Verabschiedung Pfarrer Goetze und Familie am Pfingstmontag, den 28. Mai um 17 Uhr – herzliche Einladung zum Gottesdienst und anschließendem Zusammensein
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Predigt zum 400. Geburtstag des Liederdichters Paul Gerhard 8.7.2007

 

A: Kanzelgruß – Paul Gerhard – man könnte sein Leben so zusammenfassen: Langzeitstudent aus der Provinz findet mit einigem Glück und Kontakten Stelle als in Berlin, entpuppt sich als religiöser Fundamentalist, nervt die Staatsmacht, wird gefeuert und stirbt vereinsamt – wieder in der Provinz.

 

B: Nun mal langsam – das kann doch nicht alles über solch einen Mann sein, dessen 400. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern – ein Dichter und Poet, ein Mensch, der als Pastor und lutherischer Theologe die deutsche Poesie revolutioniert hat. Paul Gerhards Strophen haben Zeiten überdauert! „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Befiehl du deine Wege“ hat Johann Sebastian Bach in seiner „Matthäus-Passion“ zu Weltruhm gebracht. Und wer kennt nicht: „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“?

 

A: O.k, o.k., schauen wir noch ein wenig näher hin, wer denn dieser Dichter ist, den alle im „Paul-Gerhard-Jahr“ feiern. Ich sag dir nur gleich. In seinem Leben gab´s wenig zu feiern. Das gilt schon für seine Jugend, die geprägt war von den traumatischen Erlebnissen des Dreißigjährigen Krieges, der gerade in seiner Heimat, in Kursachsen, ganz besonders schlimm wütete. Als er 12 Jahre alt ist, stirbt sein Vater, zwei Jahre später verliert er seine Mutter.

 

B: Sein Glück ist, dass er ein Jahr später auf die Fürstenschule St. Augustin in der Nähe von Leipzig aufgenommen wird. Es ist die strenge Kaderschmiede des Kurfürsten. Hier lernt der junge Paul Gerhard die alten Sprachen, die neue lutherische Theologie, Musik und Poetik.

 

A: Und dann beginnt er mit 21 Jahren in Wittenberg sein Theologiestudium – und studiert 15 Jahre, ohne einen Abschluss zu erreichen. BAföG hätte der nie gekriegt.

 

B: Aber gerade in diesen Jahren hat er begonnen, seine Liedtexte und Gedichte zu schreiben! Lieder voller Hoffnung und Glaubensgewissheit, Lieder voller Poesie und voller intensiver Bilder. Und er schreibt sie, stell dir das ´mal vor, in einer Zeit, in der in Wittenberg die Pest wütet – der schwarze Tod, durch den auch sein ältester Bruder stirbt. Ich finde das sehr bemerkenswert. Hör mal, wie er dichtet im Lied 351 in unserem Gesangbuch: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich. Sooft ich ruf´ und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein; ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ. Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“

 

A: Ein wirklich bemerkenswerter Text, der in solch einer Notzeit geschrieben wurde. Der Glauben von Paul Gerhard erstaunt mich immer wieder. Diesem Mann ist kaum ein Leid erspart geblieben. Erst spät – mit 48 Jahren galt man damals als sehr alt - heiratet Paul Gerhard. Von fünf Kindern sterben vier im ersten Lebensjahr, es überlebt nur ein Sohn. Wenn er dichtet, textet er so wie jemand, der von dieser Welt nichts mehr erwartet. Wen wundert´s.

 

B: Aber er tut´s nicht so, dass ihm die Welt egal ist. Er rückt nur die Maßstäbe zurecht. Wie oft halten wir vorläufige, zeitliche Dinge für ewig? Wie oft richten wir all unsere Kraft auf Vergängliches? Weil wir verlernt haben, von Gott alles zu erwarten.

 

A: Paul Gerhard – ein Mensch, der selbst eine ordentliche Portion Leid und Kummer abbekommen hat und dennoch nicht bitter und an Gott irre geworden ist. Ein Seelsorger besonderer Art mit einfühlsamen und sensiblen Texten für die Menschen um ihn – und sicher auch für ihn selbst.

 

B: Ja, und das wir noch heute seine Texte kennen und vor allen Dingen singen können, verdanken wir einigen glücklichen Umständen. So wird Paul Gerhard mit etwas Glück Hauslehrer in Berlin. Und in der Nachbarschaft steht die Nikolaikirche. Dort arbeitet der Kantor Johann Crüger. Und der findet diese Texte und Gedichte so stark, dass er sie vertont.

 

A: Crügers Melodien verleihen Paul Gerhards Liedern die ersten Flüge, lassen sie in Schwingungen kommen. Die Lieder werden populär, der Dichter ist bald in aller Munde. So wird Paul Gerhard doch noch Pfarrer, auch ohne Abschluss.

 

B: Doch was ein Höhepunkt seines Lebens zu sein scheint, endet in einer Katastrophe. Paul Gerhard kriegt Ärger mit dem Kurfürsten, weil er als lutherischer Hardliner sturr darauf beharrt, dass die Reformierten keine Mitchristen sein können. So wird er seine Stelle wieder los, ist plötzlich ohne Einkommen. Und als dann noch seine Frau stirbt, bleibt er einsam zurück bis zu seinem Tode 1676.

 

A: Dass Gerhard, diesem frommen Dickkopf, bei all dem die Hoffnung nicht verging, ist vielleicht das eigentliche Wunder seiner Dichtung.

 

B: Ich denke, dass gerade durch seine Lebenserfahrung seine Lieder für mich schon oft im richtigen Moment Trostworte sein konnten; Worte, die mich ermutigt haben, nicht aufzugeben. Seine Lieder sind ehrlich. Er schreibt von der Not, er verdrängt sie nicht. Keine bloße Beschwichtigung oder vorschnelle Vertröstung. Gerade weil Paul Gerhard selbst durch tiefes Leid ging, kann ich seine Lieder auch unter Tränen singen und beten.

 

A: Im Neuen Testament hat das Wort trösten – parakalein – die Bedeutung von herbeirufen, einladen, zur Hilfe auffordern, ermutigen, trösten, ein gutes Wort zusprechen. Wir dürfen und sollen im Leid jemanden an unsere Seite rufen, einen Menschen und dann auch den Parakleten, den Heiligen Geist Gottes, den Beistand und Tröster. Wenn ich die Lieder Paul Gerhards singe, stelle ich mir vor, der Heilige Geist, Gott selbst spricht mich an, um mir nahe zu sein, mich zu trösten und zu ermutigen.

 

B. Ja, wir werden erinnert an die Voraussetzungen, die Gott uns schenkt, damit wir nicht in Traurigkeit und Angst versinken. Dazu hilft, dass wir hinschauen auf die Geschenke Gottes in der Schöpfung: die Sonne, die Blumen, die Nachtigall, die Lerche – davon erzählen seine Lieder: „Geh aus mein Herz und suche Freud …“ Da geht ´s nicht um Romantik und subjektive Stimmung. Blumen, Tiere, weisen auf Gott hin, die ganze vergängliche Schöpfung wird zum Abbild der unvergänglichen Liebe Gottes.

 

A. Und hinzuschauen auf die Geschenke Gottes in unserem eigenen Leben: Essen, Trinken, Menschen, die uns mögen, Liebe, die wir erfahren.

 

B: Und vor allem hinzuschauen auf die Geschenke Gottes in der Heilsgeschichte – darauf zu schauen, was Gott selbst in Jesus Christus für uns tut. Die Hauptquelle für Paul Gerhards Lieder ist die Bibel. Bilder und Vorstellungen hat er vielfach aus den Psalmen übernommen.

 

A: Diese Verheißungen Gottes rücken in den Blick und werden in seinen Liedern meditiert – das heißt: erinnern, wiederholen, fragen, danken, sich vergewissern, beschreiben, was Gott schon getan hat, immer in eindrücklichen Bildern wie im Lied 324 in unserem Gesangbuch: „Du füllst des Lebens Mangel aus mit dem, was ewig steht, und führst uns in des Himmels haus, wenn uns die Erd vergeht“.

Auf dieser Grundlage folgt die betende und vertrauensvolle Hinwendung zu Gott. Die Not wird vor Gott getragen, nicht verschwiegen, und es wird um Antwort gebeten, aus der Trost und Mut zum Weitergehen und Handeln wächst. Vielleicht ist dann die Not noch nicht beseitigt, der Trost wächst aber dadurch, dass ich mit meinem Verlust und meinen Zweifeln behutsam in die Gegenwart des liebenden Gottes geführt werde.

 

B: Paul Gerhards Lieder möchten uns ermutigen, uns wieder ganz vertrauensvoll Gott zuzuwenden. Sie laden schlicht ein - zum Glauben. Zum Glauben, dass Gott mir in jeder Lage, in jeder Lebenssituation nahe ist, so toll oder so hart sie für mich ist. „ …will dem Leibe Not entstehen, nimmt er´s gleichfalls wohl in acht. Wenn mein Können, mein Vermögen nichts vermag, nicht helfen kann, kommt mein Gott und hebt mir an, sein Vermögen beizulegen. All Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit“, haben wir im Lied 325 miteinander gesungen. Es wachsen Gottvertrauen und Dankbarkeit und eine starke Hoffnung, die in konkretes Handeln mündet.

 

A: Weißt du, du hast recht. Ich habe an Paul Gerhards Leben besonders eines für mich entdeckt: seine tiefe Glaubenshaltung, sich stets in der Gegenwart Gottes zu wissen. Diese Glaubenshaltung kann uns ein Vorbild sein. Wenn wir immer ein offenes Herz haben, die Güte zu genießen, die Gott uns jeden Tag bereitet, werden wir auch genug Kraft haben, das Übel zu tragen, wenn es kommt.

 

 

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