Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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„Das verzeih ich Dir nie!“ – Lebenskunst Vergebung

2. Teil: Warum Vergebung so schwer ist (Psalm 139, 1-5, 14, 23+24)

 

Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde in Christus!

 

I.

Lebenskunst Vergebung, 2. Teil. Wir sind das letzte Mal auf Spurensuche gegangen und haben zunächst festgestellt, was Vergebung nicht ist:

 

1. Vergeben bedeutet nicht zu verharmlosen oder zu bagatellisieren nach dem Motto: „war doch nicht so schlimm, geht schon vorbei, hab dich nicht so“.

 

2. Vergeben ist auch nicht mit Versöhnung gleichzusetzen. Versöhnung geschieht zwischen zwei Personen und bringt eine belastete Beziehung wieder ins Lot. Vergeben ist ein Geschehen, das in mir reift; das in mir eine Haltung und Einstellung auslöst, die mich befreit vom Schmerz der Verletzung. Vergeben ist ein Prozess in mir, da passiert was in mir – und das kann mich befähigen zur Versöhnung, wenn der oder die andere das auch will.

 

3. Vergeben bedeutet auch nicht zu vergessen und das, was einer getan hat, für ungeschehen zu erachten.

 

Lebenskunst Vergebung: In der Kunst kommen „Können“ und „Inspiration“ zusammen. Inspiration – da steckt das lateinische Wort „Spiritus“ und das englische Wort „Spirit“ drin. Und das heißt ja alles Geist. Lebenskunst Vergebung. Ist Kunst eine Inspiration, dann kommt dieser Geist, durch den ich dann vergeben kann, nicht von mir, denn ich bin verletzt, ich bin ja dicht.

 

Dann kommt der Anstoß zur Vergebung von außen, durch Gottes Geist, von Gott hineingeweht in mein Leben, weil Gott barmherzig und gnädig auf mein Leben schaut. Wie es im Predigttext vom letzten Sonntag aus dem Römerbrief, Kap.8 heißt: „Also gibt es jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“.

 

Die Logik des Geistes Gottes ist es, dass wir die große Liebe und Gnade sehen, mit der Gott jeden einzelnen von uns anschaut. Wer im Lichte Gottes steht, der sieht natürlich auch seine Flecken, der darf aber auch glauben, dass Gott mit großer Gnade auf diese dunklen Seiten der Seele schaut.

 

Gott sagt zu dir und mir: „Deine Vergangenheit, deine Bosheit, deine Trägheit, deine Hassgefühle, deine Unnachgiebigkeit, dein Jähzorn, deine Schuld, deine ganze gelebte Vergangenheit ist für mich kein Grund, dich nicht zu lieben. (Kerze anzünden im Topf mit Rissen)

 

Ja, da sind die Risse in deinem Leben. Ja, da sind die Brüche in deinen Beziehungen. Aber ich, Gott, sage mein Ja zu Dir, Mensch, zu deinem Mensch-Sein: dort hinein lege ich die Kraft meiner Liebe und meiner Gnade, dich zu heilen, dich zu tragen, dir Zukunft zu schenken.“

 

Vergeben heißt: wir können uns ohne Schmerz und Abneigung an die schlimme Tat des anderen erinnern. Die Kränkung ist vorbei. - Doch genau hier spüren wir: es ist alles andere als leicht, das drängelnde Gefühl der Kränkung loswerden. Das ist unheimlich schwer, wenn ich erst ´mal verletzt und gekränkt bin, mich auf den inneren Prozess der Vergebung einzulassen. Darum geht es nun heute: „Warum Vergebung so schwer ist“.

 

II.

Dabei geht es heute um uns. Und um die Frage: warum tut es so weh? Warum hat mich das so getroffen? Grundlage für unser Nachdenken sind Worte aus einem alten Gebet, aus Psalm 139: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich´s meine“. Mein Herz erkenne ich kaum, mein Innerstes ist uns vielfach verborgen. So darf unsere Spurensuche nach dem, was vergeben heißt, solch ein Gebet sein, bei dem wir Gott unser Herz hinlegen.

 

Ich lese aus Psalm 139 und wenn Sie können und möchten, nehmen Sie diese Worte aus der Bibel als ein Gebet: „Herr, Du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt Du es; Du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist Du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du, Herr, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Ich danke Dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind Deine Werke, das erkennt meine Seele. So erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich´s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“. Amen.

 

Mir ging es nicht gut. Aber mein Freund rief nicht an. Hat er mich vergessen? Warum denkt er nicht an mich, gerade jetzt, wo ich es besonders nötig habe? Dann rief er doch an, sagte, er sei ein Paar Tage auf Dienstreise gewesen. Und doch, ich habe erst keinen Ton herausgebracht. Eine Kleinigkeit, und doch schmerzt es. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz…

 

Oft schon sind es Lappalien, die uns zusetzen: z.B. bei einem Scherz, den ein Spaßvogel auf einer Feier in Gegenwart anderer auf unsere Kosten macht und alle lachen und nur äußerlich lacht man mit, aber innerlich brennt der Schmerz.

 

Darum geht es jetzt: Nicht nur um das Verhalten anderer und wie die sich entschuldigen müssten, sondern warum mich das so gekränkt hat und ich so hilflos bin, aus dieser Ecke wieder heraus zu kommen. Ohne Gesichtsverlust.

 

In jedem PC steckt ja eine Festplatte. Manchmal läuft der PC nicht mehr, denn die Platte ist hoffnungslos überfüllt. Doppelt installierte Programme, alte große Bilder, viel Müll. Kein Wunder, dass der PC dann nicht mehr rennt. Genauso ist es mit uns: so wie diese eben erzählten kleinen Geschichten schleppen wir auch Nadelstiche oder Hämmer von Verletzungen und Kränkungen mit uns herum. Und bei jeder einzelnen denken wir noch: „Das kann ich bewältigen und das krieg ich schon hin“, aber irgendwann ist die Festplatte voll. Und dann muss man den alten Kram löschen. Aber warum tun wir das nicht einfach?

 

Einfach vergeben. Warum geht das nicht? Dafür kann es mehrere Gründe geben:

 

* Es kann sein, dass ich gerade mit dem Menschen zusammenlebe, der mich verletzt hat und es vielleicht noch tut. Und der setzt immer noch eins drauf. Und wenn ich mich zur Vergebung entschließe, ist schon wieder etwas passiert. Der sieht es einfach nicht und sieht es nicht ein, was er mir dauernd antut. Da müsste sich grundsätzlich etwas ändern!

 

* Es kann auch sein, dass ich den Eindruck habe: wenn ich vergebe, gebe ich mein „Recht-Haben“ gegen ihn aus der Hand. Und dagegen sträubt sich alles in mir. Wer verletzt wurde, fühlt sich immer zu Unrecht verletzt und moralisch im Recht. Und die Schuldscheine stapeln wir zu Hause wie Buchhalter. Und Recht muss doch Recht bleiben! Aber die Kränkung bleibt dann auch.

 

* Es kann auch sein, dass die Kränkung noch weh tut, dass ich einfach nur leide, wenn ich in den Bereich der Wunde komme. Ich bin in einen Nagel getreten, der Fuß eitert und tut weh, und ich entschließe mich nun: ich benutze ihn nicht mehr! Ich hüpfe einfach! Das geht doch auch! Ich will mit diesem Menschen nichts mehr zu tun haben. Aber in meinen Träumen, da zahle ich es ihm richtig heim. Wegen Dir kann ich nicht laufen!

 

* Es kann auch sein, dass wir das „Schwarze-Peter-Spiel“ spielen. Wer ist schuld? Wer schuldig ist, muss anfangen. Das „Schwarze-Peter-Spiel“ lautet: Vergebung beginnt erst dann, wenn der andere mich um Vergebung bittet. So lange bin ich sauer und schmolle. Nein, ich bin viel zu stolz, ihm zu sagen und zu zeigen, dass er mich verletzt hat. Ich zeige ihm nur die kalte Schulter, bin korrekt, lasse mir nichts zu schulden kommen, aber vergeben werde ich ihm die Sache erst, wenn er „auf Knien“ kommt und Reue zeigt.

 

Dieses „Schwarze-Peter-Spiel“ spielen wir oft und gern, aber es bringt oft nichts, denn die Entschuldigung bleibt aus. Wir denken nämlich oft: bei dem, was mir der andere angetan hat, wie der mich verletzt und hintergangen hat, muss doch sein schlechtes Gewissen schlagen. Aber es schlägt nicht. Dieser Mensch zermartert sich weder, noch ist er peinlich berührt, wenn er mich sieht.

 

Und ich merke: in vielen Fällen sind Menschen dann wirklich verletzt, wenn andere gar nicht den Eindruck haben, sich entschuldigen zu müssen. Doch manchmal haben die mich im Blindflug verletzt, unwissend, vielleicht nur eine kleine Bemerkung, scherzhaft gemeint – aber die hat mich schmerzhaft getroffen.

 

Einfach vergeben ist nicht so einfach. Denn: was der oder die mir angetan hat, hat mich persönlich getroffen. Mein Ich, mein Kernbereich, mein Herz ist betroffen. Ich wurde vergessen. Über mich hat man sich lustig gemacht. Ich werde nicht gelobt. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz…

 

Vergeben fällt uns oft schwer, weil unser Innerstes berührt wurde, sozusagen unser Herzblut-Bereich. Und hier gilt es, aufmerksamer hinzuschauen. Jede und jeder hat einen anderen Herzblut-Bereich, und den kann man in drei Bereiche gliedern: Besitz, Lust und Ehre. Um herauszufinden, wo meine besonderen Verletzungsbereiche sind, da kann ich in mich hineinhorchen und fragen: was würde mir wehtun, mich kränken? Das kann bei jeder und jedem anders sein, z.B.:

 

* Besitz: Wenn einer vor anderen schlecht macht, was ich mir mühsam erworben habe. „Also, die Einbauküche, die ihr da habt, die taugt nichts…“.

 

* Lust: Wenn einer ganz und gar nebensächlich findet, woran ich Lust habe und mein Herz hängt. Die Art und Weise, wie ich singe oder Musik mache oder dass einem wichtig ist, dass sein Auto Leichtmetallfelgen hat? Und einer nur den Kopf schüttelt und sagt: „Nein, so ein Typ, hat der´s nötig…“.

 

* Ehre: Wenn einer lächerlich macht, was ich aufgebaut habe und worauf ich stolz bin. „Kollege Schmidt, ihr Konzept ist nicht schlecht, aber es hat weder Hand noch Fuß, wir entscheiden uns für das Konzept von Kollegen Müller“. Die Botschaft, die im Herzen ankommt: wir entscheiden uns für den anderen. Nicht nur das Konzept, der andere ist besser.

 

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich´s meine.

 

III.

Nun lädt uns Jesus ein, einander zu vergeben. Nicht notgedrungen, weil wir doch Christen sind. Jesus sagte nicht, dass es eine Pflicht zur Vergebung gibt, doch er wollte das menschliche Bewusstsein für den Spielraum schärfen, den der Mensch in seinem Denken und Handeln hat – und für die Verantwortung, die wir für unser Zusammenleben haben.

 

So wie man Liebe nicht befehlen kann, wenn man darunter ausschließlich ein Gefühl versteht, genauso wenig lässt sich auch die Bereitschaft zur Vergebung verordnen, wenn damit nur der Wechsel von negativen zu positiven Gefühlen gemeint ist.

 

Wie kann in mir die Kraft zum Vergeben reifen? So, dass ich mich auf meinen inneren Prozess der Vergebung einlassen kann? Das wird im dritten Teil der Predigtreihe am nächsten Sonntag im Mittelpunkt stehen: „Lebenskunst Vergebung - Warum Vergebung nicht vergeblich ist“.

 

Jetzt möchte ich zum Abschluss sechs Aspekte aufzeigen, die uns helfen können, Jesu Einladung zum Vergeben anzunehmen:

 

1. Es ist gut und richtig, wenn Sie ihren Herzblut-Bereich haben. Und es ist gut, ihn zu kennen, wo der Bereich liegt, bei dem es Ihnen besonders nahe geht: bei Besitz, Lust oder Ehre. Erst, wenn ich den Bereich kenne, bei dem ich besonders empfindlich bin, kann ich auch lernen, mich rechtzeitig und eindeutig abzugrenzen, sobald jemand meinem Herzblut-Bereich zu nahe kommt. Eben dazu muss ich ihn kennen. Dann kann ich auch lernen, mit den empfundenen Kränkungen umzugehen. Denn wenn ich weiss, was mich verletzt, dann erst weiss ich auch, was ich vergeben kann.

 

2. Zu vergeben fällt uns schwer, weil wir uns schwer damit tun, über Schuld und Schuldgefühle zu sprechen. Und das fängt bei uns selbst an. Wir können oft anderen nicht vergeben, weil wir mit uns selbst sehr unversöhnlich umgehen, so lieblos, so wenig einfühlsam.

 

Das halte ich mit für das größte Hindernis auf dem Weg der Vergebung: Viele Menschen haben Schwierigkeiten, sich selbst zu vergeben. Sie können sich nicht verzeihen, so schwach gewesen zu sein, so versagt zu haben oder andere enttäuscht zu haben. Sich selbst vergeben zu können bedeutet: sich mitsamt seiner Schuld annehmen zu können; annehmen zu können, dass zum Mensch-Sein schuldig werden gehört; dass Schuld nicht verdrängt oder schöngeredet werden darf. Dazu lädt uns Jesus ein: Wer im Lichte Gottes steht, der sieht seine Flecken, ja, der darf aber auch glauben, dass Gott mit großer Gnade auf diese dunklen Seite der Seele schaut.

 

Hinter dieser Unversöhnlichkeit sich selbst gegenüber steht oft eine ausgeprägte Leistungsorientierung: eine Einstellung, der zufolge versagen, Schwäche und Schuld das Schlimmste sind, was einem Menschen passieren kann. Erst wenn ich beginne, mit mir selbst barmherziger und gnädiger umzugehen, wächst in mir der Raum, auch anderen gegenüber vergebungsbereit zu werden.

 

3. Ich versuche, das, was geschehen ist, zu verstehen. Da kann ich etwas sortieren, die Hintergründe, die Vorgeschichte. Verstehen heißt dann noch nicht: für gut halten oder berechtigt finden, aber es löst ein Stück der Kränkung, dass das ein persönlicher Angriff sei.

 

4. Ich lerne, bewusst zu unterscheiden zwischen meiner emotionalen Betroffenheit und meiner ganzen Persönlichkeit: Auch wenn ein Teil von mir verwundet wurde, ist doch Vieles unversehrt und heil geblieben. Das Gesunde und Starke an mir ist immer noch größer als das Angeknackste und Verletzte. Gerade der Blick auf das Kreuz, an dem Jesus meine und die Schuld der Welt trägt, kann mir heilsam helfen, mich als geliebtes Original Gottes zu verstehen, mit allen Brüchen, Rissen und allem Versagen, das ich spüre. – so wie es im Psalm 139 heißt (v.14): „Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Ich danke Dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind Deine Werke, das erkennt meine Seele“.

 

5. Ich kann meine empfundene Kränkung Gott anvertrauen und ihm im Gebet um Kraft zur Vergebung bitten, dass Gottes belebender Geist in festgefahrene Situationen hineinkomme und dass Gott mir Geduld schenke auf dem Weg, bis ich zur Vergebung reif und fähig werde.

 

6. Und schließlich: es tut unheimlich gut, wenn ich vergeben kann. Es befreit mich, wenn ich vergebe, dann werden Kopf und Herz wieder frei. Ich werde frei vom anderen, ich bin nicht mehr manipulierbar, ich habe Frieden in mir, es gräbt nicht ständig der Groll schwarze Löcher in meine Seele.

 

Jemanden nicht zu vergeben bedeutet, Kräfte zu binden. Ich bin nicht bei mir selbst. Ich trage dem anderen etwas nach – spüren Sie, was in diesem Wörtchen „nach-tragen“ drin steckt? Wenn ich einem anderen etwas nachtrage, dann gehe ich keine eigenen Wege. Dann laufe ich letztlich ihm hinterher, trage ihm nach. Vergeben bedeutet, frei werden.

 

Wir haben den Weg zur Vergebung letzte Woche damit begonnen, dass sich jede und jeder ein Bibelwort, ein gutes Wort von Gott für die eigene Seele mitnehmen konnte: Gott steht mir zur Seite, das darf ich glauben, was auch immer geschieht.

 

Ich lade Sie und euch heute ein, einen weiteren Schritt zu tun. Es gibt so Vieles, was mir auf der Seele liegt, was mich belastet: Es kann Schuld sein, die ich in mir spüre; die ich anderen zugefügt habe. Es können Verletzungen sein, die mir zugefügt wurden und die auf mir lasten. Hier am Kreuz haben sie ihren Platz. Hier kann ich ablegen, was mir auf der Seele liegt. Ich darf es zum Kreuz bringen in Form eines Steines. Ich kann den Stein ablegen, ganz in Ruhe, in der Stille und Gott um Verwandlung, um Befreiung, um Nachsicht bitten, damit ich mir und anderen nichts mehr nach- tragen muss.

 

Andreas Goetze

 

 

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