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Friedensforschung: Das Unheil des Heiligen

23.04.2007 | 18:08 |  (Die Presse)

US-Psychologen spielen Lösungs-ansatz für Nahostkonflikt durch.

Im Bereich des Heiligen – also dessen, was eine Gruppe mit überirdischen Werten besetzt – gelten keine Kosten/Nutzen-Kalkulationen, sondern andere Gesetze, der Nahostkonflikt etwa zeigt es seit Jahrzehnten: Jerusalem ist eine heilige Stadt, für beide Seiten (auch für eine dritte, aber die ist nicht im Machtspiel), deshalb fließt Blut ohne Ende. Keiner will sich sein Heiliges nehmen lassen, auch nicht abkaufen lassen, es ist nicht konvertierbar in das Gut, in das alles andere konvertierbar ist: Geld.

Mehr noch: Wer zur Beruhigung der Lage Geld – oder anderes Konvertierbares, etwa Rechtsgarantien – einsetzen will, mag den besten Willen haben, er verschlimmert die Lage: Jeder Gläubige fühlt sein Heiliges dadurch profanisiert und verletzt – und investiert noch mehr Emotion in die Verteidigung des höchsten Guts: „Wenn in einem gewalttätigen politischen Konflikt materieller Nutzen als Mittel einer Kompromissbildung eingesetzt wird, erhöht das ironisch und irrational die Empörung“ (Pnas, 23.4.).

 

Tausch auf Symbol-Ebene

Das haben Psychologen um Jeremy Ginges (New School for Social Research, New York) an US-Studenten gelernt, die sie den Nahostkonflikt durchspielen ließen. Aber sie haben noch etwas gelernt: Auch das Heilige kann getauscht werden, zwar nicht gegen Materielles – aber gegen anderes Heiliges, das der Gegenseite. Macht sie bei ihrem Heiligen Konzessionen, tut man es auch. So denken/agieren nicht nur US-Studenten: Die Forscher haben sich mit palästinensischen Kollegen zusammengetan und Konfliktbeteiligte befragte, jüdische Siedler, palästinensische Flüchtlinge und Studenten.

Alle lehnten auch hohe Angebote zum Heiligen-Abkauf ab (gesicherte Staatsgrenzen, extrem viel Geld): „Menschen mit heiligen Werten denken nicht auf der instrumentellen Ebene. Wenn einmal Ressourcen – wie ein Stück Land – oder Ideen – wie der Besitz der Atombombe – in etwas Heiliges verwandelt sind, können alle Versuche, mit Kosten zu argumentieren, nach hinten losgehen.“

Wozu aber alle bereit waren, ist Handel auf der symbolischen Ebene, bei dem Heiliges gegen Heiliges gerechnet wird, wo etwa Israel den Verzicht auf das ihm heilige Westjordanland einsetzen oder die Palästinenser die Rückforderung ihnen heiliger Orte einstellen würden. Nicht gefragt haben die Forscher, wer zum ersten Schritt bereit wäre. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2007)

 

 

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