Predigtreihe: „Geschenk Leben“ – oder: ohne Sonntag gibt´s nur Werktage (Teil 3)
Die Kunst, Zeit zu haben – Das ewige Problem (Lk. 10, 38-42)
I:
Jede Epoche hat ein ganz bestimmtes, sie kennzeichnendes Lebensgefühl. Im Lebensgefühl des modernen Menschen spielt das Bewusstsein, unter Zeitdruck zu stehen, eine beherrschende Rolle. Es ist schon beinahe selbstverständlich, dass wir in Eile sind. Mancher hat vielleicht schon ein schlechtes Gewissen, wenn er einmal Zeit hat. Einfach nur zu gehen, bummeln, müßig gehen – wer hat den Mut dazu?
Die Symbole unserer Zeit sind die Normaluhren, die uns auf Bahnhöfen und Plätzen, in Geschäften und Hallen anlächeln oder anstarren und uns ihr Wissen aufdrängen: Es ist jetzt … Uhr! Und wer im Zweifel ist, muss nur eine bestimmte Nummer wählen und erfährt genau, wie viel Zeit er noch hat. Zeitansagen im Radio schärfen uns ein: die Uhr läuft. Und der Terminkalender! Überall da, allgegenwärtig. Ich kenne mich selbst: ohne meine Frau sage ich schon ´mal ´was, ohne meinen Terminkalender sage ich nichts!
Im Mittelalter war ein solcher buchhalterischer Umgang mit der Zeit; der Versuch, aus ihr Profit zu schlagen, eine Todsünde. Das war Raub an einem Gut, über das zu verfügen den Menschen gar nicht zustand. Die Zeit war Gottes. Sie zu einem Wirtschaftsfaktor, zu einem persönlichen Kapital zu erklären, wäre den Menschen gotteslästerlich erschienen. Heute ist Zeit etwas, das man raffen, sparen, mehren und gewinnen kann und dann auch wieder verlieren, vertreiben, totschlagen. Im Terminkalender wird über all diese Transaktionen Buch geführt.
Es scheint fast so zu sein: Je schneller wir uns fortbewegen können, desto knapper wird die Zeit. Allerdings möchte ich nicht gleich einer Täuschung erliegen. Es liegt immer etwas Unwahres in dem für uns so typischen Satz: „Ich habe keine Zeit“. Haben wir doch alle einen Tag, der für alle Menschen wirklich die gleiche Dauer von 24 Stunden hat. Hier sind wir ´mal wirklich gleich. Diese 24 Stunden haben wir. Der Satz: „Ich habe keine Zeit“ müsste eigentlich immer eine Fortsetzung haben: „Ich habe keine Zeit, um …“. Und diese meist unausgesprochen bleibende Fortsetzung enthält die eigentliche Wahrheit: ein Mensch hat keine Zeit, das zu tun, was er tun wollte oder sollte.
Auffällig ist dabei, dass es oft die schönsten Dinge des Lebens sind, für die wir keine Zeit haben. Wie oft kann man den Satz hören: „Ich würde ja so gerne…, aber ich habe keine Zeit“. Einmal in Ruhe ein Buch lesen, wieder ´mal das verstaubte Musikinstrument herausholen, eine halbe Stunde eine Stille Zeit mit Gott zu haben. Das ist oftmals unsere eigentliche Not: für das, was wir liebend gerne tun möchten, haben wir keine Zeit. Doch ist diese Auffassung richtig? Wenn wir die Dinge, für die wir angeblich keine Zeit haben, wirklich liebten, hätten wir Zeit für sie.
Wir wollen uns nichts vormachen. Der Satz: „Ich würde mich ja so gern einmal ausgiebig mit meiner Tochter, mit meinem Partner unterhalten, aber ich habe leider keine Zeit dazu“ ist eine vornehm verkleidete Lüge. Die grausame Wirklichkeit, die der Satz besagt, ist: „Ich würde mich ja gerne mit meiner Tochter, mit meinem Partner unterhalten, aber so wichtig ist es mir auch wieder nicht, und darum nehme ich mir keine Zeit dafür“.
Sage mir, wofür Du Zeit hast, und ich sage Dir, was Dir die Dinge bedeuten. An der Menge der Zeit, die wir für etwas übrig haben, lässt sich ablesen, was uns die Dinge wert sind. Die Wertskala, die unser Tun und Lassen bestimmt, wird an unserem Zeitplan offenbar. Je wesentlicher etwas für uns ist, desto leichter fällt es uns, Zeit dafür zu opfern. Das gilt auch für unsere Zeit mit Gott.
Musik
II.
Eine besondere Not wird hier sichtbar: wir wissen überhaupt nicht mehr, was wesentlich ist und was nicht! Unsere Sinne sind vernebelt, und nun ´verschleudern wir die kostbare Zeit an lauter Nebensächlichkeiten, die wir mit einem Ernst betreiben, als seien sie ungeheuer wichtig. Wir gleichen dem Kaufmann in St. – Exupérys „Kleinem Prinzen“, der über seinen Additionen sitzt und, weil er ein ernsthafter Mann ist, keine Zeit hat sich der kindlichen Frage, was er denn eigentlich zähle, zu stellen. Obwohl das doch die einzig wesentliche Frage ist. Dinge zählen, deren Wert höchst fraglich ist – dafür alle Kraft und alle Zeit einsetzen, das ist doch sehr töricht.
Aber um zu wissen, was nun eigentlich wesentlich und was unwesentlich ist, müsste man die Zeit haben, diesem Unterschied auf die Spur zu kommen. Denn es liegt nicht offen vor jedermanns Augen. Nur demjenigen, der die Dinge geduldig betrachtet, der ihren Stimmen sorgfältig lauscht und sie mit vorsichtigem Zögern abtastet, zeigt sich der Unterschied. Aber damit schließt sich der Teufelskreis: dafür müsste man Zeit haben, aber gerade daran fehlt es ja.
Nun wird immer mehr Menschen diese Not bewusst und sie versuchen, Abhilfe zu schaffen. Als bestes Mittel erscheint dann meistens eine straffe Ordnung, ein genauer Zeitplan für den ganzen Tag, um die „Zeit nicht zu verplempern“. Freilich: nach einiger Zeit werden wir feststellen, dass die straffe Ordnung des Tagesablaufes auch ihre Schattenseiten hat. Gewiss: wir schaffen mehr als vorher. Aber plötzlich stellt sich das Gefühl ein, auch wirklich „geschafft“ zu sein. Uhr und Terminkalender haben ihre gnadenlose Herrschaft angetreten und regieren unerbittlich und lassen uns keine Zeit mehr. Wir haben unsere Arbeit „rationalisiert“.
Auch die Kirche gibt sich fortschrittlich. Sie bietet Kurzpredigten und Kurzandachten an. Und auf dem Büchermarkt gibt es ein Andachtsbuch mit dem verführerischen Titel: „sei fünf Minuten still!“. Auch das Essen lässt sich beschleunigen: Schnellgaststätten, Schnellimbissbuden („fast food“ sagen manche) haben sich - nicht ganz uneigennützig - in den Dienst der Not leidenden Menschen gestellt, die auf diese Weise keine Zeit mehr beim Essen verlieren müssen. So sparen wir überall Zeit und fühlen uns doch nicht wohl.
Denn wir schaffen zwar mehr, aber wissen immer noch nicht, was nun eigentlich wesentlich ist. Immer noch gilt das Wort des Psalms 90: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“. Und so bleibt alles, mit Worten des Predigers von letzter Woche, „ein Haschen nach Wind“.
Was wir eigentlich brauchen und was uns eigentlich fehlt, ist nicht Zeit, sondern Ewigkeit. Unser eigentlicher Mangel ist, dass wir Ewigkeit so wenig kennen. Von einem Mangel an Zeit zu sprechen, finde ich ganz unangemessen. Sind denn die sprichwörtlichen 70 oder 80 Jahre des Bibelwortes (Psalm 90,10) wirklich zu wenig?
Überlicherweise verstehen wir unter „Ewigkeit“ einfach eine besonders lange Zeitdauer. So sagen wir: „Das dauert ja eine Ewigkeit, bis der Kellner kommt“. Und dann verbinden wir „Ewigkeit“ mit dem, was nach der Zeit auf uns wartet. So wird „Ewigkeit“ volkstümlich zu einer grenzenlosen, nie enden wollenden Zeit. Soll das heißen, dass in der „Ewigkeit“ die Uhren endlos ticken? Wer Ewigkeit so versteht, bei dem wundert es mich nicht, dass er „Ewigkeit“ nicht als etwas Schönes und Begehrenswertes ansieht – einfach verlängerte Zeit ohne Ende ist auf Dauer Langeweile pur.
Anders in der Bibel. Wenn in der Bibel vom ewigen Leben gesprochen wird, geht es dabei immer um ein wahrhaftiges Leben. Das „ewige Leben“ ist ein Qualitätsbegriff; ewig verdient nur das genannt zu werden, was Bestand hat und gibt, was treu ist, wahrhaftig glaubwürdig. Ewigkeit heißt dann nicht, dass die Uhren endlos ticken, sondern dass dann überhaupt gar keine Uhren mehr nötig sind, weil – um Worte des Apostels Paulus zu gebrauchen – Gott „alles in allem ist“ (1. Kor.15,28). Ewigkeit ist also grundsätzlich Gottes Ewigkeit. Ihr wichtigstes Merkmal ist nicht einfach die Dauer, sondern die Schönheit.
Diese Schönheit ist aber allumfassend, ist nicht mehr teilbar, d.h. sie ist so gestaltet, dass sich die Frage nach der Zeit verbietet. Da gibt es kein „zuerst“ und „zuletzt“. Da ist die Fülle, das ganze, wahrhaftige, beständige und schöne – eben das ewige Leben.
Gott und Ewigkeit rücken ganz nahe zusammen. Ja, Gott ist sozusagen Ewigkeit in Person. In ihm liegen Ursprung und Ziel der Zeit. Aus ihm ist die Zeit hervorgegangen und zu ihm kehrt sie zurück. Gottes Ewigkeit, das ist das Wesentliche, auf das es ankommt. Und nur wer die Ewigkeit kennt, weiß, was wirklich wesentlich ist, und vermag zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden. Er kennt das Eine, das Not tut, den Einen – und er verfällt nicht mehr der verführerischen Macht des „Viel-zu-Vielen“, das sich so gerne als notwendig aufdrängen möchte.
Schauen wir auf die Begegnung von Jesus mit Maria und Martha, die wir vorhin in der Lesung hörten:
Was Maria von Martha in der Begegnung mit Jesus unterscheidet ist, dass Maria jetzt, in diesem Augenblick, als Jesus bei ihr ist, ganz da ist, ganz gegenwärtig. Sie erfährt die Schönheit und Fülle des Lebens, erfährt sich als 100% angenommen durch die Liebe, die Gott in Jesus zu ihr hat. In ihre Lebenszeit kam die Ewigkeit in Person durch Jesus. Gott ist da. Alles hetzen, antreiben, Zeit verlieren hat ein Ende. Maria setzt sich zu Jesu Füßen. Und Martha? Martha eilt, rennt. Ihr sagt Jesus: „Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe“. Denn Martha ist nicht wirklich gegenwärtig, nicht wirklich da in ihrem Tun.
Die Geschichte von Martha und Maria wäre missverstanden, wenn wir sie lesen als einen Gegensatz in dem Sinne, dass die eine arbeitet und die andere bei Jesus sitzt. Marthas Sorge und Mühe ist nicht die Arbeit, sondern ihre Ruhelosigkeit bei der Arbeit, ihre fehlende Hingabe im Augenblick! Martha kann nicht einfach das, was sie tut, ganz gegenwärtig tun. Sie ist nicht im Augenblick, nicht wirklich bei ihrer Arbeit. Und das unterscheidet sie von Maria. Maria lässt sich nicht blenden von etwas Besserem nachher. Sie ist jetzt ganz und gar da. Angekommen bei Gott und so bei sich selbst.
Maria ist einfach absichtslos da. Zeit lässt sich eben nicht durch „Zeit sparen“ gewinnen, eben nicht dadurch, dass ich alles noch schneller tue, sondern nur durch Hingabe an die Zeit, die ein Geschenk des ewigen Gottes ist. Nur wenn ich mich mit dem Augenblick verbinde und mir Zeit nehme wie Maria, gewinne ich kostbare Lebenszeit auch wenn das dauert.
Die Schönheit, die Ganzheit, die Seligkeit der Ewigkeit schon hier, in dieser Zeit, zu erfahren, das ist die große Sehnsucht des Menschen. Nur wie erfahren wir die „Ewigkeit in der Zeit“? Die Fülle, die Ganzheit, nach der wir uns sehnen? Antwort: wenn wir zur Ruhe kommen.
Allerdings stellt sich dann eine gewisse Schwierigkeit ein: Wenn wir uns die Ruhe gönnen und ins Schweigen gehen, dann geht es einem oft so, dass anstelle der erhofften Ruhe und seliger Visionen esrt ´mal ganz unverhoffte Erfahrungen treten. D scheint plötzlich all das aufzustehen, was wir gar nicht gerne sehen wollen; was wir nicht wahrhaben wollen, weil es in das Bild, das wir von uns selbst gezimmert haben, nicht hineinpassen will: unsere unbewältigte Vergangenheit mit all ihren ungeheilten Wunden; unsere innere Leere und unsere geheime Angst und Sorge um die Zukunft.
Und plötzlich wissen wir, warum unsere Sehnsucht nach Zerstreuung so groß ist; warum wir es gerne haben, wenn wir abgelenkt werden und Vieles andere zu tun haben. In der Begegnung mit dem Wesentlichen steht am Anfang die Erfahrung der eigenen Unruhe, der eigenen Schwachheit, der eigenen Grenzen. Im Angesicht der Fülle Gottes sehen wir unsere Leere. Wir sind voll Sehnsucht nach dem Wesentlichen und sind doch zugleich auf der Flucht vor ihm. Wir leiden unter unserer Oberflächlichkeit und lieben sie doch, so dass wir sie nicht preisgeben wollen. So rennen wir oft lieber wie Martha herum als uns wie Maria zu Jesus zu setzen.
Es gibt noch eine andere Schwierigkeit, die ich sehe: Unser Tun ist über weite Strecken nur von einem Wunsch beseelt: dem Wunsch, schnell fertig zu werden. Dieses Verlangen hat den anderen Wunsch, gut fertig zu werden, erstickt. Fertigwerden ist vielfach das höchste Ziel. Wie bei Martha: Sie will nur schnell fertig werden und ist sauer, dass Jesus Maria nicht auffordert, ihr zu helfen, damit es für sie nachher besser ist. Es ist eine Tragik, dass es uns nur zu oft so geht, dass wir uns beeilen, um nach getaner Arbeit etwas anderes, Besseres tun zu können; dass wir dann dieses vermeintlich Bessere auch wieder in der gleichen Grundstimmung verrichten. Und so entsteht womöglich eine lange Kette. Immer herrscht das Gefühl, dass das eigentliche Leben erst nachher beginnen wird.
Dieses imaginäre „Nachher“ verdirbt unsere Arbeit. Es ist das eigentliche Kennzeichen unseres Atheismus, unserer Gottlosigkeit. Der Gottesglaube ist nicht vom Nachher beseelt, sondern vom Jetzt. Vertröstungen auf später sind das Kennzeichen des Unglaubens. Der Glaube vertröstet nicht, sondern beschenkt auf der Stelle.
Musik
III.
Das Eigentliche besonders Wunderbare und Geheimnisvolle geschah für uns Menschen an Weihnachten. Gott begibt sich in die Zeit. Ewigkeit hat mit Jesus in der Zeit Wohnung genommen. Der Ewige macht sich klein in einem Leben, in dem die Uhr tickt. Gott begibt sich in die Zeit, in die Phasen des Lebens, in den Rhythmus des Jahres. Wir sind eingeladen, diesen Impuls Gottes in uns wahrzunehmen und ihm Raum zu geben.
Gottes Ewigkeit, das heißt Wahrheit, Sinn, Schönheit, Klarheit, Friede. Sie sind das große Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Sie sind durch nichts zu ersetzen. Kann es wirklich Wesentlicheres geben? Wer sich auf Gottes Ewigkeit konzentriert, wird eine merkwürdige Erfahrung machen: er entdeckt, dass er mit der Ewigkeit auch die Zeit gewonnen hat. Wir können wirklich beten: „Der Du, Gott, die Zeit in Händen hast …“. Wer die Ewigkeit, d.h. das wahre, beständige Leben, die Fülle und die Hingabe sucht, der findet auch die Zeit. Wer aber die Ewigkeit versäumt, dem entgleitet auch gleichzeitig die Zeit. Jesus sagt das so: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch alles andere zufallen“ (Mt. 6,33).
Wer den Ursprung und das Ziel der Zeit kennt, der weiß, was wesentlich ist. Er sucht im Zeitlichen das Ewige, den Ewigen – Gott. Wesentlich leben – d.h. ich bin nicht selbst die Mitte meines Lebens. Leben ist ein Geschenk. Wesentlich leben – in allem, was ich bin und tue, bin ich mir der liebenden Aufmerksamkeit Gottes bewusst. In jeder Zeit, in der ich lebe.
In der Zeit, in der ich lebe. Es ist an dieser Stelle zunächst einmal gut, wenn wir uns vergegenwärtigen, was Zeit eigentlich ist. Genauer: Wie erfahre ich „Die Zeit“? Will ich die Zeit richtig verstehen, muss ich die spitzen Zeiger der Uhr vergessen und ihr Ticken überhören. Ich muss etwa an einen Reigen denken, an ein Ballet, das zum Klang einer Musik seine Figuren darbietet. Eine Gestalt folgt der anderen, ein Bild löst das andere ab, mit scheinbar müheloser Leichtigkeit, in leichtem Schweben, dem Gesetz des Rhythmus folgend. Das könnte das Bild unseres Lebens sein.
Wie kann eine solche Haltung und Einstellung in uns wachsen? Ich möchte vier Aspekte herausgreifen:
1. Den großen Rhythmus des Lebens, der unser Dasein bestimmt, wahrnehmen: Gestaltete Bewegung – das hieße, dass wir unser Leben als ein Leben im Rhythmus verstehen. Wenn wir ein gesundes Verhältnis zur Zeit gewinnen wollen, müssen wir dem Rhythmus von Tag, Woche und Jahr unsere Aufmerksamkeit schenken. Den Rhythmus der Jahreszeiten, dem Lauf des Kirchenjahres wirklich in unserem Leben Raum geben. Jetzt ist Passionszeit, es ist noch nicht Ostern.
Nicht die Fülle ist angesagt, sondern die Konzentration. Beispielhafter Verzicht auf etwas Liebgewordenes in den sieben Wochen der Passionszeit kann zur Klarheit helfen. Auch Innehalten will geübt sein.
Und für den Rhythmus des Lebens gilt das besonders im Kleinen. Deshalb haben wir den Rhythmus von Sonntag und Werktagen, gibt es mit dem Gottesdienst am Sonntag die Erinnerung und Besinnung auf das Wesentliche, das in der Begegnung mit uns selbst und mit Gott, der Mitte unseres Lebens, liegt. Von der Feier des Sonntags kann mein Leben Ausstrahlung gewinnen, kann ich eine Haltung einüben, sich von dem Einen – von Gott erfüllen zu lassen.
2. Der steten Zuführung von neuen Kräften Raum geben: Jeder Energieverbrauch setzt voraus, dass wir zuvor Energie empfangen haben. Und darum muss auf unserem Plan zuerst all das erscheinen, was uns Kräfte zuführt: der Schlaf und die Ernährung. Und zwar die Ernährung von Leib, Seele und Geist. Diese Dinge dürfen nicht als zusätzliche Pflichten in unserem sowieso schon übervollen Programm untergebracht werden.
Eine „Stille Zeit“ mit Gott, die tägliche Herrenhuter Tageslosung und einem Gebet am Morgen, verbunden mit einer kleinen Atemübung wie vorhin zu Beginn des Gottesdienstes – wenn ich mein Leben aufs Wesentliche ausrichten will, muss ich mir zuerst einmal den Raum dafür reservieren und es stetig einüben. Was für ein Jammer ist es, dass wir so unendlich viel Zeit und Mühe für unseren Bauch aufwenden und darüber unsere Seele verkommen lassen? Was für ein Widersinn ist es, dass viele Zeitgenossen ihre heißgeliebten Autos geradezu zärtlich pflegen und putzen, während ihre „geliebte Seele“ vor Schmutz erstarrt und Hunger stirbt?
3. Sein Leben an der Ewigkeit ausrichten: Ich habe eine Lebensaufgabe: Mensch zu sein. Dafür ist mir eine Menschen – Lebenszeit anvertraut. Nutze ich sie für diese Aufgabe, wird es mir nie an Zeit fehlen. Unser irdisches Leben ist Einstimmung auf den Klang der Ewigkeit. Keiner kommt dabei allerdings darum herum, um des Größeren willen auf das Kleinere zu verzichten. Leben heißt sehen. Jeder Sonntag ist neu wieder eine „Sehschule der Ewigkeit“.
Deshalb hat Gott dem Menschen den Ruhe – und Feiertag geschenkt: Dass wir unser Leben an der Ewigkeit ausrichten und Gottes Fülle für uns erfahren. Leben dürfen in der Gegenwart Gottes – Geschenk der Zeit! Wer den Glauben an die Ewigkeit verloren hat; hat auch die Zeit verloren. Er hat wahrhaftig keine Zeit mehr. Und wer keine Zeit mehr hat, der muss sich fragen, auch wenn er Christ ist, ob sein Glaube gesund ist. Glauben und keine Zeit haben – das ist ein klarer Widerspruch.
4. Die spirituelle Dimension der Arbeit entdecken: Alles, was ich tue, hat Rückwirkung auf der, der ich es tue. Die Sorgfalt, die wir unserer Arbeit angedeihen lassen, kommt keineswegs nur dem Produkt zugute. Sie tut uns selbst gut. In unserem Tun – was auch immer es ist – fällt von Augenblick zu Augenblick eine spirituelle Grundentscheidung, ob wir es wissen oder nicht. Jede Arbeit ist ein Exerzitium, eine Übung der Hingabe. Tue ich sie hingebungsvoll, so ist sie ein Beitrag zu meiner Gesundung. Verweigere ich die Hingabe, so wird mich die Arbeit in tiefster Seele anöden, so dass ich immer nur den Wunsch spüre, sie schnell hinter mich zu bringen.
Dies ist die spirituelle Dimension aller Arbeit, was auch immer ich tue. Als Christ werde ich jede Arbeit von meinem Glauben her so deuten, dass sie etwas zu tun hat mit dem Wirken des ewigen Gottes in der Zeit. Oder wie es Paulus formuliert: „Ich lebe, aber in Wirklichkeit nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20). Ich arbeite, doch in Wirklichkeit nicht ich, sondern Christus in mir, durch mich. So kommt in unser Tun paradoxerweise ein Lassen hinein. Und dieses Lassen ist es, das unser Tun zweifach befreit: von unserer Neigung zur Ruhelosigkeit und Gewaltsamkeit („ich will´s perfekt machen“ – und schone weder mich noch die anderen). Und von unserer Neigung zum Pfuschen („ist doch eh nicht so schlimm, merkt doch keiner!“ – und lüge mir und dem anderen etwas vor).
5. In der Gewissheit der Fülle Gottes leben: Der Ton der Ewigkeit ist unserem Leben in all seinen Äußerungen vorgegeben. Unser Herz ist darauf gerichtet, dass es sich auf eben diesen Ton einstimmt. Es ist gut, wen ein Mensch nach Gottes Willen fragt, um sein Tun davon bestimmen zu lassen. Und das in der Gewissheit, dass es Gottes Art und Weise ist, freigiebig zu sein und verschwenderisch. Ja, Gott verschwendet sich in allem, was er tut, an seine Geschöpfe und wird darüber doch niemals arm. In Gott ist kein Misstrauen und kein Vorbehalt. Nie ist Gott zerstreut. Immer ist er ganz gegenwärtig, in voller göttlicher Kraft und Herrlichkeit präsent. Unser Seelenheil hängt davon ab, dass wir diesen wunderbaren Ton vernehmen. Dieser Ton will uns verzaubern und verwandeln. Auf diesen Ton sollen wir uns einstimmen. Wir tun es, indem wir unsere Ruhelosigkeit, unsere Hetze, unseren Geiz und unser Misstrauen fahren lassen. Wir tun es, indem wir gegenwärtig sind, voller Hingabe an da, was wir gerade tun. Wir tun es, indem wir an Vergebung und Neuanfänge glauben und nicht die Angst haben, im Leben etwas zu verpassen.
Andreas Goetze
(aufgenommen sind Gedanken aus dem Buch von R. Deichgräber: Von der Zeit, die mir gehört)
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