Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
• impressum
• kontakt
• vertraulich
 
• wir über uns
• gottesdienste
• predigten
• kindertagesstätte
• kinder und jugend
• konfirmanden
• musik
• gruppen und kreise
• gemeindeaufbauverein
• stiftung weitblick
• rat und hilfe
• partnerschaften
• theologie und mehr
• hintergründe nah-ost
• wegbeschreibung
• gästebuch
• links
• archiv
 

Fundamente

 

Fundamente haben ohne fundamentalistisch zu sein?
(Jes. 40, 12-31) Predigt vom 6.2. 2011

I.
Ich bin Christ und ich bin Pfarrer. Ich will und ich muss mich auf die Bibel beziehen. Macht mich das zu einem Fundmentalisten? – Ich halte es, im Blick auf die Bibel und unter Wahrnehmung heutiger Lebensverhältnisse, auch für richtig, mich nachdrücklich einzusetzen gegen die Beschädigung der Natur, gegen Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit. Macht mich das zu einem Fundamentalisten? – Ich will außerdem im Gespräch mit Menschen, die anderes glauben und anders leben, deutlich machen, dass ich im biblischen Zeugnis von Jesus Christus den Weg, die Wahrheit und das Leben zu finden meine. Macht mich das zu einem Fundamentalisten?

Vielleicht würden manche diese Einstellungen tatsächlich als fundamentalistisch bezeichnen. Es mag sein, dass dabei – in Anlehnung an einen Sprachgebrauch gegenüber den Gewerkschaften – ein "Betonkopf" gemeint ist, der auf Fundamenten besteht, wo doch moderne Flexibilität gefordert sei. Es mag auch sein, dass – in Anlehnung an einen fast schon vergessenen Sprachgebrauch bei den Grünen – ein "Fundi" gemeint ist, der sich im Gegensatz zu einem "Realo" einer notwendigen politischen Beweglichkeit verweigere. Es mag aber auch sein, dass – mit Seitenblick auf bestimmte christliche, jüdische, islamische oder hinduistische Gruppen – ein religiöser "Eifer" gemeint ist, der sich aufgeklärten, modernen Christen verbiete.

Gleichgültig, ob das Gegenüber als (gewerkschaftlicher) Betonkopf, (grüner) Fundi oder (religiöser) Eiferer bezeichnet wird, wir sehen, es geht um polemische Begriffe. In diese Kategorie gehört auch der Begriff Fundamentalismus. Er ist vor allem ein Kampfbegriff, der dem Gegenüber bescheinigen soll, verbohrt, wenig flexibel und nicht anschlussfähig an heutige gesellschaftliche Bedürfnisse zu sein. Fundamentalismus erscheint dann als ein Angriff auf bestimmte Erscheinungsformen der Moderne. Als Fundmentalist gilt jemand, der unfähig ist, in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft zu leben. Der Begriff "Fundamentalismus" zeichnet sich dadurch aus, dass er inflationär verwendet wird. Passt einem die Position des anderen nicht – ist einem die Überzeugung fremd oder steht sie quer zum eigenen Lebensentwurf, erhält der andere schnell das Etikett "der ist ja fundamentalistisch".

Ehrlich gesagt: Ich habe immer darauf gewartet. Nach dem Untergang des Kommunismus war für den Westen ein neues Feindbild fällig. Man nannte es "Terrorismus", meinte aber letztlich den Islam selbst und sprach vom "Krieg der Kulturen" und sah und sieht in dieser Religion vielfach nur "fundmentalistische Züge". Aber in Europa trifft es auch den christlichen Glauben. Da lese ich auf der ersten Seite der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, dass eine Essener Baptistengemeinde "sektenhafte Züge" aufweise. Warum? Ein junges Ehepaar aus dieser Gemeinde beschränkt den Kontakt seiner Kinder zu den Großeltern, die vom christlichen Glauben nichts halten und die Kinder massiv gegen den Glauben zu beeinflussen suchen.

Da ruft mich verzweifelt eine junge Frau an: Ihr Mann sei in eine Sekte geraten. Er gehe jetzt jeden Sonntag in einen Gottesdienst, der vier Stunden dauere, und das sei ihm wichtiger als seine Familie. Die Frau entpuppt sich als nichtreligiöse Deutsche, ihr Mann, ein Afrikaner, ist in einer afrikanisch-charismatischen Gemeinde zum Glauben gekommen. Seine Frau sagt, sie habe nichts gegen seinen Glauben. Aber wenn man mit einem gelegentlichen, einstündigen Gottesdienst nicht auskomme, dann sei das doch krankhaft und behandlungsbedürftig.

Ich habe den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft zunehmend jegliche Glaubensüberzeugung suspekt wird, die Menschen in ihrem Alltag prägt. Religion darf in Trauer- und Katastrophenfällen trösten, sie darf zu traditionellen Festen Feierlichkeit beitragen, sie darf ethische Wegweisung geben, solange sie sich nicht zu weit von dem, was als normal gilt, entfernt.

Doch ein Glaube, der Menschen in Widerspruch zu gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten führt, der ethisch radikale Entscheidungen verlangt, der wichtiger ist als Familie und Karriere – kurz ein Glaube, der mehr ist als lauwarme bürgerliche Religiosität, solch ein Glaube wird heute schnell mit dem Etikett "Fundamentalismus" belegt und damit gesellschaftlich ausgegrenzt.

Es gibt heute auch so etwas wie einen aggressiven Säkularismus – d.h. die Unfähigkeit, überhaupt anzuerkennen, warum Menschen religiöser Glaube so unbedingt wichtig ist. Christen werden geduldet, wenn sie sich auf ihren Kult beschränken. In der Öffentlichkeit haben sie nur etwas zu suchen, wenn sie dort nicht als Christen erkennbar sind. Mit diesem Religionsverständnis haben schon zwei deutsche Diktaturen gut gelebt und können es noch heute Regime von Pjongjang bis Peking. Es ist ein von der Macht gebilligtes Schaukasten-Christentum, weggepackt in Kirchen. Das Grundgesetz ist allerdings in "Verantwortung vor Gott und den Menschen" begründet worden. Dies geschah angesichts einer gerade erst überlebten, entfesselten Diktatur, die sich als absolut definierten, als Staats-Fundamentalismus. Gott ist in diesem Zusammenhang – wie wir schon in der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja (Kap. 40) hörten – die Erinnerung daran, dass es noch anderes gibt als das nur Machbare, den Staat und seine Gewalt.

II.
Der Begriff Fundamentalismus steht mit dem Wort "Fundament" in enger Verbindung. Bei beiden geht es um etwas "Grundlegendes", wobei das Wort Fundament dies einfach zum Ausdruck bringt, Fundamentalismus jedoch das "Grundlegende" uneingeschränkt und absolut verteidigt und zu erhalten trachtet. Fundamente als solche sind für uns Menschen unerlässlich, bedeutungsvoll und wichtig. Wir brauchen sie, um schöpferisch leben zu können. Ohne den bergenden Schutz der Eltern, ohne Liebe, Fürsorge und Vertrauen, ohne Erfahrungen von Generationen können wir uns nicht menschlich entwickeln. Fundamente geben Halt, bieten Orientierung an, geben Modelle zur Lebensbewältigung vor. Sie gewähren dem Menschen Vertrauen in die Stabilität von Welt und Zeit. Wir Menschen sind begleitet mit einem Fundamentalvertrauen, dass uns hilft, mit den existentiellen Problemen und mit der Tatsache unserer Sterblichkeit umzugehen, auch wenn wir das bei uns und in uns manchmal in Frage stellen.

Der Prophet Jesaja erinnerte das Volk Israel in bedrängender Zeit an den unvergleichlichen Gott. Eine Erinnerung ist nötig, wenn Grundlegendes vergessen geht. Es gibt eine Gottvergesslichkeit in unserem Land. Viele meinen, gut ohne Gott auskommen zu können. In unsicheren Zeiten tut Erinnerung gut an den Glauben an Gott als Lebensfundament: Jes. 40 21-25.

Glaube in diesem Sinne ist nichts Engstirniges. Es ist ein aufklärerischer, ein aufgeklärter Glaube – schau Mensch: was hat wirklich Bestand? Wer ist wirklich verlässlich? Lass Dich nicht hin- und hertreiben; schalte Deinen Kopf ein und schau Dich um: Was sind die Fürsten und Richter? Glauben heißt gerade nicht "nicht wissen", sondern Glauben heißt: immer mehr wissen und verstehen wollen.

Ja, Fundamentalismus blendet Selbstkritik aus – Glaube als Fundament schließt gerade Selbstkritik ein und Übernahme von Verantwortung. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen! (Gal. 5,1).

Dieser Vers spricht für sich. Entscheidend ist: Wenn Gott der HERR ist, kann und darf es keine anderen Herren mehr geben. Vom Dekalog bis zur Barmer Theologischen Erklärung hat der Glaube dies unermüdlich betont. Allein, es muss realisiert werden. Ein Christenmensch ist ein freier Mensch und niemandem und nichts untertan, wie Luther eingeschärft hat: keinem Dogma, keiner Lehre, keinem Führer, keinem geschichtslosen Verständnis heiliger Texte als wären sie vom Himmel gefallen. Niemandem untertan sein – außer Gott allein! Glaube, der dies verstanden hat, ist meines Erachtens ein gutes Fundament gegen Fundamentalismus.

III.
Es scheint mir aussichtsreich, unter diesen Voraussetzungen so etwas wie ein "experimentell-spirituelles Christentum" zu wagen:

1 Ich glaube Gott, dass er seine Kirche trägt, versorgt und baut. Ich rede nicht einem Fatalismus das Wort, sondern spreche von einer Gelassenheit, die das Leben allein von Gott selbst erwartet und von daher (!) mutig zu handeln vermag, weil keine Tat noch ein Bekenntnis über Heil und Unheil entscheidet. So ärgerlich diese Feststellung ist: wie man "richtig" mit der Welt und dem Leben umgeht, weiß auch der christliche Glaube nicht; was er weiß, ist etwas anderes: wie Gott mit uns und dieser Welt umgeht (vgl. Jes. 40 29-32).
Diese Gewissheit und Geborgenheit macht erstaunlich lebenstüchtig, vor allem macht es froh und getrost. Es geht um eine grundlegende Lebenshaltung, damit Fundamente zu haben nicht bedeutet, fundamentalistisch zu sein. Das ist dann der Fall, wenn ich unterwegs bin von "Wahrheit" zu "Wahrhaftigkeit", von "Dogma" zu "Leitlinien", vom "Gesetz" zur "Liebe", von der "Weltflucht" zur "Hinwendung zum Leben", von der "Überzeugung" zur "Inspiration"

2 In diesem Glauben kann ich nun fragen, welche Lebensgestaltung möglich und hilfreich ist, so dass die Versöhnung und Barmherzigkeit wächst statt abnimmt. Dabei muss ich nicht auf Verbindlichkeiten verzichten und ich bin kein Fundi, wenn ich zu meinem Glauben stehe. Aber diese Verbindlichkeit spricht die "Sprache der Liebe" – und das ist die Sprache liebender Gewissheit, nicht der behauptenden Sicherheit.

3 Dabei werde ich versuchen, das Gespräch und nicht die Belehrung als Mittel der Meinungsbildung voranzutreiben. Vielleicht vermag eine Gemeinschaft von Menschen, die nicht bereit sind, ihre Gedanken und Gefühle auf dem Altar irgendeines Fundamentalismus zu opfern, sondern den schwierigeren dialogischen Weg wählen, bereits eine gewisse Orientierung und Geborgenheit zu vermitteln.

4 Schließlich: Geborgenheit meint ja nicht Sicherheit, sondern eine Erfahrung menschlicher Wärme und Solidarität (eben Gewissheit). Gemeinsames spirituelles Leben ermöglicht die Erfahrung, dass Konflikte nicht einsam machen müssen. Solch eine Begegnung wird uns darauf zurückbringen, dass Jesus uns als Fundament trägt und dann auch Orientierung gibt, um in dieser Welt zu bestehen. Das wird alles sehr menschlich sein, aber gerade darin "christlich".

Andreas Goetze

 

 

 

  Wochenplan aktuell
  Veranstaltungshinweise
  Jahresplan 2012
  Bibelleseplan
  Spiritualität im Alltag
  Angebote der Gemeinde
  Jugendleiterstelle
  gefährdet
  israel/palästina
  taufe, kircheneintritt
  hochzeit, beerdigung
  Das Gemeindejournal
   Die aktuelle Ausgabe
  75 Ausgaben
  „Gemeindejournal“
  rückmeldungen
  Konten der Gemeinde
  Ökumene vor Ort