| Köpfe sind keine Container
Ein rein informatives Fach kann keine Hoffnung lehren - ein Plädoyer für den Religionsunterricht (Mai 2005)
Der SPD-PDS-Senat von Berlin will ein für alle Schüler verpflichtendes Informationsfach "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde" einführen. Die Kirchen kämpfen unter anderem dagegen, weil Eltern und Schülern die freie Wahl verweigert werden soll. Und sie berufen sich auf das Grundgesetz. Neben rechtlichen Gründen gibt es aber vor allem inhaltliche Bedenken gegen ein rein informatives Fach.
Von Ingo Baldermann
Was muss die kommende Generation lernen? Was ist für sie lebensnotwendig? Die Schule kommt an dieser Frage nicht vorbei. Heute ist diese Frage drängender denn je. Der Eindruck ist überall: Viel zu viel Überflüssiges wird gelehrt und gelernt, Lebensnotwendiges fehlt. Jugendliche brauchen vor allem eine glaubwürdige Hoffnung. Jugendstudien nach der Wende nannten mangelnde Hoffnung das entscheidende Problem dieser Schülergeneration, für die Jugendlichen konkretisiert in der Frage, ob denn unsere Gesellschaft ihnen noch Arbeitsplätze bieten wird, Grundlage für ein selbständiges Leben.
Es ist nicht nur die Arbeitslosigkeit, die sie so fragen lässt. Schon vor 30 Jahren haben Kinder mich danach gefragt und zwar dramatisch. Elfjährige rückten mir am Ende eines recht heiter geglückten Unterrichtsprojekts mit der Frage auf den Leib: Jetzt sagen Sie uns als Religionslehrer mal ehrlich - glauben Sie denn, dass wir noch erwachsen werden?
Deckmantel für forcierte Anpassung?
Das war noch nicht, wie später in den Shell-Studien, die Frage nach einem Arbeitsplatz, aber in der Tiefe genau die gleiche Frage: Werdet Ihr uns überhaupt eine Chance geben, einmal unser eigenes Leben zu führen? Das wird zu einer bestürzenden Frage an die Generation der Erwachsenen: Darf sich die Erziehung noch weiter an ihren Bedürfnissen orientieren? Könnte "verstärkte Werteerziehung" nicht auch nur ein Deckmantel für forcierte Anpassung sein? Die Erwachsenen haben die Welt doch in diesen Zustand gebracht, in dem die Lebenschancen der Kinder immer schmaler werden.
Ich bin im Krieg aufgewachsen, mit den Erfahrungen von Zerstörung und Flucht; doch da gab es immerhin die Hoffnung auf die Zeit danach. Heute müssen Kinder und Jugendliche mit der Frage leben, wie lange die Menschheit auf dieser Erde noch überleben kann. Kindheit und Jugend seien die Lebensphasen, die auf Zukunft angelegt sind, hieß es in den Shell-Studien; doch wie sollen Kinder und Jugendliche erwachsen werden ohne glaubwürdige Hoffnung?
Hoffnung lässt sich nicht in Köpfe füllen
Die Kinder in meiner Klasse hätten allergisch auf jede Art der Vertröstung reagiert. Sie hatten ja ausdrücklich an meine Ehrlichkeit als Lehrer appelliert. Sie suchten nicht nach irgendeiner Ausflucht, sondern fragten nach ihrer Zukunft. Aber Hoffnung lernen - eine widerstandsfähige glaubwürdige Hoffnung - wie soll das möglich sein? Hoffnung lässt sich nicht als Information vermitteln. Es hilft nicht, wenn wir darüber informieren, worauf Christen oder andere Religionen hoffen. Niemand gewinnt dadurch lebendige Hoffnung. An der unabweisbaren Aufgabe, Hoffnung zu lernen, werden die Grenzen eines nur informierenden Unterrichts deutlich. Wir können Hoffnung nicht als Information in die Köpfe einfüllen wie in Container, ebensowenig aber auch die "Werte".
Der Parteitagsbeschluss der Berliner SPD spricht von dem "Wissen über die Wertmaßstäbe einer Gesellschaft". Von solchem "Wissen über" aber bleiben die emotionalen Erfahrungen unberührt, aus denen die ethischen Maßstäbe und die Fähigkeit zu Liebe und Hoffnung wachsen. Belehrung durch die Erwachsenen "über" Werte genügt nicht mehr; es geht um Ressourcen der Vitalität, die Kinder und Jugendliche heute dringend brauchen, um nicht unterzugehen.
Fenster der Hoffnung finden
Lebensnotwendig ist für sie die Chance, Hoffnung zu lernen. Ein Unterricht "über" Ethik und Religion kann das nicht leisten. Es bleibt nur eines: den Weg zu öffnen, Wurzeln und Quellen der Hoffnung selbst zu entdecken. Die Pädagogik spricht von "entdeckendem Lernen" als dem einzigen Weg, inmitten erdrückender Fremdbestimmung sich selbst zu finden.
Den Weg zu den Quellen der Hoffnung zu suchen, sie immer wieder neu zu entdecken, inmitten von Gewalt und Verzweiflung - das ist das ureigene Thema der Bibel. Und sie redet von diesem Thema nicht belehrend, sondern so, dass wir Hoffnung entdecken können. Wir lernen im Gespräch mit biblischen Texten die Hoffnung von den Anfängen an zu buchstabieren. Niemand kann Hoffnung lernen ohne diese Anfänge.
Das Lernen der Hoffnung beginnt mit der Klage der Psalmen. In dieser Klage finden sich Kinder und Jugendliche wie Erwachsene unmittelbar wieder, auch ohne jede religiöse Sozialisation. Das entspricht der therapeutischen Erfahrung: Erst wer eine Sprache für die Angst gefunden hat, findet auch die Fenster der Hoffnung. Kinder, die sich selbst entdecken in der Klage der Psalmen, haben endlich eine Sprache für Erfahrungen gefunden, über die sonst niemand mit ihnen sprach.
Und wenn sie weiter buchstabieren, finden sie dort auch Worte, die inmitten der Angst eine neue Geborgenheit eröffnen: Du bist bei mir. Deine Hand hält mich fest. Und wir, die Lehrenden, lernen mit den Kindern: Diese lebensnotwendige Hoffnung ist heute ohne die Frage nach Gott nicht mehr zu haben.
Und mit ihnen begreifen wir auch Jesus noch einmal neu: Er steht für die weltumspannende Hoffnung, dass die Hungernden satt werden, die Traurigen getröstet, dass den Sanftmütigen die Erde gehört; und so gibt er der Erde wieder ein menschliches Gesicht. Schon für Kinder ist dieser Traum Jesu nicht nur tröstlich, sondern belebend und motivierend.
Entdeckendes Lernen
Wir müssten doch von allen guten Geistern verlassen sein, wenn wir nicht versuchen, ihnen dieses Hoffnungspotential der Bibel zugänglich zu machen. Mit dem Vermitteln von "Wissen über" ist das nicht zu erreichen, sondern nur in einem entdeckenden Lernen, in dem die Kinder die Chance haben, in der biblischen Klage und Hoffnung sich selbst wiederzufinden.
Gewiss wird ein solcher Unterricht nicht für alle verbindlich sein; aber wenn wir ihn abdrängen in den Bereich unverbindlicher Arbeitsgemeinschaften, bleiben wir der kommenden Generation Entscheidendes schuldig. In der Kirche werden wir immer noch Kinder genug finden, die wir mitnehmen können auf unserem Weg, Hoffnung zu lernen. Mir graut aber vor einer Schule, in der für diese Aufgabe kein Raum mehr ist.
Ingo Baldermann war Professor für Religionspädagogik in Siegen
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