Ausgebrannt, Akku leer, warum und was jetzt
„ Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Brutto-Sozialprodukt“, so ertönte es kürzlich aus dem Radio wie vor etwa 20 Jahren als es schon einmal mit der Wirtschaft aufwärts ging. Es wird also wieder in die Hände gespuckt. Und ausgerechnet jetzt wird in der Kirche vom Ausbrennen geredet. Typisch Kirche, könnte man denken. Wenn es schlecht läuft, die Menschen an ihre Verantwortung erinnern und wenn es so richtig wieder gut läuft, auf die Bremse treten und Warnschilder aufstellen „Burnout“.
Nun, ob es uns gefällt oder nicht, Kirche hat in der Tat so etwas wie ein „ Wächteramt“ in der Gesellschaft. Das bedeutet: Themen, Missstände, Fehlentwicklungen, Vergessenes aus den dunklen Ecken der Gesellschaft hervorzuholen und anzusprechen. Meistens ist das gegen den Trend, unpopulär, Gemüter erregend und unangenehm, - aber unerlässlich wichtig.
Mit einem solchen Thema haben wir es hier heute zu tun.
Ich bin versucht, Sie einfach mal zu fragen, ob Sie so etwas wie „Ausbrennen, Ausgebranntsein“ aus ihrem alltäglichen Arbeits- oder Privatleben kennen.
Interessant ist festzustellen, dass nicht nur negativer Stress durch ständige Anspannung und Überforderung zum Ausbrennen führen kann, sondern ebenso auch ein ständiges Unterfordertsein,
in der täglichen Arbeit oder in länger andauernder Arbeitslosigkeit. Auf Dauer gesehen kann das jedenfalls sehr nervenaufreibend sein. - Statistisch gesehen sind aber die meisten Menschen viel mehr durch ein Zuviel an geforderter Leistung, an immer höheren Anforderung ohne ausreichende Bestätigung ihrer erbrachten Leistung, vom Ausbrennen bedroht.
Damit ist schon angedeutet, dass Ausbrennen sehr viel mit dem Umgang mit unserer Zeit zu tun hat.
Vom Umgang mit der Zeit
Dass wir in einer schnelllebigen Zeit leben, wissen wir alle längst. Das Problem dabei ist, dass die Zeit im Berufsleben sowie auch privat immer mehr beschleunigt wird. Vieles ist uns von außen vorgegeben, das Meiste verantworten wir aber selbst.
Zeitsparen heißt die Devise. Mittlerweile ist Zeitsparen populärer als Fußballspielen, Jogging oder Walking. Das Problem dabei ist nur, dass bisher noch niemand beim Zeitsparen und Beschleunigen die dadurch gewonnene Zeit gefunden hat. So gab es bisher noch für keinen einzigen Menschen so etwas wie einen zeitlichen Nachtragshaushalt im Leben. Das steht schon in der Bergpredigt, dass jede Lebenszeit begrenzt ist, und niemand seinem Leben auch nur eine Elle „Zeit „ hinzufügen kann.
Am Beispiel des Mobiltelefons lässt sich veranschaulichen, dass die Zeit, die man mit dem Handy gewinnt, sogleich wieder zerrinnt. Im Gegenteil, es wird schlimmer!
Diese schnurlose Freiheit unterliegt bei den meisten Menschen dem Diktat jederzeit und überall erreichbar zu sein. Und das trägt nicht unerheblich zum Dauerstress bei.
Das gefährliche ist, dass diese Entwicklung zum Ausbrennen hin, meist sehr schleichend stattfindet und dadurch in die Tabuzone gerät. So ist es für viele Menschen im Berufs- und auch im Privatleben klar, dass es nicht ratsam ist, die eigenen Grenzen, Schwächen, Probleme und fehlenden Kenntnisse offen zuzugeben. Im Anspiel wurde das sehr deutlich: Jeder redet deshalb zuerst von seiner eigenen Wichtigkeit und seinen Erfolgen.
Ein Arbeitnehmer, z.B. in etwas gehobener Position, hat möglichst unfehlbar und in Besitz der vollen Kontrolle über alles
zu sein. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die meisten deshalb auch schnell schuldig fühlen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, mit dem Stress nicht mehr zurecht kommen und sich mit ihrer Arbeitsleistung ständig am Limit bewegen.
Was tun Menschen meistens in solchen Situationen mit ihrem Problem?
Sie behalten es für sich, weil sie meinen, dass allen andern gelingt, woran sie zu scheitern dabei sind .
Die Therapie des Burnout-Syndroms beginnt aber mit dem Drüberreden.
Von Jesus werden im NT viele Heilungsgeschichten berichtet. Interessant ist, dass Jesus in fast allen Berichten die Menschen nicht einfach heilt, sondern sie zuallererst zum Reden bringt. So fragt er die Betroffenen z.B. „Willst du gesund werden“, „Was willst Du dass ich Dir tun soll?“ Da muss einer anfangen nachdenken, was er den nun eigentlich wirklich will? Oder er fragt: „ Wie lange hast du diese Krankheit schon?“ Das forderte die Betroffenen heraus, über ihr Elend in einem Gesamtzusammenhang tiefer nachzudenken.
Mit anderen Worten, Jesus hat die Menschen aus den Tabuzonen ihres persönlichen Schweigens und der Verdrängung herausgeholt. – Das ist also angezeigt, wenn Menschen vom Ausgebranntsein betroffen sind. Ohne sich Gedanken zu machen über die eigenen Hintergründe und Zusammenhänge von Stress und Ausgebranntsein, wird man kaum etwas Entscheidendes ändern können.
Aus sich herauszugehen ist in solch einer Lebenslage nicht einfach, da das Ausgebranntsein in einer von der Siegermentalität einseitig geprägten Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema ist. Es passt einfach nicht in die Landschaft der strahlenden Erfolgsmenschen, die ihre Wichtigkeit ständig vor sich und anderen mit einem übervollen Terminkalender darstellen müssen. - Nur wenn es gelingt, die Tabuzone aufzubrechen und darüber zu reden, können Menschen von den negativen Auswirkungen des Ausbrennens geheilt werden.
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Und noch wichtiger ist, dem Ausbrennen vorzubeugen.
Hier ist der Umgang mit der Zeit, mit den eigenen Möglichkeiten und Kräften, den Zielvorgaben, Stress sowie Ruhe und Entspannung angesprochen.
In Markus 4, 35-36 wird erzählt, wie Jesus mit Anforderungen und Erwartungen durch andere umgegangen ist. Da waren viele Menschen beisammen, um ihm zuzuhören und er schickt sie weg, um selbst mit dem Boot ans andere Ufer zu fahren, alle Erwartungen, Ansprüche, Anforderungen und auf ihn gerichtete Hoffnungen hinter sich lassend.
Ich muss schon sagen, eine souveräne Haltung!
- Dieser Jesus war eben nicht rund um die Uhr für alle da. Er war auch für sich selbst da. Er ist auf die Bedürfnisse anderer eingegangen ohne darüber die eigenen zu vergessen.
- Er hat sich für Menschen engagiert eingesetzt, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen.
- Er hat in der Tat die Zeit ausgekauft, ohne dabei dem Zeitdiktat zu verfallen.
- Er packte notwendige Aufgaben an, ohne sie aber festzuhalten.
- Er nahm sich genügend Zeit für Gebet und Stille, um zu entspannen und aufzutanken.
Er lebte so aus einer körperlichen, emotionalen, geistigen und spirituellen Balance heraus, die beeindruckend und für uns beispielhaft ist.
Nun könnte man sagen, dieser Jesus konnte das, aber…
Das Schöne ist, dass wir durch den Glauben dieselben Möglichkeiten haben, so mit uns selbst umzugehen.
Der Glaube will uns zunächst sensibel für diese Zusammenhänge machen und die Fähigkeit in uns aktivieren, die man als „Achtsamkeit“ bezeichnet. Achtsam sein bedeutet, mit ungeteiltem Bewusstsein bei der Arbeit oder einer Begegnung gegenwärtig sein, ohne dabei mit dem Kopf schon wieder bei der nächsten oder gar übernächsten Aufgabe woanders zu sein.
Kleine Kinder, die geliebt aufwachsen, verfügen noch ungetrübt über diese Fähigkeit. Sie können Mama, Papa und Opa wieder beibringen, geschlagene zehn Minuten zuzuschauen, bis ein Marienkäfer gestartet ist, den sie unachtsam gar nicht gesehen hätten. Da bleibt die Zeit geradezu stehen und man wird von der inneren Freude des Staunens berührt.
Achtsamkeit ist aber keine Privileg von Kindern, Künstlern und ein paar Leuten, die Zeit haben. Sie ist vielmehr eine Notwendigkeit in unser aller Leben. Von der Achtsamkeit hängt die Zukunft unserer Erde und der Menschheit ab. Wir wissen es ja längst, dass nicht nur wir Menschen ausbrennen können, sondern auch die Natur, das Klima und die Resoursen dieser Erde. Burnout ist überall!
Die Achtsamkeit entscheidet darüber, wie ich mit meiner Zeit, meiner Kraft, meinem Körper, meiner Seele, meinen Bedürfnissen und meinem Geist sowie mit anderen Menschen umgehe.
Ganz sicher bedarf dies einer gewissen Einübung. Ich möchte Ihnen zum Schluss mit fünf kurzen Hinweisen eine kleine Einübungshilfe mit auf den Weg geben.
1. Entschleunigen Sie Ihr Leben! Tun Sie sooft Sie können immer etwas langsamer. Übung: Setzen Sie sich irgendwo hin und beantworten Sie auf einem Blatt Papier folgende Frage:
„Was kann ich alles in der nächsten Stunde oder an diesem Nachmittag sein lassen?“ – Und das lassen Sie dann auch wirklich sein! (Sollte es Ihnen dabei langweilig werden, können Sie sich auch beim Seinlassen zuschauen.) – Allerdings sollten Sie vorher Ihre Familie oder Ihren Vorgesetzten informieren.
2. Beachten Sie die Regel: Weniger ist mehr. Viele Zeitprobleme entstehen, wenn wir zu viele Rollen gleichzeitig ausfüllen wollen. Wer sich ständig zu viel vornimmt, gerät immer mehr ins Defizit und programmiert so das Ausbrennen.
3. Lernen Sie, sinnloses Wollen bleiben zu lassen: sich im Stau ärgern, dass es nicht weitergeht; dass der verspätete Zug endlich einläuft; dass der Vorgesetzte endlich sein Verhalten ändert.
4. Lerne Sie, sich in allen Bereichen ihres Lebens immer mehr auf das Wesentlich zu konzentrieren. Dies fördert eine ausgewogene Zeit- und Lebensbalance.
5. Die Benediktinerregel „ora et labora“, bete und arbeite, beherzigen.
Beten heißt, vor Gott aussprechen, was mein alltägliches Leben ausmacht, mich bedrückt oder auch mit Dank und Freude erfüllt. Das bedeutet, die eigenen engen Grenzen immer neu zu sprengen, über den eigenen begrenzten Horizont hinauszuschauen, los zu lassen, die Kräfte zu konzentrieren,
Der Würzburger Mönch Anselm Grün hat das in einem Artikel „geerdete Spiritualität“ genannt, die sich niemandem abstrakt erschließt, sondern darin, wie ich von innen heraus mit den Dingen umgehe.
Und zum Schluss möchte ich noch betonen, dass unser Umgang mit der Zeit eine Herausforderung ist, die Begrenztheit unseres Daseins zu akzeptieren statt sie zu verdrängen. Es ist sicher kein Zufall, dass die Zeitprobleme unserer Gesellschaft mit der weitgehenden Verdrängung des Sterbenmüssens und des Todes zusammenfallen.
Die Einsicht dagegen, dass unser aller Lebenszeit begrenzt ist, fordert uns dagegen immer neu heraus, unser tägliches Leben zu qualifizieren.
Gerhard Wittich
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