Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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„Angesehen vom ganz Anderen“ – Evangelische Spiritualität (2. Mose 33,13-23)

Beginn der Predigtreihe zu „Perlen des Glaubens“ (von Pfr. Andreas Goetze)

Auf dem Perlenband gibt es eine sehr besondere Perle, die von ihrer Bedeutung her das Perlenband zusammenhält. Sie glänzt goldfarben und sie ist größer als alle anderen Perlen. Sie heißt Gottesperle. Mit ihr fängt das Perlenband an und mit ihr hört es auf. Es ist ein Bild dafür, dass wir von Gott herkommen und Er das Ziel unseres Lebens ist. Gott hält mein Leben zusammen. Das ist mir zugesprochen.

 

Aber: glaube ich das? Traue ich Gott das überhaupt zu? Wer sich dieser Frage stellt, muss sich eine eigene, ehrliche Antwort geben. Antworten anderer können dabei helfen, aber die eigene nicht ersetzen. Wir sind eingeladen, selbst danach zu suchen, wo und wie Gott im eigenen Leben eine Bedeutung hat und was zu überlegen, was das Wertvollste im eigenen Leben ist.

 

Machen wir uns also auf die Spurensuche. Ich lade sie dazu ein, die Gottesperle – Gott selbst nachzugehen. Und all dem nachzugehen, was Ihr Leben im Tiefsten trägt und hält. Es geht um die spirituelle Dimension unseres Lebens – oft in unserem technisierten und materialistisch geprägten Alltag überdeckt, verdrängt – am Rand. Luther sagte dazu schlicht: Frömmigkeit.

 

Der „fromme Mensch“ – der ist nicht abgehoben, sondern „fromm“ bedeutet vom Althochdeutschen „frumm“ „Tüchtig, trefflich, tapfer, rechtschaffen“. Der fromme Mensch ist also der lebenstüchtige Mensch; der ist nicht einfach „lammfromm, folgsam und artig“. Er ist tüchtig, trefflich, tapfer, rechtschaffen: er lebt mit Gott verbunden – im Angesicht Gottes!

 

Das genau war es, was Luther mit „Frömmigkeit“ meinte und in der Lutherbibel übersetzte: die wachsende Aufmerksamkeit dafür, dass ich als Mensch in einer Beziehung mit Gott stehe und mit allem, was lebt. „Fromm sein“: das ist nichts anderes als in dem Bewusstsein zu leben, das an jedem Ort und zu jeder Zeit, also täglich und überall, das eigene Leben; die Lebenswirklichkeit, in der ich bin, „Gott voll“ ist. Wie es Mose erfahren hat: „Der Boden, auf dem er steht, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5).

 

„Fromm sein“: nun, dieses Wort ist heute kaum mehr in Gebrauch. Nennungen bei Google zeigen das. Sucht man den Begriff „Frömmigkeit“, findet man ca. 170.000 Verweise, beim Begriff „Spiritualität“ dagegen ca. 900.000. „Spiritualität“ ist heute in aller Munde, und ich frage mich, ob damit eigentlich dasselbe gemeint ist wie mit „Frömmigkeit“? Was kann ich antworten? Ja und Nein!

 

Zunächst „Ja“!

Spiritualität als Lebensbewegung – ich sehe mich nicht als Mittelpunkt der Welt, sondern ich beziehe mich auf Gott – auf jemanden „außerhalb der Welt“. Spirituelles Leben ist geprägt von Erfahrungen, lässt Raum für eine herausfordernde Begegnung mit der Gegenwart Gottes. Ich verstehe mich als Empfangenden. Die spirituelle Haltung dafür ist Dank: Dank für das Geschenk des Lebens; für Kraft, auch fürs Durchhalten in schweren Zeiten.

 

Nicht das wird in den Vordergrund gestellt, was wir leisten, sondern was auf uns zukommt – Gott ist der auf uns Zukommende; Gott entdecken als den, der mit liebevoller Aufmerksamkeit auf mein Leben schaut. So erwächst Spiritualität aus dieser Anerkennung, was Gott für mich tut. Gott, der für mich Mensch wird in Jesus Christus. „Die Welt ist Gottes so voll“ – nur haben wir oft verlernt, es auch zu schauen – zu erkennen – zu entdecken.

 

Daher hat schon Luther eingeladen zum Stille werden - eingeladen, sich für Gott Zeit zu nehmen. Um eine solche „fromme Wahrnehmung“ des Alltags einzuüben, muss ich meine herkömmlichen „Seh - Gewohnheiten“ immer wieder selbst unterbrechen, z.B. durch das Gebet, die Feier des Gottesdienstes, durch bewusst gesuchte Stille. So entwickelt sich eine Lebenshaltung, mit der ich die Welt, den anderen und vor allem mich liebevoll wahrnehme. Dass dies auch anstößig sein kann, dass ich mich daran stoße, es mich befremdet – dazu erzählt die Mosegeschichte aus Ex.33 einiges! Dazu gleich!

 

Doch nach dem „Ja“ noch mein „Nein“!

Nein, „Spiritualität“ im heutigen Gebrauch meint nicht dasselbe wie christliche „Frömmigkeit“, wenn es bei der „Spiritualität“ letztlich nur um mich geht. In der Esoterik-Szene und bei vielen Wellness-Angeboten beobachte ich das. Da geht es dann oft um bloße Innerlichkeit und Wohlfühlromantik; da wird dem Menschen selbst eine „süße Göttlichkeit“ zugesprochen. Und dann gibt es den banalen Zwang zum Positiven – kommt es zur Pflicht, „spirituell“ zu wachsen: Ratgeber-Literatur, die mir sagt: „Du kannst es!“ – Und habe ich keinen Erfolg, bin ich selbst Schuld.

Doch im biblischen Sinne wird bei „Frömmigkeit“ nicht das in den Vordergrund gestellt, was ich leiste, sondern eben Gottes Liebe, sein Interesse an uns Menschen – an jedem Einzelnen, wie schräg er auch drauf ist. Dabei ist Gott der, der mich nicht nur umgibt, sondern auch aufrüttelt, mich auch zurechtweist!

Gott ist biblisch gesehen immer auch der ganz andere, nicht mit meinen Erfahrungen zu verrechnen; ist auch der Fremde, den ich nicht verstehe, ein Gegenüber. Ja, Er: der Schöpfer, ich: sein Geschöpf – wir verschmelzen nicht, werden nicht eins. Ich bin nicht göttlich, ich bleibe Mensch! Nicht ich muss göttlich werden, sondern Gott kommt mir unendlich nahe. Und Gott ist mir gegenüber!

 

Das bringt uns zur biblischen Erzählung. Im 2. Buch Mose (Exodus) haben wir solch eine Geschichte, die einiges über Spiritualität und Frömmigkeit sagt – lest ruhig zu Hause die Kapitel 32-34! Das Volk Israel ist aus Ägypten herausgekommen, befreit von der Sklaverei; zuerst durch die Wüste. Doch das befreite Gottesvolk ist in der Wüste versackt. Die einstige Sklaverei wird in der verklärten Erinnerung zu einer verlorenen Geborgenheit: „Ach, wie war es so schön in Ägypten! Da hatten wir wenigstens Fleisch, aber hier in der Wüste kommen wir um“ - Sie merken, hier stimmt beides nicht: weder hatten die Versklavten Fleisch in Ägypten noch kommen sie in der Wüste um. Gott hat ihnen ja zugesagt, sie zu begleiten. Nun ist Mose auf dem Berg Sinai, empfängt die 10 Gebote. Und es dauert, er kommt nicht zurück. Die Verheißung des gelobten Landes – zu wohnen in Frieden und Gerechtigkeit – wird je länger es dauert, desto mehr unglaubwürdiger – kurz: Frustration hatte sich eingestellt: „Gott ist nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe“. „Wenn es einen Gott gibt, dann müsste der doch!“ - so sein, wie ich es mir denke.

 

Also machen wir uns Gott, wie wir ihn uns denken – ein goldenes Stierbild muss her! Gott, der Starke, der Sichtbare. Der Tanz um das goldene Kalb ist sprichwörtlich geworden für eine Gesellschaft, die Gott vergessen hat – der Tanz ums goldene Geld, das goldene Ich, die Selbsterhebung – wir sind die Macher – Gott mit uns!

 

Und Gott? Der hat kein Bock mehr – er reagiert nicht „lieb“ – er denkt ans Vernichten, weg mit dem egoistischen Volk, Gott wird zornig!

 

Und Mose? Er fleht, er bettelt – er erinnert Gott an seine Verheißungen, nimmt Gott bei seinem Wort: „Gedenke doch, Herr, an den Bund, den du mit Abraham geschlossen hast: ‚Ich will deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel’“ – „Bitte, Herr, sei gnädig“.

 

Und Gott? Wieder anders und erstaunlich – Gott ließ es sich gereuen – er geht auf Mose ein – aber es ist nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“ – kein „Eiapopeia-Gott“. Der Tanz ums goldene Kalb hat Folgen – tödliche Folgen. Abkehr vom spirituellen Weg der Geduld, des Wartens und Ausharrens, vor allem Abkehr vom Vertrauen in Gott – das hat Folgen. Leute gehen zugrunde. Wieder passt Gott nicht ins Schema: Wir hätten es ja so gerne! Wir machen Mist – und dann soll uns Gott einfach da rausholen – und wenn Leid, Schuld und Tod Folgen sind, dann klagen wir Gott an, warum er nicht einschreitet.

 

Und Mose? Mose nahm sich Zeit, schlug sein Zelt außerhalb auf, fern vom Lager. Mose geht den spirituellen Weg. Er geht in die Stille, zur Stiftshütte, zur Hütte Gottes. Und in der Stille nimmt er wahr, wie Gott zu ihm redet. Die Bibel erzählt das sehr anschaulich: Gott redet mit Mose wie mit einem Freund. In der Stille entdeckt er: bei all dem, was passiert: die Welt ist „Gottes voll“ – Gott ist doch da, wenn auch verborgen – und so hat er Mut zu einer besonderen Frage: „Ich will dich, Gott, von Angesicht zu Angesicht sehen“ – nur einmal, ganz innig!

 

Eins sein mit Gott – verschmelzen – als wäre ich göttlich – bin ich aber nicht – ist Mose nicht. Und doch – Gott lässt uns nicht hängen – auch den Mose nicht – „Oh Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!“ Gott ist und bleibt mein Gegenüber. Er ist nicht verrechenbar für meine Wünsche und Erwartungen. Und doch ist es ihm wichtig, mich zu berühren, mich aufzurichten! Nicht Gott selbst habe ich. Gott lässt sich nicht vereinnahmen für mich und meine Interessen, so dass ich anderen sagen könnte: „Ich habe Gott gesehen, deswegen handle so und so!“ Gott ist immer der ganz andere, ein Geheimnis. Aber er öffnet sich, lässt uns teilhaben an dem Geheimnis des Lebens.

 

Vers 19f : „Und Gott sprach: ‚Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kund tun den Namen des Herrn: wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Siehe, es ist Raum bei mir!’“ Das ist das Geheimnis des Lebens: Gott, der Schöpfer, nimmt sich liebevoll zurück, damit ich leben kann – sein Geheimnis ist seine Güte; seine Barmherzigkeit, dass er mir in aller Freiheit Raum schenkt zum Leben. Das ist wahre Liebe, die sich zurücknehmen kann für den anderen – Gott macht sich klein – von der Fülle seiner Herrlichkeit können wir neu sehen: Gott ist bei uns und wacht über uns. Frömmigkeit bzw. christliche Spiritualität heißt demnach: sich einüben in solch ein Sehen – ein Staunen – ein Sich-Gehalten-Wissen.

 

Mose kann dann sein Volk weiterführen. So wurde Gott ihm eine Kraft zum Leben, die alles Bruchstückhafte zusammen hält. Die Gottesperle – ergreifen, begreifen – den Glanz wahrnehmen, der danach auf meinem Leben liegt – nichts ist hoffnungslos. Wir kommen von Gott hier und Er ist das Ziel unseres Lebens. Das kann uns getrost leben lassen. Amen.

 

 

 

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