Konfirmation 2009: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8, 31-36)
(Predigttext vorher verlesen)
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden! Liebe Festgemeinde!
Die Gnade Gottes und der Friede unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
„Das Leben feiern – ich bin so frei!“ – Bin ich wirklich so frei?
Was wünschen sich junge Leute einer Umfrage nach? „Ich will selbstbestimmt mein Leben leben.“ „Ich will frei sein, tun, was ich will.“ „Ich möchte einen guten Beruf lernen.“ „Eine feste Beziehung haben.“ „Verlässliche Menschen um mich herum.“
„Das Leben feiern – ich bin so frei!“ – Das Entscheidende: Ohne Wahrhaftigkeit gibt es keine Freiheit. Ohne Verlässlichkeit gibt es keinen Freiraum. Ohne Halt und ohne ein Fundament, das mich trägt, gibt es keine Freiheit. Deshalb sagt Jesus den wunderbaren Satz: „Die Wahrheit wird euch frei machen. Wenn ihr bleibet in dem, was ich euch gesagt habe, so seid ihr meine Freunde und ihr werdet die Wahrheit erkennen. Und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Wahrheit meint hier nicht Sätze, die wahr sind und an die man glauben muss. Wahrheit meint biblisch, nach dem christlichen Glauben: Verlässlichkeit. Wahr ist, was verlässlich ist. Wahrhaftig ist der, der treu ist. Darauf kommt es an – ein verlässliches Lebensfundament haben – festen Boden unter den Füßen – Halt. Verlässlichkeit.
Genau das ist es aber, was es in unserer Zeit immer weniger gibt. Auf wen oder was kann ich mich noch verlassen? Auf wen kann ich bauen, wer trägt mein Leben? Und das heißt doch: Wer bestimmt mein Leben?
Freiheit heißt ja nicht, ich bin losgelöst von allem! In Wahrheit erkenne ich mich an einem Gegenüber, der mich liebt; der mich annimmt, wie ich bin.
Das ist die Freiheit, die wir als Christinnen und Christen geschenkt bekommen haben. Wenn du Jesus erkennst, wenn du in dem bleibst, was er gesagt und getan hat; wenn du dich auf Gott verlässt, dann hast du ein festes Lebensfundament – Jesus, der zeigt, wie dich Gott annimmt und zu dir hält – mehr als es Menschen je können.
Wie viel Aggressivität erlebe ich bei Jugendlichen wie Erwachsenen, weil sie innerlich haltlos sind, weil sie im Tiefsten keine verlässlichen Beziehungen haben – haltlos! Sie verkaufen es als Freiheit – dabei ist es nur ein Treiben im Wind. Freiheit beginnt erst da, wo ich eine feste, verlässliche Bindung habe.
Es ist wie bei einem Kind. Es geht los, entdeckt die Welt - und es wird selbstsicher und selbstbewusst, wenn es verlässliche Eltern hat, die eben auch selbst deutlich sagen, wofür sie stehen, die Liebe schenken und Grenzen setzen; die nicht dauernd sagen: „das kannst du entscheiden“ – die Vorgaben machen, die Glauben leben. Freiheit durch Bindung. So erlebe ich Verlässlichkeit. So kann ich verlässlich sein. Gegen alle falschen Abhängigkeiten.
Wer Jesus erkennt und durch ihn den wahren Gott schaut, der ist frei vom Verhaftetsein an den Schein dieser Welt. Glauben heißt, in seinem Wort bleiben, von seinem Wort her leben, in seinem Wort wohnen. Was heißt das? Wir haben alle unsere inneren Worte, die uns bestimmen. Glauben heißt, sich von den Worten Jesu bestimmen zu lassen, von den Worten, die uns die Wirklichkeit aufschließen und sie für Gott öffnet. Wer im Wort Jesu bleibt, der erkennt die Wahrheit, er ist in der Wahrheit. Er ist in Berührung mit der Wirklichkeit Gottes.
Wir tun ja oft so, als hätten wir Jesus nicht nötig. Doch schon Martin Luther hat es auf den Punkt gebracht: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ - Wenn wir nicht mit Jesus den wahren Gott schauen, dann haben eben andere selbst gemachte Götter Platz in unserem Herzen, bestimmen unser Leben, versklaven uns – wie Jesus sagt.
„Heh, Moment“, mag eine oder einer von euch einwerfen, „ich bin doch frei. Als Sklave habe ich mich nie gefühlt!“ Jesus verweist uns auf unsere innere Unfreiheit: „Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.“ (8,34) Die Sünde ist hier nicht das Übertreten von Geboten, sondern das Verhaftetsein an den Schein, an das Vordergründige. Wer im Schein lebt, der wird zum Sklaven. Er wird von außen gelebt. Er ist nicht in Kontakt mit sich selbst.
Frage dich: Auf welche inneren Worte hörst du?
„Sei perfekt, sei perfekt: jeder fordert ja Leistung.
„Du musst funktionieren“
„Ich kann eh nichts“ – „Vater hat ja immer gesagt: Du taugst nichts!“
„Hauptsache, die Kohle stimmt und das Auto ist cool – das leben mir ja die Eltern vor.“
Also frage dich: auf welche inneren Worte hörst du?“ Die Gottesfrage ist schlicht: „Wer ist bei dir oben? Oder vom heutigen Pfingstfest gefragt: Wes’ Geistes Kind bist du? Welche Lebenshaltung ist in dir, die dich prägt und bestimmt?
Wes’ Geistes Kinder sind wir? Auf was hörst du? Wem dienst du? Wem hast du dein Leben verschrieben? Ist das Geld bei uns „oben“, dann kommt der Geist des Geldes auf uns herab: Gier, Neid, Rücksichtslosigkeit, Undankbarkeit → Hauptsache ich – egal, ob es der Gemeinschaft schadet oder nicht, letztlich Zerstörung von Beziehungen.
Zusammengefasst ist dieser Geist des Geldes in zwei Fragen, in zwei der zerstörerischsten Fragen, die uns versklaven: „Was nutzt es?“ Und:„Was bringt es ein?“
Jesus geht darauf gar nicht ein. Eine der Grundfragen unseres westlichen Konsumlebens, „Werde ich genug Geld haben?“ ist für Jesus schlicht und einfach unwichtig. Denn es sind letztendlich auch genau die Fragen, die unser Leben krank machen und zerstören können.
Stattdessen fragt er seine Freunde in aller Freiheit: „Was habt ihr einzubringen?“ Jeder Einzelne, jede Einzelne von uns wird gefragt: „Was hast du einzubringen, was hast du mitgebracht?“ Damit Leben gelingt, Gemeinschaft verlässlich ist, eben wahrhaftig! Dann bist du frei, - weil du nicht mehr nur auf dich schaust und auf den Schein der Welt.
Es gibt viele tolle Projekte in unseren Gemeinden, die entstanden sind, weil Menschen bereit waren, das einzubringen, was sie an Begabungen und Möglichkeiten mit „im Gepäck“ hatten. Wären die Initiatoren dieser Projekte beim „Erbsenzählen“ stehen geblieben, wäre niemals etwas Neues entstanden – viel zu viel Aufwand, viel zu viel Hektik, viel zu viel Geld. Weil Menschen bereit waren, zusammenzukommen und zu überlegen „Was kann ich mitbringen an Gaben, an Ideen und an Geld“, weil Menschen an Jesus dran geblieben sind.
Ihr werdet heute konfirmiert. Du kannst deinen Platz weiter in unserer Gemeinde finden – deine Gaben und Fähigkeiten einbringen – dich in die Gemeinschaft einbringen und mitgestalten.
„Die Wahrheit wird euch frei machen.“. Wer Jesus erkennt und durch ihn den wahren Gott schaut, der ist frei vom Verhaftetsein an den Schein dieser Welt. Er wird frei von den Illusionen, die er sich über sich selbst gemacht hat. Er wird frei von seiner Vergangenheit, von seinem Kreisen um sich selbst. Er muss nicht mehr für sich kämpfen. Er hat die eigentliche Wirklichkeit berührt und ist darin zu sich selbst gekommen. Er ist ganz er selbst geworden und hat es nicht mehr nötig, sich herauszustellen.
„Bleibt in meinen Worten“, sagt Jesus. „Lass dich von mir innerlich erreichen – von meiner Liebe, von meiner Treue. Ist Jesus für uns „oben“, dann ist sein Geist in uns wirksam: der Geist der Liebe, der ansteckenden Freude, der Solidarität mit Schwachen, der Geist der Vergebung, der Selbstbeherrschung, der Hoffnung in Verzagtheit, der zärtlichen Kraft Gottes, der Geist des heiligen Widerstandes gegen all das Böse und die Aggressivität in uns.
Sei selbst wahrhaftig – gegen allen Schein, so wirst du die Fülle des Lebens haben.
Ich wünsche euch, dass ihr solch wahrhaftige Menschen werdet und verlässlich lebt. Ihr habt beste Voraussetzungen: Die Lebendigkeit eurer jungen Jahre, den Weg der Liebe, die Freude an anderen Menschen, die Dankbarkeit, etwas zu schaffen und zu gestalten, die Bereitschaft mitzutragen und mitzuverantworten, die Fähigkeit zu teilen, auch den Schmerz, die Not, die Trauer. Für dieses „Leben in Fülle“ wünsche ich euch den Mut, aus den Gewohnheiten herauszuspringen. Das, was ihr jetzt denkt, plant, sagt, tut, ist längst noch nicht alles. Ihr seid erst am Anfang. Mit eurem Leben. Mit eurer Liebe. Mit eurem Glauben. Mit euren Träumen. Und bedenkt das Entscheidende: Der attraktive Weg Jesu lässt sich nur durch die Umkehr, durch die Bekehrung zum Evangelium finden, durch den Wandel des Denkens, des Fühlens, des Handelns.
Durch dieses Evangelium bekommen wir eine Vision, einen Traum vom Leben, das uns durch Tiefen und Höhen führt bis zu jener Reife, in der wir mit Gott ewig leben dürfen. Jesus wurde nicht müde, sich für dieses Leben einzusetzen, verlässlich und wahrhaftig. Als tragendes Fundament. Das ist sein Angebot für uns alle. Erst wenn wir das Leben in dieser Fülle haben, haben wir alles. Dann sind wir wahrlich frei. Amen.
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