Fürchte dich nicht? oder wie kann ich innerlich wachsen und reifen? (1. Mose 15, 1-6)
Predigt am 1.8.2010
Liebe Gemeinde“!
Der Aufruf „Fürchte dich nicht“ zieht sich wie eine Rettungsleine, wie ein roter Faden durch die Bibel. – als Mahnung – er schafft Spielraum – öffnet Perspektiven – immer auch dann, wenn uns die Furcht vor dem Leben umgibt – Erinnerung an Gott, der ja bei uns ist – Erinnerung daran, dass Gottvertrauen lohnt – lassen wir uns also erinnern, stärken, motivieren:
Gerade in unserer Zeit, wo so viele Geschäfte machen mit der Angst, wo Vertrauen brüchig, Werte und Orientierung schwierig geworden sind. Man könnte mit guten Gründen dafür argumentieren, dass der Gegensatz zur Liebe die Angst ist. Aus diesem Grund sind die Geschäfte mit der Angst, wie sie allenthalben gemacht werden, auch Indizien für eine „Zivilisation der Lieblosigkeit“.
Fürchte dich nicht!“ - wer könnte für solch eine heilvolle Erinnerung besser Pate stehen als Abraham? Als Abraham noch ein Kind war, zog seine Familie aus Ur in Chaldäa nach Haran, weg aus der Stadt, der Zivilisation ins Hinterland der semitischen Stämme, dessen Bewohner, zumindest den sumerischen Zerrbildern zufolge, rohes Fleisch aßen und ihre Toten nicht einmal bestatteten. Keine angesehene Familie aus Ur hätte daran gedacht, die Stadt zu verlassen, es sei denn, sie fände woanders ähnliche Lebensbedingungen. Wir haben es hier also mit einer Reise in die falsche Richtung zu tun, mit einem Rückzug zu den einfachen Wurzeln, weg von den Städtern, der Zivilisation im damaligen Zweistromland, heute Bagdad im Irak. Doch sollte genau diese kleine Völkerwanderung die Welt verändern, indem sie unwiderruflich das Denken und Fühlen der Menschen veränderte.
In Haran hörte Abram wohl folgende Stimme: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen die Geschlechter der Erde Segen erlangen (Gen. 12, 1b-3).
„Da“, lässt uns der Erzähler wissen, „zog Abram weg“. Und mit ihm gingen Lot, Sarai und „all ihre Habe, die sie erworben hatten, und die Knechte und Mägde, die sie in Haran gewonnen hatten“ (Gen. 12,5). Wieder machten sich also zwei große Haushalte auf den Weg. Sie nahmen ihre Familienangehörigen und ihr Hab und Gut mit. Eine Expedition in die Wildnis. Abraham hieß noch Avram/Abram.
Wir wissen, dass dieser Abram auf dem Weg nach Kanaan war, aber wusste er das selbst auch? Es darf angenommen werden, dass die zusammenfassende Darstellung der Unternehmungen und Reisen Terachs und seiner Familie nur einen kurzen Eindruck vermitteln will und nicht den Anschein erwecken möchte, dass Abram seinen Bestimmungsort kannte, als er aufbrach. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass Abram wusste, wohin er sich auf den Weg machte, oder dass er mehr wusste als das, was Gott ihm verkündet hatte: er würde „wegziehen“ und eine Reise ohne Rückkehr in das „Land, das ich dir zeigen werde“ antreten; dieser Gott sollte diesen kinderlosen Mann irgendwie „zu einem großen Volk machen“, die gesamte Menschheit sollte schließlich durch ihn „gesegnet“ werden.
„Wayyelekh Avram“ („Da zog Abram weg“), zwei der kühnsten Worte der Weltliteratur. Sie verweisen darauf, dass alles, was der langen Evolution der Kultur und des Empfindungsvermögens vorausgegangen war, aufgegeben wurde. Aus dem Euphratgebiet, aus Ur in Chaldäa, dem zivilisierten Ort des Vorhersehbaren, kommt ein Mann, der sich, ohne zu wissen, wohin ihn seine Reise führen wird, auf den Weg in die Wildnis macht, weil sein Gott es ihm befohlen hat. Eine reiche Karawane verlässt ohne ein Ziel vor Augen Mesopotamien - die Heimat gewitzter, eigennütziger Kaufleute.
In einer archaischen Gesellschaft, die seit den dunklen Anfängen sich ihrer Grundwahrheiten in den Sternen versichert hat, bildet sich eine Reisegruppe, ohne ersichtlichen Grund. Aus einem Menschengeschlecht, das weiß, dass alles irdische Streben mit dem Tod enden muss, geht ein Führer hervor, der an ein außergewöhnliches Versprechen glaubt. Im Menschen erwacht der Traum von etwas Neuem, etwas Besserem, was noch bevorsteht – in der Zukunft. Auf Gott so sein Vertrauen setzen – das ist heute wie damals ein echter Aufbruch, von dem Abram damals überzeugt war: nur wer aufbricht, kann wachsen, reifen – Neues entdecken.
Und die Reaktionen damals?
Würden wir im zweiten vorchristlichen Jahrtausend leben und könnten alle Völker der Erde befragen, was hätten sie wohl zu der Reise des Abram gesagt? In weiten Teilen Europas und Afrikas hätte man über Abrams Irrwitz gelacht und gen Himmel gewiesen, wo seit Menschengedenken das irdische Leben bestimmt wurde. Seine Frau sei so unfruchtbar wie der Winter, hätte man gesagt; der Mensch könne seinem Schicksal nicht entgehen.
Die Ägypter hätten ungläubig den Kopf geschüttelt: „Kein Mensch kommt weise auf die Welt“, mit diesen Worten hätten sie die Einsicht ihrer verehrtesten Weisen wiedergegeben . „Handle so wie deine Ahnen. Lehre das, was immer schon gelehrt worden ist, dann wirst du ein gutes Vorbild sein.“
Die frühen Griechen hätten Abram den Mythos des Prometheus erzählt, dessen Drang, den Menschen das Feuer der Götter zu bringen, für ihn in einer Katastrophe endete. „Übernimm dich nicht“, hätten sie ihn gewarnt, „ergib dich deinem Schicksal.“ In Indien wäre ihm gesagt worden, dass die Zeit etwas Dunkles, Irrationales und Unbarmherziges sei: „Stelle dir nicht die Aufgabe, etwas in der Zeit erreichen zu wollen, sie ist ein Reich des Leidens.
Die Vorfahren der Mayas in Mittelamerika hätten auf ihre Kalender verwiesen, die den ewigen Kreislauf der Jahreszeiten dokumentieren. Sie hätten außerdem darauf hingewiesen, dass alles Geschehene sich wiederhole und dass das Schicksal des Menschen vorherbestimmt sei.
Überall auf der Welt, von jeder Gesellschaft hätte Abram den gleichen Ratschlag erhalten, den so unterschiedliche Männer wie Heraklit, Lao-Tse und Siddharta ihren Anhängern geben sollten: Wandere nicht umher, sondern bleibe da, wo du bist; sammle dich am Fluss des Lebens, denke über sein endloses und sinnloses Fließen nach – über all das, was vergangen, gegenwärtig und zukünftig ist ,- bis du das Muster verstanden und deinen Frieden mit dem Großen Rad, mit deinem Tod und mit der Verderbnis aller Dinge dieser vergänglichen Welt geschlossen hast.
Abram erreichte Kanaan, aber Abram und seine Leute, kultivierte Stadtbürger, lebten weiterhin ohne festen Wohnsitz und besaßen keinerlei Land. Sie blieben „Reisende“, wie sie sich selbst bezeichneten – unter Gottes Zusage „Fürchte dich nicht“.
Abram hat so die Kraft, seinem Bruder Lot, der gefangen weggeführt worden ist, nachzueilen und ihn zu befreien.
Und dann kommt in 1. Mose 15, 1-6 diese Erzählung der Begegnung von Abram mit Gott:
1 Nach diesen Geschichten begab sich 's, dass zu Abram das Wort des HERRN kam in einer Offenbarung: Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.
2 Abram sprach aber: HERR, mein Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Eliëser von Damaskus wird mein Haus besitzen.
3 Und Abram sprach weiter: Mir hast du keine Nachkommen gegeben; und siehe, einer von meinen Knechten wird mein Erbe sein.
4 Und siehe, der HERR sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein.
5 Und er ließ ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!
6 Abram glaubte dem HERRN und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.
Ja, Abram soll ein Vater vieler Nachkommen sein – und deshalb bekommt Abram einen neuen Namen wie es dann in 1. Mose 17 heißt: „Und nicht mehr sollst du Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein!“ Abraham auf Hebräisch „der Vater der Menge von Nationen“.
Gott initiiert die Begegnung! Er tritt auf Abraham zu, er beginnt den Dialog. Und er führt ihn zu Ende. Dieser Gott gibt und nimmt jenseits menschlicher Vernunft oder menschlicher Rechtfertigung. Gerade weil seine Gedanken und Handlungen nicht kalkulierbar sind, ist alles möglich. Viel Neues ist für Abraham aus dieser Beziehung bereits entstanden. An erster Stelle der Glaube, für den es vor Abraham im religiösen Denken und Fühlen keinen Raum gab.
Aber jetzt erwählt sich Gott einen Partner – und der Mensch hat die Wahl zu antworten – zu Glauben / zu Vertrauen. – Gott ist nicht mehr bloß eine Naturgewalt – eine Statue – ein Statussymbol – er ist der wirklich Lebendige. Abraham vertraut einer körperlosen Stimme – und daraus entwickelt sich die Geschichte einer fantastischen, tragfähigen Beziehung!
Wie kann ich wachsen und reifen?
- Sich dem Leben anvertrauen. Auf Beziehung setzen – auf Gott.
- Von sich viel halten: Ich bin Gott wichtig – Er meint wirklich mich -
Was ist bei Abraham geschehen? Ganz neu war, Gott spricht persönlich an -
von nun an gibt es persönliche Geschichte und das Leben eines Individuums gewinnt an Bedeutung.
Mit Abraham beginnt die Moderne – mit Gott.
- Aufbrechen ist möglich. Es muss nicht alles bleiben wie es ist. Hoffnung nährt sich vom Vertrauen. Daher die machtvolle Aufforderung Gottes, die Furcht abzulegen.
- Furchtlosigkeit meint nicht ohne Sorge, ohne Fürsorge; ohne Schrecken, wenn Leben gefährdet, Umwelt zerstört wird
- Innere Heilmittel gegen Furcht sind Nüchternheit und die Vorstellungskraft der Hoffnung
- Äußere Heilmittel gegen Furcht sind Freundschaft und Gemeinschaft:
Sie vermitteln Selbstvertrauen, Vertrauen ins Leben – Abraham zog nicht allein los, sondern in Gemeinschaft! Und im Gottvertrauen.
- Vor Gott Ehrfurcht lernen: Denn wer Gott fürchtet / Ehrfurcht vor Gott hat, braucht sich sonst nicht zu fürchten.
Abraham vertraute Gott – das rechnete Gott ihm zur Gerechtigkeit.
Der seelisch reife Mensch lebt nicht getrieben von Angst, sondern aus einer inneren Ruhe heraus, die vom steten Blick auf das Wesentliche herrührt. Der entscheidende Punkt für das Leben in Unerschrockenheit ist die innere Ausrichtung auf Gott. Diese durch das Gebet genährte Ausrichtung befreit von den Krankheiten der Seele, wie sie der Mönch und Schriftsteller Evagrius Ponticus im vierten Jahrhundert beschrieben hat: Sie befreit von Trauer und Stolz, Trägheit und Ruhmsucht, Habgier und Gaumenlust, Unkeuschheit und Zorn.
Im Grunde ist es ganz einfach: Wer im Vertrauen auf Gott jeden Tag mit Heiterkeit und Ruhe die Aufgaben bestmöglich erledigt, die der Tag bringt – wer also nicht auf den ganzen langen Weg, sondern auf den je nächsten Schritt blickt -, der kann unerschrocken leben.
„Wir sind in guten Händen.“ Unwissenheit macht so keine Angst.
„Fürchte dich nicht“ – diese Aufforderung ist zugleich ein großartiger Zuspruch! – und eine Einladung zum inneren Wachstum, zum inneren Reifen.
Andreas Goetze
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