Dietrich Bonhoeffer –
„Von guten Mächten wunderbar geborgen“
(Jer.9,22+23)
12.02.2006
von Pastor Andreas Goetze und Sozialarbeiterin Daisy Schütz
A: Liebe Freundinnen und Freunde in Christus: Die Gnade Gottes und der Friede unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
B: „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“ – Dieses Bibelwort aus dem Buch der Sprüche im Alten Testament war Dietrich Bonhoeffers Leitspruch. „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“. Und er schreibt dazu: „Wer weiß denn das heute noch in der Kirche, dass dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?“
A: „In solchen Zeiten“ – Seit dem 1. April 1933 war die NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei an der Macht. Hitler befehlte sogleich einen reichsweiten Boykott aller jüdischen Geschäfte. Er belegte alle „nichtarischen“, d.h. jüdischen Hochschullehrer, Juristen, Verwaltungsbeamte und andere mit Berufsverbot.
B: Und was tat die evangelische Kirche? Sie schwieg. Sie tat ihren Mund eben nicht auf für die Stummen.
A: Ich habe mich immer gefragt, woher das kommt. Warum gab es keine oder nur sehr wenige Proteste?
B: In der evangelischen Kirche war man mit dem Handeln der NSDAP und dem neune Staat weitgehend einverstanden, wenn man auch die brutalen Ausschreitungen ablehnte. Die evangelischen Christen in Deutschland waren größtenteils antisemitisch eingestellt. Bei ihnen fand die NS-Propaganda großen Widerhall.
A: Ja, das ist bitter zu erkennen: die deutschen Theologen waren in ihrer Lehre weithin antijudaistisch geprägt. Man lehnte das Alte Testament ab oder sah darin höchstens einen Vorläufer zum Neuen Testament. Man war sich gar nicht klar, dass Jesus selbst Jude war und 100% in der jüdischen Tradition beheimatet war. Und man nahm nicht zur Kenntnis, dass bereits das Alte Testament ganz und gar Evangelium ist – gute Botschaft vom liebenden Gott, der treu zu seinem Volk Israel und damit zu allen Menschen steht.
B: Hinzu kam auch noch, dass man einer falsch verstandenen Zwei-Reiche-Lehre nachhing. Auf der einen Seite war da Gottes Reich, auf der anderen Seite war das Reich der Welt. Und beide hatten direkt nichts miteinander zu tun. Das Reich der Welt hat eben seine Eigendynamik, die Obrigkeit war gottgegeben. So ging man zu Hitler nicht auf kritische Distanz.
A: Doch „tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen“. Mit dieser Einstellung wandte sich Bonhoeffer ganz bewusst gegen das Verhalten vieler Christen während der NS-Herrschaft, die glaubten, sich nicht in Welt und Politik einmischen zu dürfen.
B: Diesem Denken in zwei Räumen – hier Welt, dort der Himmel oder Gott – dieses Denken lehnte Bonhoeffer ab. Das Reich Gottes und die Welt, Predigt und Politik, Bergpredigt und Alltag gehören für ihn untrennbar zusammen.
A: Bonhoeffer sagte 1937 in einer Predigt über Psalm 58: „Eine böse Zeit, wenn die Welt stumm das Unrecht geschehen lässt: Wenn die Bedrückung der Armen und Elenden laut zum Himmel schreit, und die Richter und Herren der Welt schweigen dazu. Menschenkinder sind es, denen Unrecht geschieht. Muss denn das in solchen Zeiten immer vergessen sein?“
B: Wie soll ich mich verhalten angesichts des täglichen Unrechts und der pervertierten Moral? Wozu bin ich als Christ jetzt aufgefordert? Was würde Jesus jetzt tun?
A: Wie ich Bonhoeffer verstanden habe, fußt sein ganzer Glaube auf einer schlichten Überzeugung, die er selbst so formulierte: „Gott will in der Mitte des Lebens gefunden sein, nicht an den Rändern und in Grenzsituationen“. Es geht ihm um Nachfolge Jesu mitten in der Welt. Denn diese Welt ist Gottes uns anvertraute Schöpfung. Und wir sind für sie verantwortlich.
B: Ja, ich denke, dass Bonhoeffer eine große Achtung vor der Welt hatte. Und diese Achtung vor der Welt entsprang seinem Glauben an Gott, wie er sich besonders im Alten Testament zeigt: Schon der 22jährige Bonhoeffer predigte: „Gott hat die Erde zu unserer Mutter gemacht... willst du Gott, so halte dich an die Welt... Ihr wollt Ewigkeit finden, so dienet der Zeit.“
A: Gerade das Alte Testament ist hier wunderbar konkret: Gott gilt es, mitten im Leben zu finden. So schreibt der Prophet Jeremia in dem für heute vorgeschlagenen Predigttext (Jer.9,22+23): „So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern: wer sich rühmen will, der rühme sich, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, denn solches gefällt mir, spricht Gott, der Herr“.
B: Ja, die Verpflichtung auf Frieden und Gerechtigkeit wurde für Bonhoeffer zum bestimmenden Grundmotiv. Und dabei hat er besonders die im Blick, die nicht für sich selbst sprechen können und denen Unrecht geschieht.
A: Eine große Gefahr sah Bonhoeffer darin, die christliche Auferstehungshoffnung ins Jenseits zu drängen. Dann hätte man auch Gott aus der Welt herausgedrängt. Auferstehungshoffnung beginnt aber nicht nach dem Tod, sondern bereits hier mitten im Leben. Der geschichtliche Bezug der Erlösung darf nicht aufgegeben werden. Christentum ist keine jenseitige Erlösungsreligion.
B: Und genau das können Christen nur entdecken, wenn sie das Alte Testament ernst nehmen für ihren Glauben: denn hier wirkt Gott in der Geschichte.
A: Ja, Israel wird aus der Knechtschaft aus Ägypten erlöst, damit es als Volk Gottes auf Erden vor Gott leben kann.
B: Auferstehungshoffnung verweist in ganz besonderer Weise an das Leben auf der Erde. Das Diesseits darf nicht vorschnell zugunsten eines Jenseits aufgegeben werden. Wie wir es auch in der neutestamentlichen Lesung gehört haben (Matthäus 17, 1-9): Es wäre ja so schön gewesen, die Hütten auf dem Berg zu bauen und dort oben zu bleiben, entrückt von der Welt. Aber genau das lehnt Jesus in guter jüdischer Tradition ab: er geht mit seinen Jüngern wieder vom Berg hinunter, hinein in die Welt, hinein in ihr Leiden.
A: So erteilt Bonhoeffer einem „Gewohnheitschristentum“ eine klare Absage. Es geht nicht um ein bisschen religiös sein und sich aufs Jenseits vertrösten zu lassen nach dem Motto: „hier kann ich eh nichts ändern“. Der religiöse Mensch ist für Bonhoeffer ein „Heilsegoist“: dem geht es nur um sich selbst, dass es ihm wohlergehe, dass seine religiösen Wünsche erfüllt werden.
B: Wer die Welt an sich heran läßt, dem kommt Gott nahe. „Nicht nur im Fundamentalen, sondern im Alltäglichen ist Gott. Es gilt, die Bewegung der Menschwerdung Gottes im eigenen Leben aufzunehmen und uns so auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten: „Weil Christus kommt, darum sollen wir Menschen sein und sollen wir gut sein“.
A: Wenn wir um die letzten Dinge wissen, nämlich von Gottes Ewigkeit, dann ist es gerade nicht egal, wie wir im Vorletzten leben: „Es ist nicht egal, ob wir uns menschlich oder unmenschlich verhalten, ob wir uns für das Gute oder das Böse entscheiden. Wo aber der Mensch zum Ding, zur Ware, zur Maschine wird, und wo die Ordnungen willkürlich zerstört werden und zwischen `gut` und `böse` nicht mehr unterschieden wird … – dort gilt es, dem „Rad in die Speichen zu fallen“.
B: Bonhoeffer greift den Begriff der „Wegbereitung“ auf: „Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben“ (Lukas 3,4). Alles, was wir tun, müssen wir unter dem Gesichtspunkt überprüfen, ob es dem Kommen Jesu den Weg bereitet oder versperrt. Es wäre eine Lästerung Gottes und des Nächsten, den Hungrigen hungrig zu lassen. Daher setzt sich Bonhoeffer so vehement für die Juden ein, „ die schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi“.
A: Jesus ist der „Mensch für andere.“ Das „Für-andere-Dasein“ Jesu ist die Transzendenz-Erfahrung, d.h. die Erfahrung, die einen nicht nur auf sich selbst schauen lässt, sondern die den Blick hebt auf den ewigen Gott, „der gefallen hat an Recht und Gerechtigkeit“, wie es der Prophet Jeremia sagt.
B: So prägte Bonhoeffer den Satz: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist! (...) Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, „für andere dazusein. (...). Das Leben Jesu Christi ist auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Christus lebt es weiter in dem Leben seiner Nachfolger. Ohne Nachfolger ist Jesus gestorben. Ohne Menschen, die leben und handeln wie er, bleibt Gott unsichtbar. (...) Gott selbst lässt sich von uns im Menschlichen dienen.“
B: Bonhoeffer ist es dabei nicht um die Kirche gegangen, sondern um das Evangelium Jesu. Er kämpfte für die Freude am Leben, für das Vertrauen in Gott und für die menschliche Selbstachtung. Bonhoeffer liebte das Leben und sagte der Lebensfreude niemals „Adieu“. Gerade deshalb blieb er wachsam für die Welt.
A: So hat er bereits früh geahnt, was dann gekommen ist: Zu viele in Deutschland haben „Heil“ gerufen und sich an einen irdischen Machthaber geklammert.
B: Wenn wir uns als Christen dazu bekennen, dass Jesus Christus wiederkommen wir „zu richten die Lebenden und die Toten“ – wie können wir dann unser Vertrauen in Karriere, Geld, Ansehen, Besitz oder andere „irdische Machthaber“ setzen?
A: Glaube ist das Teilnehmen am Sein Jesu Christi (an seiner Menschwerdung, seiner Kreuzigung, seiner Auferstehung). Unser Verhältnis zu Gott ist kein „religiöses“, d.h. kein Verhältnis zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen „irgendwo oben im Himmel“ – dies ist keine echte Transzendenz, das ist bloß „religiös sein“. Es geht vielmehr um unser Verhältnis zu Gott in einem neuen Leben im „Dasein für andere“, in der Teilnahme am Sein Jesu. Und dabei um die Erkenntnis: „Nicht alle unsere Wünsche erfüllt Gott, aber alle seine Verheißungen“.
B: Achtung vor der Welt war für Bonhoeffer vor allem Achtung vor dem Menschen, Gottes geliebtem Ebenbild. „Christsein heißt nicht in einer bestimmten Weise religiös sein, sondern es heißt Mensch sein.“ (Leben als Zeitgenosse in einer von Gott geliebten Welt). „Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. (...). Nicht ein bisschen religiös sein, das bringt´s nicht. Denn „der religiöse Akt ist immer etwas Partielles, der „Glaube“ ist etwas Ganzes, ein Lebensakt“. Denn Glaube ist Lebenshingabe, unendliches Vertrauen.
A: Sich in Gott geborgen und von guten Mächten getragen zu wissen, gibt uns Christen Hoffnung. So schreibt Bonhoeffer: „Lasst uns nicht kleinmütig werden! Gott hat es so gemacht, dass das Herz des Menschen stärker ist als alle irdischen Gewalten. Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren; eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint; eine Kraft, Rückschläge zu ertragen; eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.(...) Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“
B: Dabei werden wir durchaus radikal und schonungslos auf Gott allein geworfen. „Gott ist mit uns“ – können wir dessen wirklich gewiss sein? Bonhoeffer saß das zweite Jahr im Gefängnis, Europa versank in Tod und Zerstörung und von den Juden hat kaum ein einziger sich vor dem Morden retten können.
A: Sollte Gott da sein? Sollte das wahr sein: „Gott ist mit uns – gewiss an jedem neuen Tag?“
B: Natürlich hat Bonhoeffer so gefragt – und nur wer so fragt, versteht auch seine Antwort: „Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. (…) Vor und mit Gott leben wir wie ohne Gott“. Bonhoeffer hinterlässt uns eine Harte Erkenntnis: es gibt Phasen im Leben, in denen Gott nicht zu sehen ist, in denen es scheint, als hätte er sein Gesicht verloren.
A: An der Achtung vor Gott hat Bonhoeffer deswegen immer festgehalten. Schon als Kind lebte er in jener glücklichen Gewissheit, die er später so formuliert hat: „An Gott glauben heißt, in jedem Augenblick eine rettende, schöpferische Möglichkeit sehen.“
B: Ja, aus diesem Glauben heraus gestaltete er seinen Alltag, gewann er seinen Lebensstil: Er lebte und spielte gerne und liebte die Musik und den Sport. Mit seiner positiven Ausstrahlung konnte er beinahe jeden Menschen gewinnen.
A: „Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht. Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt.
B: Im Morgengrauen des 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg auf persönliche Anordnung Hitlers umgebracht. Aus der Achtung vor Gott und den Menschen ist er im besten Sinne des Wortes zu einem Hoffnungsträger geworden, zu einem „Glaubenshelfer“. Wir sind aufgerufen, immer und überall Zeugnis dafür abzulegen, dass Jesus Christus der Herr ist – gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Amen.
|