Predigt zu Lk.17,11-19 (Das schwerste Wort)
Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde in Christus,
die Gnade Gottes und der Friede Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Es gibt Tage, an denen stockt einem der Atem. In dieser Woche haben Menschen an vielen Orten, in Kirchen und anderswo miteinander geschwiegen, gebetet und versucht, ihre Gefühle von Trauer, Entsetzen und Angst zum Ausdruck zu bringen. Nach einem solch schrecklichem Geschehen halten wir inne und besinnen uns neu. Als Christinnen und Christen wissen wir um Leid und Tod. Wir wissen auch, wo wir leiden und Angst haben, können wir uns Gott anvertrauen, weil ja Gott selbst Leiden kennt und auch den Tod
Mich tröstet die Verheißung der Offenbarung des Johannes: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid, noch Geschrei wird mehr sein“ (Offb.21,4). Nein, noch nicht heute, aber eines Tages in Gottes Reich. Bis dahin werden wir alles tun, was in unserer Macht steht, Spuren des Reiches Gottes in unserer Welt zu legen. Nein, das ist nichts Großes, nichts Über-Menschliches, was wir leisten können. Es geht um eine grundlegende Entdeckung – und die ist ganz schlicht und wird vielleicht deshalb so schnell übersehen.
Vorlesen: „Das schwerste Wort“
Das schwerste Wort heißt nicht Popocatepeti wie der Berg in Mexiko
und nicht Chichicastenango wie der Ort in Guatemala
und nicht Ouagadougou wie die Stadt in Afrika.
Das schwerste Wort heißt für viele: „Danke“.
Wie sagte ein junger Mann: „Danke, dass wir noch leben!“ Ja, dass ich heute lebe, wieder leben darf – ein Wunder – das neue Leben, das uns geschenkt ist – wir staunen. Ich glaube, dass Menschlichkeit da beginnt, wo ich in dem anderen genau dieses Geschenk Gottes sehe – es ist die Wiederentdeckung des Wunders im Alltag – und das Wunder sind Sie und ich – und Gott, der uns liebt.
Lukas erzählt vom schwersten Wort in seinem Evangelium. Wir haben es vorhin in der Lesung gehört. Zehn Männer sind es gewesen. Sie hausen in einer hässlichen Hütte vor dem Dorf. Ihre Körper werden von einer schlimmen krankheit zerfressen. Ansteckend, tödlich. „Unreine!“, rufen die Leute, „bleibt bloß weg von uns!“. So leben sie schon seit Jahren beisammen, sie teilen ihr Elend, ohne Hoffnung.
Eines Tages kommt Jesus in das Dorf, und sie sehen ihre Chance und rufen Jesus um Hilfe. Und das Wunder geschieht: Jesus geht nicht an ihnen vorbei, er lässt sie nicht wie die anderen links liegen, er schenkt ihnen Beachtung, er sieht ihr Elend an, ja, er macht sie sogar gesund und heilt ihre schlimme Krankheit.
Jesus schickt sie zum Priester in den Tempel: das war zur damaligen zeit üblich. Er konnte allein bezeugen, ob sie wirklich geheilt waren. Und nun kommt´s: einer kehrt zu Jesus zurück. Einer. Und Jesus fragt zurück: „Wo sind die anderen neun? Will sonst Gott keiner danken außer dir?“
Schnell sind wir dabei, Gott verantwortlich zu machen für Dinge, die schief gehen. Bei dem Elend auf der Welt kriegt Gott den schwarzen Peter – und die Sache ist erledigt. Wenn es uns gut geht, klopfen wir uns auf die Schulter und sagen: „Was bin ich doch für ein prima Kerl“.
In Zeiten wie diesen wird mir das sehr bewußt, für wie selbstverständlich ich Vieles halte: mein Leben, meine Gesundheit, dass ich zur Schule gehen darf (80% der Kinder auf der Welt können nicht lesen und schreiben!), dass ich Freunde habe. „Danke“ – warum eigentlich nicht? Jeden Abend beten wir in der Familie gemeinsam ein Abendgebet – und das wichtigste darin: „Danke, guter Gott, für diesen Tag, mit seinen Freuden und Sorgen“.
Ich möchte von dem einen, der zurückkam und Jesus dankte, lernen – lernen, meinen Alltag nicht einfach grau und banal zu nennen, sondern die kleinen Wunder des Alltags zu entdecken – und meinem Gott dafür zu danken, dass er es trotz all der Irrtümer und Fehler mit mir aushält und mir zur Seite steht: „Danke, gute Gott!“
Ich möchte mich weiter einüben, umzukehren und dankbar zu sein für das, was da ist. Ich möchte mich einüben ins verdanken: nichts ist selbstverständlich. Ich möchte jeden einzelnen Tag auf mich zukommen lassen. Ich möchte warten üben und nichts erzwingen – Gott selbst ist der, der ja ewig auf uns wartet.
Ja, ich möchte mich Gott überlassen, weil er allein genügt. Ich möchte das Beten nicht vergessen und mir klar machen, dass es etwas anderes ist als zu reflektieren: es ist eine vertrauende Begegnung, in der ich mir Gottes Nähe gefallen lasse.
Ich glaube, das Geheimnis des Lebens ist ganz schlicht: Wir werden das Leben nie verstehen, wir werden auch Gott nie verstehen, wenn wir nicht zurückkehren, umkehren und danken. Der Dank ist die Wurzel des Lebens. Mit jedem „Danke“ anerkennen wir, dass das Leben, unser Leben, nicht in unseren Händen liegt. Das Wesentliche des Lebens – Gesundheit, Glück, Liebe, Freundschaft, Sterben – bestimmen wir nicht selber. „Gott sei Dank“ - leider oft gedankenlos dahingeworfen. „Gott sei Dank“ bewußt gesprochen ist tiefster Glaube.
Was wir sind, sind wir aus Mangel. Nur der Dank erfüllt uns. Amen.
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