„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“
75 Jahre Barmer Theologische Erklärung
Predigt in der Emmausgemeinde Jügesheim, 10.Mai 2009
(im Evang. Gesangbuch unter EG 810, in der Predigt von einer weiteren Person vorgetragen, die Gemeinde kann mitlesen)
Vor 75 Jahren, vom 29. bis 31. Mai 1934, trafen sich in Wuppertal-Barmen evangelische und reformierte Christinnen und Christen zur „1. Reichs-Bekenntnissynode der Deutschen. Evangelischen Kirche“. Im Angesicht des totalitären NS-Staates war das ein mutiger Akt. Wir feiern diesen Gottesdienst in Erinnerung an die mutigen Christinnen und Christen vor 75 Jahren. Wir erinnern uns an den Satz des Apostels Petrus vor dem Hohen Rat in Jerusalem, als er mit anderen Aposteln ins Gefängnis geworfen worden ist und sich vor den religiösen und politischen Mächtigen rechtfertigen musste. In der Apostelgeschichte Kap. 5 ist es nachzulesen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Denn der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Kreuz gehängt und getötet habt“ (Apostel 5, 29f).
Es ist nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal in der langen Geschichte der Kirche, dass aufgrund staatlicher Greultaten ein eindeutiges Bekenntnis notwendig ist. Wir schreiben das Jahr 400. Um einen Aufstand in Thessalonich, dem heutigen Saloniki, zu bestrafen, hatte der römische Kaiser Theodosius mehrere tausend Bürger in ein Amphitheater locken und dort von Soldaten niedermetzeln lassen. Theodosius nannte sich Christ. Er hatte sogar das Christentum zur Staatsreligion erhoben.
Nach jenem Blutbad schrieb ihm nun Ambrosius, der Bischof von Mailand, einen Brief. Glücklicherweise ist uns dieses Schreiben erhalten. Darin heißt es: „Geschehen ist in Thessalonich, was sich seit Menschengedenken nicht zugetragen hat, was ich leider nicht verhindern konnte. Ich weiß mich wahrlich als Schuldner Deiner Güte und kann Dir nicht undankbar sein. Aber ich wage nicht das Heilige Opfer darzubringen, wenn Du daran teilnehmen solltest. Oder sollte, was angesichts des unschuldigen Blutes eines einzigen nicht erlaubt ist, Dir erlaubt sein, wo es sich um so viele handelt?“
Der Kaiser, so heißt dies im Klartext, werde nicht mehr zum Abendmahl und das heißt zugleich zur kirchlichen Gemeinschaft zugelassen, falls er nicht bereit sei, seine Tat vor Gott zu bereuen und öffentlich Buße zu tun. „Wenn Du glaubst“, heißt es am Ende des Briefes, „folge meiner Mahnung. Wenn, sage ich noch einmal, Du glaubst, nimm das auf, was ich sage. Wenn Du aber nicht glaubst, dann verzeih, was ich tue, dass ich nämlich Gott den Vorzug gebe“.
Mehr als 1500 Jahre später, wir schreiben das Jahr 1933: Die NSDAP übernimmt die Macht in Deutschland. In ihrem Programm erklärt sie, dass sie auf dem Boden eines „positiven Christentums“ stehe. Kurze Zeit danach las sich dies jedoch so: „Kein positiver Christ wird aus der SA entlassen, jedoch negative Christen, die durch ihre Bindung an mittelalterliche Dogmen im Widerspruch zum Nationalsozialismus stehen...“.
„Das Wesen des Nationalsozialismus ist Glaube, seine Tat ist Liebe und nationalsozialistisches, positives Christentum ist Liebe zum Nächsten“, hatte der Reichskirchenminister vollmundig gesagt. Diese Liebe bestand jedoch darin, alles, was nicht artgemäß war, auszumerzen. Pfarrer, die sich zum Bekenntnis ihrer Kirche hielten, bekamen Redeverbot, andere wurden verhaftet.
Die Nazi-Ideologie hatte auch Einzug in den Gemeinden gehalten. Es war wie ein Virus. Werbekarte einer Gemeindegruppe, 1933: „Ohne Hitler kein Nationalsozialismus, ohne Nationalsozialismus kein Drittes Reich, ohne Drittes Reich keine ‚Deutschen Christen’, ohne ‚Deutsche Christen’ keine Deutsche Evangelische Kirche...“.
Pfarrer H. Grüner, Kampfstaffel Deutscher Christen, 1934: „In Hitler ist die Zeit erfüllt für das deutsche Volk. Denn durch Hitler ist Christus, Gott der Helfer und Erlöser, unter uns mächtig geworden. ... Hitler ist jetzt der Weg des Geistes und Willens Gottes zur Christuskirche deutscher Nation.“.
Als sich im Mai 1934 Christen aus allen evangelischen Richtungen in Wuppertal-Barmen trafen, hatten sie genau das im Blick: Dass es neben Jesus Christus nicht irgendwelche anderen Mächte geben dürfe, die das Gewissen und den Glauben bestimmen.
- Lesen These 1 der Barmer Theologischen Erklärung aus EG 810
- gemeinsames Lied: EG 326,8
Kernstück des Ganzen bildete ohne Frage die erste These, die mit einem lapidaren Satz die Christen zu ihrem einzigen Herrn rief: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören , dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.” Im Grunde wurde hier nichts anderes wiederholt als das mächtige, dreifache „Allein“ der Reformation: Christus allein, die Schrift allein, der Glaube allein. Die anschließende Verwerfung bestritt als „falsche Lehre“, dass die Kirche „außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung“ anerkenne.
Niemand bedurfte damals der Erklärung, dass hier mit den „Ereignissen“ die nationalsozialistische Revolution, mit den „Mächten“ Blut und Rasse, mit den „Gestalten“ der Führer selbst und mit den „Wahrheiten“ die nationalsozialistische Weltanschauung allgemein gemeint war. Dies war eine theologische, keine politische Aussage. Aber jeder, der es hören wollte, konnte hören, dass das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes der Gottähnlichkeit des totalen Staates und seiner Träger und Ideen eine klare, unübersehbare Grenze setzte.
Die folgenden Thesen entfalteten die Konsequenzen der ersten These für das christliche Leben, für Gestalt und Auftrag der Kirche und für das Verhältnis von Kirche und Staat. Hans Asmussen, einer der Mitautoren der Barmer Theologischen Erklärung, gelang dazu in seinem Einführungsvortrag eine fast prophetische Formulierung: Wo immer man einen Gott ohne Christus suche, so sagte er, da gewännen andere Herren über uns Gewalt. „Sie bieten sich an als Erlöser, aber sie erweisen sich als Folterknechte einer unerlösten Welt.“ Der scheinbare Erlöser als Folterknecht: Hitlers Weg lässt sich schwerlich prägnanter deuten.
- Lesen These 2 der Barmer Theologischen Erklärung aus EG 810
Unser Gegenüber ist Jesus Christus. Gott ganz konkret. Wie gesagt: „Gott ohne Christus zu suchen, da gewinnen andere Herren über uns Gewalt.“ Das heißt, jemand sagt uns: „Hauptsache, es nutzt Dir was“ – „Du musst auf die Rendite achten“ – „Geiz ist geil“ – „Du musst dich durchsetzen!“ → solche Sätze gewinnen dann in unserem Leben die Oberhand, bestimmen unsere Lebenshaltung – und so gehen wir mit uns und ande ren um!
Dagegen sagt die 2. These der Barmer Theologischen Erklärung Jesus Christus ist Gottes Zuspruch und auch zugleich kräftiger heftiger Anspruch auf unser ganzes Leben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern (?) anderen Herren zu eigen wären! D iese Freiheit von anderen und falschen Ansprüchen gelingt nur in der Bindung an Jesus Christus. Ich brauche ein festes Fundament, eine Basis, um zu einer klaren Lebenshaltung, zu einer geistlichen Wachheit zu kommen.
- Lesen These 3 der Barmer Theologischen Erklärung aus EG 810
- gemeinsames Lied EG 346 1-3
Wir sollen nicht sein wie „das Fähnlein im Wind”, das sich dreht, wie es gerade passt. Aufrecht, klar, geistlich, wach – dazu braucht es eine gute Bindung! Jesus Christus ist Mitte, Grund und Ziel christlichen Lebens. In der 1. These der Barmer Theologischen Erklärung ging es um die Eindämmung zu vieler angeblicher Offenbarungsquellen. – Wir haben ja auch heute überhaupt Mühe zu entdecken, wo Gottes Wort, seine Weisung überhaupt zu finden ist. Der Hinweis von Barmen ist klar: Nur im Blick auf Jesus Christus können wir zu einer sachgemäßen Beschreibung und Haltung des Glaubens an Gott kommen! Daher: lest die Evangelien, lasst euch von Jesus beeinflussen, hört und seid wach! Nur dann habe ich auch ein Fundament gegen die Gleichschaltung, gegen die Abstumpfung, gegen die Haltung „Ist mir doch egal“.
Was lässt mich aufmerksam werden und sein für die Nöte der Welt? Was fördert Zivilcourage und geistliche Wachheit, die ja damals so selten war wie sie heute ist? Widerstand gegen die Tyrannei, wenn es ganz ernsthaft wird, wenn der unmittelbare Einsatz des Lebens gefordert wird, kann nur da erfolgen, wo ein echter Glaube dazu zwingt, ein Glaube, der keine Rücksicht auf privates Wohlergehen mehr kennt.
Wir hören mit: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr’, Kind und Weib, lass’ fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn.“ Das meinte er.
- gemeinsames Lied EG 362 3+4
Das hat uns auch die Geschichte der Widerstandsbewegung gegen Hitler sehr eindringlich gelehrt. Das Maß ihrer Lebenshaltung war ganz eindeutig von der Echtheit der Glaubensüberzeugung bestimmt, aus dem jeweils Widerstand geleistet wurde. Wo es sich um bloße Unzufriedenheit derer handelte, die irgendwie im Schatten standen, ist es besser, nicht erst von Widerstand zu reden. Kriterium für wirkliche Zivilcourage, für Widerstand des Einzelnen: die Bindung des Gewissens. Das entsteht aus der Bindung am konkreten Gegenüber – wir lernen von Vorbildern, die uns Orientierungsmarken geben. Wir lernen an Geschichten, die Maßstäbe vermitteln. Daran wird das Gewissen gebildet, an Geschichten der Hoffnung wie in der Bibel, wo das Evangelium erzählt wird. es war eine bewusste Entscheidung, jeder der Barmer Thesen ein Bibelwort vorauszustellen. Die Bibel als Maßstab. Die Bibel und ihre Geschichten, die Maßstäbe setzen und woran das Gewissen gebildet werden kann: wie z.B. die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die Bergpredigt, die Zehn Geboten oder das Doppelgebot der Liebe.
- Lesen: These 4 (nur Bibelwort)
Geistliche Wachheit ist nichts für Einzelkämpfer, kein Herrschaftswissen. Bereit zu sein zur Zivilcourage, zu Klarheit und Wachheit, bedeutet ja nicht, immer Recht zu haben – bedeutet nicht, dass ich weiß: wo lohnt es sich zu widerstehen? Wo muss man unter Umständen Kompromisse machen? Wie kann ich denn Christus gemäß leben, als Christenmensch leben in dieser Welt?
Sich darüber klar zu werden, dazu braucht es das Gespräch in der Gruppe, den Rückhalt, eben den Freundeskreis, die Gemeinschaft oder wie man das nennen mag. Und damit meine ich jetzt nicht, dass die sich alle duzen oder so. Sondern schlicht ein Kreis, wo man miteinander nachdenkt, wo das Gewissen weitergebildet wird, wo man Fragen stellen kann. Ohne solche Gruppe – und fast alle im Widerstand hatten solch eine Gruppe von Freunden hinter sich und um sich – ist es fast unmöglich zu widerstehen, zu geistlicher Klarheit und Wachheit zu gelangen.
Nicht zufällig hat sich 1934 der „Pfarrernotbund“ gebildet – hier haben sich alle zusammen gefunden, die sich als Christen dem totalitären Anspruch entgegenstellten. Der Gründer war übrigens Martin Niemöller, der 1. Kirchenpräsident unserer Landeskirche, der EKHN! Und Karl Barth, reformierter Theologe aus der Schweiz, gab damals – 1934 – den Anstoß zur theologischen Erneuerung, zum geistlichen Wachwerden.
Solche Menschen brauchen wir auch heute, wo alles dem totalen Markt untergeordnet wird, wo Menschen immer nur zählen, aber nichts wert sind. Wir brauchen die Begegnung mit der Mitte, dem Grund und dem Ziel unseres Lebens: Jesus Christus.
Gegen alle Gleichgültigkeit. Dafür steht die Barmer Theologische Erklärung. Wenn wir im Denken nicht mehr klar sind, dann werden wir es auch im Handeln sehr schwer oder nicht mehr sein können.
Amen.
Pfarrer Andreas Goetze
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