„Alltäglich glauben“ –
Predigt zu Matthäus 17, 1-9 (vorher gelesen)
Liebe Freundinnen und Freunde in Christus, liebe Gemeinde
Lassen Sie uns zunächst ein Buch aufschlagen, das es wohl nie gegeben hat: das Tagebuch des Petrus. Petrus hatte darin eines Abends folgendes niedergeschrieben:
Es gibt Tage, die sollten nie zu Ende gehen. Einen solchen Tag habe ich heute erlebt: Früh am Morgen brachen Jakobus, Johannes und ich auf zu einer Wanderung mit Jesus auf den Berg, in dessen Nähe wir lagerten.
Wir hatten Jesus nicht gefragt, was er oben auf dem Berg wollte. Vielleicht sehnte er sich nur nach Ruhe und Abstand von all dem, was in den vergangenen sechs Tagen geschehen war.
Da waren die unzählig vielen Menschen, die von weit her zu ihm kamen, bei ihm Heilung suchten und fanden. Das sprach sich herum und rief die Gegner Jesu auf den Plan. Sie kamen sogar aus Jerusalem und stellten ihn zur Rede. Und neben allem Heilen und Diskutieren hatte er schließlich auch noch einen Blick für die schlichtesten Bedürfnisse der Menschen wie zum Beispiel den Hunger: an einem Abend wurden sie alle satt.
Das alles wollten wir heute einmal hinter uns zurücklassen und auf dem Berg wieder zur Besinnung kommen. Man sagt ja, dass man auf den Bergen Gott ein Stückchen näher sei. Seite an Seite stiegen wir hinauf. Wir sprachen nicht viel und das Schweigen tat gut. Es waren so viele Worte gefallen in den vergangenen Tagen, Worte, die in mir noch lange nachklingen werden. So fragte mich Jesus vor ein paar Tagen, für wen ihn die Menschen denn hielten. Und ich hörte mich antworten: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes."
Was er dann sagte, fuhr mir durch Mark und Bein: er werde leiden und getötet werden in Jerusalem. „Das möge Gott verhüten!", platzte es aus mir heraus. Da fuhr er mich an: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!" Dann drehte er sich um und sprach zu den anderen: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." In Gedanken versunken folgte ich ihm, setzte meine Schritte hinter seine auf dem schmalen Pfad. Mein Blick glitt über die wunderschöne Landschaft. Der Abstand zu den vergangenen Tagen wuchs mit jedem Meter Höhe. Schließlich waren wir auf dem Gipfel angelangt.
Was dann dort oben geschah - wie soll ich's beschreiben? Ich hatte den Eindruck, dass Jesus sich vor meinen Augen plötzlich verwandelt hatte! Sein Gesicht strahlte wie die Sonne und sein Gewand wurde weiß wie Licht. Und dann sah ich Mose und Elia neben ihm stehen und mit ihm reden.
Während ich diese Worte niederschreibe, zweifle ich beinahe an mir selbst. Was war los? War ich zu erschöpft? Habe ich geträumt? Es war tatsächlich wie ein unendlich schöner Traum! Es war für mich, wie wenn der Himmel offen stünde über uns. Minuten voller Glück, voller Erfüllung. Ich wünschte mir, dass dieser Augenblick ewig dauern würde. Deshalb sagte ich zu Jesus: „Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, für dich eine, für Moses eine und für Elia eine."
Plötzlich hüllte eine helle Wolke die Szene vor meinen Augen ein und aus ihr drang eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!" Erschrocken warfen wir uns mit dem Gesicht zu Boden und wagten uns nicht zu rühren. Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Da spürte ich plötzlich eine behutsame Berührung. Und ich hörte den Meister: „Steht auf und fürchtet euch nicht." Ich erhob meine Augen und sah ihn dort stehen, ihn alleine.
Der ganze Zauber war vorüber. Es war, wie wenn nie etwas anders gewesen wäre. Ich sah keinen Mose mehr, keinen Elia, keine Wolke, und auch Jesu Gestalt war wieder die gewohnte. Alles war wieder wie vorher. Fast alles. Nur ich selbst war nicht mehr derselbe, der auf diesen Berg hinaufgestiegen war. Der Traum, dort oben für immer dem Himmel ganz nahe zu sein, war ausgeträumt. Aber ich hatte für Sekunden den Himmel über mir offen gesehen. Das kann mir niemand mehr nehmen. In dieser Gewissheit machten wir uns an den Abstieg hinunter vom Berg in unseren Alltag.
Soweit aus Petrus' Tagebuch.
Mich bewegt diese Geschichte sehr. Es ist vor allem der Satz: „Herr, wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, dir eine und Moses eine and Elsa eine." Wo jemand eine Hütte hat, dort kann ich ihn antreffen. An seine Türe kann ich klopfen, wenn ich Rat oder Trost brauche. Ich kann ihn besuchen, wenn ich mit ihm reden oder schweigen will. In 'seiner Hütte ist der Ort, wo ich den Bewohner gegenwärtig weiß. Solche Hütten will Petrus bauen für die drei. Er ist so erfüllt von ihrer Gegenwart, dass er sie nicht wieder fortlassen will. Sie sollen sich fest und für immer niederlassen, und mit ihnen soll sich Gott dort niederlassen auf dem Berg über den Ebenen des Alltags.
Vielleicht kennen Sie den Wunsch auch, liebe Gemeinde, dass Sie Hütten bauen wollen auf Ihrem Lebensweg. Nämlich in den Augenblicken, die sich weit abheben von allem alltäglichen Geschehen. In den Augenblicken, die so schön sind, so bewegend, dass man sie ewig festhalten möchte.
Vielleicht nehmen Sie sich heute Nachmittag ein bisschen Zeit, und blicken einmal auf ihr Leben zurück; vielleicht nehmen Sie sich sogar ein Stück Papier, malen eine Linie für Ihren Lebensweg und überlegen einmal, an welchen Stellen sie kleine Hütten einzeichnen würden - als Symbole für die Augenblicke, die Sie gerne für immer festgehalten hätten, weil sich in ihnen Himmel und Erde berührten. Es werden ganz unterschiedliche Erfahrungen sein, die sich als Höhepunkte weit über den Alltag hinausheben: das Wunder eines neugeborenen Kindes, Stunden der Verliebtheit, ein gutes Gespräch, die Versöhnung nach einer Auseinandersetzung, das Glück nach einer bestandenen Prüfung, Hochgefühle beim Jugend-Kirchentag oder beim „Just Go", dem Kirchentag für neue Gottesdienste.
Vielleicht gebrauchen wir in diesen Augenblicken nicht immer das Wort „Gott", wenn wir das Bewegende beschreiben wollen. Die einen aus Vorsicht, die anderen aus Scham. Bei mir schwingt wohl beides mit, und dennoch bin ich mir im Rückblick oft gewiss, dass mir an diesen besonderen Orten und durch diese Menschen Gott begegnet ist. Wie schön wäre es, wenn man diese Augenblicke festhalten könnte, wenn man eine Hütte bauen könnte für Gott, der uns in diesen Gipfelstunden begegnet. Das ist der Wunsch des Petrus. Auch er wollte den Augenblick festhalten, wo sich ihm der Himmel öffnete. Er wollte Gott festhalten, ihm eine feste Behausung bauen auf dem Berg, wo man ihn sicher gegenwärtig weiß und finden kann.
Und genau an dieser Stelle wird Petrus von der Stimme Gottes aus der Wolke unterbrochen. Wie wenn Gott noch einmal unterstreichen wollte, dass Petrus es tatsächlich mit ihm, dem lebendigen Gott, zu tun hat, der ihm im Angesicht Jesu entgegenscheint. Der, den er in seiner Nähe festhalten will, macht dem Traum des Petrus ein Ende: Es wird keine Hütten dort oben auf dem Berg geben.
Auch wenn dies einer unserer größten Wünsche ist: Unsere Gotteserfahrungen im Alltag lassen sich nicht festhalten und konservieren. Gott selbst lässt sich nicht festhalten - weder in Hütten, noch in Kirchen - auch nicht, wenn sie an ganz besondere Geschehen erinnern wollen wie die Geburtskirche oder die Grabeskirche. Gott lässt sich von niemandem in Besitz nehmen oder festlegen auf einen Ort. Er lässt sich nicht fassen in theologischen Denkgebäuden, auch wenn sie noch so heftig verteidigt werden. Und wir werden seine Nähe für uns auch nicht pachten können in besonderen Regeln und Äußerungen unserer Frömmigkeit.
Gott ist größer als alle unsere Behausungen, in denen wir ihn festhalten wollen. Er wird uns begegnen auf den Bergen, die über das Alltägliche hinausweisen; aber solange Himmel und Erde noch voneinander geschieden sind, wird er sich nicht festlegen lassen von uns. Nur an einem Ort hat sich Gott selbst festgelegt: Im Leben und in der Gestalt Jesu von Nazareth. In den Worten und Taten dieses Menschen begegnet er uns; auf seinem Weg lässt er sich finden. Und in die Nachfolge auf diesen Weg sind wir gerufen.
Unser Text erzählt, wie Jesus die drei erschrockenen Jünger berührt und zu ihnen spricht: „Steht auf und fürchtet euch nicht." Die Jünger standen auf und machten sich mit Jesus auf den Weg in die Nachfolge hinunter ins Tal. Auch für sie gab es keine Hütte, keine Bleibe auf diesem wunderbaren Berg. Wir haben nicht die Wahl, ob wir lieber oben auf dem Berg oder unten im Tal leben wollen. Unser Lebensweg wird vorwiegend in den Ebenen des Tales verlaufen. Unser Ort, liebe Gemeinde, sind nicht die Höhen, wo wir unberührt und unverletzt bleiben, wo wir in der Sonne liegen und dem Himmel ganz nahe sind. Unser Weg ist der der Nachfolge und dieser führt immer wieder hinunter ins Tal, in die Ebenen des Alltags.
Wir sind berufen, alltäglich zu glauben. Unsere Sendung geht hinein mitten in diese Welt - dort, wo Menschen Schmerzen leiden; zu den Problemen - zum Kreuz. Die Jünger steigen auf den Berg ihrer Sehnsucht - und sie kehren um - und zurück an den Ort ihrer Verantwortung: und der ist dort unter dem Kreuz: Solidarität der Liebe für den Menschen. Das ist ein oft steiniger, zumindest alles andere als einfacher Weg.
Deswegen ist es wichtig, dass wir uns immer wieder an die Höhepunkte in unserem Leben erinnern, an denen wir gerne Hütten gebaut hätten, an denen uns Gott begegnet ist. Diese Augenblicke lassen sich nicht festhalten. Aber sie lassen sich erinnern und werden uns dann auf unserem Weg begleiten. Sie können in uns neue Kraft wecken für die nächsten Schritte auf dem Weg der Nachfolge. Und sie können uns Mut machen, damit zu rechnen, dass Gott sich immer neue Orte und Menschen suchen wird, in denen er uns begegnen will - vielleicht schon ganz bald, vielleicht schon heute, vielleicht jetzt.
Amen.
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