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Interview mit Maurice Younan, palästinensischer Christ aus Bethlehem, Verwaltungsleiter der evangelisch-lutherischen Schule TALITA KUMI
Herr Younan, wie sieht Ihr als Christ im Heiligen Land aus?
Wir leben seit 1967 unter israelischer Besatzung. Für uns bedeutet das ständige Angst vor Soldaten. Wir erleben Landenteignungen und völkerrechtswidrigen Siedlungsbau. Wir können nicht zu unserem Land, unsere Olivenbäume werden einfach abgeholzt, unsere Brunnen werden zugeschüttet. Wir können uns nicht frei bewegen. Viele Christen aus Bethlehem waren in ihrem Leben noch nie in Jerusalem, obwohl die Stadt nur 8 km. entfernt ist. Sie erhalten keine Erlaubnis, nach Jerusalem zu fahren, nicht zum Einkaufen und noch nicht einmal zum Beten in der Grabeskirche am Osterfest.
Der Staat Israel baut seit Jahren eine Mauer an der Grenze – was bedeutet das für Sie?
Zunächst einmal: die Mauer, die Israel baut, liegt nicht auf der Grenze von 1967, sondern wird oft weit in die Westbank, also das Land, dass ´mal der Staat Palästina werden soll, hineingebaut. Sie bauen die Mauer um unsere Städte wie Bethlehem oder Ramallah, sie bauen sie so, dass wir nicht mehr an die Quellen und das Grundwasser für unsere Landwirtschaft herankommen. So eingesperrt wie wir leben müssen, liegt die Arbeitslosigkeit bei 80%. Der Mauerbau verhindert normale Begegnungen und den Dialog der Menschen. Israelis dürfen nicht nach Bethlehem, wir dürfen nicht nach Israel. So festigen sich Vorurteile und Feindbilder.
Was können Sie in der Schule gegen Feindbilder tun?
TALITA KUMI ist Unesco-Friedensschule. Zum einen hatten wir von 1993-2000 Schulbegegnungsprogramme mit zwei israelischen Schulen in Tel Aviv und Haifa. Die Schüler, die sich da getroffen haben, also, Sie hätten nicht unterscheiden können, wer da Jude, Christ oder Muslim gewesen ist. Leider hat der Mauerbau weitere Begegnungen verhindert. Heute gibt es nur einzelne Kontakte durch E-Mail. Zum anderen versuchen wir, unsere Schüler zu Toleranz und gewaltfreien Lösungen von Konflikten anzuleiten. Wir wollen als christliche Schule zeigen, dass jeder Mensch gleich vor Gott ist unabhängig seiner Religion und seines Geschlechts.
Sie leiten eine christliche Privatschule. Haben Sie denn auch muslimische Kinder?
Ja, zurzeit sind 30% der Kinder Muslime. Sie haben selbstverständlich ihren eigenen Religionsunterricht wie auch die christlichen Schüler. Wir haben eine gemeinsame Morgenandacht, an der die muslimischen Schüler auch teilnehmen und so merken, dass Christen nicht gegen sie sind, sondern füreinander beten. Respekt und Wertschätzung geben Zeugnis von der Liebe Gottes zu allen Menschen.
Gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen an der Schule?
Ich bin erstaunt, wie wenig Gewalt es gibt angesichts der massiven Unterdrückung durch den Staat Israel. Wir spüren es in der Schule. Die Kinder sind alle traumatisiert. Eingemauert zu leben in einer Art Freiluftgefängnis belastet die Menschen sehr. Die eigene Würde wird verletzt. Einmal Freiheit erleben – die Schüler wissen gar nicht, was das ist. Da gibt es viel aufzuarbeiten. Wir tun das mit vielen Projekten wie Kunst, Musik und Sport.
Was haben die Schüler für Träume?
Die Träume enden an de Mauer. Wir haben in unseren Kunstprojekten ein Kind aus der 1. Klasse gefragt, was es ´mal werden will. Es sagte: „Pilot. Da gibt es keine Sperren“. Viele verlassen das Land, weil es keine Arbeit gibt. Man hofft, dass es im Ausland besser ist. Wir wollen nicht von humanitärer Hilfe leben, sondern uns selbst ernähren. Diese Möglichkeit ist uns durch die Besatzung nicht gegeben.
Fakten zu TALITA KUMI
TALITA KUMI ist eine von 5 Schulen in der Trägerschaft der evangelischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land.
Gegründet wurde sie 1851 von Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem. Der aramäische Name „Talita Kumi“ war damals Programm für das Mädcheninternat: „Mädchen, steh auf“: Bildung und Zukunft für Mädchen im Orient.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie neu in der Nähe von Bethlehem errichtet, seit 1967 unter israelischer Besatzung.
Heute sind 830 Schülerinnen und Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zum Abitur an der Schule, davon 70% Christen aller Konfessionen, 30% Muslime.
Pastor Andreas Goetze ist Vertrauenspfarrer des Jerusalemsvereins, der der Partner der Schulen in Deutschland ist und durch Spenden und sein Patenprogramm den Schulbesuch sozial benachteiligter Schüler ermöglicht.
Die Emmausgemeinde unterstützt seit Jahren durch den Verkauf von Olivenholzartikeln aus Bethlehem die Schularbeit im Heiligen Land. Der Kindergottesdienst hat ein Patenkind.
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