Predigtreihe: „Geschenk Leben! – oder: ohne Sonntag gibt´s nur Werktage“
Die Kunst des Nichts – Tuns – Muße darf sein
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, nimm Dir einen Moment Zeit und frage Dich selbst: Wer oder was hat in meinem Leben das Sagen? Welcher König zieht bei mir immer wieder ein? Wie heißen meine Götter, denen ich tagtäglich Geld, Zeit, Energie opfere?
Stille
Jesus zieht nach Jerusalem ein. Wieviel Erwartungen liegen auf ihm! Was er nicht alles tun soll! Die Menschenmenge jubelt ihm zu, die Leute verehren ihn wie einen König. Und einem König gegenüber kann man Erwartungen haben! Jesus zieht in Jerusalem ein: er wird bestimmt die verhassten Römer hinauswerfen. Er wird uns Heil schaffen und Gerechtigkeit. Er wird uns Brot geben. Er wird uns das Leben neu schenken.
Es sind viele Erwartungen, die Jesus entgegenschlagen. Es wird viel von Jesus erwartet. In all dem Freudentaumel und Hosianna - Rufen fällt den meisten gar nicht auf, dass etwas nicht stimmt bei dem Jesus. Er tritt ganz anders auf, als er es eigentlich von ihren Erwartungen her tun müsste. Er, Jesus, den sie den „König von Israel“ rufen und ihn als neuen König hochleben lassen – er reitet nicht auf einem stolzen Pferd. Er hat keine Streitmacht bei sich. Er trägt kein Schild und auch kein Schwert. Er hat keine goldene Krone auf.
Er reitet auf einem Esel, auf einem ollen Lasttier. Er trägt nicht dick auf, hat nur seine zwölf Jünger und noch einige andere Freundinnen und Freunde bei sich. Kein Machtbeweis geschieht, doch sie jubeln ihn hoch. Es dauert ja auch keine Woche mehr, da schreien die gleichen Leute: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Dann schreien sie ihn ans Kreuz, denn er hat ihre Erwartungen nicht erfüllt.
Wie oft denken Sie, denkst du von Jesus so, wie es Ihnen, Dir passt? Wo habe ich ihn mir zurechtgebogen auf mein Niveau, auf meine Bedürfnisse? Nur nicht stören soll er, dieser Jesus, dann kann er eingereiht werden in die Bedürfnis – Götter unserer Zeit.
Drei möchte ich Ihnen und euch vorstellen.
1. Mächtig in unserer Zeit ist der Konsumgott mit seinem grundsätzlichen Glaubensbekenntnis: „Wer das Meiste hat, hat gewonnen“. Die Guten sind diejenigen, die Dinge kaufen. Die Bösen sind die, die das nicht tun – z.B. weil sie kein Geld haben, weil sie keine Arbeit haben, weil sie schlechte Noten haben oder gar – welch schreckliche Vorstellung – weil sie den Kram für überflüssig halten. Die werden ausgegrenzt. Die kriegen´s gezeigt, dass sie nicht dazugehören. Denn Haben ist alles, kaufen ist Lust. Mehr kaufen ist noch mehr Lust. Kaufen rund um die Uhr, Ladenschluss unnötig, am besten auch sonntags – das verlangt der Konsumgott. Geopfert werden die Angestellten, ihre Ruhepausen, ihr Familienleben. Und wir opfern unsere Zeit, unseren Lebensrhythmus und merken gar nicht, wie wir unser Denken an das Haben und Kaufen immer mehr anpassen. Bis zum 18. Lebensjahr hat jeder durchschnittlich 100.000 Werbespots gesehen, die unablässig Wege zur Erlösung durch Konsum zeigen. Früher ging man einkaufen, weil man etwas zum Leben benötigte, heute ist das Kaufen selbst ein Wert an sich. Eventshopping bis Mitternacht wie es das Isenburgcenter am Gründonnerstag ankündigt. Und zum Kaufen und Kredite abbezahlen ist die Arbeit wichtig – und nicht, weil man in ihr einen Teil vom Lebenssinn findet.
2. Da ist aber auch der Technologiegott. Was ist der Mensch ohne Technik? Zu langsam, zu leise, zu klein, unperfekt, sterblich, beschränkt auf einen Raum. Der Technologiegott verspricht Befreiung von all diesen Beschränkungen. Wenn Du die richtigen Geräte hast und die richtigen Mittel einnimmst, kannst Du bei der Olympiade gewinnen. Heute Skifahren in den Alpen, morgen zum Einkaufen nach New York jetten, alles kein Problem. Du kannst, du kannst, du kannst. Rechtfertigung durch Perfektion! Und du musst wissen, was dir das alles nutzt, was es dir bringt, stets „online“, stets übers Handy erreichbar, um nichts zu verpassen.
3. Der Stammesgott – nein, den gibt´s nicht nur in Afrika, wie wir überheblich meinen. Der ist ganz schön mächtig bei uns. „Du bist, was deine Leute sind. Man muss nur die richtigen Leute kennen. Wenn die kommen, geh´ ich da nicht hin, voll unccol.“ Wir ziehen scharfe Grenzen zwischen drinnen und draußen. Alle Stammesgötter wissen, dass der jeweils andere böse ist, bestenfalls blöd – „die Ausländer sind ja selbst schuld“. Wer einem Stammesgott dient, der hat ein klares Weltbild. Er hat die Unübersichtlichkeit besiegt. Ich habe den Durchblick, lernen müssen die anderen. Vor allem eins ist klar: Die anderen sind schuld, dass ich nicht der sein kann, der ich sein möchte. Die nehmen mir die Arbeitsplätze weg, die Wohnung, die Anerkennung. Da muss ich mich wehren.
Diese Götter haben wir alle verinnerlicht, sie fordern uns, sie bestimmen oft unser Denken, unsere Bedürfnisse. Und genau da hinein soll gefälligst auch Jesus passen. Er soll mich retten, damit ich genug habe, damit bei mir alles perfekt laufen kann, denn Gott ist allein auf meiner Seite! Und wenn die Menge merkt: dieser Jesus passt da nicht hinein, dann wendet sich die Stimmung: „Kreuzige ihn!“Für all die Götter der Welt, denen wir so oft verfallen, ist das Schlimmste, was geschehen kann: Innehalten, über deren Sinn nachdenken, Nichtstun, Muße. „Sechs Tage kannst du arbeiten. Aber am siebten Tag sollst du damit aufhören“. So lautet der vermutlich älteste Text des dritten Gebotes in der Bibel: „Du sollst den Sabbat, den Feiertag heiligen“. Einer seiner ältesten Begründungen aber heißt: „Denke daran, dass du Sklave warst in Ägypten. Der Herr, dein Gott, hat dich herausgeführt mir starker Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat er dir geboten, den Ruhetag zu halten.“
Dass einer seine Arbeit niederlegt, dass einer nicht alles haben will, dass einer wagt, nicht perfekt zu sein und andere auszugrenzen, dass einer wagt, das sonst so üblich Tun zu unterbrechen – das ist ein Zeichen der Freiheit! Mit anderen Worten: Die Sklaventreiber haben ihre Macht verloren. Keiner kann mehr pausenlos Arbeit und Konsum, Erlebnis und „In – Sein“ kommandieren, auch die Herren Leistung, Angst und Ansehen nicht.
„Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl“, hat Paul Gerhard gedichtet und wir habe es eben gesungen. Das mag, so formuliert, für manchen etwas naiv klingen. Aber es gibt Augenblicke, in denen wir um eine Antwort auf die Frage nicht herum kommen: Worauf baust du dein Leben? Was erhält deiner Überzeugung die Welt: die Emsigkeit oder Gottes Güte?
Wir laufen ja dem Konsumgott, dem Technologie- oder sage ich besser: Perfektionsgott und dem Stammesgöttern hinterher, weil wir tief in uns eine brennende Frage spüren nach dem Sinn unseres Lebens. Und das kann doch nicht nur das sein, was ich gerade habe, sehe oder tue – also muss ich noch mehr haben, sehen und tun, grenze mich noch mehr ab gegen andere, die mich ja abhalten, zu haben, was mir zusteht.
Halt, ruft da der Sonntag, stopp, nicht weiter in dieser endlosen Spirale, die alle und alles überdreht! Die Unterbrechung kommt gerade zur rechten Zeit. Jeder Sonntag, in seinem ursprünglichen Sinn gefeiert, verkündigt eine Botschaft, die für das Menschsein des Menschen unentbehrlich ist: dass unser ganzes Dasein, dein und mein Leben, in sich selbst sinnvoll ist und nicht erst durch unsere Arbeit, unser Haben, unser Perfektionsstreben, unseren Konkurrenzkampf gegen andere sinnvoll wird.
Jeder Sonntag ist ein gelebter Widerspruch gegen das Grundgesetzt unserer Industriegesellschaft, die den Sinn des Lebens aus der Leistung ableiten will, „knallhart“, wie man heute so gerne sagt. „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn“ (1. Mose 2,3). Ohne diesen Sonntagssegen wird das menschliche Leben würdelos. Leidtragende sind dabei vor allem diejenigen, die bei der großen Leistungsschau nichts vorzuweisen haben: Alte, Kranke, Kinder.
Jeder Sonntag aber ist Gottes gandenreiche Rehabilitation eben derer, die nicht mehr oder noch nicht konkurrenzfähig sind – oder die es schlicht gar nicht sein wollen und deshalb oft bestenfalls belächelt werden.
Zu Ruhe kommen, Zuspruch erfahren, Sinn finden. Das macht den Sonntag aus. Einmal in der Woche diese Freiheit schmecken und einfach spüren: ich darf sein, ich darf leben, so wie ich bin, anerkannt von dem Gott, der auf alle Macht verzichtet, der als Kind in einem Stall geboren wird, der auf einem Esel in die prächtige Stadt Jerusalem einreitet, der einfach liebt, dem ich unbegreiflich wichtig bin.
Wir brauchen eine Sonne, die ihre Strahlen an uns verschwendet, ohne nach unserer Lebensleistung zu fragen. Wir brauchen einen Boden, der uns trägt, ohne uns mit einem kritischen Blick zu mustern, ob wir denn auch solches Getragenwerden verdient haben. Wir brauchen ein Antlitz, das uns freundlich zulächelt, einfach weil es uns erblickt hat.
Es ist kein Zweifel, dass die meisten Menschen in den Industrieländern an solchen Erfahrungen sehr arm sind. Mancher von uns hat es, womöglich schon ehe er das Licht der Welt erblickte, bitter erfahren, dass er im tiefsten Grunde gar nicht gewollt war. Und doch: über dieser innerlich so arm gewordenen Welt ruht Gottes gelöstes Lächeln, das uns seine ewige Zustimmung zu unserem Dasein kundtut. Und jeder von Herzen gefeierte Sonntag ist nichts anderes als das feiernde Erleben eben dieser göttlichen Daseinsfreude, die den Sonntag heiligt und dabei noch genug Licht übrig behält, um auch unseren Alltag zu durchstrahlen.
Der Sonntag erinnert mich daran: Gott ist mir längst nahe. Der, der mein Leben im Tiefsten trägt und zu dem ich einst zurückkehren werde, ist längst bei mir, mein Fels, mein Grund. Diesem Grund meines Lebens komme ich nur in der Stille auf die Spur. Muße darf sein, sie hat ihr Recht. Mehr noch: die Feier des Sonntags hat eine ungemein soziale Bedeutung. Denn werde ich befreit von den Göttern unserer Zeit – Konsum, Perfektionismus, Ausgrenzung und Konkurrenzkampf – dann werde ich neu aus- und aufgerichtet. Ich kann mich annehmen, in aller Vorläufigkeit lieben, mit der Hoffnung erfüllt, dass am Ende die Bruchstücke meines Lebens aufgehoben sein werden in der ewigen Freude des Reiches Gottes. Die Kunst des Nichts – Tuns ist das Bewußtwerden genau dieser Gegenwart Gottes schon heute in meinem Leben. Die Muße ist ein Vorgeschmack auf den Himmel. „Nur Stille und Vertrauen schenken euch Kraft“, sagt schon der Prophet Jesaja (30,15).
Sich Zeit nehmen zum Gebet, jeden Morgen 15 Minuten. Montags und donnerstags laden wir ein zur „Frühschicht“ im Meditationsraum von 7.30-8.00 Uhr – den Tag mit dem Wort Gottes, mit Schweigen und Beten beginnen. Oder sonntags im Gottesdienst wie heute morgen: Abseits von Unruhe und Erwartungshaltung sich einen Ort suchen, wo ich regelmäßig hingehe, indem ich zusammen mit anderen Gottes Liebe feiern kann. Das fördert und konkretisiert den Wunsch in mir, vermehrt Wege zur inneren Quelle, zum wahren Gott, zu finden und Widerstand zu entwickeln gegen die selbstgemachten Götter unserer Industriewelt.
Der Sonntag lädt uns ein, dieser überfließenden Güte Gottes zu glauben.
Andreas Goetze/ März 2008
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