusive umfassender politischer und sozialer Strukturen.

 

Im Neuen Testament wird Sünde als eine tödliche Macht in der Welt verstanden. Unsere Erfahrung scheint mir da oft ganz ähnlich: Auch wir können oft nicht mehr unterscheiden zwischen dem sozialen Umfeld, den biographischen Voraussetzungen und persönlicher Verantwortlichkeit. All dieses wird zunehmend unentwirrbar eins. Und entscheidend ist weniger, wer oder was genau die Schuld daran trägt. Der Zustand ist zerrüttet und er schreit nach Änderung.

 

So kommen wir zum Kern der biblischen Botschaft.

Der Kern der biblischen Botschaft. ist: Gott vergibt uns die Schuld, weil er Gott ist, weil er barmherzig und gnädig ist. Und nicht, weil Jesus am Kreuz gestorben ist. Aber trotzdem wollen uns die biblischen und liturgischen Formulierungen, dass Jesus unserer Sünden wegen für uns gestorben ist, auf etwas Entscheidendes hinweisen. Wir Menschen haben uns in unserer Schuld so eingerichtet und uns von unserem innersten Kern und von Gott so weit entfremdet, dass die Mahnung zur Umkehr uns nicht mehr erreicht hat. Deshalb hat Gott seinen Sohn gesandt, um unser Herz anzurühren. Aber auch diese Botschaft hat nicht alle erreicht. Manche haben sich ihr gegenüber verschlossen. Selbst wenn Jesus Kranke geheilt hat, hat das viele Menschen nicht zum Glauben an den geführt, der so wunderbar von Gott gesprochen hat.

 

Jesus hätte sich enttäuscht von seinem Auftrag verabschieden können. Doch er hat ihn bis zuletzt durchgehalten. Er hat die Konsequenz für seine Botschaft der Liebe am eigenen Leib ausgetragen. Dass Jesus am Kreuz sterben musste, hat mit Feigheit, Macht, Brutalität und letztlich Schuld zu tun. Am Kreuz wurde die Sünde der Welt, mit ihren Intrigen und Machtspielen, offensichtlich. Aber gerade diesen Ort, an dem sich die Bosheit der Welt ausgetobt hat, hat Jesus in einen Ort der Liebe verwandelt.

Johannes deutet den Tod Jesu als Freundschaftsdienst: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh. 15,13). Am Kreuz hat uns Jesus bis zur Vollendung geliebt, um denen, die sich selbst aufgegeben haben und sich selber nicht akzeptieren können, die Augen zu öffnen und ihnen diese Botschaft zu vermitteln. Diese Liebe zu uns am Kreuz ist die intensivste Predigt, die Jesus gehalten hat, eine Predigt mit seiner ganzen Existenz: „Du bist mit allem, was du bist, auch mit deiner Schuld, von Gott geliebt. Gottes Liebe will in alle Gegensätze deiner Seele dringen, in die Stärken und Schwächen, in die Licht- und Dunkelseiten, auch in deine Schuld.“

 

Das führt zur 2. Frage: Warum musste Jesus sterben?

Bedenken wir zunächst: nicht Gott hat Jesus getötet, sondern Menschen. Nicht Gott ist grausam, sondern wir. Dieser Tod hält uns wie ein Spiegel alle unsere Grausamkeit vor Augen. So ist das, was wir anrichten, so gehen wir mit Menschen um, so mit Gerechten. Schonungslos wird hier die Wirklichkeit von Tätersein und Opfersein ausgesprochen. Wir können wohl sagen: Von Gottes Seite aus, musste dieser Tod nicht sein. Doch wir müssen wohl auch sagen: Von unserer Seite aus, musste es so kommen. Weil wir so sind wie wir sind. Die Evangelien verstehen den Tod Jesu daher auch in der Folge der Prophetenmorde.

Nur ist dieser Skandal ein besonderer: Er ist der größte denkbare. Jesus, den Christus, zu kreuzigen, diese Absurdität ist so grenzenlos, dass frühe Christen alsbald zu der Überzeugung kamen: Hier geschah mehr als ein skandalöser Justizmord, hier geschah etwas, das für alle Schuld aller Zeiten etwas bedeutet.

Sie kamen zu der Überzeugung: gerade an diesem Ort, an dem wir uns als Täter und als Opfer, als Mörder und als Gemordete im Gekreuzigten wiedererkennen, gerade an diesem Ort ist Gott. In dieser äußersten Zuspitzung von Schuld und Folge der Schuld begegnen wir Gott selbst; und zwar als dem Vergebenden. Und mehr Vergebung kann nun nicht sein, denn wenn Gott dieses vergeben hat, dann hat er alles vergeben.

 

Ja, Jesus ist „für uns“ gestorben – an unserer Stelle und zu unseren Gunsten gekreuzigt worden.

Diese Deutung des Kreuzestodes Jesu wurde immer wieder missverstanden, als ob ein beleidigter oder zorniger Gott durch das liebende Opfer seines Sohnes hätte umgestimmt werden müssen. Entsprechende Gedanken finden sich auch in Liedtexten im Gesangbuch: „das ganz Gesetz hat er erfüllt, damit seins Vaters Zorn gestillt, der über uns ging alle“ (EG 342, Paul Speratus, 1523).

 

Gegenüber diesen Missverständnissen, als ob Gott (beschwichtigend bzw. genugtuend) in irgendeiner Art versöhnt werden müsse, ist ausdrücklich und entschieden mit Paulus zu betonen: Gott selber versöhnte die Welt mit sich selber. Gott selbst ist der Handelnde. Gott sucht Versöhnung – er tut es aus Liebe zu uns. Gott stiftet Heil.

 

Noch einmal: Gott wollte kein Menschenopfer haben. Weder erlaubt die Bibel Menschenopfer, noch wollten die Mörder Jesu ein Opfer bringen. Doch Gott hat diesen Ausdruck menschlicher Grausamkeit in seiner Liebe wie ein Opfer angesehen. Nicht Gott ist hier grausam, sondern die Grausamkeit der Menschen ist der Anlass, von der äußersten Liebe Gottes zu den Menschen zu sprechen. Gott hat die Grausamkeit der Menschen völlig umgewandelt, wie nur er Hass und Unglück verwandeln kann.

So ist das Kreuz Jesu Ausdruck und Summe unserer Grausamkeit und Ausdruck und Summe der Feindesliebe Gottes, der Versöhnungstat Gottes, der allumfassenden Liebe Gottes.

 

Die Jünger haben am Anfang nicht verstanden, warum ihr Jesus, der so eindrücklich von Gott gesprochen hat, am Kreuz sterben musste. Doch dann sind sie dem Auferstandenen begegnet. Die Erfahrung der Auferstehung war für sie die Bestätigung Jesu durch Gott: Alles, was er gesagt und getan hat, ist von Gott bestätigt worden. Seine Liebe, mit der er uns bis zum Ende geliebt hat, geht nicht ins Leere, sondern sie ist durch seine Auferstehung für uns alle erfahrbar geworden.

Wir, die wir uns als unannehmbar erfahren, werden durch den Blick auf Kreuz und Auferstehung Jesu befähigt, uns selbst anzunehmen, weil wir am Kreuz bedingungslos angenommen sind, auch mit all den aggressiven, feigen, dunklen und destruktiven Tendenzen unserer Seele.

Am Kreuz siegt die Liebe über menschliches Versagen. Sie siegt auch über unsere Selbstentfremdung und Selbstverurteilung. Das ist die befreiende Botschaft für uns – für Dich und mich.

 

 

Andreas Goetze/ 2.4.2010

 

 

 

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