Erntedank 2011
Mt. 6,13 (Mt. 4,1-11) Predigt vom 02.10.2011
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen”. Was meinen wir, wenn wir so bitten? Was könnte Jesus damit gemeint haben?
Am Anfang steht eine ehrliche Erkenntnis: Wir sind versuchlich. Wir werden von vielerlei angefochten. Wer wüsste aus seinem Leben nicht zu berichten von der Kraft der Eitelkeit, der Ehrsucht, des Neides, des Geldes, der Machtgelüste? Wer hat nicht zu tun mit dem tief in uns sitzenden Egoismus?
Jesus selbst ist versucht worden. Wir haben die Versuchungsgeschichte Jesu aus dem Matthauml;usevangelium gehört. Matthauml;us zeigt uns Jesus als Mensch, der wie wir in Versuchung geführt wird. Alle drei Versuchungen, in die ihn der Teufel führt, gefauml;hrden auch unser Leben. Matthauml;us berichtet von Situationen der Versuchung, denen jeder ausgesetzt ist und die wir genauso wie Jesus bestehen müssen, damit unser Leben gelingt.
Wer ist der Teufel? Kein schwefelrauchiger Typ mit einem Dreizack – das sind mittelalterliche Bilder, die nicht viel weiterhelfen. Sprachlich wichtig: im griechischen Originaltext steht an der Stelle, die bei uns mit „Teufel” wiedergegeben ist, das griechische Wort„diabolos”.
Der „diabolos” führt Jesus in Versuchung. „Diabolos” heißt „ der Durcheinanderbringer” – der, der die gute Ordnung durcheinander bringt, der das menschliche Denken und Fühlen verwirrt. In der Versuchungsgeschichte, wir haben es gehört, benutzt der „diabolos” Bibelworte – benutzt sie aber in einem Sinn, der mit der Heiligen Schrift gar nichts mehr zu tun hat. Er bringt in die frommen Worte zerstörerische und egozentrische Motive. Er vermischt das Gute mit dem Bösen.
Die Bitte des Vater Unsers „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen” erinnert mich jedes Mal daran, wozu ich Mensch fauml;hig bin. Ich kann mich der Wirkkraft der Liebe Gottes entziehen, Das erste, was ich mit dieser Vater-Unser-Bitte verbinde, ist die Versuchung zur Macht, die hier abgewiesen wird. Nicht zur Macht als solcher, sondern die Abweisung jener Macht, bei der ich mich nicht für den Abbau von Ungerechtigkeit und Gewalt einsetze, die vielmehr neue Ungerechtigkeit, Gewalt und Unfrieden hervorruft. Es ist die Versuchung zur unmauml;ßigen Machtsteigerung, die Versuchung zu einem übermauml;ßigen Egoismus, der kaum über seine Auswirkungen auf andere Menschen besorgt ist.
Das fauml;ngt beim Mobbing in der Schule an, beim Ausgrenzen des anderen. Wir können unser Gewissen betauml;uben, reden davon, dass wir nicht anders können, dass die Gruppe da ja mitmacht – und so entziehe ich mich und die anderen der liebenden Zuwendung Gottes.
Gott zwingt uns nicht. Das ist seine Hauml;rte. Wir können uns für gottlos halten. Wir können uns sogar für Gott halten – als Gott mit den drei Buchstaben I-C-H. „Ich”. Es ist zum Grausen, zu was wir Menschen fauml;hig sind. Jugendliche, die einen Unschuldigen an der U-Bahn-Station halbtot schlagen; Mauml;nner, die ihre Kinder vergewaltigen; Frauen, die ihre Töchter in Schach halten. Wir finanzieren hier im Westen Kriege in Afrika, um billig an Rohstoffe wie Coltan heranzukommen – in diesem Sinn wird es wohl kein Handy geben, an dem nicht Blut klebt.
Im Kleinen wie im großen soviel Grausen. „Herr, führe uns nicht in Versuchung!” Lass uns nicht in Versuchung geraten, lass uns nicht mitmachen bei dem Teufelskreis von Macht und Ohnmacht. Schenke Widerstandskrauml;fte, lass uns gegen die Lauml;hmung in uns angehen, sende Deinen guten Heiligen Geist der Liebe, dass er unser Gewissen ausrichte auf den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit – bei mir zu Hause, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Politik.
Wie wir uns gegenseitig Angst einjagen! Wie wir uns mit Angst kleinhalten! Wir versuchen, uns Angst zu ersparen, indem wir bei anderen Angst erzeugen und erklauml;ren die Verdunkelung für normal. Angst zersetzt die Wirkkraft der Liebe. Uns muss doch vielfach ein Teufel reiten, ein „diabolos”, ein „Durcheinanderbringer”.
Wie sonst ist zu erklauml;ren, dass wir seit Jahren um die zersetzende Kraft von Finanzspekulationen wissen und bis heute nichts dagegen tun? Als wauml;re die Politik den Finanzmauml;rkten ausgeliefert.
Wie sonst ist zu erklauml;ren, dass wir tatenlos dabei zusehen, wie die nicht artgerechte industrielle Hauml;hnchenproduktion in Europa dazu führt, dass wir jauml;hrlich 300.000 Tonnen Geflügelfleischreste nach Afrika senden? Weil die EU diese Massentierhaltung auch noch hoch subventioniert, werden diese Fleischreste in Afrika so billig angeboten, dass sie die einheimischen Mauml;rkte zerstören. Das gleiche gilt übrigens auch für unser Obst und Gemüse: hoch subventioniert kommt es nach Afrika und zerstört die Einnahmequellen der einheimischen Bauern. Und da wundern wir uns, wenn diese armen Menschen nach Europa drauml;ngen?
Uns muss doch vielfach ein Teufel reiten. Wie sonst ist es zu erklauml;ren, dass Brasilien über 50 Millionen Tonnen Soja erzeugt, damit Rinder und Schweine Futter bekommen?
Diese Monokulturen ruinieren die landwirtschaftlichen Nutzflauml;chen, der Regenwald wird dramatisch abgeholzt, damit wir billig Fleisch einkaufen können – Mac Donalds und Burger King lassen grüßen.
Uns muss doch vielfach ein Teufel reiten – wie sonst kauml;me man auf die Idee, Lebensmittel wie Mais, Raps und Soja nur anzubauen, um aus diesen Pflanzen Treibstoff zu gewinnen. Und das wird so hoch von den westlichen Regierungen subventioniert, dass diese Grundnahrungsmittel knapp werden. Wir haben das Benzin E 10 im Tank und wundern uns über gestiegene Brotpreise – und die Menschen in Afrika und Lateinamerika können sich gar keinen Mais mehr leisten, weil er durch Spekulationen an der Börse so teuer geworden ist. „Wer E 10 tankt, tankt Hunger” – darauf hat nicht von ungefauml;hr die evang. Aktion „Brot für die Welt” hingewiesen.
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen”. Es sind gerade die Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Minderwertigkeit auf der einen und übersteigertes Machtstreben auf der anderen Seite, die uns jedes Menschenmaß vergessen lassen. Erinnern wir uns an die Aesopsche Fabel vom Frosch. Dieser Frosch pumpt sich angesichts eines Ochsen so lange auf, weil er meint, genau so groß werden und dann keine Angst mehr haben zu müssen wie der Ochse – bis er daran platzt.
Sprachliche Hintergründe sind oft erhellend – nicht nur angesichts der Finanzkrise: Das indogermanische Wort für „böse” bedeutet ursprünglich „sich aufblauml;hen, sich aufblasen”. Das Böse ist das Aufgeblasene. Wenn man über alles Maß hinaus sich aufblauml;st, dann verlauml;ngert man die Angst zum Schrecklichen, dann sind wir Menschen böse.
„Erlöse uns von dem Bösen”: erlöse uns von der Sucht, uns aufzublauml;hen, so geschwollen daher zu kommen – denn die Folgen für uns und andere sind katastrophal.
Die Alten haben das „Begierde” genannt, die Grundsünde des Menschen, so gierig zu sein – und sich darin in aller Nutzlosigkeit zu verschleißen. So verliert der Mensch seine Freiheit und oft genug auch seine Liebe. Er wird kalt. Er stirbt in seiner Seele. Für Matthauml;us, von dem wir die Versuchungsgeschichte gehört haben, ist die Versuchung der Macht die gefauml;hrlichste. Er beschreibt daher Jesus in seinem Evangelium als denjenigen, der auf alle Macht und Gewalt verzichtet, der gewaltlos auf die Gewalt der Menschen reagiert und gerade so sein Vertrauen auf den himmlischen Vater bewauml;hrt.
Manche sagen: eine Versuchung ist eine Bewauml;hrungsprobe. Gott will dich testen. Ich glaube nicht, dass Gott so ´was nötig hat. Gott versucht niemanden. Aber wir sind gefauml;hrdet, wenn wir nur um uns selbst kreisen. Wenn uns die Bindung an Gott verloren geht und damit das Vertrauen. Darum feiern wir Ernte-Dank. Erinnerung an den Gott des Lebens. Denn Gott ist ein Liebhaber des Lebens.
Das sagte schon Martin Luther. Und ich finde: Er hat Recht. Gottes Angebot ist ein Angebot des Lebens. Das macht er stark. Dafür riskiert er sein Leben. Jesus Christus ist ja gestorben, weil Menschen in ihrer Gier nach Macht und Einfluss einen Störenfried wegschaffen wollten. Ans Kreuz mit ihm. Unser Glück, dass Gott sich da nicht von uns abwendete. Dass er treu blieb – Gott sei Dank.
Jesus wurde auferweckt. Gott steht zu seiner Zusage des Lebens: Egoismus, Macht, Gier und Eitelkeiten haben bei Gott keine Chance – das Leben wird sich durchsetzen. Dafür steht die Auferstehung Jesu. Daran sollen wir festhalten. Uns auf ihn konzentrieren. Wegschauen von uns – auf ihn, auf Christus hin. Und uns durch ihn – durch seinen liebevollen Blick auf uns – im Herzen auml;ndern lassen.
Noch ´mal Martin Luther: „Gott versucht niemanden. Aber im Vater Unser bitten wir, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unsere Begierden nicht betrügen und verführen zu Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten wurden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten”.
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen” – wir bitten Gott mit dieser Bitte, dass wir selbst aktiv werden und uns nicht in Versuchung führen lassen. Auf dem Hintergrund der Bergpredigt, in dem ja das Vater Unser steht, würde die besondere Versuchung darin bestehen, den breiten Weg zu gehen, der ins Verderben führt. Der breite Weg ist der Weg, den alle gehen. Nur den anderen folgen,: tun, was alle tun, führt den Menschen ins Verderben. Die Versuchung besteht dann darin, nicht selber zu leben, sondern sich leben zu lassen.
Gott möge uns vor der Macht des Bösen, des „Aufgeblauml;hten und Aufgeblasenen”, erretten und bewahren, damit in uns das Bild zur Geltung kommen kann, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat. Wir halten unsere Angst vertrauensvoll Gott, unserem Vater, hin. Im Blick auf Gott; in Erinnerung an die heilvolle Geschichte Gottes mit seinen Menschen, angefangen bei Abraham und Joseph, über Sarah und Ruth, in Erinnerung an die Propheten Gottes wie Jesaja, Amos und Jeremia bis hin zum Leben Jesu: Er möge uns in seiner Liebe bewahren.
Ernte-Dank – Gott sei Dank. Erinnerung an den, bei dem ich leben darf, angenommen bin. Meine Angst, meine Hilflosigkeit hat einen Ort, an dem sie sein können. Ich muss mich nicht verstellen. Ich muss mich daher auch nicht aufblasen, keine übersteigerten Machtgefühle entwickeln und ausleben.
Solchen lebendigen Gottesglauben im Herzen und im Gewissen schafft so das Grundfundament für Menschlichkeit – allen atheistischen Unkenrufen zum Trotz. Daran müssen wir auch die politisch Verantwortlichen erinnern und für sie wie für uns beten, dass wir uns alle nicht in Versuchung führen lassen und dem Bösen keinen Raum geben.
Ernte-Dank: Erinnerung an die Grundlagen unseres Lebens. Wir danken Gott, dem Schöpfer, für seine guten Gaben. Die finden wir nicht nur im Acker und im Stall, sondern in jedem Antlitz eines Menschen. Und indem wir miteinander nicht menschlich umzugehen wissen, verdunkeln wir unsere Lebensgrundlagen, machen uns wechselseitig in Angst, Unterdrückung und Knechtschaften.
Der wahre Ernte-Dank ist dagegen ein Lebensdank, der befreit. Der das menschliche Antlitz wieder herstellt. Ein Gott dankbarer Mensch weiß sich geborgen, geliebt von dem einen Gott, der unser Leben trauml;gt und erhält. Gerade durch die Einübung ins Danken erfahren wir den Impuls, Versuchungen zu widerstehen.
Und führe uns nicht in Versuchung
durch den Wohlstand,
in dem wir leben und der droht,
uns so satt, bequem und gierig zu machen,
dass wir uns nur noch selbst suchen.
Sondern erlöse uns von dem Bösen,
indem wir unserer Kraft bewusst werden,
die Du uns verliehen hast,
uns aus allem zu befreien,
was uns hindert,
persönlich und gesellschaftlich barmherzig zu sein.
(Norbert Copray, Jesus nachfolgen, Düsseldorf 1986, A. 180)