Predigt zu Kirche mal anders,
Thema: „Das Buch der Bücher“ 18.03.2001
Fast jeder Mensch hat seine Vorstellungen von Gott. Die Religionskritik der letzten Jahrhunderte hat uns allerdings klar gemacht, dass die meisten religiösen Erfahrungen und Vorstellungen gar nicht von Gott herkommen. Sie kommen aus unserem Kopf beziehungsweise aus dem Bauch: sie sind Projektionen, Wunschvorstellungen, Bilder, die uns irgendwie ins Konzept passen. Diese Kritik hätte man freilich auch schon aus der Bibel entnehmen können. Nur weil Menschen religiös sind, heißt das noch lange nicht, dass sie auch etwas von Gott wissen. Sie haben vielleicht eine Ahnung von Gott, aber sie wissen nichts über ihn.
Unsere ganze Religiosität steht auf völig unsicherem, spekulativem Boden. Wir wissen von Gott nichts und können auch nichts von ihm wissen. Woher denn auch? Etwas wie Ewigkeit ist wohl ein Grenzbegriff unseres Denkens, Ewigkeit selber denken können wir jedoch nicht. Woher wollen wir auch nur halbwegs gesicherte Aussagen über Gott nehmen? Unsere Worte und Bilder reichen nicht an Gott heran. Wir können das Unsagbare nicht aussagen, denn unser Gefühl als auch unser Verstand ist menschlich begrenzt. Unsere ganze Religiosität steht auf völlig ungesicherter Grundlage – es sei denn, Gott selbst zerreißt den Vorhang zwischen uns und ihm und spricht ein Wort. Dann wäre dieses Wort allerdings auch das einzige, was wir von ihm wissen können, dann müßte sich jede unserer religiösen Vorstellungen an diesem Wort messen lassen.
Genau dies ist die christliche Vorstellung: Gott hat geredet. Nicht wir, sondern er durchbricht den Nebel und spricht das lösende Wort. Nicht auf Spekulation und nicht auf Wünschen oder Angstvorstellungen basiert der christliche Glaube, sondern auf der Behauptungf, dass Gott geredet hat. Die Bibel selbst ist nicht dieses Wort, wohl aber zeugt sie von diesem Wort, das Gott geredet hat, und zwar in einer einzigartigen Weise. Das ist die Behauptung: Gott hat geredet, und zwar in einer uns Menschen verständlichen Sprache. Gott will gar nicht anonym bleiben, er will uns gar nicht allein lassen in unserer religiösen Sehnsucht nach Leben.
Gott sei Dank ist es Gott nicht egal, wie wir von ihm denken und zu ihm reden. Männern wie Abraham, Elia oder Jesaja; Frauen wie Rebekka, Ruth oder Hanna schenkte er lebensverändernde Erfahrungen. Auswirkungen dieser geschenkten Gotteserfahrungen lesen wir in den Psalmen, in denen man in Israel Gott anbetend ehrte, wenn man nachdenkend und lobpreisend erkannte, dass die ganze Welt seine Schöpfung ist; oder wenn man an die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten und den Bund gedachte, den Gott mit seinem Volk in der Geschichte geschlossen hat. Solche Erfahrungen waren möglich, weil Gott selbst zu den Menschen redete, sie angesprochen hat.
Und doch – es regen sich in mir Fragen: Schon bei einer normalen Übersetzung von einer Sprache in die andere geht oft unendlich viel verloren, weil man wohl die Begriffe kennt, aber die Vorstellungswelten und Lebensgefühle der verschiedenen Kulturkreise nicht übertragen kann. Wir haben ja schon Verstehensprobleme, wenn wir deutsch miteinander reden. Irrtümer,Widersprüche und Fehlinterpretationen sind damit schon vorprogrammiert. Wie sehr wird das erst der Fall sein, wenn Gott menschlich redet! Wie sehr ist das Göttliche in Gefahr, im Menschlichen unterzugehen, mißverstanden, fehlinterpretiert oder gar mißbraucht zu werden! Und doch versuchen wir es immer wieder und müssen es versuchen, diese Übersetzungsarbeit zu leisten.
Das aber ist das Problem: wie soll sich Gott uns Menschen anders verständlich machen, wenn nicht menschlich? Doch wenn Gott menschlich redet und menschlich kommt, wie kann man dann erkennen, dass es sich dabei um Gott beziehungsweise um Gottes Wort handelt? Anders gefragt: inwiefern ist die Bibel wahr?
Vielleicht überrascht Sie das nun, wenn das ein Pfarrer sagt: Die Bibel ist ein durchaus menschliches Dokument: wir finden darin eine Fülle von Widersprüchen, auch Irrtümern, ja sogar Bosheiten. Selbst wenn wir an dem Satz festhalten, dass Gott in der Geschichte Israels und in der Person Jesu zu uns gesprochen hat, müssen wir gleichzeitig feststellen: Menschen haben diese Botschaft teils verstanden, teils aber auch mißverstanden, und all das hat Einlaß gefunden in die Bibel. Die Bibel ist alles andere als ein vom Himmel gefallenes Buch. Sie ist kein einheitliches Werk und manche Bilder der biblischen Welt sind uns fremd geworden: wer hat heute noch eine lebendige Anschauung davon, was ein König oder ein Hirte ist?
Das Wort Gottes wird uns also nicht in einer fix und fertigen, narrensicheren, systematischen Weise beschert, wie wir es vielleicht erwarten oder wünschen. Wenn ich hier dennoch vom Wort Gottes rede, dann, um einem Wunder Ausdruck zu verleihen: In der Bibel redet –trotz alledem – Gott.
Aber wie das? Ich möchte das an einem Bild verdeutlichen: Drei Menschen diskutieren über die Liebe. Der eine hat gerade ein philosophisch-theologisches Werk darüber geschrieben und baut große Gedanken-Systeme darauf auf, dass die Liebe das Prinzip ist, das alles zusammenhält. Der zweite hat gerade ein neueres Buch über die Hirnforschung gelesen und versucht zu beweisen, dass alles, was der erste für Liebe hält, nur chemische Prozesse sind. Der dritte hingegen ist selbst verliebt. Er steckt sozusagen mittendrin. Was er sagt, klingt in den Ohren der beiden anderen nicht sehr seriös. Er redet von Bauchflattern und Sternen und widerspricht sich im Grunde laufend.
Und doch ist es so, dass der, der wirklich verliebt ist, in seiner ganzen Stammelei wesentlicher von der Liebe zu reden weiß als die beiden anderen. Die Form, in der der dritte seine Erfahrungen äußert, ist ganz und gar unzulänglich und wahrscheinlich wäre er der erste, der das zugeben würde. Aber das, was ihn überwältigt hat, die Erfahrung der Liebe, ist echt, ist tief, ist real.
Genau dies ist das Geheimnis der Schreiber der biblischen Bücher: Sie sind dem ewigen Gott begegnet. Und das, was sie indieser Begegnung erfahren haben, das haben sie in ihrer Geschichte, in ihrem Kulturraum und ihrer Vorstellunsgwelt niedergeschrieben. Diese Leute haben Erfahrungen mit Gott gemacht, und wer dieser Erfahrung nachspürt und sich auf sie einläßt, macht selber Erfahrungen mit Gott. Insofern ist die Bibel wahr, und es gibt kein wahreres Buch als die Bibel.
Das bedeutet aber, dass wir, wenn wir die Bibel verstehen wollen, uns einer gewissen Mühe unterziehen müssen. Wir können die Bibel nicht verwenden wie etwa ein Kochbuch. Es geht darum, sich Zeit zu schenken, um Gottes Wort an mich zu entdecken – so wie ich, wenn ich einen Menschen verstehen will, mit Zeit lassen muß, mich in ihn hineinverstetzen muß. Gott hat geredet, das ist das Geheimnis der Bibel. Menschen haben Erfahrungen mit diesem Gott gemacht. Und die Bibel wurde geschrieben, damit ich mich auf diese Erfahrungen einlasse.
Im Endeffekt geht es in der Bibel um vier Fragen, die sich im Alten Testament, der hebräischen Bibel, entwickeln und teilweise ebreits dort, teilweise dann in Jesus Christus eine umfassende Antwort finden: Wer ist Gott? Wie sieht Gott uns Menschen? Wie kann ich zu Gott kommen? Wie kann ich mit Gott leben?
Durchaus icht alle Fragen werden uns beim Lesen der Bibel beantwortet. Naturwissenschaftliche, historische oder auch moralische Fragen finden in ihr nur bedingt Antwort – ja, sogar manche religiöse Frage beantwortet die Bibel nicht, zum Beispiel, woher das Böse kommt. Die Bibel beantwortet die eben genannten vier Fragen – ansonsten stellt sie selbst Fragen, stellt uns in Frage und fordert uns zur Antwort heraus. Alles in allem geht es in der Bibel um ein persönliches Verhältnis, um meine Beziehung zu Gott beziehungsweise um Gottes Beziehung zu mir. Die Bibel berichtet von der leidenschaftlichen Suche Gottes nach uns Menschen. Diese Suche findet ihren Höhepunkt in der Person Jesu Christi. Um diese Leidenschaft geht es in der Bibel. Sie ist die Mitte dieses Buches.
Es hat keinen Sinn, die Bibel lediglich als Fundus zu benutzen für irgendwelche Lebensweisheiten oder ethische Regeln. Damit nimmt man ihr die Mitte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich glaube wohl, dass die Bibel uns in puncto Ethik etwas zu sagen hat. Aber die Gefahr ist, wenn man die Bibel nicht von ihrer Mitte her liest, dass man sich nur die Sachen herauspickt, die man gerade hören möchte.
Darum ist es wichtig zu wissen: die Schrift hat eine Mitte. Diese Mitte ist der Versuch der Kontaktaufnahme Gottes mit uns Menschen. Nirgends wird dies so deutlich wie im Leben und in der Lehre Jesu Christi. Auf den Punkt gerbacht heißt das: Nicht die Bibel, sondern Jesus Christus ist das eigentliche Wort Gottes. Nirgends hat Gott sich eindeutiger und unmißverständlicher zur Sprache gebracht. Jesus selbst hat allerdings kein Buch geschrieben. Das Zeugnis der Bibel ist darum nur von dieser Mitte her zu verstehen.
Und so nötigt uns die Bibel selber zu einem kritischen Umgang mit ihr. Ich muß Widersprüche und Fehler nicht wegdiskutieren. Ich muß auch nicht Lebensformen und Lebensregeln übernehmen, die in einer nomadischen Kultur oder in einem Stammesbund ihren guten Sinn hatten, uns aber heute wirklich nichts mehr zu sagen haben. Und ich kann mich trotzdem dem Wort Gottes in einer Haltung der ehrfürchtigen Anbetung nähern: Immerhin will mir Gott durch dieses Wort begegnen.
Darum geht es: Gott hat geredet, und dieses Reden schlägt sich nieder in der Bibel. Im zerbrechlichen Gefäß von Menschenworten begegnet uns Gottes Wort. Im Wort der Bibel greift Gott durch den Nebel unserer Religiosität hindurch und versucht, uns anzusprechen, Kontakt aufzunehmen. In erster Linie geht es in der Bibel daher um eine persönliche Begegnung mit Gott. Das sollten wir nicht vergessen, und mit weniger sollten wir uns nicht zuufrieden geben, wann immer wir die Bibel aufschlagen.
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