|
Buntes Christentum
Die alte Dame vor der evangelischen Erlöserkiche in Jerusalem schien etwas verwirrt: "lutheranski?", fragte sie den Pfarrer. Und als dieser bejahte brach ein Redeschwall auf russisch aus ihr heraus. Wer war sie? Eine Touristin? Oder lebt sie im Lande? Eine russische Jüdin? Eine christliche Russin? Die Dinge sind eben nicht so einfach, wie es bisweilen auf den ersten Blick scheint. Aber schon diese kleine Begegnung lenkt das Augenmerk auf Dinge, die in Bewegung geraten sind.
Wer traditionellerweise von Christen im heiligen Land spricht, dem kommen zuerst die einheimischen palästinensischen Christen in den Sinn. Doch diese kleine Minderheit befindet sich im Schwinden, während andere Gruppen wachsen.
Im wesentlichen kann man zwischen drei Gruppen von Christen in Israel und Palästina unterscheiden:
1. die palästinensischen Christen
2. die israelischen Christen
3. die ausländischen Christen
Die palästinensischen Christen
Dass es mit der Nomenklatur hierbei nicht so einfach ist, wird bereits bei der ersten Gruppe deutlich. "Israelische Araber", so nennen die jüdischen Israelis ein Sechstel der Bevölkerung des Staates Israel.
Innerhalb dieser Gruppe wird die Anzahl der Christen auf rund 115.000 geschätzt und macht so ungefähr 2,1 % der Bevölkerung des Staates aus.
Doch zumindest in den vergangenen drei Jahren der Intifada haben diese "arabischen Israelis" begonnen sich auf ihre palästinensische Identität zu besinnen. Haben sie doch gemeinsame Wurzeln und verwandschaftliche Beziehungen mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten, nur dass sie selbst 1948 im Lande blieben, als jene flohen bzw. vertrieben wurden. Der Sechstagekrieg 1967 hat beide Gruppen wieder unter einer Regierung zusammengebracht. Die einen im Staatsgebiet als Bürger zumindest theoretisch gleichen Rechtes mit jüdischen Israelis, die anderen unter Besatzungsrecht. Die arabischen Christen in Israel leben zumeist im Norden des Landes, insbesondere in Galiläa, Nazareth und im Großraum Haifa-Akko. Während sie sich als Israelis verstehen, stehen ihre Glaubensgeschwister in der Westbank und Gaza auf der anderen Seite des Konfliktes. Lediglich in Jerusalem, wo bei einer Wohnbevölkerung von rund 650.000 nur noch 11.000 Christen zumeist im Ostteil der Stadt leben, treffen sich beide Gruppen.
Auch in den besetzten Gebieten machen die 40.000 palästinensischen Christen (davon 2500 in Gaza) nur noch knapp 3,7% der Bevölkerung aus und wer die Mittel hat dem Konflikt zu entfliehen, wandert aus. Über 200 Familien haben alleine im vergangenen Jahr das mittlerweile mehrheitlich islamische Bethlehem, in dem nur noch ein Fünftel der Bevölkerung christlich ist, verlassen. Weltweit liegt der Anteil der Christen unter den Palästinensern bei ca. 10%.
Die Diasporagemeinde des gerade noch christlichen Bet Jala in Chile übertrifft die Zahl der dort verbliebenen 7350 Christen um ein vielfaches. Offiziell verstehen sich Christen und Moslems dort bestens, doch spätestens seit Gilo, ein auf 1967 erobertem Land gebauter jüdischer Vorort Jerusalems, zu Beginn der Intifada immer wieder durch eingesickerte Moslems von christlichen Häusern aus unter Beschuß genommen wurde, ist dieses Verhältnis empfindlich gestört.
Natürlich unterstützen die Christen in den besetzten Gebieten den Aufstand gegen die Besatzungsmacht, doch vor der Zukunft in einem palästinensischen Staat, dessen Rechtssprechung sich gemäß Verfassungsentwurf an der islamischen Scharia orientieren wird, ist vielen bange.
Andererseits braucht Yassir Arafat die Christen, die auch unter seinen Beratern überproportional vertreten sind. Denn die palästinensische Gesellschaft ist eine oligarchische, mit einer dünnen, sehr reichen Ober- und einer grossen Unterschicht. 60% der Bevölkerung der besetzten Gebiete sind arbeitslos und ein gleich großer Prozentsatz lebt unter der Armutsgrenze von 2 US $ pro Tag und Kopf. Die Mittelschicht fehlt fast vollkommen. Bis auf die Christen, die sich hier durch Bildung Ansehen und Wohlstand erworben haben. Doch die verlassen das Land, was die Situation noch verschärft.
Die israelischen Christen
Als absolute Minderheit lebt auch die extrem kleinzahlige Gruppe messianischer Juden in Israel. Zuverlässige Zahlen gibt es nicht, von 5000 im Lande ist die Rede, andere Quellen gehen von der Hälfte aus. Es handelt sich bei ihnen um Juden, die an ihrem Judentum und seinen Bräuchen festhalten, beispielsweise am Shabbat und nicht am Sonntag ihre Gottesdienste halten. Andererseits sehen sie in Jesus den verheißenen Messias. Sie stehen in der Regel politisch fest auf Seiten des Staates Israel, im Unterschied zu ihren palästinensichen Glaubensgeschwistern.
Dies hat in der anglikanischen Kirche etwa zu der Situation geführt, dass in Ostjerusalem ein palästinensischer Bischof amtiert, der aber wenig Einfluss auf die messianische Gemeinde aus dem Westen der Stadt hat. Bei einer Führung einer ausländischen Delegation durch diese wollte der messianisch-jüdische Guide wissen, wer denn dieser Palästinenser dort sei. "Ich bin dein Chef", antwortete trocken der Bischof.
Noch weniger transparent, aber im Wachsen begriffen ist eine andere Gruppe israelischer Christen, über die keinerlei Statistik vorliegt. In den vergangenen 10 Jahren sind über eine Million Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Kritiker sagen, bei diesen Juden wisse niemand genau wieviele von ihnen überhaupt jüdischen Ursprungs seien. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 400.000 dieser Einwanderer christlichen Ursprungs sind, offizielle Angaben gehen von der Hälfte aus. Jedenfalls ist seither ist die flächendeckende Versorgung mit unkoscheren Nahrungsmitteln sichergestellt. Ein befreundeter Metzger jedoch, der mit Schweinefleisch handelt, gestand derletzt, dass er niemals Rahmschnitzel essen werde. Schweinefleisch ja, aber nicht Fleisch und Milch. Einen Rest Judentum hat er sich bewahrt.
Andere Neueinwanderer aus ehemals atheistischen Ländern entdecken im "Heiligen Land" jedoch die Erinnerungen an den Glauben ihrer Jugend und seine Riten wieder. So füllen sie die Kirchen, nicht nur in den christlichen Gebieten des Landes, sondern Gemeinden entstehen auch im jüdischen Kernland. Hiervon profitieren vor allem die orthodoxen Kirchen: Griechen, Russen und Rumänen, aber auch die Äthiopier, die in den 90er Jahren ins Land kamen.
Die ausländischen Christen
Die "Mutter aller Kirchen" im Lande aber ist die griechisch-orthodoxe, womit wir bei den "ausländischen" Christen wären. Unter ihnen stechen die alten orientalischen Kirchen wie Kopten, Chaldäer und Armenier hervor, die schon seit den ersten Tagen des Christentums im Lande sind.
Eigentlich ist die griechisch-orthodoxe Kirche die größte einheimische Kirche, aber sie wird stets von Griechen geführt. Während der lokale Klerus heiraten muß, teilen sich zölibatär lebende Mönche und Bischöfe aus Griechenland die Führungspositionen. Dies führte in der letzten Zeit zu einer nicht zu unterschätzenden Unzufriedenheit seitens der palästinesischen Gläubigen, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen, zumal die römisch-katholische, die evangelisch-lutherische und die anglikanische Kirche palästinensische Kirchenoberhäupter haben. Diese äußern sich regelmäßig, ihrer Herkunft entsprechend, zur politischen Lage, was bisweilen die "richtig" ausländischen Christen im Lande wenig beglückt.
Bei ihnen handelt es sich, um sogenannte Expat-Gemeinden, d.h. Entsandte und Experten, Botschaftsangehörige und Medienvertreter des jeweiligen Landes treffen und organisieren sich ihrer Herkunft gemäß. Hinzu kommen noch bis zu 20.000 Gastarbeiter, zumeist Haushaltshelferinnen von den Philippinen, die Sonntags die katholischen Kirchen füllen. Bisweilen unterstellen diese Kirchen sich dann der Jurisdiktion der einheimischen Kirchen.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das Bild der Christen in Israel und Palästina sehr disparat ist. "Die Christen" im Heiligen Land gibt es ebensowenig wie "die Juden" oder gar "den Islam".
Aus Europa sind immer wieder Stimmen zu vernehmen, die den Christen, die zwar zwischen allen Stühlen sitzen, aber das immerhin auf allen Seiten, eine Vermittlerrolle im politischen Konflikt zutrauen. Angesichts der Gespaltenheit der Christen vor Ort und ihrer Minderheitensituation scheint dies allerdings eine wohlmeinende Utopie zu sein. Denn demographisch entwickelt sich der christliche Bevölkerungsanteil auf die Einprozentmarke und damit der politischen Bedeutungslosigkeit zu.
Die Zukunftsaufgabe der Christen hier im Lande besteht darin ihre eigenen Belange dahingegehend zu regeln, dass das Christentum an seinem Entstehungsort nicht bis hin zur Unbedeutsamkeit verschwindet. Christinnen und Christen aus Europa können ihnen darin helfen, indem sie nicht nur historische und jüdische Stätten bei einer Reise in das "Heilige Land" aufsuchen, sondern die "lebendigen Steine" der lokalen christlichen Gemeinden. Welcher auch immer.
Erstveröffentlichung in: ANNEX, Die Beilage zur Reformierten Presse, No. 10/2004, "Der ferne Frieden", Zürich 2004, S. 16-18.
|